Wenn das ungewollte „Kind“ plötzlich HIV heißt

März 24, 2012

Wenn Männer kein Bewusstsein für ihre Eigenverantwortung beim einvernehmlichen Sex übernehmen und sich als Kondommuffel gefallen, hat das unter Umständen einen Preis.

Wird beispielsweise eine Frau durch ungeschützen Sex schwanger und bekommt das Kind, hat der Verzicht der Eigenverantwortung des Mannes (hier: Kondomverwendung) den Preis der unbeabsichtigten Elternschaft mit Pflicht zur Unterhaltszahlung.

Im Falle des Verzichts auf den Schutz vor einer Ansteckung mit einem Krankheitserreger  ist der Preis unter Umständen das Leben mit einer HIV-Infektion.

Ich habe es noch nicht erlebt, dass ein Gericht einen Mann von der Pflicht zur Unterhaltszahlung freispricht, weil er seiner Eigenverantwortung zur Schwangerschaftsverhütung nicht nachgekommen ist, als Konsequenz ein Kind entstanden ist, und er naiv sagt: Das wollte ich aber nicht und deshalb bin ich nicht bereit, Unterhalt zu zahlen.

Selbstverständlich wird er auf seine Eigenverantwortung verpflichtet und hat seinen Preis zu zahlen.

Warum bei HIV nicht?

Siehe dazu auch:

Pressemitteilung Deutsche AIDS-Hilfe: „Strafbarkeit der HIV-Übertragung beenden“

In den Anhängen zu dieser Pressemitteilung stelltdie DAH weitere Informationen zur Verfügung. In einem Diskussionspapier erfahren Sie Hintergründe, auch zum Entstehungsprozess unserer Position. Es enthält außerdem Impulsreferate des Rechtsanwalts Jacob Hösl, des Mediziners und Psychoanalytikers Stefan Nagel sowie des Juristen und HIV-Aktivisten Bernd Aretz. In Interviews beleuchtet die DAH neben rechtlichen, ethischen und psychologischen Fragen auch die persönlichen Folgen der Kriminalisierung.


„Immer noch schmerzvoll“ – schwules Coming out zu Beginn der Aids-Krise

Februar 17, 2011

Im Magazin der Deutschen AIDS-Hilfe: „DAH-Aktuell“, erschien in der Ausgabe September 1993 unter dem Titel „Immer noch schmerzvoll“ ein Beitrag von Martin Dannecker, in dem dieser die Herausforderung beschrieb, trotz der Bedrohung durch AIDS ein schwules Coming-Out zu wagen und zu vollziehen.

Im Jahr 2011, 30 Jahre nach Beginn der AIDS-Geschichtsschreibung, veröffentliche ich mit Einverständnis der DAH diesen Text als historischen Beitrag, der insbesondere zum Verständnis der Biografien heute älterer schwuler Männer beitragen kann.

Immer noch schmerzvoll

Im Gespräch mit Aktuell beschreibt der Frankfurter Sexualwissenschaftler und Psychologe Martin Dannecker den Prozeß des schwulen Coming Outs.

Herr Dannecker, bei deutschen Jugendlichen zwischen zwölf und einundzwanzig Jahren gibt es eine Handvoll von HIV-Infektionen, die auf heterosexuelle Kontakte als Übertragungsweg zurückzuführen sind. Wie würden Sie angesichts dieser statistisch kaum noch meßbaren Bedrohung das große Interesse eines Heeres von Sexualwissenschaftlern und –pädagogen wie auch der Medien an flächendeckenden Aids-Präventionsmaßnahmen für diese Altersgruppe erklären?

Vergegenwärtigen wir uns diese heute fast schon nicht mehr rekonstruierbare Situation Mitte der achtziger Jahre, in der Aids große Hysterie auslöste. Die Standardparole was damals: „Aids geht alle an“. –Und gemeint waren damit ja wirklich alle, also auch die Heterosexuellen; da geriet die „unschuldige“ Gruppe der heterosexuellen Jugendlichen ganz automatisch ins Blickfeld. Dazu kam die falsche Vorstellung, die es seit der sogenannten sexuellen Liberalisierung gibt, dass es die Jugendlichen treiben wie die Schwulen, also bunt und durcheinander. Man wollte sozusagen wiedergutmachen, was diese sexuelle Liberalisierung ihnen „angetan“ hatte. Außerdem hatten einige Sexualpädagogen sicherlich auch das Interesse, Aids zu instrumentalisieren, um ihre schwindende Bedeutung wieder zu stärken.

