Respekt für den 21-jährigen HIV-positiven Marcel

Dezember 1, 2010

Seit bald einem Jahr kenne ich Marcel, der sich im Alter von 20 Jahren mit HIV infizierte und sich wenige Monate später im November 2009 mit HIV outete. Marcel zeigt, dass man mit HIV auch offen und ohne sich zu verstecken leben kann.

Diesen Blogbeitrag zu meinen 21. Welt-AIDS-Tag in diesem Jahr 2010 – wo sich u.a. meine eigene HIV-Diagnose zum 20. Mal jährte – widme ich Marcel stellvertretend für alle jungen HIV-Positiven – und poste dieses dbna-Videointerview mit Marcel.

Für dbna hat Marcel jetzt ein Interview gegeben, in dem er unter anderem gefragt wird:

Was hat dich dazu bewogen, dein Blog zu starten?

Marcel: Ich habe selbst im Internet nach Informationen zum Thema gesucht. Da stößt man dann beispielsweise auf die Seiten der Deutschen Aidshilfe. Das ist aber alles sehr theoretisch. Dann gibt es ein, zwei Blogs von Betroffenen, die sind aber schon über 40 Jahre alt. Ich finde es gut, dass sie das machen. Aber ich kann mich selbst damit nicht identifizieren. Ich hab nie was von oder über junge Leute gefunden. Das wollte ich ändern. Ich merke natürlich, dass ganz viele junge Leute über YouTube oder das Blog auf mich stoßen und sich dafür interessieren. Das wäre vielleicht nicht der Fall, wenn es niemanden wie mich geben würde.

Respekt und Kompliment für Marcel.

Viel Glück mit allem, was Du tust!


Glück mit HIV? – Ja! Mit „Positiver Psychologie“

Januar 15, 2010

Wie kann ein Leben mit einer HIV-Diagnose ein glückliches Leben werden? Ich will den Schatten und das Beängstigende dieser Krankheitsdiagnose nicht schön reden, aber im Leben mit HIV suche ich Wege, wie ich mit, trotz oder ganz einfach doch, Glück finden und mich glücklich erleben kann.

Die meisten Menschen reagieren auf eine HIV-Diagnose mit einer spontanen Angst. Man spürt unmittelbar:  Ein Teil der eigenen  Gesundheit ist unwiderbringlich verloren. Das ist die neue Realität, die zu akzeptieren natürlich schwer fällt. Ein Verlust löst Traurigkeit aus.  Und das Verlorene muss betrauert werden. Diese Trauerphase dauert je nach Person unterschiedlich lange. Eine Abkürzung gibt es nicht. Entscheidend ist, dass diese Trauerphase nicht chronisch wird.

An der HIV-Diagnose kann ich also nichts mehr ändern. Für Fatalismus besteht aber kein Anlass. Ich habe eine Wahl:

Ich kann mich entscheiden, meinem früheren Leben ohne HIV ewig  hinterherzutrauern und diese Gedanken in endlosen Schleifen zu wiederholen.  Dann wäre mein Bewusstsein beherrscht vom „Verlust“ des Zustandes HIV-negativ. HIV-positiv zu sein erlebe und bewerte ich aus dieser Perspektive als Defizit und Mangel. Hier lauert eine Falle, denn es gibt keine Heilung von HIV – und was geschehen ist, ist geschehen.

HIV-positiv und gleichzeitg auch glücklich sein kann ich dagegen, wenn ich mich auf andere Aspekte konzentriere, indem ich mein Bewusstsein darauf ausrichte, was mich stärkt, bereichert, und mein Leben lebenswert macht. Hier kommt das interessante Konzept der Positiven Psychologie zum tragen:

Die Positive Psychologie beschäftigt sich mit den Bereichen der positiven Emotionen, des positiven Charakters und positiver Strukturen. Positive Emotionen sind etwa Lebenszufriedenheit, Lebensfreude, Glück, Geborgenheit, Vertrauen, Selbstvertrauen, Optimismus, Freude, Hoffnung, Akzeptanz, Dank, Lust, Zuneigung um nur einige zu nennen.

