Weniger Krankengeld für Freiberufler und Selbständige ab 2009

Oktober 9, 2008

„Auf Grund des Wettbewerbsstärkungsgesetztes (WSG) wird es für GVK-Versicherte Selbständige und Freiberufler ab 31.12.2008 eine schwerwiegende Änderung geben. Ab diesem Zeitpunkt wird als Folge des WSG der Anspruch auf Krankengeld ersatzlos wegfallen. Dadurch zahlt dieser Personenkreis nur noch den ermäßigten Beitragssatz und das Krankengeld muss über einen Wahltarif in der GKV oder eine privaten Krankentagegeldversicherung abgesichert werden. Die Entscheidung für einen Wahltarif geht mir einer unwiderruflichen dreijährigen Bindung in der GKV daher.

Das Krankengeld der GKV ist grundsätzlich nicht an den Bedarf höherer Einkommen ausgerichtet, sondern auf die jeweilige Beitragsbemessungsgrenze limitiert. Gerade Selbständige und Freiberufler haben im Krankheitsfall hohe Einkommenseinbußen.

Der maximale Auszahlungsbetrag von 2206.26 € liegt für viele Selbständige und Freiberufler erheblich unter ihrem tatsächlichen Verdienst.“

Quelle: S.2 der Kundeninformation Oktober 2008 einer Kölner Wirtschaftsberatung.

Selbständige und Freiberufler können somit ihren höheren Bedarf nur über eine private Zusatzversicherung – bei der dann auch die dreijährige Vertragsbindung entfällt – absichern.

Für Selbständige und Freiberufler mit schweren chronischen Erkrankungen – wie einer HIV-Infektion – bleibt dieser Weg der Zusatzversicherung voraussichtlich verwehrt: HIV ist ein Faktor, welcher bei Vertragsabschluss der Mitteilungspflicht unterliegt. Als Folge lehnt die private Versicherungswirtschaft in der Regel entsprechende Versicherungen bei Menschen mit HIV und AIDS ab.

Diese Politik hat durch diese Art der Neuregelung des Krankengeldes de facto einmal wieder eine Diskriminierung gebilligt von  Menschen mit HIV und AIDS sowie anderen chronischen Erkrankungen , weil das Ausschlussverhalten der privaten Versicherungsanbieter in solchen Fällen bekannt ist.

Nachtrag 10.11.08: Auch die AIDS-Hilfe NRW hat zum Thema eine Pressemitteilung veröffentlicht.

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Mut für ein Interview

September 21, 2008

 

Vorgestern rief die „WDR-Lokalzeit Bergisch-Land“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal an. Sie suchten HIV-Positive und Ärzte als Interviewpartner für einen Bericht und baten um Unterstützung. Mit zugesicherter Anonymisierung ist „Theresa“ zu einem Interview bereit.

Unsere Schwerpunktsetzung hier in Wuppertal zum WAT hat gezündet! Die Medien greifen breit auf, wie wenig vorbereitet viele Ärzte auf die Begegnung mit HIV-Positiven sind. Es gibt ja immer sehr sehr viele aktuelle Themen, die man ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken müsste. Entscheiden muss man sich aber immer für EINS.

Das bedeutete für mich seit vorgestern viel telefonieren. Menschen mit HIV, die ich kenne, rufe ich an, erkläre, worum es geht, frage, ob sie sich für ein Interview bereit erklären. Die Suche gestaltete sich sehr schwierig. Im Fernsehen sich so öffentlich mit der eigenen HIV-Infektion zu präsentieren, löst Angst aus. Angst vor negativen Reaktionen der Gesellschaft, vor Nachbarn, Arbeitgebern, Angst, auf der Straße erkannt und angepöbelt zu werden, Angst als HIV-positiver Elternteil über ein offenes Auftreten mit HIV zu riskieren, dass die eigenen kleinen Kindern diskriminiert werden… Berechtigte Anliegen, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

Und HIV ist zwar in Deutschland kein Kündigungsgrund für eine Arbeitsstelle, aber ich habe in Beratungen mehrfach in 2007 gehört, dass Kündigungen wegen HIV ausgesprochen wurden.

