Unsere Geschichte sind unsere Geschichten

November 5, 2011

–   Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns? –

Wenn ich mich an die nun 30 Jahre von HIV und Aids erinnere, spüre ich als erstes, welch mächtigen Einfluss HIV auf mein Leben genommen hat. Durch HIV kam ein Faktor ins Leben, den weder ich noch andere schwule Männer ignorieren konnten. Wir mussten eine Form des Umgangs und des Arrangements mit diesem Virus finden. Das Virus wurde eine fremdbestimmende Einflussgröße, welche Autonomie und Eigenart zu beherrschen drohte, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.

Erinnerungen sind scheu. Sie stellen sich nicht auf Kommando ein. Erinnern ist nicht planbar. Erinnerungen kommen spontan. Manchmal überfallen und erschüttern uns Erinnerungen, wenn wir gar nicht damit rechnen: Untrennbar sind Erinnerungen mit Emotionen verbunden.

Wir spüren, dass das, was wir erinnern, immer emotional besetzt ist. Überhaupt erinnern Menschen nur, was emotional bedeutsam war im Leben. Es sind oft Begegnungen mit Menschen, bei denen wir uns wohl, geborgen und sicher gefühlt haben, mit denen wir Nähe erlebt haben, eben besondere, herausragende Momente im Leben.

Wir erinnern Erlebnisse, die selbstwertstärkend waren, wo wir uns angenommen und verstanden gefühlt haben – aber eben auch genau gegenteilige Erfahrungen: Situationen von Bedrohung, Gefahr und kränkender Ablehnung. Wir erinnern Brüche und Wendepunkte im Leben, Ereignisse, die starke Veränderungen ausgelöst haben, wo etwas Neues in unser Leben hineingekommen ist.

Wenn wir uns erinnern, vergewissern wir uns dabei unserer Identität und der Kontinuität unseres Lebens. Wie bedeutsam, ja existenziell die Fähigkeit zur Erinnerung für unser Identitätserleben ist, wird deutlich, wenn Menschen durch ein Hirntrauma, Demenz oder andere Ursachen ihr Erinnerungsvermögen verlieren: Sie wissen dann nicht mehr, wer sie sind, sie sind beziehungslos und verloren in der Zeit.

Unsere Erinnerungen sind also unser Anker und unsere Verortung in der Welt und in unserer Lebensumgebung, die sich permanent verändert. Durch das Bewusstsein über den eigenen Lebensweg erhalten wir die Gewissheit und Sicherheit, wo wir hingehören, wo wir zuhause und verwurzelt sind. Erinnerung ist Halt und Orientierung. Wir identifizieren uns mit dem, was wir erlebt haben: Es ist unsere Geschichte, die wir erzählen können und es ist unser Biografie, unsere Lebensgeschichte, unsere Einzigartigkeit.

Für ein selbstbewusstes Älter-werden hat  in meinem Verständnis eine zentrale Bedeutung, möglichst umfassend zu allem, was ich erlebt habe und was ich handelnd getan habe, sagen zu können: „Ja, so war es – genau so war es!“

Angesichts von HIV und Aids wird es nun schwer, rückblickend auszuhalten, wie es war. Es sind doch viele Erinnerungen von starker und existenzieller Bedrohung: HIV machte Angst, die homophobe, sexualfeindliche Gesellschaft machte Angst – und gleichzeitig erlebten viele von uns, wie Partner, Freunde, Weggefährten, Menschen in unserem Umfeld, starben– oder auch wir selber durch HIV krank wurden.

Ob als HIV-Positiver, HIV-Negativer oder Ungetesteter: es ging ums Überleben in einer bedrohlichen und feindlichen Welt. Der Solidarität anderer konnten wir nie selbstverständlich gewiss sein. Unsere Erinnerungen sind oft bittere und schmerzhafte Erfahrungen.

