Chronisch versteckt – mit HIV zum Arzt

Da gibt es eine sehr schöne Tradition in Wuppertal: Unser Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) läd, wie schon sein Vorgänger von der SPD, den Arbeitskreis Welt AIDS-Tag mit 2 Personen in seine Montags-Pressekonferenz ein, um unsere Veranstaltungen zum WAT den Medien- und Pressevertretern vorzustellen.

Erfreulich ist, dass hier in Wuppertal ein breites Bündnis den Veranstalterkreis bildet. Neben der AIDS-Hilfe Wuppertal sind dies die AIDS-Beratung und AIDS-Koordination im Gesundheitsamt, die AIDS-Prävention der AWO (Youthworker), Elterninitiative für akzeptierende Drogenarbeit, Drogenberatungsstelle, Kontaktstelle für Drogengebraucher „Gleis 1“, Arbeitskreis Kirche und AIDS, die Vereinte Evangelische Mission und die Psychosoziale Planung/Behindertemplanung der Stadt Wuppertal. Nur so bekommen wir die breite inhaltliche Palette der Veranstaltungen hin.

Zu der Pressekonferenz des Oberbürgermeisters gestern am 19.11. haben wir eine Pressemitteilung veröffentlicht, die in diesem Jahr die Aufmerksamkeit besonders auf den Umgang mit HIV in der Arztpraxis lenkt.

Viel zu wenig beachtet wird, dass nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, sondern gerade auch in der Ärzteschaft eine kontinuierliche Sensibilisierung zu HIV und AIDS erforderlich ist. Unsere headline ist entsprechend deutlich:

Chronisch versteckt

Der „normale“ Umgang mit HIV-Positiven ist in der Arztpraxis immer noch eine Ausnahme

19.11.07 Zum Welt-AIDS-Tag (WAT) am 1.12.2007 appelliert der Wuppertaler Arbeitskreis Welt-AIDS-Tag an die Ärzte, bei der Mitteilung einer HIV-Diagnose sensibel vorzugehen, sich auf die Begegnung mit HIV-Positiven einzustellen und sich zu ihren HIV-positiven Patienten zu bekennen. Ärzte können gemäß des übergreifenden Mottos zum WAT „Gemeinsam gegen AIDS. Wir übernehmen Verantwortung!“ mitwirken, der „Unsichtbarkeit“ von HIV/AIDS entgegenzuwirken und einen entspannten Umgang mit HIV-Positiven beispielhaft vorleben. Und auch im Arzt-Patientengespräch gilt: Über Sexualität zu reden kann das Safer-Sex-Verhalten bestärken.

Hier gibts die komplette Pressemitteilung zu lesen.

Auf dem Positiventreffen im Waldschlösschen fand ich letzte Woche in Gesprächen mit HIV-Positven über ihre Erfahrungen mit Ärzten bestätigt, dass hier ein permanentes Konfliktfeld besteht. Alle geschilderten Begebenheiten haben sich in jüngster Zeit, also 2006 und 2007 zugetragen:

Herr K., ein HIV-positiver Mann berichtet, dass er wegen Tinnitus und Ohrenschmerzen zu einer HNO-Ärztin ging. Von seiner HIV-Infektion hatte er auf dem Fragebogen Mitteilung gemacht. Bevor die Ohrenärztin den Trichter zur optischen Inspektion des betroffenen Ohres benutzte, zog sie sich einen Mundschutz an. Der HIV-Positive fragte sie darauf hin direkt, warum sie dies täte. Sie antwortete, um sich vor HIV zu schützen. (Hallo, wer ist hier der Fachmann???)

Der gleiche Mann berichtet, dass ein Zahnarzt ihm gesagt hätte, nach der Behandlung von HIV-Positiven müsse er seine Praxis immer desinfizieren. (Hallo??? Kann ich da als HIV-Positiver wirklich dem Hygienestandard dieser Praxis vertrauen? Wer weiss, was MIR da für Bakterien und Viren in den Mund transportiert werden???)

Jetzt sagt Herr K: „Ich habe beschlossen, meine HIV-Infektion beim Arzt nicht mehr mitzuteilen, weil ich diese diskriminierenden Erfahrungen nicht mehr erleben möchte.“ (Das hören und lesen dann Ärzte aber gar nicht gerne. Aber das Arzt-Patientenverhältnis muss doch von BEIDEN Seiten aus vertrauensvoll gestaltet werden!!)