Positiver Charakter bezeichnet Stärken und Tugenden, deren regelmäßige Ausübung positive Emotionen hervorbringen, wie: Anstand, Aufrichtigkeit, Ausgeglichenheit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Besonnenheit, Contenance, Echtheit, Empathie, Fairness, Integrität, Friedfertigkeit, Geduld, Gelassenheit, Großmut, Humor, Menschlichkeit, Mut, Nächstenliebe, Zivilcourage, Solidarität, Verzeihen, Selbstannahme, Selbsterkenntnis, Selbstliebe, Treue, Unbestechlichkeit, Wahrhaftigkeit, Weisheit, Wertschätzung und andere.

Um als psychologische Wissenschaft ernst genommen zu werden, sei es innerhalb der Positiven Psychologie wichtig, sich nicht als etwas darzustellen, was die negativen Aspekte des Lebens ausblende. Die Dialektik zwischen dem Positiven und dem Negativen sei eine der Grund-Realitäten des menschlichen Seins.

… verdeutlicht dies am Beispiel des „Optimismus“: Entfernt sich der Optimismus zu weit von der Realität und wird zu einem Überoptimismus mit übertriebener Sorglosigkeit, kann das schädliche Auswirkungen haben durch das Unterschätzen von Gefahren. Hilfreich kann ein so genannter „konstruktiver Pessimismus“ (Ursula Staudinger) sein der dem „Defensiven Pessimismus“ (Julie K. Norem/Massachusetts) entspricht. Dieser zieht Fehlschläge in Erwägung, um für den Notfall Vorsorge treffen zu können: „Wenn es schief geht, kann ich das und das noch machen.“ Die „dynamische Spannung zwischen Optimismus und Pessimismus, die einander fortwährend korrigieren sollten“ (nach Seligman) beschreiben ebenfalls diesen Schutz.

… Beispiel von (Suzan Vaughan/Columbia Universität): Mehr Freude am Leben erlebt derjenige, der sich die Illusion einer Insel bewahrt, auf die er zuschwimmen kann. Und wenn er am Ende doch untergeht, wird er das Bad im Meer der Illusionen um so mehr genossen haben.

In ähnlicher Weise äußerte sich der Psychotherapieforscher Klaus Grawe als ein Befürworter einer Psychologie, die sich mit dem ganzen Menschen beschäftigt. Die Hirnforschung zeige, dass Heilung nicht geschehe durch ausschließliche Beschäftigung nur mit Problemen, sondern indem möglichst viele neue positive und bedürfnisbefriedigende Erfahrungen gemacht werden.

Diese Erkenntnisse und Strategien in einen Zusammenhang mit HIV zu stellen, dazu wurde ich während der Betrachtung der 3Sat-Sendung „Scrobel: Wege zum Glück“ inspiriert. Interessant kann es sein, zu überprüfen, ob man selber mit „Glücksstrategien“ lebt.

Wer sich also in seinem Leben mit HIV an den Positiven Emotionen und Charaktereigenschaften  orientiert, der ist auf dem richtigen Weg, wie immer dieser dann auch aussehen mag.

Krankheit kann auch glücklich machen, so verrückt sich dies auch anhören mag:

Peter Herschbach von der Technischen Universität München hat bei der Auswertung von 30 Studien mit 11.000 Menschen herausgefunden, dass Krebkranke ihre Lebensqualität besser beurteilen als viele Gesunde. Das liegt unter anderem daran, dass die Krankheit sie wieder achtsam macht für die kleinen Glücksmomente des Alltags, während gesunde Menschen sich permanent mit denen vergleichen, denen es besser geht als ihnen.

HIV-Positive brauchen Positive Psychologie! Probiert es aus!


