„Wir sprengen den Rahmen“ – life+ Magazin zur Konferenz zum Leben mit HIV 2010 in Bielefeld

Juni 25, 2011

Über Schwerpunktthemen und Workshops der „Positiven Begegnungen“ – Konferenz zum Leben mit HIV/Aids“ berichtet das life+ Magazin der Deutschen AIDS-Hilfe:

„Mit den Positiven Begegnungen 2010 in Bielefeld ist eine erfolgreiche, interessante und auch berührende Konferenz zu Ende gegangen. Wir alle konnten dieses Mal auf ein 20-jähriges Bestehen der Positiven Begegnungen zurückblicken. Klein und als Bundespositivenversammlung haben wir angefangen und sind mittlerweile zu einem wichtigen Forum des gemeinsamen Austausches für über 500 Menschen mit HIV und Aids geworden.“

Inhaltsverzeichnis:

  • Wir sprengen den Rahmen 5
  • Grußwort des Vorstandes der DAH 6
  • Geschichte wird gemacht 7
  • Keine Rechenschaft für Leidenschaft 12
  • Selber schuld und dann noch schuldig 13
  • Positiv in Haft 14
  • Offenes Atelier 16
  • Unzureichende HIV-Therapien in armen Ländern: Was geht uns das an? 18
  • Deutschland und Südafrika – näher als gedacht? 19
  • Wie sage ich es (meinen) Kindern? 22
  • Du sollst dir ein Bild machen! 23
  • Jede Generation hat anders HIV 24
  • Vier Leben mit dem Virus 26
  • Bilder bewegen! 27
  • Ein Hotel für alle Felle 31
  • Substitution mit Diamorphin – The Neverending Story? 32
  • Nach der Reform ist vor der Reform 33
  • Trauer und Bestattung 34
  • Unser positives Leben 38
  • Wir sind da. Wir sind viele. Wir fordern unseren Platz in den Communities. 39

Der link zum life+ Magazin: pdf-Datei

Werbeanzeigen

Plädoyer für eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität mit HIV-Positiven

April 28, 2010

Kürzlich war ich auf einer Familienfeier. Die Tochter meiner Nichte wurde getauft und dies war für mich ein Anlass, nach einem größeren Zeitabstand wieder an einem Familientreffen teilzunehmen. Nach dem Tod beider Eltern gibt es weniger Anlässe, zu denen ich mit meiner Familie zusammentreffe, die nun aus Geschwistern, Nichten und Neffen und deren PartnerInnen und Kindern besteht.

Wenige Tage zuvor hatte ich den 20. Jahrestag meiner HV-Diagnose erlebt. So unerwartet lange mit HIV zu leben, das ist für mich nichts Normales. Es ist etwas, über das ich reden möchte und auch reden muss, weil es eine so große Bedeutung in meinem Leben hat.

Mein Schwul-Sein und auch meine HIV-Infektion sind in der Familie seit langem bekannt. Und mit beidem gehöre ich dazu wie jeder andere auch. Ich bin integriert und viele würden nun sagen: „Das ist doch prima, freu dich darüber! Was willst Du denn noch mehr?“

Natürlich freue ich mich über die Selbstverständlichkeit. Aber diese Normalität reicht nicht.

Je älter ich werde, desto klarer erkenne ich, wie belastend es war, mit dem drohenden Tod leben zu müssen und wie schmerzhaft es war und ist, mich immer wieder neu gegen gesellschaftliche Verurteilungen, Abwertungen, Stigmatisierungen behaupten und wehren zu müssen. Nach meiner HIV-Diagnose habe ich mich entschieden,  mit HIV offensiv und öffentlich zu werden und zu sein. Das macht mich einerseits verletzbarer, weil man sich exponiert, aber psychisch macht es mich stärker, weil alles, was passiert, nicht nur von mir bewusster wahrgenommen und reflektiert wird, sondern auch meine Umwelt zu einem bewussteren Umgang mit HIV auffordert. Es war und ist eine sinnvolle Win-Win-Situation.

