Das Trauma AIDS muss im Gespräch mit schwulen Senioren einen Platz haben

Juli 12, 2009

Auf dem Fachtag der AIDS-Hilfe Frankfurt „Leben im Alter – In Würde alt werden“ hielt ich am 11. Juli 2009 einen Vortrag zum Thema: „Noch ein paar schöne Jahre… – Perspektiven älterer schwuler Männer mit HIV“. Da ich in freier Rede gesprochen habe, skizziere ich im folgenden die wesentlichen Schwerpunkte meines Vortrages:

Wir werden immer älter. Und wir werden immer mehr! In der AIDS-Hilfe, wo ich arbeite, sind 25% der HIV-Positiven, deren Geburtsjahr bekannt ist,  50 Jahre und älter. Weitere 50% sind zwischen 40 – 50 Jahre alt.

Alt werden mit HIV, dies wurde bei bisherigen Fachtagungen, die sich mit dem schwulen älter-werden befassten, immer nur am Rande behandelt. Nun ist das älter-werden mit HIV seit 2008 auf medizinischen Kongressen ein etabliertes Themenfeld. Eigene Fachtagungen zu den diversen biografischen, psychologischen und sozialen Aspekten des älter-werden mit HIV stehen noch aus.

Durch das Erscheinen der Krankheit HIV/AIDS wurde eine ganze Generation schwuler Männer traumatisiert. Die Tragweite und Tiefe dieser Traumatisierung wird sich in Zukunft mit dem Älter-werden dieser schwulen Generation und dem Älter-werden HIV-positiver Menschen wahrscheinlich erst noch zeigen. Es gilt, sich darauf vorzubereiten.

Im historischen Rückblick ist schwulen Männern die Traumatisierung der Adenauer-Ära als Zeit der Kriminalisierung von Homoexualität ein fester Begriff.

Die durch AIDS seit Beginn der 80er Jahre einsetzende Phase erneuter, andersartiger aber nicht minder schwerer Traumatisierung, erscheint erst heute, wo zuverlässige medizinische Erfolge der Behandlung der HIV-Infektion sich eingestellt haben, als “Ära” ein- und abgrenzbar.

Dass selbst das RKI im Mai 2009 davon spricht, dass „AIDS eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion“ geworden ist,  bestärk meinen Eindruck, dass wir eine schwere Zeit hinter uns gelassen haben und eine wieder leichtere Zeit begonnen hat.

Im Älter-werden und im Lebensrückblick schwuler Senioren erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass sowohl von schwulen HIV-Positiven, welche ihre frühe Diagnose bis heute überlebt haben, als auch von schwulen Senioren, die bis heute HIV-negativ geblieben sind, in den Biografien HIV-spezifische Erfahrungen lebensprägend waren und sind.

Dies sind nicht nur Verluste von Lebenspartnern und Freunden durch einen AIDS geschuldeten Tod, sondern auch Trauer über ein „aus Angst vor Ansteckung mit HIV, oder Übertragung von HIV nicht-gelebtes Leben“. Jetzt, wo HIV seinen Schrecken verliert und das Leben wieder leichter wird, sind wir aber alt geworden und ein Nachholen des bisher nicht-gelebten ist i.d.R. nicht mehr möglich.

Auch diejenigen, denen im Leben mit HIV eine positive Lebensbewältigung gelungen ist, brauchen die aufrichtige und interessierte Einladung, (einander) mitteilen zu können, wie es ihnen ergangen ist und was sie in der AIDS-Krise erlebt haben.

Zum “In Würde alt werden” braucht es Selbstakzeptanz und Bejahen auch des nicht-gelebten Lebens. Es muss möglich sein, sich selber und anderen gegenüber klar sagen zu können: “Ja, so war es!” Und es muss möglich sein, darin verstanden zu werden.

Diese 25 Jahre HIV und AIDS durchlebt und erlebt zu haben, mit der aufbrandenen Homophobie der Gesellschaft als Gegenwind, mit der tödlichen Bedrohung durch HIV im Nacken und als HIV-Positiver oft auch mit dem Heimatverlust durch Ausgrenzung in der eigenen Community, dies ist eine Lebensleistung, die zu würdigen ist, die in vielen Leben mit HIV einer Wertschätzung und Anerkennung würdig ist.