„Ich erlebe mich nicht mehr als todgeweiht“

November 30, 2009

Michael Jähme ist seit 20 Jahren mit HIV infiziert. Nicht die Krankheit sieht er heute als Hauptproblem, sondern die Ausgrenzung. Michael Jähme will mit seiner Lebensfreude Mut machen. Auch zur Offenheit im Umgang mit HIV. Erik Schweitzer von der Westdeutschen Zeitung (WZ) sprach mit ihm aus Anlass des Welt-AIDS-Tags am 1. Dezember.

WZ: Welche Botschaft wollen Sie am Welt-Aids-Tag vermitteln?

Michael Jähme: Dass sich das Leben mit HIV radikal geändert hat. Die Öffentlichkeit hat noch ein Bild von HIV, das aus der Steinzeit stammt, geprägt vom Leiden und Sterben. Ein Film wie „Philadelphia“ wird leider immer noch an Schulen gezeigt. Und die Aidshilfe ist geprägt vom TV-Spot mit Hella von Sinnen – „Rita, was kosten die Kondome?“ Das hat sich eingebrannt, auf dem Niveau sind viele stehengeblieben.

Ist HIV denn keine tödliche Krankheit mehr?

Jähme: Nein. Ich lebe doch noch.

Viele Menschen leben mit tödlichen Krankheiten.

Jähme: Warum nur denkt man ausgerechnet bei HIV immer vom Ende her? Das macht man bei keiner anderen chronischen Erkrankung. Dabei ist HIV genau das: eine chronische Erkrankung. Man kann lange damit leben, hat fast eine normale Lebenserwartung. Man könnte auch sagen: Diabetes ist tödlich, oder Asthma oder Neurodermitis. Ich will da nichts verklären: Es gibt natürlich immer ein paar Leute, die schon früh Probleme haben. Das Gros der HIV-positiven Menschen lebt aber relativ normal.

Dann ist alles nur halb so schlimm?

Jähme: Jedenfalls steht nicht mehr das Medizinische als Problem im Vordergrund, sondern das Soziale. Der Umgang in der Gesellschaft mit mir als HIV-Infiziertem – das ist das Problem. Es heißt immer noch, man kriegt das nur, wenn man schwul ist, sich prostituiert, Drogen nimmt oder auf den Strich geht. Das haben die Medien Anfang der 80er so gesetzt, das hat sich eingebrannt. Ich erlebe mich heute aber nicht mehr als todgeweiht. Und auch nicht mehr als gefährlich. Dank der Therapien kann ich eigentlich niemanden mehr anstecken. Meine Viruslast ist unter der Nachweisgrenze.

Wie gehen Sie mit diesem Stigma um?

Jähme: Es braucht ein verdammt dickes Fell. Und es macht müde, permanent im Gegenwind der Gesellschaft zu leben, die einerseits Probleme mit HIV hat und dann auch noch mit schwulen Männern.

Waren Sie auch so gelassen, als bei ihnen 1990 die Diagnose unverrückbar fest stand?

Jähme: Nein, es ging mir schrecklich. Ich lag obendrein mit einer Hepatitis-A-Infektion im Krankenhaus und fragte mich, was mich wohl schneller unter die Erde bringt. Aber ich habe innerhalb der ersten Stunden nach der Diagnose zwei Entscheidungen getroffen. Erstens: Das ist zu heftig, um alleine damit klar zu kommen. Meine Freunde sollten lernen, damit umzugehen. Zweitens: So lange es mir gut geht, will ich ein offensives Leben führen und daran wachsen.

Welche Aussagen machen Sie sonst noch sauer?

Jähme: Wenn es angesichts der Infektionszahlen wieder heißt: „Da muss man doch was machen!“ Dabei haben wir mit 3000 Neuinfektionen jährlich in Deutschland eine der niedrigsten Quoten weltweit. In den Medien wird viel zu sehr dramatisiert.

Aber es gibt doch mehr Neuinfektionen als noch vor wenigen Jahren. Ist nicht der Trend allein Grund genug, alarmiert zu sein?