Heute, im Jahr 2010 ist es das öffentlich sein im Älter-Werden mit HIV und seinen besonderen Implikationen, für das ich mich immer wieder neu entscheide. Ältere Langzeitpositive haben noch längst nicht ihre besondere Lebenssituation und Lebensdynamik erkannt. Wir sind erst gerade am Anfang, dies herauszufiltern und zu benennen. Und auch die Gesellschaft muss noch lernen, einen Umgang mit dieser/meiner HIV-Generation zu finden.

Es ist erstaunlich, dass ich auf der Familienfeier keine erkennbaren Resonanzen wahrnehmen konnte, als ich meinen 20. Jahrestag der HIV-Diagnose ansprach. Kein: „Ja, das ist wirklich schön! Das ist wirklich ein Glück!“ Und so gab es auch keinen Anknüpfungspunkt, gemeinsam zu erinnern, was sich in diesen 20 Jahren alles an Glück und Leid, Krisen und Siegen ereignet hat. Im familiär-privaten wie im gesellschaftlich-allgemeinen.

Es ist mit Sicherheit nicht nur die Gesprächskultur in meiner Familie, die Gespräche über Dinge, die einen persönlich sehr bewegen, nur schwierig entstehen lässt. Wäre dieses aktuelle persönliche Erlebnis nun ein Spiegel für den Umgang der Gesellschaft mit dem Älter-Werden von Menschen mit HIV, würde es bedeuten, dass es nicht reicht, Menschen mit HIV äußerlich zu integrieren.

Die wahre Integration ist erst dann gegeben, wenn man sich gleichberechtigt öffnet für das persönliche Erleben und auch die persönlichen Bedürfnisse des Gegenübers.

Statt einer formalen „Satt und Sauber-Solidarität“ braucht es eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität.

***

Blogbeitrag zum gleichen Themenfeld: „Langzeitpositive und schwule Senioren sind Zeitzeugen vom Leben mit HIV


Realitätsabgleich: HIV-Alltag mit mehr Normalität

Dezember 20, 2009

Gegen den Strich gebürstet und erfrischend quergedacht liest sich Stefan Jäkel in dem Interview, dass er für die Sonderbeilage des Magazins „Siegessäule“ zum Welt-AIDS-Tag 2009 gab.

Hier eine kleine Passage:

SIS: Fehlen uns „positive“ Vorbilder?

Ja, Leute, die deutlich machen, dass ein normales Leben mit HIV möglich ist. Dabei geht es nicht nur um Promis, sondern um Sichtbarkeit in Freundeskreisen, Vereinen, Arbeitsverhältnissen.
Ich kann jeden verstehen, der für sich entscheidet, sich in bestimmten Situationen nicht zu outen. Und das Erwerbsleben ist mitunter ein sehr sensibler Bereich. Aber jemanden generell davon abzuraten, dann bringt man ihn/sie vielleicht auch um eine Chance für einen offenes und selbstverständliches Leben mit HIV. Auch hier präferiere ich die individuelle Lösung. Für gesellschaftliche Veränderungen braucht es allerdings mehr Leute, die sichtbar sind. Denn Veränderungen passieren durch persönliche Bezüge, Geschichten und Bilder. Individuell kann jeder schauen, ob mit einem HIV-positiven Coming-Out nicht auch ein Benefit verbunden wäre: weniger Stress, Anerkennung erfahren. Die Krankheitsbewältigung kann auch als Ressource für sich und für andere verstanden werden. Offen lebende HIV-Positive können manchmal ein großes Potenzial an sozialer Kompetenz mitbringen.

Das vollständige Interview mit Stefan Jäkel ist nur online zu lesen.

Die Redaktion der Siegessäule meint:

… Ein offener Umgang mit der Krankheit ist selbst in Berlin oft keine so einfache Sache. Umso mutiger ist es, dass sich zehn Berliner bereit erklärt haben, uns von ihrem Leben mit HIV zu erzählen.
Die Onlineredaktion der Siegessäule hat ein umfangreiches Dossier zum Weltaidstag 2009 erstellt. Auf den folgenden Seiten stehen die kompletten Interviews bzw. Porträts der offen HIV-Positiven, Meinungen von Expertinnen und Experten sowie eine Auswahl an Veranstaltungen.