Schwulen Männern ist es individuell und als Kollektiv gelungen, diese doppelte Bedrohungen auszuhalten und abzuwehren. Wir haben kreative Lösungen gesucht mit Safer-Sex-Workshops und mit der Gründung von AIDS-Hilfen, mit Kampagnen, Präventionsprojekten, Spezialpflegediensten etc. Wir haben leistungsstarke Strukturen und Organisationen aufgebaut, die unserer schwulen Community und auch der Gesellschaft von Nutzen sind.

Wer aus dieser schwulen Generation, die besonders den Beginn der AIDS-Krise Anfang der 80er Jahre miterlebt hat, heute noch lebt, legt Zeugnis davon ab, vor der Bedrohung nicht kapituliert zu haben, sondern sie zumindest äusserlich bewältigt, weil überlebt zu haben.

Wie viele Suizide dagegen HIV geschuldet sein mögen, wird immer ungewiss bleiben. Aber es werden nicht wenige sein.

Die innerpersönliche Bewältigung kann mehr, oder auch weniger vollzogen sein. Vielleicht ist sie auch nie abschliessbar. Ich vermute: Oft wird die erlebte Traumatisierung noch gar nicht gespürt und erkannt. Für viele ist der Schmerz noch zu groß und zu tief in der Seele “verbuddelt” und wirkt von dort depressiv-verstimmend in den Lebensalltag hinein.

Durch die heute zur Verfügung stehenden wirksamen Therapien könnte  AIDS nicht länger traumatisierend sein:

1. Ist eine HIV-Infektion erkannt, ist das Fortschreiten ins Krankheitsstadium AIDS weitgehend vermeidbar und eine weitgehend normale Lebenserwartung möglich.

2. Wird die HIV-Infektion medikamentös behandelt, ist die Infektiosität i.d.R. wirksam unterdrückt und ein angstfreies Leben von Sexualität wird wieder leichter möglich.

Beides stellt eine Zäsur für die emotionale Bewertung und den Umgang mit HIV dar. Das Leben normalisiert sich wieder.

Und dadurch wird ein Prozess ermöglicht und einsetzen, nach und nach Rückschau zu halten auf das, was wir schwulen Männer und heutigen schwulen Senioren in der AIDS-Krise erlebt und durchlebt haben.

Auf diese Rückschau wird sich jeder sehr unterschiedlich einlassen, eben weil die Erinnerung an den Schmerz über verstorbene Freunde oder ungelebtes Leben noch so emotional aufgeladen sein kann, dass  eine Abwehr und ein Aufrechterhalten der Vermeidung des Spürens der emotionalen Tribute dieser Lebenszeit beherrschend sind und ein Zulassen verhindern.

Trauer ist die Emotion der Wandlung. Wer Trauer nicht zulässt, verhärtet. Spüren wir Trauer, fliessen auch Tränen, das Verhärtete kommt in Fluss und kann sich wandeln. Es wird sichtbar, dass wir des Trostes und des Gehalten-werdens bedürfen.

Wenn wir zulassen, was war, können wir auch zulassen, was jetzt ist und warum und wie wir geworden sind, die wir sind. Dann können wir Gemeinschaft erfahren.

Die Rückschau wird in jedem Schwulen ganz persönliche Erinnerungen und Erfahrungen wachrufen. Es bedarf behutsamer Geduld und Gesprächsräume, alles Wesentliche der eigenen Biografie zur Sprache zu bringen und sichtbar werden zu lassen. Hier sehe ich neben Freundeskreisen auch die Beratungsstellen und AIDS-Hilfen gefordert, mit der nötigen Sensibilität aber auch Ermutigung zur Begegnung mit diesem Teil der eigenen Lebensgeschichte einzuladen.

Einschränkungen durch HIV, unterschiedlichster Art, prägen in unterschiedlichen Maß eine ganze Generation schwuler Männer. In der Begegnung mit schwulen Senioren, wo auch immer, sollte bewusst sein, dass es lohnen kann, hierfür aufmerksam zu sein.

Vor Altersnostalgie dagegen sind wir gefeit. Früher war eben NICHT alles besser. Besser ist es HEUTE. Schwul zu leben ist heute wesentlich leichter geworden. Und nie war die Therapierbarkeit der HIV-Infektion so gut wie heute.