Wie kann man überhaupt mit der Fülle all dieser Erfahrungen leben? Als ich einen über 60-jährigen schwulen Langzeitpositiven und HIV-Aktivisten der ersten Jahre einmal fragte: „Was machst du nur mit all deinen vielen Erinnerungen?“, antwortete dieser nach einem kurzen Moment des Innenhaltens spontan: „So schnell wie möglich vergessen!“

Diese Antwort stimmt mich nachdenklich. Ja, es ist eine Wahrheit, dass es vieles in unserem Leben gibt, an das wir uns nicht gerne erinnern, weil der Schmerz immer noch so groß ist – und wahrscheinlich auch bis an unser Lebensende groß bleiben wird.

Das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille.

Denn Not schweißt auch zusammen und angesichts der früher auszuhaltenden Not gab es oft  unerwartete Hilfe und Solidarität von außen, und es gab einen sich immer stärker organisierenden Zusammenhalt von innen. Es gab nicht nur die persönlichen Niederlagen, wenn Freunde und Weggefährten an Aids starben, es gab auch Siege, wo wir uns als starke Gemeinschaft erlebten, wo wir uns in der Gesellschaft behaupteten, Einfluss und Macht errungen und unsere Realität in die öffentliche Wahrnehmung gerückt haben.

Zum Wesen der Erinnerung gehört die Nachdenklichkeit. Beim Erinnern blicken wir aus einer veränderten Perspektive und aus zeitlicher Distanz auf das Erlebte zurück. Indem wir Erinnerungen teilen und mitteilen, bewerten wir darin das Erlebte immer wieder neu, können es in einen größeren Zusammenhang stellen und die Bedeutung der Ereignisse neu bewerten.

Und wenn wir erst einmal anfangen, uns zu erinnern, dann erinnern wir auch immer mehr! Auch vergessen geglaubte Erfahrungen werden wieder wach. Sich zu erinnern braucht Zeit – und das Erinnern widersetzt sich damit hartnäckig einem Zeitgeist, der auf Professionalität, Ergebnisproduktion und Effektivität fokussiert ist. Wer sich erinnert, geht eben nach „innen“, geht auf eine Zeitreise in seine innere Welt. Vielleicht ist das Erinnern auch deshalb eher dem Alter vorbehalten, weil dann – befreit von beruflichen Zwängen –  mehr Zeit da ist, sich zu erinnern. Gleichzeitig entsteht ein Bedürfnis, in der Fülle der eigenen Biografieerfahrungen den Überblick nicht zu verlieren: Wir finden eine Struktur, definieren Episoden und Abfolgen, konzentrieren Erlebtes in erzählbaren Geschichten.

Brauchen wir also eine neue Kultur des Erinnerns?

Ich vermag nicht zu benennen, ob wir überhaupt eine „alte“/bisherige Kultur des Erinnerns leben. Unsere Geschichte sind unsere Geschichten – und Geschichten zu erzählen wird häufig  als verstaubt und unangebracht sentimental abgewertet. Wo gönnen wir uns denn im Alltag die Zeit, uns Geschichte und Geschichten zu erzählen? Wenn aber in unserer Geschichte unsere Identität liegt, vernachlässigen wir uns selber, wenn wir unsere Geschichten nicht wertschätzen und erzählen. Es lohnt, die Erinnerungen einzuladen. Erinnerungen sind stolz: Sie kommen nur zu denen, die ein offenes Ohr mitbringen.

Ich glaube, wir brauchen zunächst eine Sensibilität und ein Bewusstsein für den Wert des Erinnerns. Unsere Erinnerungen sind ein Schatz an Erfahrungen. Schließlich leben wir noch – und verfügen offensichtlich über Fähigkeiten und Lebensweisheiten, die dieses Überleben zustande gebracht haben.

Und das gilt nun sowohl für die einzelne Person, als auch für uns als Gemeinschaft.