Dossier, die Interviews und das download der Printbeilage finden sich hier.


Schweiz geht in die Offensive: Solidarität YES – Diskriminierung NO!

November 5, 2008

Am 3. November startete in der Schweiz eine Kampagne, die aktiv und offensiv Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV und AIDS im eigenen Land abbauen will. Die Schweizer Kampagne „Gegen AIDS. Für die Betroffenen.“ übernimmt ein Kampagnenkonzept, dass schon in Frankreich überzeugte.

„Würden Sie mich noch sehen wollen, wenn ich HIV-positiv wäre?“ fragt Sandra Studer und blickt einem dabei direkt in die Augen. Mit solch persönlich gefärbten Fragen zeigen Schweizer Prominente (neben Sandra Studer auch Didier Cuche, Stephan Eicher, Marc Forster, Stephanie Glaser) ihre Solidarität mit den Betroffenen. Sie machen darauf aufmerksam, dass HIV-positive Menschen in der Schweiz nach wie vor mit grossen Vorurteilen zu kämpfen haben. Die Diskriminierung von Menschen, die mit HIV oder Aids leben, ist auch in der Schweiz immer noch an der Tagesordnung.

Heute ist die Diagnose „HIV-positiv“ dank grosser Fortschritte in der Medizin kein Todesurteil mehr. HIV/Aids ist zu einer chronischen und doch unheilbaren Krankheit geworden, die immer mehr Personen in der Schweiz betrifft. …“

Diese Botschaften sind ab sofort in der Schweiz als Plakate und in einem TV-Spot zu sehen.

Anders als in Deutschland, wo die Gesundheitsbehörden in zentralen Kampagnen sowohl bei „Gib AIDS keine Chance“ als auch in der Kampagne zum Welt-AIDS-Tag ihren Schwerpunkt auf die Primärprävention (Vermeidung von Neuinfektionen) legen, stehen nun nach Frankreich auch in der Schweiz die Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensqualität für HIV-Positive im Mittelpunkt.

Eine breite öffentliche Kampagne, die ganz gezielt die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und AIDS abbauen will, fehlt dagegen in Deutschland noch.

Auch die Arbeit der Schweizer AIDS-Hilfe in Beratung und Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS, in Integration und Aufklärung der Gesellschaft, wird hervorgehoben, ein erfreulich anderer Akzent als er in den Grußworten deutscher Gesundheits-/Politiker zum 25-jährigen Bestehen der DAH gesetzt wurde.

Die Aids-Hilfe Schweiz schreibt weiter:

„…[Die Kampagne] soll auch helfen, die dringend benötigten finanziellen Mittel für die vielfältigen Aufgaben der Aids-Hilfe Schweiz zu beschaffen. Die Spendengelder werden eingesetzt für die Unterstützung und Hilfe von Betroffenen, für die Prävention bei Jugendlichen und für vieles mehr. …“

Dass neben Frankreich nun auch die Schweiz neue Wege in Kampagnen zu HIV und AIDS geht, weckt Hoffnung, dass bald in Deutschland neben den AIDS-Hilfen verstärkt auch das Gesundheitsministerium und mit ihm die BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) in dieser Richtung kooperieren. Neue Horizonte eröffnet auch die zentrale Botschaft der Schweizer AIDS-Kommission vom Januar 2008, dass eine wirksame HIV-Therapie die Infektiosität unterdrückt, wie ich in meinem Blog „Neuer Optimismus im Leben mit HIV: Ich werde HIV überleben!“ bereits am 17.2.2008 geschrieben habe.

Seit vielen Jahren sagt ein Plakat der Deutschen AIDS-Hilfe:

„Solidarität ist ansteckend – Mit HIV-Positiven arbeiten nicht!“

Und das muss auch in der Breite der Gesellschaft ankommen!