Die Forschung muss aber weitergehen, bis eine Heilung von HIV und eine Impfung vor HIV gefunden ist.

In Würde alt zu werden, dafür erscheint es mir angemessen, uns untereinander Anerkennung für die Lebensleistung auszusprechen, sich gegen die Heteronormatitivät behauptet zu haben.

Aber ich erwarte auch, dass die Gesellschaft ihre aufrichtige Wertschätzung für die ausserordentliche Lebensleistung meiner Generation schwuler Männer in der AIDS-Krise würdigt.

Die volle Rehabilitierung und das Ende der Stigmatisierung von HIV-Positiven, sowie die volle Anerkennung von homosexuellem Lebensweisen seiten der Gesellschaft steht noch aus.

In Würde alt werden und als schwuler Senior – gerade auch mit HIV – sichtbar zu sein, daran wird sich unsere Gesellschaft gewöhnen müssen. Dafür brauchen wir starke schwule Senioren-Netzwerke.

Wir sind die Stonewall-Generation! Uns kriegt keiner mehr zurück in den Schrank! Im Alter erst recht nicht!


AIDS ist eine vermeidbare Komplikation der HIV-Infektion

Juli 11, 2009

Das Robert-Koch Institut kommt in seinem Epidemiologischen Bulletin vom 25. Mai 2009 in dem Kapitel über die Entwicklung bei den AIDS-Erkrankungen zu folgendem Resumé (S. 206):

Die Zahl der (geschätzten) AIDS-Fälle in Deutschland bleibt mit 1.100 Fällen pro Jahr unakzeptabel hoch. Zwar kann in vielen dieser Fälle durch eine effektive antiretrovirale Therapie wieder eine deutliche klinische Verbesserung erreicht werden, trotzdem wird die langfristige Prognose in diesen Fällen durch den einmal erreichten schweren Immundefekt und den späten Behandlungsbeginn beeinträchtigt. Die Beweggründe für die fehlende Wahrnehmung von HIV-Testangeboten bzw. ein zu langes Hinauszögern des Behandlungsbeginns in den verschiedenen Betroffenengruppen sollten daher gezielt erhoben und analysiert werden. Es gilt, geeignete Strategien zu entwickeln, um zu gewähleisten, dass einem größeren Teil der Bevölkerung die Fortschritte in der Behandlung rechtzeitig zur Verfügung stehen. AIDS ist heute eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion. Um AIDS-Erkrankungen zu vermeiden, muss eine HIV-Infektion aber rechtzeitig diagnostiziert und konsequent behandelt werden.

Ein sehr effektiver Weg, die Test-Bereitschaft in der Bevölkerung und in den Hauptbetroffenengruppen zu erhöhen, liegt meiner Ansicht nach in der Entstigmatisierung von HIV-Positiven und der HIV-Infektion an sich. Die Kriminalisierung von HIV und HIV-Positiven schadet der Prävention.

Die nüchterne Bilanz des RKI “AIDS ist heute eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion” unterstützt mein Blog-Statement: “HIV ist nicht mehr tödlich – Leben mit HIV ist möglich“.

HIV ist ein Lebensrisiko für sexuell aktive Menschen, in Deutschland besonders für Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben. Es gibt wirksame Möglichkeiten, das Ansteckungsrisiko stark zu verringern und zu minimieren. Die Safer Sex-Botschaften bauen auf diesem Gedanken der Risikominimierung auf.

Theoretisch sind alle HIV-Ansteckungen vermeidbar. Lebenspraktisch wird es aber immer Neuinfektionen mit HIV geben.

Auch dies ist eine nüchterne Bilanz.


20. Juni: Weltflüchtlingstag

Juni 20, 2009

Zum Weltflüchtlingstag hat die Deutschen AIDS-Hilfe auf ihrem Blog interessante HIV- und AIDS-bezogene Beiträge gepostet:

Teil 1: “Zurück auf Los

Teil 2: “Zahlen und Fakten

Teil 3: “Wir brauchen ein Bleiberecht für Menschen mit HIV!