Meine Anrufe lösen bei allen HIV-Positiven starke Emotionen und bei vielen auch Anspannung aus. Erinnerungen an die Mitteilung der HIV-Diagnose, an kränkende Erfahrungen mit inkompetenten Ärzten, an einen Schwangerschaftsabbruch, der auf grund der falschen ärztlichen Beratung vorgenommen wurde und bis heute schmerzt… Ich kann die angerufenen HIV-Positiven mit dem, was meine Anfrage bei ihnen auslöst, nicht so einfach sitzen lassen. Mein Anruf ist oft Anlass, Bilanz zu ziehen, was man im Leben mit HIV bisher erlebt hat – und dann braucht es ausreichend Zeit und ein offenes Ohr, um mit mir als Gesprächspartner zu erinnern, Erlebnisse zu bewerten und auch gemeinsam zu erkennen, was an persönlicher Entwicklung und Reifung zu einem selbstbewußten Patienten, einer selbstbewußten Patientin in all den Jahren sich vollzogen hat. Sehr persönliche Erfahrungen höre ich, oft auch Erlebnisse, die ich von diesem Menschen noch nicht wusste – längst geht es nicht mehr nur um die Interviewanfrage…

Sich so direkt, mit Name und Gesicht in der unbekannte großen Fernsehöffentlichkeit mit HIV zu outen, dazu war dann schließlich doch niemand bereit. Nach Rücksprache mit dem Redakteur sagte der WDR eine Anonymisierung zu. Name und Gesicht bleiben nicht erkennbar, die Stimme wird auf Wunsch verfremdet. Erst mit diesem zugesicherten persönlichen Schutz sind 2 HIV-Positive bereit, ein Interview zu geben, von denen eine Frau dann auch am Drehtag Zeit hat.

Heute war nun dieser Drehtag. Ich hole „Theresa“, so wird sie im Fernsehinterview heissen, ab und fahre mit ihr in die Arztpraxis, wo das Interview gefilmt wird. Auf dem Weg dorthin stimme ich Theresa ein, frage sie, was sie als HIV-Positive mit Ärzten in ihren 8 Jahren mit HIV erlebt hat. Theresa sprudelt förmlich über vor Erinnerungen. Alles ist ihr sehr präsent. Sie kann die Verunsicherung der Ärzte durchaus verstehen, aber mich beeindruckt, dass SIE sich mit IHREM Bedürfnis, als Patientin menschenwürdig und medizinisch kompetent behandelt zu werden, so selbstbewußt ernst nimmt.

Als wir in der Arztpraxis ankommen, ist gerade ein Interview mit einem anderen Patienten zuende, der nur über gute Erfahrungnen als HIV-Positiver mit Ärzten berichtete. Da hat er Glück gehabt, denken wir und es tut ja auch gut, dieses zu hören.

Der Redakteur Thomas Mau, sein Kameramann und Tontechniker sind ein wirklich sehr sympathisches Team. Keine Hektik. Eine freundliche und herzliche Athmosphäre verbreiten sie. Theresa fällt es leicht, im Interview sehr schnell auf DAS zur Sprache zu kommen, was sie sagen will und zu erzählen, was sie erlebt hat. Auch wenn nur ihr Mund oder ihre Hände auf dem Bildschirm zu sehen sein werden: Das, was sie erzählt und vor allem, WIE sie es berichtet, ist absolut authentisch und beeindruckt das ganze Team. Auch mein Mitgefühl wird groß, als sie berichtet, wie unfair Ärztinnen und Ärzte mit ihr bei Schwangerschaften umgingen. Oder wie Ärzte ihre gravierenden Nebenwirkungen zu Beginn ihrer HIV-Therapie nicht ernst nahmen. Und trotz all dieser neagativen Erfahrungen ist sie unbeirrt darin, im Kontakt mit Ärzten immer bewußt offensiv mit HIV umzugehen.