Michael Jähme

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Dieser Impulsvortrag war mein Beitrag zur DAH-Präventionskonferenz  „Bis hierher – und noch weiter…“, 4.-6.11.2011 in Berlin im Workshop 1.3. Neues AIDS – alte Bilder / „Es sterben doch immer noch so viele!“

Die Frage, ob es einer neuen Kultur des Erinnerns bedarf, wurde aufgeworfen in der Diskussion meines Vortrags bei den Münchner AIDS-Tagen 2010: „Langzeitpositive und schwule Senioren sind Zeitzeugen vom Leben mit HIV„.

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Ist der Lack erst ab – Schwulsein jenseits des Jugendwahns

Juli 18, 2009

Älter werden als schwuler Mann, dieser Lebenssituation widmete der Deutschlandfunk am 17.07.09 eine 90-minütige Radiosendung, die als podcast gehört werden kann und auch zum download bereit steht.

Unter anderem ging darum: Wie kann ein gutes Leben als Schwuler im „herangerückten Alter“ aussehen? Wie kann Lebensqualität und erfülltes Leben gelingen? Wer kann als Vorbild dienen und was kann Orientierung geben?

Ein zugeschalteter Hörer meinte: „Ältere Schwule befinden sich alle noch in einem sozialen Experimentierfeld. Und zwar deswegen: Es gibt keine Altersbilder für uns und die müssen erst noch entstehen.“

„So wie wir uns die Emanzipation erarbeitet haben, als selbstbewußte Schwule und Lesben, so müssen wir anfangen, uns dieses Vorbild zu erarbeiten.“

Bernd Volger, Studiogast, dazu: „Ich frage mich gerade, ob ich ein Vorbild brauche. Ich glaube, ich brauche es nicht. Ich habe überhaupt keine Angst vor dem älter-werden. Ich weiß nicht, wie es ist, wie ich später lebe. Ich weiß nur, daß ich ein soziales Netz habe, und daß ich überhaupt keine Befürchtungen habe, egal in welche Situation ich komme, daß Menschen für mich da sind, wenn ich sie benötige. Und deshalb kann ich jetzt zu meinem Alter so stehen, wie es ist.“ – „Es ist wichtig, daß ich mit mir selbst im Klaren bin, daß ich nicht unter Druck stehe.“

Ich selber gab auf dem Kölner CSD Statements ab, die als O-Töne in die Sendung Eingang fanden:

„Ich möchte einfach mein alt-sein und älter-werden als schwuler Mann selbst definieren. Ich möchte den Jugendlichen ihre Jugendlichkeit auch nicht neiden, aber ich glaube, es braucht Ideen, da auch ein eigenes Selbstbewußtsein als älterer schwuler Mann zu entwickeln. Wie das aussehen kann, weiß ich selber nicht. Ich glaube, wir sind eine Generation, die das einfach erfinden muss.“

„Es ist einfach die Situation, dass so wenig Strukturen da sind für schwule Männer, wenn sie denn jenseits der 50 sind:  Also wenn man nicht so in der kommerziellen Szene ausgehen will, wenn man nicht so viel abends unternehmen will sondern mehr Lust hat, tagsüber was zu unternehmen weil es einfach mehr dem eigenen Lebensgefühl entspricht. Da gibt’s recht wenig. Und da, glaub ich, fehlt es schon auch an Einrichtungen oder irgendwelchen Gruppierungen, oder irgendwelchen Ideen, was da an neuen Strukturen sich einfach bilden muß. Das ist einfach jetzt noch nicht da, aber ich hab für mich selber das Bedürfnis, da muss… da muss irgendwas Neues entstehen.“

In der Sendung wurde dargestellt: die schwulen Seniorengruppen sind etwas anderes als das traditionelle Bild von Hetero-Senioren-Kraffeekränzchen.

Ich merke, dass ich genau vor so etwas Horror habe, diese Kaffekränzchen-Athmosphäre auch in schwulen Gay&Gray-Gruppen anzutreffen. Für viele mögen sie wichtig sein und haben ihren Sinn, um Gemeinschaft zu finden und Selbstbewußtsein zu stärken. Meine Bedürfnisse gehen darüber hinaus: Ich bin ein Mann der Stonewall-Generation, habe seit meinem Coming Out immer offen schwul gelebt, bin an Gesellschaft und der schwulen Szene interessiert und habe sie mitgestaltet. Ich habe immer ein kreatives schwules Leben gelebt, habe andere inspiriert und bin von anderen inspiriert worden. Genau das ist für mich Lebensqualität.