Teil 4: “Ich habe aus Angst die Therapie abgebrochen


Älter werden mit HIV – Publikationen 2009

Juni 19, 2009

Aktuelle Veröffentlichungen aus dem Jahr 2009 , die sich vor allem mit den sozialen und persönlichen Aspekten des “älter werden mit HIV” befassen. Diese Sammlung wird laufend aktualisiert.

deutschsprachige Veröffentlichungen:

08.01.2009: Süddeutsche Zeitung: “Die erste Generation der Langzeit-Infizierten feiert heute Geburtstage, die man noch Ende der achtziger Jahre für unmöglich hielt” – von Laura Weißmüller.

04.03.2009: Ondamaris: “HIV im Alter – eine Geschichte des Verdrängens

04.03.2009: Queer.de: Viagra ist Schuld: Erstaunlich viele über 50-Jährige HIV-positiv

05.03.2009: in: HIV-Report: “HIV-Infektion, antiretrovirale Therapie, Altern und nicht mit AIDS in Verbindung stehende Erkrankungshäufigkeit

15.05.2009 Basler Zeitung: “HIV-Infizierte leben fast so lange wie Gesunde

19.05.2009: Gemeinsame Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts, des Deutschen Zentrums für Altersfragen und des Robert Koch-Instituts: Publikation “Gesundheit und Krankheit im Alter” erschienen (nicht HIV-spezifisch)

26.05.2009: DAH-Blog: “Das ist in meinem Alter eben so” – ein Interview von Paul Schulz mit drei Männern, die sich im Alter über 40 mit HIV angesteckt haben.

13.07.2009: Michael Jähme, Blogger Termabox: “Das Trauma AIDS muss im Gespräch mit schwulen Senioren einen Platz haben

englischsprachige Veröffentlichungen:

00.03.2009 Bulletin of WHO: The unexplored story of HIV and ageing (Studie)

13.03.2009 thebody.com: “Continued HIV/AIDS Progress Could Lead to Increased Life Expectancy, Population Among Developing Countries, U.N. Report Says

Mai/Juni 2009: “You are not getting any younger” – von Matt Sharp, Erlebnisbericht

Mai/Juni 2009: “The graying Epidemic” – von Jeff Berry

17.06.2009: thebody.com – Blog: “Surviving HIV” – von River Huston, Erlebnisbericht

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Publikationen vor 2009 hier.


Video: “Älter werden mit HIV”

Juni 19, 2009

Fachartikel, Reportagen zu Erlebnisberichte zum “älter werden mit HIV” bis Ende 2008 habe ich in folgendem Blog zusammengetragen: “HIV und Alter – Publikationen

Aktuelle Veröffentlichungen hier: Älter werden mit HIV – Publikationen 2009



Safer Sex: Nach Absprache

Juni 6, 2009

Kürzlich wurde ich auf meinem schwulen Internetprofil von einem User angeflirtet, der ebenso wie ich in seinem Profil unter Safer Sex: “nach Absprache” vermerkt hatte. Ich gebe hier unkommentiert den anonymisierten Chatverlauf wieder:

A. piggy kerl

B: lach, selber ja auch!

A: grinz, freu

B: was treibt dich dazu, mich frischen fünfziger anzuchatten mit 31 ? bin neugierig und frag halt direkt!

A: mag erfahrene barebacker

B: und bist du selber auch HIV+ ??

A: bin ungetestet

B: naja, klar, so kann mans auch halten. ich weiss von meinem hiv seit 19 jahren. wie gehste denn damit um, wenn du bare ficken willst und da sagt dir dann jemand: ich bin positiv?

A: is mir dann egal

B: fällt mir schwer zu verstehen. du bist der erste, der mir das so frank und frei sagt.

A: bin auch nich stolz drauf

B: mir fällt es schwer zu verstehen, dass es jemandem egal ist, ob er hiv hat oder nicht. klar ist sex ohne gummi geiler, aber is es dir diesen scheiss hiv wert?

A: egal, is vieelleicht der falsche ausdruck,aber ich verdränge es irgend wie

B: da machst du es dir leichter als ich. ich mag die vorstellung nicht, beim sex jemanden anzustecken. DANN bin ich nicht frei im kopp und hab keinen spass dabei, egal wie scharf der andere ist…

A: versteh ich gut

B: ja und wat machst DU dann?