Jähme: Es ist ein Grund aufmerksam zu sein. Nicht hysterisch oder panisch. Man muss auch die Gründe für die Zahlen kennen: Zum einen sind die Statistiken genauer geworden, bis vor etwa fünf Jahren sind alle ungenauen Meldungen einfach rausgefallen. Außerdem rufen wir in den letzten Jahren vermehrt dazu auf, sich testen zu lassen.

Wie ist denn die Situation in Wuppertal?

Jähme: Wir können hier nur schätzen, gehen aber von etwa 300 bis 350 HIV-Infizierten aus.

Mir ist noch keiner begegnet…

Jähme: Das ist traurig, aber es gibt sie, diese merkwürdige Diskrepanz: Wir haben eine große Zahl HIV-Positiver im Stadtgebiet – aber keiner kennt sie. Das liegt daran, dass diese Menschen Ängste haben: Wenn meine Infektion bekannt wird, werden Vorurteile auf mir ausgekippt, keiner will mehr mit mir zu tun haben. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz.

Was ist das populärste Vorurteil?

Jähme: „Wer sich heute noch infiziert, ist doch selbst schuld.“

Und da ist nichts dran?

Jähme: Naja, Viele haben im Kopf, dass Kondome schützen. Aber Menschen sind eben nicht nur Kopf. Menschen sind gefühlsbestimmte Wesen. Da gehen wir bisweilen Risiken ein, manchmal auch solche, wo ein Schaden zurück bleibt. Das lässt sich doch übertragen: Motorradfahren, Skilaufen, Rauchen – es gibt so viele Lebenssituationen, wo wir wider die Vernunft handeln. Wer raucht, weiß auch, dass das gesundheitsschädlich ist – und verdrängt es. Warum sollte man das Risiko beim Sex permanent im Kopf haben? Da ist es fast schon erstaunlich, dass die Prävention beim Thema HIV so gut wirkt.

Quelle: Westdeutsche Zeitung – Interview von Erik Schweitzer

Mit herzlichem Dank für die Genehmigung zur Übernahme in meinen Blog.


Free Hugs – … zum CSD 2009 in Köln???

April 24, 2009

Wer hat Lust auf Free Hugs und macht mit zum CSD 2009 in Köln ????

Immer wieder einfach schön!! Die Free Hugs Kampagne wurde vom Australier Juan Mann gestartet und fand durch dieses Video seinen Weg durch die Welt:

Auf der homepage der Free Hugs Campaign steht mehr:

Sometimes, a hug is all what we need.

Free hugs is a real life controversial story of Juan Mann, A man whos sole mission was to reach out and hug a stranger to brighten up their lives.

In this age of social disconnectivity and lack of human contact, the effects of the Free Hugs campaign became phenomenal.

As this symbol of human hope spread accross the city, police and officials ordered the Free Hugs campaign BANNED. What we then witness is the true spirit of humanity come together in what can only be described as awe inspiring.

In the Spirit of the free hugs campaign, PASS THIS TO A FRIEND and HUG A STRANGER!

Free hugs @ Köln 🙂

Free hugs @ Berlin 🙂

Free hugs @ Amsterdam 🙂

Gratis Knuffels @ Niederlande 🙂

Free hugs @ Paris 🙂

Free hugs @ Wien 🙂

Free hugs @ London 🙂

Free hugs @ San Francisco:

Free hugs @ Brasilien: „Abracos gratis“ 🙂


Das P von Proud – Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

März 7, 2009

Im Poz and Proud – Blog in den Niederlanden läuft eine Serie „de P van Proud“, in der schwule Männer über ihre Gedanken und Erfahrungen mit HIV schreiben. Und wie sie Würde, Selbstbewusstsein und Stolz als schwule Männer mit HIV leben, denn ihr Motto ist zurecht: Ein Leben mit HIV ist kein Grund für Scham und Schuld („living positive isn’t a shame“).