Sport, Wandern, Gay&Gray oder Golden Gays reichen mir persönlich nicht. Meine Vision vom Leben als schwuler Senior mit 70 ist, dass ich dieses kreative und inspirierende Leben, und damit meine ich gerade auch die politische Debatte miteinander hautnah am persönlich-biografischen Puls, zusammen mit anderen schwulen Männern mein Leben lang weiter erleben will.

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Lesenswert zum Thema auch ein Vortrag von Johannes Wahala von 2005: „Homosexualität und Alter„, sowie weitere Literaturtips und Berichte zum Thema zu finden auf der oben angegebenen Seite des DLF.

Und noch ein Veranstaltungstip für die Kölner: „Gold + Eden„, eine generationenübergreifende Theater-Collage über lesbische und schwule Lebenswelten. Fr, 9.10.; Sa, 10.10., jeweils 20.00 Uhr und So, 11.10. um 18 Uhr:

Das Paradies auf Erden für Eva & Eva, Adam & Adam? Wo sind die goldenen Zeiten im Leben älterer Schwuler und Lesben? Wartet hinter oder vor dem Busch das Glück? Wer reitet auf dem Regenbogen? Und was sagt die Schlange dazu?
Mit Witz und Ernst richten 13 Kölner Lesben und Schwule zwischen 38 und 79 Jahren Blicke auf den Garten Eden und verführen das Publikum in die Lebenswelten und Sichtweisen älterer Lesben und Schwuler – in deren Jugend männliche Homosexualität noch ein Straftatbestand nach § 175 StGB war und Lesbisch-sein als absoluten Tabu in der Gesellschaft galt.


Solidarität im Nachbarland: Königin Beatrix der Niederlande

September 21, 2008

In den Niederlanden wird die AIDS-Kampagne 25 Jahre alt. Passend zum Datum erscheint ein Buch über 25 Jahre AIDS-Kampagne in den Niederlanden. Das erste Exemplar nahm Königin Beatrix am Vortag des Welt-AIDS-Tages entgegen, auf der „11. nationalen Konferenz zu HIV/AIDS und sexuell übertragbaren Erkrankungen“ in Amsterdam.

Die Konferenz befasst sich auch gezielt mit der in den Niederlanden zu beobachtenden Diskriminierung von HIV-Positiven und der Tabuisierung von HIV und AIDS.

Prinzessin Mabel van Oranje-Nassau hielt die Eröffnungsrede und startete die neue niederländische STOP AIDS KAMPAGNE.

Über soviel Wertschätzung und Anerkennung freue ich mich, auch für für meine Freunde von „Poz and Proud“ in den Niederlanden! „Poz and Proud“ wurde im April 2006 als Selbsthilfekampagne Schwuler Männer gegründet und gehört der „HIV Vereniging Nederland“ an. „Poz and Proud“ will Mut machen, sich mit HIV nicht zu verstecken, will Diskriminierung und Stigmatisierung entgegenwirken und Schwule mit HIV unterstützen, gesund zu bleiben.

„Poz and Proud“, das mag für viele zunächst wie eine Provokation klingen: „proud“, also „stolz“ auf HIV zu sein? Nein, das ist damit NICHT gemeint. Aber „selbstbewusst“ mit HIV zu leben, das will „Poz and Proud“ unterstützen, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Sich mit HIV zu outen, das bedeutet, sich vielen Vorwürfen auszusetzen und gefährdet leider noch oft genug die berufliche Existenz. Sich verstecken zu müssen kränkt aber das Selbstwertgefühl und tut der Seele nicht gut.

Selbstbewusst und offensiv zu leben mit dem, was ist, das braucht jeder Einzelne und das braucht auch unsere Gesellschaft.