A: dann mit gummi

B: mann bist du ein harter brocken! – ich aber auch *grins*

A: denkst jetzt bestimmt, ich bin ein egoistisches arschloch

B: nee, ich kenn dich nicht und be- oder verurteile dich nicht. weiss nicht… denke: ist der dumm, sich so zu verhalten… und auch: Neid, dass du die lust nicht einschränken lassen willst… – irgendwie beides

A: es is eher dumm, ich gebs zu

B: ja und wat nu mit der erkenntnis?? da haste den salat, wolltest ja mit nem erfahrenen barebacker ins geschäft kommen *lach*

A: schäm mich jetzt

B: warum?

A: weil ich son arsch bin

B: versteh ich nich

B: hab ich dir jetzt die nacht versaut?

A: nee, nee

B: hey, ich hau mich jetzt in die falle. bin gespannt, ob ich noch was von dir hören werde – bye n8

A: schlaf gut – bis denne


Handeln statt behandelt werden!

Mai 30, 2009

“Machen Sie sich keine Gedanken. Wir wissen schon, was für Sie  gut ist.” Mit diesen paternalistischen Worten bekam eine MS-Patienten im Krankenhaus vom Arzt bei der Visite ihre Diagnose mitgeteilt, lapidar dahergesagt, fast nebenbei. Die Patientin erlebte das als “ganz furchtbar”.

Am Beispiel von MS (Multipler Sklerose), berichtet tagesschau.de in einem sehr guten Video-podcast über das Projekt einer Patientenschulung im Hamburger Uniklinikum. Ziel ist, Menschen mit einer Krankheit fit zu machen, sich von Ärzten nicht mit lapidaren oder selbstherrlichen Äusserungen abspeisen zu lassen, sondern ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Patienten lernen, sich gezielt auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereiten. Sie werden bestärkt, kritisch Dinge zu hinterfragen und eigene Entscheidungskompetenz zu entwickeln. Denn “die Entscheidung kann mir keiner abnehmen.”

Die Parallele zur Krankheit der HIV-Infektion liegt auf der Hand. Alle Menschen mit einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung müssen lernen, ihr Patienten-Arztverhältnis individuell und aktiv zu gestalten.

Von Anfang an ist das Ziel des “mündigen Patienten” in der Positivenselbsthilfe und in den AIDS-Hilfen handlungsleitend. Die Methode dazu heisst “Empowerment“:

Mit Empowerment bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften zu erhöhen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Wörtlich aus dem Englischen übersetzt bedeutet Empowerment „Ermächtigung“ oder Bevollmächtigung.

Immer wieder einmal höre ich von Menschen mit HIV, dass auch ihre Diagnosemitteilung nicht in einem angemessenen und ihrem Selbstwert gerecht werdenden Gespräch erfolgte. Viele erleben sich abgespeist und alleine zurückgelassen. In der Regel ist man bei so einer beängstigenden Diagnose nicht in der Lage, sich direkt gegen diese Art des Umgangs zu wehren. Zu sehr ist man in diesem Moment mit dem eigenen Chaos beschäftigt.

Auch meine HIV-Diagnosemitteilung 1990 erfolgte im Krankenhaus durch einen Oberarzt, den ich nicht kannte. Er eröffnete mir meine HIV-Diagnose in einem Ton, der klar machte, dass er keinen Dialog mit mir wollte. Diffus schwang eine Schuldzuweisung und Verurteilung mit, zumal er mich in einem Atemzug sogleich darauf hinwies, dass ich ja nun Sorge dafür zu tragen hätte, andere nicht anzustecken. Und dann war er auch schon aus dem Zimmer gerauscht.

Der Stationsarzt, der ihn – zur Nebenrolle degradiert – begleitete, kam aber kurze Zeit später zu mir zurück. Zu diesem äusserte ich dann meine Empörung über das menschenunwürdige Auftreten des Oberarztes. Der Stationsarzt teilte meine Meinung. Den Oberarzt habe ich nie mehr wiedergesehen.

Mein Zorn auf ihn ist heute noch so groß wie im ersten Moment damals.


Laudatio auf Cori Obst zum Bundesverdienstkreuz

Mai 27, 2009

Anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Mittwoch, 27. Mai 2009, an Frau Corina Obst, hielt Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung die Laudatio:

090527 BVK Cori 005

(Es gilt das gesprochene Wort)

Frau Cori Obst hat durch ihr langjähriges Engagement im sozialen Bereich auszeichnungswürdige Verdienste erworben.

Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten vom 19.12.2008

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, liebe Frau Obst,

28 Jahre ist es her, als das Aids-Virus als eigenständige Krankheit definiert wurde. Die jüngsten Zahlen sagen, dass weltweit 33 Millionen Menschen infiziert sind, mehr als 2,5 Millionen kommen jährlich als Neuinfizierte dazu. Weltweit durchschnittlich rund ein Prozent der 15 bis 49-Jährigen tragen diesen Virus in sich, in afrikanischen Staaten sind es bis zu 20 Prozent.

Seit Jahrzehnten klärt die Aidshilfe auf und hilft Betroffenen. Frau Obst gehört zu den ersten HIV-positiven Frauen in Deutschland, die aus der allgemeinen Positivenselbsthilfe heraustraten und die emanzipative Selbstvertretung HIV-positiver Frauen im Verband der AIDS-Hilfen in Deutschland begründeten.

Nach ihrer HIV-Diagnose 1991 nahm Frau Obst zunächst als Ratsuchende zur AIDS-Hilfe Wuppertal Kontakt auf. Schnell wurde ihr deutlich, dass in der AIDS-Hilfe Wuppertal frauenspezifische Angebote fehlten. Sie setzte sich sodann das Ziel, der Gruppe der heterosexuellen Frauen gleichen Wert beizumessen und ähnlich zielgruppenspezifische Angebote zu machen wie es sie für die bisherigen Zielgruppen bereits gab.

Mitte 1992 begann sie, das Projekt „Frauen und AIDS“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal zu etablieren. Ihr Leitgedanke war, dass, wenn die AIDS-Hilfe sich allgemein für Frauenfragen öffne, sie sich auch eindeutig positionieren und parteiisch für Frauenfragen im Verbund mit anderen Frauenorganisationen engagieren müsse.

Folgerichtig integrierte sich Frau Obst als offizielle „Frauenreferentin der AIDS-Hilfe Wuppertal“ in alle relevanten kommunalen Arbeitskreisen und platzierte das Thema „Frauen und AIDS“ auf allen wichtigen Frauen-Veranstaltungen. Zudem nutzte Frau Obst sehr bewusst die öffentlichen Medien, um HIV-positiven Frauen Gehör zu verschaffen.

Mit dem Medienprojekt des Jugendamtes der Stadt Wuppertal entstand ab 1992 eine mehrteilige, landes- und bundesweit beachtete Dokumentation „Was mir hilft, das ist mein Leben“.

Darüber hinaus ging sie in einige Talk-Shows, um als HIV-positive Frau deutlich zu machen, dass auch heterosexuelle Frauen von AIDS und HIV betroffen sind. Mit ihrer Präsenz wollte sie andere HIV-positive Frauen ermutigen, sich nicht zu verstecken, sondern sich zusammenzuschließen und als betroffene Frauen eigene Forderungen an die AIDS-Hilfen, die AIDS-Forschung, die Politik und die Gesellschaft zu stellen.

Auf den Wuppertaler FrauenGesundheitsTagen, die seit 1996 stattfinden, finden durch die Initiative von Frau Obst Workshops und Angebote zum Thema Frauen und AIDS statt.

1997 organisierte sie mit der Fachtagung „Frauen und AIDS – roter Faden, rotes Tuch oder nur rote Schleife“ die erste große Fachveranstaltung zur Thematik „Frauen und AIDS“ in der Bergischen Region.

Auf Landesebene war Frau Obst von 1994 bis 1998 im Vorstand der AIDS-Hilfe NRW ehrenamtlich tätig. Hier war sie 1995 maßgeblich an der Einrichtung des Fachbereichs und der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und AIDS in NRW beteiligt.

Auf Bundesebene setzte sie sich im Dachverband der DAH für einen Fachbereich „Frauen“ ein. Auf Dachverbandsebene war sie des Weiteren von 1999 bis zum Jahr 2001 Mitglied des Delegiertenrats und von 1997 bis 1999 sowie erneut von 2001 bis zum Jahr 2003 des Fachbeirats „Frauen“.