Meines Wissens nach arbeitet die Organisation der Positivenselbsthilfe in der Schweiz LHIVE bislang mit einem sehr kleinen Budget. Daher wäre es aus meiner Sicht – auch im Sinne der Zielsetzung der Kampagne –  wünschenswert, wenn an den jetzt – hoffentlich – eingehenden Spendengelder auch LHIVE teilhat, um geplante Selbsthilfe-Projekte mit einem besseren finanziellen Budget ausstatten zu könnten. Idealismus und Zeit ist bei vielen Menschen mit HIV und AIDS vorhanden, wer aber von Rente und geringen anderen Transferleistungen lebt, kann neben diesen ideellen Ressourcen meist eben KEINE materielle Ressourcen einbringen. Nicht nur Aidshilfen, sondern auch gerade die Positivenselbsthilfe ist – in der Schweiz wie in jedem anderen Land – auf Spenden und/oder öffentliche Förderung angewiesen.


Neubeginn – alles wandelt sich

September 21, 2008

Hallo, back again! 🙂

Fast genau 1 Jahr, nachdem ich am 30. September 2007 auf der Kampagnenseite von welt-aids-tag.de mit unruhiger Aufregung meine ersten vorsichtigen Blogger-Erfahrungen zu sammeln begann, bin ich nun mit meinem eigenen Blog wieder da.

Das „wieder“ bezieht sich auf einen etwas unschönen Vorgang: Am 13. Juli 08 hatte ich bei welt-aids-tag.de meinen letzten Beitrag „Wer das eigene Denken, aufgibt, mit dem ist es aus…“ gepostet. Zwei Tage später war mein Zugang zum Blog abgeklemmt und wenige Tage verschwand der gesamte Blogbereich auf der Kampagnenseite auf nimmerwiedersehen.

Jemand, der meine – eben auch kritischen – Blogbeiträge vermisste, erhielt folgende Email-Antwort von der Administration der Kampagnenwebseite in der BZgA:

„… Der Blog auf http://www.weltaidstag.de wurde durch die Rubrik „Meinungen“ ersetzt, mit der wir noch mehr Menschen auf einfacherem Wege die Möglichkeit geben möchten, ihre Meinung zu veröffentlichen. Hierzu verzichten wir in Zukunft auf das aufwendige „Bewerbungsverfahren“, das bisher notwendig war, um auf http://www.weltaidstag.de Blogger zu werden. Statt dessen werden wir zukünftig „Meinungen“ in den Vordergrund stellen, welche, wie bisher die Blogbeiträge, kommentiert und diskutiert werden können.

Beide Rubriken – also Blog und Meinungen – nebeneinander weiter existieren zu lassen, war zunächst eine Überlegung. Dies lässt sich jedoch vom administrativen Aufwand her mit den uns gegebenen personellen Kapazitäten leider nicht umsetzen.

In Kürze werden alle Botschafter eine Mail mit Zugangsdaten zu ihrem eigenen Profil erhalten – hierüber können dann auch „Meinungen“ veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden….“

Nun, ich als ehemaliger Blogger dort habe bis heute keine angekündigte „Mail mit Zugangsdaten“ erhalten und einem weiteren Menschen, der direkt mit der BZgA telefonierte und nachfragte, warum denn die Blogbeiträge nicht mehr zu lesen seien, wurde mehr oder weniger deutlich mitgeteilt, die Inhalte der Blogbeiträge hätten sich in eine Richtung entwickelt, die nicht den Vorstellungen entspräche…

Selbstbewusste Positive, die zu wesentlichen Punkten – besonders der Darstellung von HIV bzw. der Darstellung vom Leben mit HIV – eine andere Meinung haben als die BZgA, sind dort ganz offensichtlich unerwünscht. Solidarität und Engagement gegen Stigmatisierung hat hier eine für mich deutlich erfahrene Nachweisgrenze und die BZgA liegt mit ihrem Verhalten deutlich darunter. Stattdessen zementiert die BZgA mit ihrem immer wieder erneuerten Erinnern an den „Schrecken vor HIV“ die Diskriminierung von Menschen mit HIV. Eine angemessene Integration der sich vollzogenen Veränderung der Lebensperspektiven von Menschen mit HIV ist in den Botschaften der BZgA für mich nicht erkennbar. Als ob sich nichts verändert hätte im Vergleich zu vor 20 Jahren.