Das Interview ist vorbei. Ich fahre mit Theresa wieder zurück. Unterwegs tauschen wir uns aus über unsere Eindrücke beim Interview, und was wohl rübergekommen ist. Zwischen uns lebt eine Athmosphäre großer Verbundenheit, die uns in diesem Moment stärker bewußt ist als sonst im Alltag. Theresas Geschichte mit HIV ist eng mit meiner Person verbunden. Ich war der Erste, der sich nach ihrer HIV-Diagnose Zeit nahm, ihr zuhörte, ihr Informationen gab und sie später, nach Jahren, in denen sie die Teilnahme an Veranstaltungen und Treffen in der AIDS-Hilfe Wuppertal scheute, eines Tages zufällig auf der Straße traf und einfach einfing: „He, heute trifft sich die Frauengruppe! Komm einfach mit.“ Sie kam mit und mein Schubs half ihr, das Eis zu brechen. Sie ist heute froh, den Schritt in die AIDS-Hilfe gefunden zu haben, geniesst die Atmosphäre der „positiven Selbstverständlichkeit“ in der Gemeinschaft mit anderen, die mit HIV leben.

Gesendet wird der Beitrag, in dem auch Ärzte und ich für die AIDS-Hilfe Wuppertal zu Wort kommen, am Welt-AIDS-Tag, Samstag, 1.12. in der West3 – Lokalzeit Bergisch-Land, zwischen 19.30 und 20.00 Uhr.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 29.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Chronisch versteckt – mit HIV zum Arzt

September 21, 2008

Da gibt es eine sehr schöne Tradition in Wuppertal: Unser Oberbürgermeister Peter Jung (CDU) läd, wie schon sein Vorgänger von der SPD, den Arbeitskreis Welt AIDS-Tag mit 2 Personen in seine Montags-Pressekonferenz ein, um unsere Veranstaltungen zum WAT den Medien- und Pressevertretern vorzustellen.

Erfreulich ist, dass hier in Wuppertal ein breites Bündnis den Veranstalterkreis bildet. Neben der AIDS-Hilfe Wuppertal sind dies die AIDS-Beratung und AIDS-Koordination im Gesundheitsamt, die AIDS-Prävention der AWO (Youthworker), Elterninitiative für akzeptierende Drogenarbeit, Drogenberatungsstelle, Kontaktstelle für Drogengebraucher „Gleis 1“, Arbeitskreis Kirche und AIDS, die Vereinte Evangelische Mission und die Psychosoziale Planung/Behindertemplanung der Stadt Wuppertal. Nur so bekommen wir die breite inhaltliche Palette der Veranstaltungen hin.

Zu der Pressekonferenz des Oberbürgermeisters gestern am 19.11. haben wir eine Pressemitteilung veröffentlicht, die in diesem Jahr die Aufmerksamkeit besonders auf den Umgang mit HIV in der Arztpraxis lenkt.

Viel zu wenig beachtet wird, dass nicht nur in der Allgemeinbevölkerung, sondern gerade auch in der Ärzteschaft eine kontinuierliche Sensibilisierung zu HIV und AIDS erforderlich ist. Unsere headline ist entsprechend deutlich:

Chronisch versteckt

Der „normale“ Umgang mit HIV-Positiven ist in der Arztpraxis immer noch eine Ausnahme

19.11.07 Zum Welt-AIDS-Tag (WAT) am 1.12.2007 appelliert der Wuppertaler Arbeitskreis Welt-AIDS-Tag an die Ärzte, bei der Mitteilung einer HIV-Diagnose sensibel vorzugehen, sich auf die Begegnung mit HIV-Positiven einzustellen und sich zu ihren HIV-positiven Patienten zu bekennen. Ärzte können gemäß des übergreifenden Mottos zum WAT „Gemeinsam gegen AIDS. Wir übernehmen Verantwortung!“ mitwirken, der „Unsichtbarkeit“ von HIV/AIDS entgegenzuwirken und einen entspannten Umgang mit HIV-Positiven beispielhaft vorleben. Und auch im Arzt-Patientengespräch gilt: Über Sexualität zu reden kann das Safer-Sex-Verhalten bestärken.

Hier gibts die komplette Pressemitteilung zu lesen.