Sie war in den letzten 15 Jahren Initiatorin und Mitorganisatorin zahlreicher Veranstaltungen, so 1997 des Kongresses „Was heißt`n hier behindert“ zum zehnjährigen Bestehen der AIDS-Hilfe Wuppertal sowie mehrerer Bundespositivenversammlungen der Deutschen AIDS-Hilfe.

Frau Obst kämpft für das Bewusstsein in Politik und Öffentlichkeit, für ein Recht auf Schwangerschaft und Lebensperspektiven, für die Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS in Not und vor allem dafür, dass die Frage nach der „Schuld“ an der eigenen Infektion nicht zur Trennungslinie wird zwischen denjenigen, die sich durch ihr eigenes Handeln infiziert haben und denjenigen, die im Rahmen einer medizinischen Behandlung infiziert wurden.

Frau Obst erhielt 2007 den Ehrenamtspreis „merk/würdig“ der AIDS-Hilfe NRW.

Liebe Frau Obst, Sie selbst bezeichnen sich als sehr offen, kämpferisch, feministisch und im positiven Sinne als unbequem. Und ich denke, genau diese Eigenschaften sind wichtig für Ihre Arbeit. Sie haben sich mit Ihrem herausragenden Engagement vor allem für die betroffenen Frauen eingesetzt. Und der AIDS-Hilfe haben sie damit insgesamt zu einem noch größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft verholfen.

Hierfür hat Ihnen der Bundespräsident zu recht das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Hierzu gratuliere Ich Ihnen sehr herzlich und freue mich,

Ihnen diesen Orden jetzt überreichen zu dürfen.


Bundesverdienstkreuz an Cori Obst (geb. Tigges) für ein offensives Leben mit HIV

Mai 27, 2009

Am Mittwoch, 27. Mai 2009 wird Cori Obst (geb. Tigges) von Oberbürgermeister Peter Jung das Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht.

090527 BVK Cori 006

Mit der Auszeichnung werden ihr langjähriges Engagement zu HIV und AIDS, insbesondere ihr lokales und bundesweites Eintreten für die Lebenssituation und die Interessen von Frauen mit HIV und AIDS gewürdigt.

Frau Cori Obst hat sich nach ihrer HIV-Diagnosemitteilung 1991 sehr bewusst für ein Engagement in der Öffentlichkeit, der Positivenselbsthilfe und in der AIDS-Hilfe Wuppertal entschieden. Als heterosexuelle Frau musste sie feststellen, dass in den AIDS-Hilfen, aber auch in der Gesellschaft, die Realität von Frauen mit HIV und AIDS vernachlässigt wurde. An ihrer eigenen Biografie machte sie erfahrbar, dass eine HIV-Infektion jeden treffen kann.

Stewart Lindemann, Vorstand der AIDS-Hilfe Wuppertal, würdigt das Engagement von Cori Obst: „Ihr öffentliches Auftreten gab Frauen mit HIV ein Gesicht. Sie brach mit der gesellschaftlichen Verdrängung, dass HIV nur eine Krankheit der Schwulen und Drogengebraucher sei. Ihr mutiges und streitbares Auftreten verstörte die Gesellschaft – und ermutigte zugleich andere HIV-positive Frauen. Cori Obst hat unschätzbaren Anteil daran, dass sich der Fachschwerpunkt Frauen und AIDS in der Wuppertaler AIDS-Hilfe, im Landesverband der AIDS-Hilfen in NRW und im Dachverband der Deutschen AIDS-Hilfe etablierte.“

Wuppertalern ist sie bekannt durch die mit dem Filmemacher Volker Hoffmann erstellte Langzeitdokumentation, der „Cori-Reihe“. Als Frauenreferentin der AIDS-Hilfe Wuppertal platzierte Cori Obst das Thema „Frauen und AIDS“ in allen wichtigen frauenspezifischen Arbeitskreisen und Gremien. An den Wuppertaler FrauenGesundheitsTagen veranstaltete sie Vorträge und Workshops. Als Interviewgast in diversen Talkshows (Biolek, Hans Meiser, Bettina Böttinger…) zeigte sie, dass HIV-positive Frauen politisch, selbstbewusst und gesellschaftlich engagiert sind.