Auffallend ist ja auch, dass keiner aus der BZgA in einen persönlichen Kontakt mit mir eingetreten ist oder von der Möglichkeit, auch im Blog fachlich eine Auseinandersetzung über strittige Punkte zu führen, Gebrauch gemacht hat. Nicht nur ich, auch andere HIV-Positive stehen einem Dialog und Gespräch mit der BZgA aufgeschlossen gegenüber. Den direkten Kontakt scheut man aber offenbar, sowohl im Blog auf der Kampagneneseite als auch auf den bundesweiten Positiventreffen. Über dieses Demokratieverständnis kann man sich nur wundern – oder es bleiben lassen… Man denkt offenbar lieber mit geschlossenen Lippen hinter geschlossenen Türen…alleine…

Das Leben geht weiter und in Zeiten des Internet ist ein Unterdrücken von Meinungen erfreulicherweise nicht mehr möglich. Und Menschen mit HIV melden sich vielfältig selber zu Wort! Debatte findet statt – und streibar ist sie auch. Denn „Alles wandelt sich…“

Also da bin ich wieder, nicht nur mit Blog-reloaded, sondern auch – versprochen – mit kommenden weiteren Wortmeldungen, von denen dies ja schon der erste ist.

Meinen Neustart und meinen Start als eigenständiger Blogger stelle ich unter den Leitgedanken des folgenden Gedichtes von Bert Brecht, das mich schon über 30 Jahre meines Lebens inspiriert:

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser,

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser,

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten, aber

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.


„AIDS“: Wort des Jahres 1987

September 21, 2008

Fast hätten wir dieses Jubiläum unbemerkt verstreichen lassen: Vor 20 Jahren, 1987, wurde „AIDS“ und „Kondom“ von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gewählt und gewann damit gegen Perestroika, Glasnost, Waterkantgate, Ozonloch, Molkepulver, Handlungsbedarf, Kremlflieger und Dienstleistungsabend.

Hier einige Ergebnisse einer Recherche im Internet zu AIDS im Jahr 1987:

Deutschland und AIDS im Jahr 1987:

In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zum Umgang mit AIDS in Deutschland setzte sich die damalige Gesundheitsministerin Rita Süßmuth mit der Linie der liberalen, nicht repressiven Aids-Politik durch. Als Verfechter der herkömmlichen Gesundheitspolitik forderte der CSU-Politiker Peter Gauweiler Zwangsmaßnahmen: Die Instrumente der alten „Seuchenpolitik“ sollten eingesetzt werden. Er orientierte sich an „Moral“ und „Schuld“. Gauweiler wollte Infizierte melden und isolieren, notfalls einsperren lassen.
Für ihre Verdienste und aus Dank für ihr mutiges Auftreten wurde Rita Süßmuth im Jahr 2004 vom Schwulen Netzwerk NRW geehrt.
Rita Süßmuth hat etwas Neues in der Gesundheitspolitik geschaffen. Rolf Rosenbrock, damals Mitglied der AIDS-Enquêtekommission des Deutschen Bundestages und im Nationalen AIDS-Beirat, erinnert sich.

1987: Das „Sofortprogramm der Bundesregierung zur Bekämpfung von Aids“ und die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) starten.
Die Aids-Telefonberatung der BZgA beginnt ihre Arbeit.
Die Deutsche AIDS-Stiftung „Positiv leben“, die Nationale Aids Stiftung und der Nationale Aids-Beirat der Bundesregierung werden ins Leben gerufen.

Ende April 1987 erhalten alle Schulen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung je 2 kostenlose Lehrerhandbücher „Unterrichtsmaterial zum Thema AIDS für die 9. und 10. Klasse“.