Auf dem Positiventreffen im Waldschlösschen fand ich letzte Woche in Gesprächen mit HIV-Positven über ihre Erfahrungen mit Ärzten bestätigt, dass hier ein permanentes Konfliktfeld besteht. Alle geschilderten Begebenheiten haben sich in jüngster Zeit, also 2006 und 2007 zugetragen:

Herr K., ein HIV-positiver Mann berichtet, dass er wegen Tinnitus und Ohrenschmerzen zu einer HNO-Ärztin ging. Von seiner HIV-Infektion hatte er auf dem Fragebogen Mitteilung gemacht. Bevor die Ohrenärztin den Trichter zur optischen Inspektion des betroffenen Ohres benutzte, zog sie sich einen Mundschutz an. Der HIV-Positive fragte sie darauf hin direkt, warum sie dies täte. Sie antwortete, um sich vor HIV zu schützen. (Hallo, wer ist hier der Fachmann???)

Der gleiche Mann berichtet, dass ein Zahnarzt ihm gesagt hätte, nach der Behandlung von HIV-Positiven müsse er seine Praxis immer desinfizieren. (Hallo??? Kann ich da als HIV-Positiver wirklich dem Hygienestandard dieser Praxis vertrauen? Wer weiss, was MIR da für Bakterien und Viren in den Mund transportiert werden???)

Jetzt sagt Herr K: „Ich habe beschlossen, meine HIV-Infektion beim Arzt nicht mehr mitzuteilen, weil ich diese diskriminierenden Erfahrungen nicht mehr erleben möchte.“ (Das hören und lesen dann Ärzte aber gar nicht gerne. Aber das Arzt-Patientenverhältnis muss doch von BEIDEN Seiten aus vertrauensvoll gestaltet werden!!)

Für Herrn U. waren die unangemessenen Reaktionen und die Unaufgeklärtheit der Ärzte ein Grund, seinen Wohnort aus Süddeutschland nach Berlin zu verlegen. „Ich war diese Reaktionen einfach leid.“

Herr O. musste sich im Krankenhaus an einem Wochenende notfallmäßig behandeln lassen. Nach der Akut-Behandlung sagte der Arzt, Bezug nehmend auf die zuvor mitgeteilte HIV-Infektion: „Bei Ihnen dauert die Heilung ja sowieso länger.“ Herr O. reagierte empört: „Wie können Sie so etwas sagen, ohne meine Immunwerte zu kennen?“ Mit diesem selbstbewußten Auftreten konnte der Arzt offenbar nicht umgehen, die Behandlung wurde von einer Krankenschwester beendet. Herr O. weiss, dass er trotz HIV-Infektion einen ungewöhnlich fitten Immunstatus hat.

Ein anderer HIV-Positiver wurde als Patient in der Notaufnahme akut behandelt. Nach der Behandlung fragte der Arzt: „Haben Sie noch andere Erkrankungen?“ Darauf antwortete der Patient: „Eigentlich nicht, aber ich bin HIV-positiv.“ „An seiner Reaktion merkte ich, wie dem Arzt dann die Panik in die Augen stieg.“

Eine Kollegin in der Online-Beratung der AIDS-Hilfen berichtet, dass in ihrer Stadt der HIV-Arzt grundsätzlich (aus falschem Schutzverständnis) den Positiv-Getesteten empfiehlt, nicht zur örtlichen AIDS-Hilfe Kontakt aufzunehmen mit der Begründung, da könnten sie ja von anderen gesehen werden. Er empfiehlt die Kontaktaufnahme zu einer AIDS-Hilfe in der nächsten Großstadt. –
Fachlich angemessen wäre es, als Arzt mit seinen Patienten zu besprechen, wie diese es erleben würden, wenn sie in der AIDS-Hilfe auf bekannte Gesichter stoßen würden, die Entscheidungsfähigkeit den Patienten nicht abzusprechen und mit diesem gemeinsam zu überlegen, welche Beratungsstelle für sie die geeignetste sein könnte.

Ich glaube, diese Liste von Erfahrungen ist endlos, wenn alle ihre Erlebnisse aufschreiben würden.

Glücklicherweise gibt es auch Ärzte, die fachlich und auch menschlich fit sind, mit HIV-Positiven ganz normal umzugehen. Es wird heute so viel von der „Normalisierung“ von HIV gesprochen. Aber in der Arztpraxis und im Krankenhaus ist von dieser angeblichen Normalisierung oft aber auch nicht ein Fitzelchen zu spüren. Und das muss zum Welt-AIDS-Tag auch mal gesagt sein!

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 20.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.