„Poz and Proud“ hat übrigens auch an einem Buch mitgearbeitet: „25 Jahre HIV und AIDS in der Schwulenszene der Niederlande“. Ich bin schon sehr darauf gespannt, es zu lesen. Ob dies wohl auch Königin Beatrix entgegen nehmen wird? Es sind durchaus 2 lesenswerte Bücher, die heute erscheinen.

Und ob unsere Kanzlerin Angela Merkel nächstes Jahr auch Zeichen setzen wird, wenn die Deutsche AIDS-Hilfe 25 Jahre alt wird? Angela, die geheime Königin der Deutschen? Mut hat sie ja. Und was ihr ein Anliegen ist, dafür setzt sie sich ein. Und für den internationalen Kampf gegen AIDS hat sie sich ja schon eingesetzt.

Es wäre aber für uns HIV-Positiven in Deutschland ein wichtiges Ereignis, jetzt auch einen nationalen persönlichen Zuspruch von unserer First Lady zu erleben.

Was wäre die Arbeit zu HIV und AIDS ohne Visionen und Träume. … Ach, schön wär’s ja schon…

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 30.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Mut für ein Interview

September 21, 2008

 

Vorgestern rief die „WDR-Lokalzeit Bergisch-Land“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal an. Sie suchten HIV-Positive und Ärzte als Interviewpartner für einen Bericht und baten um Unterstützung. Mit zugesicherter Anonymisierung ist „Theresa“ zu einem Interview bereit.

Unsere Schwerpunktsetzung hier in Wuppertal zum WAT hat gezündet! Die Medien greifen breit auf, wie wenig vorbereitet viele Ärzte auf die Begegnung mit HIV-Positiven sind. Es gibt ja immer sehr sehr viele aktuelle Themen, die man ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken müsste. Entscheiden muss man sich aber immer für EINS.

Das bedeutete für mich seit vorgestern viel telefonieren. Menschen mit HIV, die ich kenne, rufe ich an, erkläre, worum es geht, frage, ob sie sich für ein Interview bereit erklären. Die Suche gestaltete sich sehr schwierig. Im Fernsehen sich so öffentlich mit der eigenen HIV-Infektion zu präsentieren, löst Angst aus. Angst vor negativen Reaktionen der Gesellschaft, vor Nachbarn, Arbeitgebern, Angst, auf der Straße erkannt und angepöbelt zu werden, Angst als HIV-positiver Elternteil über ein offenes Auftreten mit HIV zu riskieren, dass die eigenen kleinen Kindern diskriminiert werden… Berechtigte Anliegen, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

Und HIV ist zwar in Deutschland kein Kündigungsgrund für eine Arbeitsstelle, aber ich habe in Beratungen mehrfach in 2007 gehört, dass Kündigungen wegen HIV ausgesprochen wurden.

Meine Anrufe lösen bei allen HIV-Positiven starke Emotionen und bei vielen auch Anspannung aus. Erinnerungen an die Mitteilung der HIV-Diagnose, an kränkende Erfahrungen mit inkompetenten Ärzten, an einen Schwangerschaftsabbruch, der auf grund der falschen ärztlichen Beratung vorgenommen wurde und bis heute schmerzt… Ich kann die angerufenen HIV-Positiven mit dem, was meine Anfrage bei ihnen auslöst, nicht so einfach sitzen lassen. Mein Anruf ist oft Anlass, Bilanz zu ziehen, was man im Leben mit HIV bisher erlebt hat – und dann braucht es ausreichend Zeit und ein offenes Ohr, um mit mir als Gesprächspartner zu erinnern, Erlebnisse zu bewerten und auch gemeinsam zu erkennen, was an persönlicher Entwicklung und Reifung zu einem selbstbewußten Patienten, einer selbstbewußten Patientin in all den Jahren sich vollzogen hat. Sehr persönliche Erfahrungen höre ich, oft auch Erlebnisse, die ich von diesem Menschen noch nicht wusste – längst geht es nicht mehr nur um die Interviewanfrage…

Sich so direkt, mit Name und Gesicht in der unbekannte großen Fernsehöffentlichkeit mit HIV zu outen, dazu war dann schließlich doch niemand bereit. Nach Rücksprache mit dem Redakteur sagte der WDR eine Anonymisierung zu. Name und Gesicht bleiben nicht erkennbar, die Stimme wird auf Wunsch verfremdet. Erst mit diesem zugesicherten persönlichen Schutz sind 2 HIV-Positive bereit, ein Interview zu geben, von denen eine Frau dann auch am Drehtag Zeit hat.