Maartens Beitrag habe ich hier übersetzt. Heute folgt nun mein eigener Beitrag für diese Serie.

on top of my life

Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

Ich bin 1959 geboren und lebe seit 1990 mit dem Wissen um meine HIV-Infektion.

Damals, 1990, gab es keine Medikamente, HIV im Körper zu bändigen. Man hätte verzweifeln können. HIV hatte etwas dämonisches, war auch wegen der sozialen Ausgrenzung das Furchtbarste, was einem passieren konnte.

Aber schon früher, seit Anfang der 80er Jahre, hatte HIV begonnen, mein Leben einzuschränken, mir die Lust auf schwul-sein, die Lust auf Sex verdorben. Die Welt erschien mir wie eine gefährliche unheimliche Geisterbahn. Sexualität war in meinem Elternhaus tabuisiert. Sexuell zu sein war etwas, das man nicht zeigte und worüber man nicht sprach. Noch schlimmer: christliche Moral diffamierte Freiheit und Lust.

Für mich persönlich kein förderliches Klima, um Lust an der Lust und Sicherheit in der Freiheit zu lernen. Mein self-made Weg in die Freiheit ging nur in kleinen Schritten voran. HIV war schneller.

Auf der Geisterbahn des Lebens zählte HIV für mich zu den bedrohlichen Mächten. Meine HIV-Diagnose erlebte ich als Drachenkampf und Erwachen. Sie war wie ein Erdbeben, das eine Großstadt in Schutt legt: alles kaputt, kein Haus mehr heil, nur noch Schutt, keine Straßen gab es mehr – nur noch ein großes Trümmerfeld. Und mittendrin „Ich“.

Drachenkampf

Ich registrierte, dass ich überlebt hatte, dass ich in dieser Katastrophe am Leben war. Den Schock dieser Situation habe ich damals nicht wahrgenommen. Ich begann einfach das naheliegende zu tun: Wer ist noch da? Wo bin ich hier? Wie kann es jetzt weitergehen? Was kann ich jetzt tun?

Und da begann mein eigener Geist ganz befreit die Regie zu übernehmen. Das war seine Stunde, war meine Stunde: Er flüsterte mir behutsam und kraftvoll zu: Solange du lebst, geht es weiter auf Deiner Fahrt! Du schaffst es! Du findest Kumpel, Weggefährten und Freunde! Dein Ziel ist es, immer weiterzugehen! Es gibt keinen Grund, vor dem Leben Angst zu haben. Sag dies weiter! Sei unerschrocken, sei wachsam! Du schaffst es!

Ja, und ich habe es geschafft! Ich habe diese 19 Jahre geschafft, in denen HIV mir und anderen im Nacken saß, in der HIV einen nach dem anderen aus unserer Herde mutiger Mustangs abgeschossen hat. Wie ich dies überlebt habe, bis HIV seine Macht verlor, warum und wie ich dies überlebt habe, – ich weiss es nicht. Glück und Geschick vielleicht?

Ich habe sehr vieles von dem erlebt, was das Leben zu bieten hat: Angst, Schrecken, Krankheit, den Tod von Freunden, den Tod von meinem besten Freund René. HIV hatte nicht die Macht, unseren Zusammenhalt und Mut, unsere Solidarität und Kameradschaft zu brechen. Wir waren stärker und wir wissen das heute. Das ist mein Stolz im Leben mit HIV, mein „P von PROUD“.

Wer das eigene Denken aufgibt, mit dem ist es aus. Wer sich nicht traut, mit dem ist es aus. Wer die Kraft in sich nicht erweckt, mit dem ist es aus.

Es gibt viele in dieser Welt, die an Deine Tür klopfen und Dir verkaufen wollen, „was HIV ist“. Schick sie alle weg!! HIV ist das, was DU daraus machst! HIV bekommt DIE Bedeutung die Du diesem Virus und dieser Krankheit gibst.

Und es geht nicht darum, welche Bedeutung Du HIV gibst, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem LEBEN gibst.