1987 produziert die BZgA ihren ersten AIDS-Spot
Ein Video mit einer Zusammenstellung der meisten der seit 1987 von der BZgA produzierten ca. 70 AIDS-Spots, die überwiegend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und in Kinos zu sehen waren, ist auch heute noch bei der BZgA zu bekommen. Hier als Beispiel: Ohne Dings kein Bums

AIDS-Aufklärung in den Schulen
Am 10. März 1987 wendet sich der Kultusminister von Schleswig-Holstein mit einem Runderlass an die Lehrer: „Auf der Grundlage der vorstehenden Hinweise bitte ich alle Schulleiter darauf hinzuwirken, daß im Rahmen der unterrichtlichen Möglichkeiten unverzüglich mit der AIDS-Aufklärung begonnen werden kann.“

1987 erscheint ein für die AIDS-Arbeit sehr bedeutsames Fachbuch der Autoren Erwin Haeberle und Axel Bedürftig: „Aids – Beratung, Betreuung, Vorbeugung – Anleitungen für die Praxis“
Schwerpunkthaft geht es um die Ursachen der verbreiteten Ängste vor Aids und die Möglichkeiten ihrer Verminderung bzw. Beseitigung. Dabei ist die sachgemäße Information über Ansteckungsrisiken und Krankheitsverlauf besonders wichtig: „Die beste Methode, um übertriebenen Sorgen vor einer möglichen Ansteckung durch das HIV-Virus entgegenzuwirken, ist die Information über die möglichen Übertragungswege und den Verlauf der Krankheit Aids.
Die verbreitete Aids-Angst hat dabei im wesentlichen drei Ursachen: Furcht vor dem Unbekannten, Einstellungen zu Homosexualität, Drogenkonsum und dem häufigen Wechsel von Sexualpartnern und schließlich enttäuschte oder auch bestätigte Erwartungen über die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin.“

Meine „Heimat“- AIDS-Hilfe Wuppertal wird am 24. März 1987 gegründet.

Internationales zu AIDS 1987

Als erstes HIV-Medikament erhält „Retrovir“ (AZT) am 29. April 1987 in den USA seine Zulassung zur Behandlung der HIV-Infektion. Noch heute ist AZT ein wichtiger Bestandteil in der Aids-Therapie.

Der britische Staatssekretär für im Gesundheitsministerium, Norman Fowler, besuchte San Francisco, und schüttelte einem AIDS-Patienten demonstrativ die Hand. Diese Geste fand große Beachtung. Wenig später tat es ihm Prinzessin Diana gleich bei einem Besuch im Middlesex Hospital, London.

Etwa zeitgleich gründete sich ACT UP (the AIDS Coalition to Unleash Power). ACT UP war eine Bewegung zivilen Ungehorsams. In den USA gegründet, protestierte ACT UP mit spektakulären öffentlichen Aktionen gegen die Verelendung und Diskriminierung von AIDS-Patienten. Da es in den USA kein Sozialversicherungssystem gab, mußten die Kranken die extrem teuren Medikamente selbst bezahlen. Am 24. März 1987 fand die erste große Massendemonstration statt. Larry Cramer erinnert an die Gründung vor 2o Jahren. In seiner auf Video (in englischer Sprache) aufgezeichneten Rede zum 20. Jahrestag wird viel von der Emotionalität im Kampf gegen AIDS spürbar.

In den USA wurde im Bundesstaat Utah mit Gesetz vom 17.4.1987 die Eheschließung mit AIDS-Infizierten untersagt, und gleichzeitig die Nichtigkeitserklärung bereits geschlossener Ehen ermöglicht. 1987 verfügten neun US-Staaten über ein Aids-Register mit namentlicher Nennung von HIV-Positiven. In zwei von ihnen, Colorado und Idaho, werden die Namen benutzt, um über die Rekonstruktion von Sexualkontakten Infektionswege aufzuspüren.

Im Oktober 1987 wurde mit AIDS erstmalig über eine Krankheit in der Generalversammlung der Vereinten Nationen debattiert. Die UN-Generalversammlung forderte alle Bereiche und Abteilungen der UN auf, sich unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisatin (WHO) sich im Kampf gegen AIDS zu engagieren.