Heute war nun dieser Drehtag. Ich hole „Theresa“, so wird sie im Fernsehinterview heissen, ab und fahre mit ihr in die Arztpraxis, wo das Interview gefilmt wird. Auf dem Weg dorthin stimme ich Theresa ein, frage sie, was sie als HIV-Positive mit Ärzten in ihren 8 Jahren mit HIV erlebt hat. Theresa sprudelt förmlich über vor Erinnerungen. Alles ist ihr sehr präsent. Sie kann die Verunsicherung der Ärzte durchaus verstehen, aber mich beeindruckt, dass SIE sich mit IHREM Bedürfnis, als Patientin menschenwürdig und medizinisch kompetent behandelt zu werden, so selbstbewußt ernst nimmt.

Als wir in der Arztpraxis ankommen, ist gerade ein Interview mit einem anderen Patienten zuende, der nur über gute Erfahrungnen als HIV-Positiver mit Ärzten berichtete. Da hat er Glück gehabt, denken wir und es tut ja auch gut, dieses zu hören.

Der Redakteur Thomas Mau, sein Kameramann und Tontechniker sind ein wirklich sehr sympathisches Team. Keine Hektik. Eine freundliche und herzliche Athmosphäre verbreiten sie. Theresa fällt es leicht, im Interview sehr schnell auf DAS zur Sprache zu kommen, was sie sagen will und zu erzählen, was sie erlebt hat. Auch wenn nur ihr Mund oder ihre Hände auf dem Bildschirm zu sehen sein werden: Das, was sie erzählt und vor allem, WIE sie es berichtet, ist absolut authentisch und beeindruckt das ganze Team. Auch mein Mitgefühl wird groß, als sie berichtet, wie unfair Ärztinnen und Ärzte mit ihr bei Schwangerschaften umgingen. Oder wie Ärzte ihre gravierenden Nebenwirkungen zu Beginn ihrer HIV-Therapie nicht ernst nahmen. Und trotz all dieser neagativen Erfahrungen ist sie unbeirrt darin, im Kontakt mit Ärzten immer bewußt offensiv mit HIV umzugehen.

Das Interview ist vorbei. Ich fahre mit Theresa wieder zurück. Unterwegs tauschen wir uns aus über unsere Eindrücke beim Interview, und was wohl rübergekommen ist. Zwischen uns lebt eine Athmosphäre großer Verbundenheit, die uns in diesem Moment stärker bewußt ist als sonst im Alltag. Theresas Geschichte mit HIV ist eng mit meiner Person verbunden. Ich war der Erste, der sich nach ihrer HIV-Diagnose Zeit nahm, ihr zuhörte, ihr Informationen gab und sie später, nach Jahren, in denen sie die Teilnahme an Veranstaltungen und Treffen in der AIDS-Hilfe Wuppertal scheute, eines Tages zufällig auf der Straße traf und einfach einfing: „He, heute trifft sich die Frauengruppe! Komm einfach mit.“ Sie kam mit und mein Schubs half ihr, das Eis zu brechen. Sie ist heute froh, den Schritt in die AIDS-Hilfe gefunden zu haben, geniesst die Atmosphäre der „positiven Selbstverständlichkeit“ in der Gemeinschaft mit anderen, die mit HIV leben.