Es ist DEINE Macht, dies selber herauszufinden. Dich soll nicht interessieren, was andere denken und was andere sagen. Nur Du kannst den Weg zu Deiner Stärke finden. Wer Dich darin unterstützt, ist ein weiser und würdiger Freund, wer Dir etwas einreden will, so gut es auch gemeint ist, der betrügt Dich.

Das Leben ist eben keine Fahrt in der Geisterbahn. Das Leben ist schön und Dein Leben ist nicht vorbei, auch und gerade mit einer HIV-Diagnose nicht. Im Gegenteil: Dein Leben hat sehr viel Geduld, mehr als Du selber – und es wartet auf Dich! Freu Dich! Du bist stark und schwuler Sex ist schön!

(Die Erstveröffentlichung in niederländischer Sprache findet sich hier.)


Wer sich das Denken abnehmen lässt, mit dem ist es aus

September 21, 2008

 Eigentlich bin ich im Urlaub. Und ich genieße es, dass die Viruslast auch endlich mal wieder in meinem Leben unter die Nachweisgrenze sinkt. Doch heute gab es wieder einen „Blip“, ein aufflackern: Im Buch „Reife LebensQualität“ des schweizer Zukunfts-Philosophen Andreas Giger lese ich eine Passage im Kapitel über „Souveränität“, die mich an die „Mutlose Aids-Information“ denken lässt, die Blogger Ondamaris beschreibt. Denn auch bald 6 Monate nach der Stellungnahme der „eidgenössischen Kommission für Aidsfragen“ (EKAF) zur durch Therapie unter Kontrolle gebrachten Infektiosität findet in Deutschland keine freie öffentliche Diskussion über die medizinischen und sozialen Auswirkungen statt.

Auffallend ist, dass sich auch die vielen Fachkräfte in den Aidshilfen mit Äusserungen zurückhalten. Was ist das für eine Champignon-Mentalität die man sonst nur aus der Verwaltungsbürokratie kennt: Wer als erster den Kopf rausstreckt, wird geköpft! Alle denken und diskutieren, aber verlautbart wird nichts. Wer ist der Souverän zum Thema? Das BMG? Die BZgA? Die DAH? Die Totgeburt von Expertenrunde, die als lahmer Brüter seit Februar versucht, ein deutsches Konsenspapier aufzustellen? Denken und reden darf man erst, wenn alle gleichgeschaltet sind? Deutschland wollte einmal „mehr Demokratie wagen“. (Man beachte besonders die Seite 3 der Rede von Willy Brandt: http://www.fes-online-akademie.de/download.php?d=mehr_demokratie_wagen.pdf.) Dem Volk als „Souverän“ traut man heute wohl nicht mehr viel zu.

Trotz des verbandlichen Konsensuspapieres der DAH: Souverän agiert auch die Deutsche AIDS-Hilfe nicht, die Kritik in ihre Richtung wächst. Aber wer von den Kritikern belebt denn die Diskussion? Wenn schon die DAH nicht als souverän und „geistig unabhängig“ agierend erlebt wird, warum tun es die örtlichen Aidshilfen dann nicht? Wartet man lieber auf den Segen von oben, um dann nichts falsch gemacht zu haben? Falsch ist es aus meiner Sicht, in Schweigen zu verfallen. Fragen müssen aufgegriffen, offensiv und kontrovers diskutiert und zu Antworten gestaltet werden.