Cori Obst widmet ihr Bundesverdienstkreuz allen lebenden Menschen mit HIV und AIDS: „Wir HIV-Positiven können etwas verändern. Bundespräsident Horst Köhler sagte anlässlich der Feier zum 60-jährigen Bestehens der Bundesrepublik Deutschland: „Die Bürgerinnen und Bürger haben das Grundgesetz mit Leben erfüllt.“ Unser Grundgesetz gilt für Menschen mit HIV und AIDS wie für alle anderen auch. Bürgerrechte müssen für alle gewahrt sein, jenseits von HIV-Status, Hautfarbe und Religion.“

Quelle: AIDS-Hilfe Wuppertal

Zur Rede von Cori Obst im Rathaus Wuppertal: “Bürgerrechte müssen für alle gewahrt sein, jenseits vom Serostatus, Hautfarbe, Geschlecht und Religion”

Zur Laudatio von OB Jung => hier.

Aktuelle Pressemitteilungen zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes haben sowohl die AIDS-Hilfe NRW als auch die Deutsche AIDS-Hilfe veröffentlicht.

Bereits 2007 wurde Cori Obst der Ehrenamtspreis “merk|würdig” der AIDS-Hilfe NRW ausgezeichnet. Cori war von 1994 – 1998 Vorstandsmitglied der AIDS-Hilfe NRW. Die Laudatio anlässlich der damaligen Preisverleihung hielt ihre Nachfolgerin Martina Wildförster.

Auch von meiner Seite an Cori einen ganz herzlichen Glückwunsch!


Bunte Funken gegen Braune Halunken (akt.)

Mai 9, 2009

Köln stellt sich heute wieder quer gegen rechts. Einige Tausend Demonstranten zeigten dem braunen Gesocks um “Pro Köln” und “Pro NRW” erneut den Stinkefinger und die Tür: Raus aus Köln. Wir wollen euch hier nicht haben!

Auch Lesben und Schwule aus der Community, Gewerkschaften und demokratischen Parteien zeigten Flagge.

Derzeit (14.30 Uhr) sieht es so aus, dass die Pro-Köln Anhänger gerade die Stadt verlassen. Der Tag verlief friedlich ohne größere Zwischenfälle.

Den aktuellen Stand berichtet der Kölner Stadtanzeiger Online im life-Ticker.

Bunte Funken gegen Braune Halunken

Bunte Funken gegen Braune Halunken

bruche mer net, wolle mer nit, fott damit

bruche mer net, wolle mer nit, fott damit

Kabarettist Jürgen Becker führte jedermann und jederfrau auf der Bühne am Heumarkt den Irrsinn vor Augen, sich wegen Religionszugehörigkeiten an die Köppe zu kriegen. Schliesslich sei man ja doch verwandt und das eine aus dem anderen hervorgegangen. Und es ist einfach purer Zufall, ob man nun in eine christliche, moslemische, jüdische oder religionsfreie Familie hineingeboren sei. Aber wie  es eben in jeder Familie ist: Da gibt es Streit. Meistens dann, wenn Papa und Mama gestorben ist und die Kinder sich nun drüber streiten, wen Papa und Mama am liebsten gehabt hat. Eigentlich Blödsinn, das so wichtig zu nehmen! Wen ausser ein paar Irrlichtern interessiert das denn wirklich?

Recht hat er!

Reinhard Bütikofer schlug in seinem Aufruf eine Brücke zur Verständigung zwischen Moslems und Schwulen:

Auch der Spitzenkandidat der Grünen bei der Europawahl, Reinhard Bütikofer, erteilte rechtsextremen Bestrebungen eine klare Absage. Er rief vor mehreren hundert Zuhörern dazu auf, den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zur Alltagsaufgabe zu machen. “Wenn die Rechten gegen Schwule hetzen, dann sind wir alle Schwule, und wenn sie gegen Juden hetzen, dann sind wir alle Juden, und wenn sie gegen Muslime hetzen, dann verteidigen wir alle die Freiheit des muslimischen Glaubens”. “Wir überlassen den Rattenfängern nicht den öffentlichen Raum”, so Bütikofer weiter.

Quelle: Ksta

Kölns OB Fritz Schramma, Grünen-Cef Reinhard Bütikofer, und Jürgen Becker auf der Bühne am Heumarkt

Kölns OB Fritz Schramma, Grünen-Chef Reinhard Bütikofer, und Jürgen Becker auf der Bühne am Heumarkt