Für Herrn U. waren die unangemessenen Reaktionen und die Unaufgeklärtheit der Ärzte ein Grund, seinen Wohnort aus Süddeutschland nach Berlin zu verlegen. „Ich war diese Reaktionen einfach leid.“

Herr O. musste sich im Krankenhaus an einem Wochenende notfallmäßig behandeln lassen. Nach der Akut-Behandlung sagte der Arzt, Bezug nehmend auf die zuvor mitgeteilte HIV-Infektion: „Bei Ihnen dauert die Heilung ja sowieso länger.“ Herr O. reagierte empört: „Wie können Sie so etwas sagen, ohne meine Immunwerte zu kennen?“ Mit diesem selbstbewußten Auftreten konnte der Arzt offenbar nicht umgehen, die Behandlung wurde von einer Krankenschwester beendet. Herr O. weiss, dass er trotz HIV-Infektion einen ungewöhnlich fitten Immunstatus hat.

Ein anderer HIV-Positiver wurde als Patient in der Notaufnahme akut behandelt. Nach der Behandlung fragte der Arzt: „Haben Sie noch andere Erkrankungen?“ Darauf antwortete der Patient: „Eigentlich nicht, aber ich bin HIV-positiv.“ „An seiner Reaktion merkte ich, wie dem Arzt dann die Panik in die Augen stieg.“

Eine Kollegin in der Online-Beratung der AIDS-Hilfen berichtet, dass in ihrer Stadt der HIV-Arzt grundsätzlich (aus falschem Schutzverständnis) den Positiv-Getesteten empfiehlt, nicht zur örtlichen AIDS-Hilfe Kontakt aufzunehmen mit der Begründung, da könnten sie ja von anderen gesehen werden. Er empfiehlt die Kontaktaufnahme zu einer AIDS-Hilfe in der nächsten Großstadt. –
Fachlich angemessen wäre es, als Arzt mit seinen Patienten zu besprechen, wie diese es erleben würden, wenn sie in der AIDS-Hilfe auf bekannte Gesichter stoßen würden, die Entscheidungsfähigkeit den Patienten nicht abzusprechen und mit diesem gemeinsam zu überlegen, welche Beratungsstelle für sie die geeignetste sein könnte.

Ich glaube, diese Liste von Erfahrungen ist endlos, wenn alle ihre Erlebnisse aufschreiben würden.

Glücklicherweise gibt es auch Ärzte, die fachlich und auch menschlich fit sind, mit HIV-Positiven ganz normal umzugehen. Es wird heute so viel von der „Normalisierung“ von HIV gesprochen. Aber in der Arztpraxis und im Krankenhaus ist von dieser angeblichen Normalisierung oft aber auch nicht ein Fitzelchen zu spüren. Und das muss zum Welt-AIDS-Tag auch mal gesagt sein!

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 20.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

2 Antworten zu Chronisch versteckt – mit HIV zum Arzt

  1. Die Infektionsgefahr ist in Krankenhäusern und Praxen eben größer als im Alltag. Ich kann die Sichtweise beider Seiten nachvollziehen. Ärzte wissen warscheinlich mehr über Aids als der Durchschnitt, daher ist bei Ihnen auch die Angst größer.

  2. termabox sagt:

    Natürlich sind Ärzt_Innen auch „nur“ Menschen und nicht frei von Ängsten. Als Medizinder_In begegnen einem alle möglichen körperlichen und seelischen Leiden und in diesem Arbeitsfeld ist man sehr mit der menschlichen Verletzlichkeit konfrontiert – und damit auch der eigenen.

    Nun begegnet uns immer wieder die Situation, dass Menschen mit HIV mehr über HIV/Aids wissen, als die Ärzt_Innen, die sie aufsuchen. Ich ermutige Menschen mit HIV, gegenüber Ärzt_Innen offen mit ihrer HIV-Infektion umzugehen. Von Ärzt_Innen erwarte ich im Gegenzug, dass sie wertschätzend und nicht-stigmatisierend auf diese Mitteilung reagieren.

    Je durchgängiger Ärzt_Innen wertschätzend auf die Mitteilung von Patienten reagieren, desto durchgängiger werden Menschen mit HIV auch von ihrer HIV-Infektion Kenntnis geben, was sich Ärzt_Innen ja eigentlich wünschen.

    Mein Blogbeitrag hier ist ja bereits 7 Jahre alt, aber immer noch aktuell. Inzwischen hat die Befragung von „positive-stimmen“ ergeben, dass 19 % der befragten Menschen mit HIV in den zurückliegenden 12 Monaten ablehnende Erfahrungen bei Ärzten gemacht haben. Über positive-stimmen ist ein Defizit sichtbar geworden ist, das schon lange besteht, aber nicht öffentlich wahrgenommen wurde.

    Siehe insbesonder S. 57 der Ergebnisdokumentation:
    http://www.aidshilfe.de/sites/default/files/positive%20stimmen%20Doku.pdf

    Mich freut, Dr. Aghasadeh, dass Sie in meinen Blog reingeschaut haben, sich interessieren und auch kommentieren.

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