Andreas Giger schreibt zu dem Aspekt der „geistigen Unabhängigkeit“ im Kontext Souveränität:

„Können Opportunisten souverän sein? Natürlich nicht, denn wer sein Meinungs-Fähnlein nach dem Winde hängt, ist nicht selbstbestimmt. Gerade im Inneren unseres Geistes, wo die Freiheit schon immer am zugänglichsten war, pochen souveräne Menschen darauf, sich von niemandem dreinreden zu lassen. … Wer sich das Denken abnehmen lässt, dieses einzig absolut Eigene, was der Mensch besitzt, mit dem ist es aus. …“

Im Inneren meines Geistes nehme ich seit längerem wahr, dass HIV/AIDS seinen Schrecken verloren hat. Die Behandelbarkeit der HIV-Infektion verbessert sich stetig, die Sterblichkeit sinkt und jetzt taugt auch die Infektiosität als generalisiertes Schreckensszenario nicht mehr. Das Jammern und Zetern darüber, dass HIV seinen Schrecken verliert, begann schon nach Einführung der HAART 1995/96. Seit über 10 Jahren ergehen sich nun namhafte Aufklärungsstellen immer wieder in der monotonen Wiederholung dessen, wie schlimm es sei, dass HIV in der Wahrnehmung weiter Teile der Bevölkerung seinen Schrecken verloren habe.

Googelt man mit diesen Suchbegriffen: – HIV AIDS Schrecken verloren -, erscheinen 69.800 Einträge. An dem Wandel und der Veränderung muss also wohl etwas dran sein, wenn sich so viele dazu äussern. Nur: Welche Bedeutung gibt man dem Ganzen?

Ist es eine zeitgemäße HIV-Prävention, den Schrecken reanimieren zu wollen? Meine Antwort dazu ist klipp und klar: NEIN. Aber offenbar will man immer noch erschrecken, weil einem nichts besseres einfällt. Die Botschaft lautet also: Erschrecken schützt! Nun, ich wage es zu bezweifeln: an den „Schreckreiz“ haben wir uns schon alle längst gewöhnt, der zieht nicht mehr, die präventive Wirkung der Schreckenserinnerung verpufft, weil HIV heute ein anderes Gesicht hat.

Dabei sabbotiert die „Schreckens-Propaganda“ auch eine aktive Entstigmatisierung und fördert stattdessen die Ausgrenzung von HIV-Positiven. Als Mensch mit HIV habe ich diese Strategie wohl sogar lange Zeit solidarisch mitgetragen und damit möglicherweise eine Selbststigmatisierung betrieben, um Neuinfektionszahlen niedrig zu halten.

Spätestens nach der Veröffentlichung der Stellungnahme der EKAF ist es aus meiner Sicht nun an der Zeit, dass wir Menschen mit HIV dieses alte Bündnis aufkündigen und verstärkt Kampagnen zur Entängstigung für ein gutes Leben als HIV-Positiver in der Gesellschaft einfordern. Dafür muss Prävention aber auf eine andere Basis als die des „Schreckens vor HIV“ gestellt werden, die ja auch unterschwellig immer ein „Erschrecken vor HIV-Positiven“ als Reaktion auslöst.

Der Deutschen AIDS-Hilfe werden immer wieder von den öffentlichen Geldgebern Steine in den Weg gelegt, ihre zeitgemäße Präventionskampagne für schwule Männer „Ich weiss, was ich tu“ (IWWIT) zu starten. Im März 2008 sollte es schon losgehen. IWWIT will Dinge beim Namen nennen, die sexuell aktive schwule Männer beschäftigt. Zielgruppengemäße Präventionsaussagen sollen aber offenbar verschämt nichtöffentlich „unterm Ladentisch“ gehandelt werden wie sich vor Jahrzehnten „Mann“ die Kondome beim Friseur des Vertrauens holte.

Der Widerstand der selbsternannten HIV-Gesundheitselite, die Inhalte des EKAF-Statements anzuerkennen, nimmt sich aus wie ein letztes Aufbäumen, wenn subtil das Bild des verantwortungslosen HIV-Positiven bemüht wird, der um seiner Lust willen andere Menschen mit einer HIV-Übertragung riskiert.