Mein persönliches Fazit:

  • In der Medizin und der Behandelbarkeit der HIV-Infektion sind wir heute Riesenschritte weiter. Für diejenigen, die mit den HIV-Medikamenten versorgt werden können – und weltweit gesehen ist dies nur eine Minderheit! – ist HIV eine chronische Erkrankung geworden.
  • Wer Zugang zu den HIV-Medikamenten bekommt, hat Grund, die Depression abwerfen und wieder der Lebensfreude Raum zu geben.
  • Gesellschaftlich ist auch in Deutschland der Umgang mit HIV-Positiven immer noch sehr von Angst geprägt und moralische Schuldzuweisungen müssen von uns HIV-Positiven und den AIDS-Hilfen immer noch vehement zurückgewiesen werden.
  • Die liberale Süßmuth-Linie des Umgangs mit AIDS muss jeden Tag neu verteidigt und erstritten werden!

********************************************************

Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 8.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Solidarität im Nachbarland: Königin Beatrix der Niederlande

September 21, 2008

In den Niederlanden wird die AIDS-Kampagne 25 Jahre alt. Passend zum Datum erscheint ein Buch über 25 Jahre AIDS-Kampagne in den Niederlanden. Das erste Exemplar nahm Königin Beatrix am Vortag des Welt-AIDS-Tages entgegen, auf der „11. nationalen Konferenz zu HIV/AIDS und sexuell übertragbaren Erkrankungen“ in Amsterdam.

Die Konferenz befasst sich auch gezielt mit der in den Niederlanden zu beobachtenden Diskriminierung von HIV-Positiven und der Tabuisierung von HIV und AIDS.

Prinzessin Mabel van Oranje-Nassau hielt die Eröffnungsrede und startete die neue niederländische STOP AIDS KAMPAGNE.

Über soviel Wertschätzung und Anerkennung freue ich mich, auch für für meine Freunde von „Poz and Proud“ in den Niederlanden! „Poz and Proud“ wurde im April 2006 als Selbsthilfekampagne Schwuler Männer gegründet und gehört der „HIV Vereniging Nederland“ an. „Poz and Proud“ will Mut machen, sich mit HIV nicht zu verstecken, will Diskriminierung und Stigmatisierung entgegenwirken und Schwule mit HIV unterstützen, gesund zu bleiben.

„Poz and Proud“, das mag für viele zunächst wie eine Provokation klingen: „proud“, also „stolz“ auf HIV zu sein? Nein, das ist damit NICHT gemeint. Aber „selbstbewusst“ mit HIV zu leben, das will „Poz and Proud“ unterstützen, weil es eben nicht selbstverständlich ist. Sich mit HIV zu outen, das bedeutet, sich vielen Vorwürfen auszusetzen und gefährdet leider noch oft genug die berufliche Existenz. Sich verstecken zu müssen kränkt aber das Selbstwertgefühl und tut der Seele nicht gut.

Selbstbewusst und offensiv zu leben mit dem, was ist, das braucht jeder Einzelne und das braucht auch unsere Gesellschaft.

„Poz and Proud“ hat übrigens auch an einem Buch mitgearbeitet: „25 Jahre HIV und AIDS in der Schwulenszene der Niederlande“. Ich bin schon sehr darauf gespannt, es zu lesen. Ob dies wohl auch Königin Beatrix entgegen nehmen wird? Es sind durchaus 2 lesenswerte Bücher, die heute erscheinen.

Und ob unsere Kanzlerin Angela Merkel nächstes Jahr auch Zeichen setzen wird, wenn die Deutsche AIDS-Hilfe 25 Jahre alt wird? Angela, die geheime Königin der Deutschen? Mut hat sie ja. Und was ihr ein Anliegen ist, dafür setzt sie sich ein. Und für den internationalen Kampf gegen AIDS hat sie sich ja schon eingesetzt.

Es wäre aber für uns HIV-Positiven in Deutschland ein wichtiges Ereignis, jetzt auch einen nationalen persönlichen Zuspruch von unserer First Lady zu erleben.

Was wäre die Arbeit zu HIV und AIDS ohne Visionen und Träume. … Ach, schön wär’s ja schon…

********************************************************

Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 30.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.