Gesendet wird der Beitrag, in dem auch Ärzte und ich für die AIDS-Hilfe Wuppertal zu Wort kommen, am Welt-AIDS-Tag, Samstag, 1.12. in der West3 – Lokalzeit Bergisch-Land, zwischen 19.30 und 20.00 Uhr.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 29.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Altes AIDS – Neues AIDS

September 21, 2008

Mit einer HIV-Diagnose war die Ausgangslage 1990, als ich von meiner Infektion erfuhr, eine völlig andere als heute, im Jahr 2007: Es gab nur 1 Medikament, das gegen HIV eine gewisse Zeit wirksam war. Für die opportunistischen Erkrankungen, die bei AIDS auftreten, gab es erste Prophylaxe- und Behandlungsmaßnahmen. Die Ärzte und wir waren aber weitgehend machtlos. Wer 5 Jahre mit der HIV-Diagnose lebte, galt als „Langzeit-Überlebender“ und wurde bestaunt.

Nichts ist schlimmer, als einer drohenden Gefahr machtlos und hilflos gegenüber zu stehen. Dementsprechend haben wir HIV-Positiven damals viel experimentiert. Die ganze der Welt der Naturheilkunde und Komplementärmedizin wurde ausprobiert und über viele Methoden psychischer Entlastung das Immunsystem gestärkt. Einiges davon habe ich auch selber gemacht. Es hat mir gut getan. Wie gesagt: Nichts macht mehr depressiv, als gar nichts zu tun.

Das Sterben war darüber aber nicht aufzuhalten. Menschen, die starke Persönlichkeiten waren, eine gute Einstellung zu HIV gefunden hatten und gesund lebten und trotzdem viel Spaß hatten, starben. Sie wurden überlebt von vielen anderen, die absolut stressvoll und aus gesundheitlicher Sicht ruinös lebten.

Der Rettungsweg, den wir ja eigentlich suchten, lag da offenbar nicht.

Der Wendepunkt kam 1996, als in der Schulmedizin mit den Proteaseinhibitoren eine neue Medikamentengruppe in der HIV-Therapie zur breiten Anwendung kam. Deutlich ist die Zahl der Todesfälle seitdem gesunken. Ich habe bis dahin an sehr vielen Beerdigungen teilgenommen, wichtige Weggefährten, Freunde und Mitkämpfer verloren. Jetzt treffe ich Freunde wieder häufiger bei Geburtstagsfeiern als auf dem Friedhof. Und das ist auch gut so und soll auch so bleiben.

Ich freue mich, dass HIV seinen Schrecken verloren hat, auch wenn sehr viele Unsicherheiten im Leben mit HIV bleiben. Ich freue mich, dass die HIV-Therapie bei mir gut wirkt und die Forschung weitergeht. Ich blicke optimistisch in meine Zukunft.

Diese Freude lasse ich mir auch nicht von den HIV-Präventionisten nehmen, die natürlich besonders zum Welt-AIDS-Tag ihre berechtigte Sorge äußern, dass zu viele Menschen die Auswirkungen dessen, was es bedeutet, mit HIV leben zu müssen, nicht sehen wollen.

HIV-positiv zu sein ist in doppeltem Sinne wie ein schwerer „Verkehrsunfall“: zu überleben ist schön, aber, um im Bild zu bleiben, z.B. irreparabel Bein-amputiert zu sein, am Körper und in der Seele bleibende Narben und Schmerzen zurückzubehalten und nicht mehr so belastbar und beweglich zu sein wie zuvor, ist eine Auswirkung, die wirklich nicht erstrebenswert ist.

Das sollte keiner vergessen, der HIV-Positiven begegnet und nur wahrnimmt, dass viele „gut drauf“ sind. Klar versuchen wir, das Beste aus der Misere zu machen und Spass am Leben zu haben. Vielen von uns gelingt das auch gut. Und diese innere Balance wiederzufinden ist ja auch Sinn und Ziel meiner beruflichen Arbeit mit HIV-Positiven in der AIDS-Hilfe.

Aber lieber heute als morgen würden wir doch dem HIV den endgültigen KO-Schlag verpassen und wieder frei sein.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 30.09.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.