HIV-Prävention wirkt, wenn sie souverän die Fakten beim Namen nennt, z.B.:

  • Ja, es ist gut, sich zu informieren und bewusst Eigenverantwortung auszuüben.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist und bleibt eine schwere Gesundheitsgefährdung.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist heute, wenn früh genug erkannt, gut behandelbar.
  • Ja, eine wirksame HIV-Therapie senkt die Infektiosität auf ein Minimum oder gar Null.
  • Nein, Kondome bieten keinen 100%igen Schutz.
  • Ja, man kann das Risiko einer HIV-Ansteckung sehr weitgehend minimieren.
  • Ja, kondomfreier Sex kann auch unter gewissen Bedingungen Safer Sex sein.
  • Nein, absolute Sicherheit gibt es nicht.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 13.07.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort wenige Tage später Mitte Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Hurra, sie sterben noch…

September 21, 2008

Für meine Fahrt zur Arbeit kramte ich mal wieder ein altes Musikschätzchen heraus, eine CD mit den besten Songs von Milva. Als ich dann „Hurra, wir leben noch“ hörte, bekam ich eine Gänsehaut. Wie treffend passt ihr Song auf die laufende Debatte über die Veröffentlichung der schweizer AIDS-Komission, dass eine gut behandelte HIV-Infektion auch die Infektiosität auf nahe Null senkt.

„Wir leben noch nach all dem Dunkel sehen wir wieder Licht. Wir leben noch. Der Satz bekam ein anderes Gewicht. So schlimm es ist. Es wird als dass man nie vergisst: Wir leben noch, Wir LEBEN!“

Ja und was mussten wir nicht alles überstehen? Ausgrenzung, Schuldzuweisungen, Diskriminierung, Vorwürfe und ein diffuses Gefühl, dankbar sein zu müssen, wenn überhaupt jemand etwas mit uns zu tun haben wollte.

Ja und was müssen wir nicht auch heute noch überstehen? Unsere Lebensfreude passt vielen Gesundheitspolitikern nicht. Sie würden am liebsten singen: „Hurra, sie sterben noch! Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht.., für Prävention und Emotion… Sie sterben noch! Sie STERBEN!…“

„Wie stark ist der Mensch? Wieviel Ängste und wie viel Druck kann er ertragen.. ??“

Alle suchen jetzt händeringend nach einem Konzept für „Viruslast und Prävention“.

Wer arbeitet denn mit gleicher Kraft an einem zeitgemässen Konzept für „Enstigmatisierung und Viruslast“?? Da sehe ich uns HIV-Positive sehr alleine auf weiter Flur…

Last uns mit Milva singen!! Hier gibts es sie mit Musik auf youtube.

Hurra, wir leben noch

Wie stark ist der Mensch? Wie stark?
Wie viel Ängste wie viel Druck kann er ertragen?
Ist er überhaupt so stark wie er oft glaubt?
Wer kann das sagen?

Hurra!!! Wir leben noch!
Was mussten wir nicht alles überstehn?
Und leben noch!
Was ließen wir nicht über uns ergehen?
Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg
Wir leben noch
HURRA!!! Wir leben noch!
Nach jeder Ebbe kommt doch eine Flut
Wir leben noch
Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht
So selbstverständlich ist das nicht
Wir leben noch

Wie stark ist der Mensch? Wie stark?
In der Not hilft weder Zorn noch Lamentieren
Wer aus lauter Wut verzagt und nichts mehr tut
Der wird verlieren

Hurra!!! Wir leben noch!
Was mussten wir nicht alles überstehn?
Und leben noch!
Was ließen wir nicht über uns ergehen?
An Einerlei der Kelch ging noch einmal an uns vorbei
Wir leben noch

HURRA!!! Wir leben noch!
Nach jeder Ebbe kommt doch eine Flut
Wir leben noch
Gibt uns denn dies Gefühl nicht neuen Mut und Zuversicht
So selbstverständlich ist das nicht
Wir leben noch

Hurra!!! Wir leben noch nach all dem Dunkel
Sehen wir wieder Licht
Wir leben noch
Der Satz bekam ein anderes Gewicht
So schlimm es ist
Es wird als dass man nie vergisst
Wir leben noch
Wir leben

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 01.07.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.