Wo werden diese Diskurse gemacht und wer hält sie immer wieder am Laufen? Das derzeitige Interesse am Thema ist wohl ein Widerhall auf all die Forschungsvorhaben zur Jugendsexualität, die ja gerade jetzt abgeschlossen und in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Die neue Frage, ob es überhaupt noch notwendig ist, sich solch große Sorgen um die Bedrohung der Jugend durch Aids zu machen, wird noch nicht gestellt. In dieser nicht reflektierten humanen Geste des Beschützen-Wollens zeigt sich auch, dass Jugendliche immer dann zum Objekt des pädagogischen Zugriffs und der Sorge werden, wenn etwas gesellschaftlich als brenzlig und schwierig gilt. Die Erwachsenen sagen damit, dass die diese ganze schlimme Situation für die Jugendlichen schon richten werden. Man traut den Jugendlichen nicht so viele autonome Kräfte zu, dass sie mit entsprechenden Informationen, was Übertragungswege und Risiken anbelangt, allein zurecht kommen können.

Meinrad Koch, der Leiter des Aids-Zentrums im Bundesgesundheitsamt, rechnet nicht damit, dass es in absehbarer Zeit zu einem nennenswerten Anstieg von Neuinfektionen in dieser Gruppe kommen wird, weil heterosexuelle Jugendliche ihre ersten sexuellen Kontakte in der Regel in ihren Cliquen, also mit Gleichaltrigen aufnehmen würden. Unterscheiden sie sich damit von schwulen Jugendlichen?

Ja, es gibt eine Differenz. Ich erinnere mich an einen Jungen, der zu mir kam wegen eines Bundeswehrgutachtens. Er sprach von seiner Beziehung zu einem anderen Jungen, die mir so untypisch vorkam und gleichsam so heterosexuell, dass ich ihm zunächst unterstellte, er erzähle mir ein Märchen. Er hatte sich in der Schule in seinen Klassenkameraden und der sich auch in ihn verliebt. Sie sind dann, ohne dies voneinander zu wissen, zusammen in den Urlaub gefahren. Dort haben sie sich gegenseitig offenbart, zum ersten Mal miteinander geschlafen und waren sich von Stund an drei Jahre lang treu. Es erschein mir deshalb wie ein Märchen, weil es so war wie: Ich geh in den Wald so für mich hin, und nichts zu suchen war mein Sinn – und dann kommt plötzlich doch jemand.

Heterosexuelle Jungendliebe beginnt meistens in der Schule. Da gibt es einen Schulfreund, eine Schulfreundin, da sind die üblichen „peer groups“, die relativ homogen zusammengesetzt sind. Eine solche Gruppe gibt es für den jugendlichen Homosexuellen, der isoliert und allein ist, nicht. Er versucht, seine sexuellen Wünsche zu realisieren, indem er entweder eine Kontaktanzeige aufgibt – das machen sehr viele – oder indem er dort auftaucht, wo Schwule sich treffen; zunächst mal an den Orten, die nicht so dicht sozial strukturiert sind, also im Park, auf der Klappe. Um in schwule Kneipen zu gehen, müsste er seine Homosexualität schon zu einem großen Teil in seine Selbstwahrnehmung integriert haben. Aber wo er auch hingeht, dort sind nicht Gleichaltrige, die miteinander Kontakt haben, sondern es gibt eine höhere Altersdifferenz, die dann sozusagen zur Risikodifferenz wird.

Sie haben die sexuelle Liberalisierung angesprochen. Machen schwule Jugendliche heutzutage noch spezifisch andere Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit ihrer Sexualität und ihrer sexuellen Identität als heterosexuelle Jugendliche?

Der große Unterscheid ist, dass die Erfahrungen anders erfahren werden. Es gab die Vorstellung, dass im Zusammenhang mit der sexuellen Liberalisierung und mit der Schwulenbewegung das Erlebnis „Coming Out“ sich sehr stark verändert haben müsste. Ich kann das nicht feststellen, und es wundert mich auch nicht. Wir haben im Grunde dieselben Abläufe, wie wir sie schon vor zwanzig Jahren beschrieben haben.

In der Phase des Entdeckens und des Wahrnehmens, etwas wenn sie beim Onanieren homosexuelle Phantasien haben, reagieren schwule Jugendliche immer noch mit Abwehr. Das wird noch nicht als so konflikthaft erlebt, weil sie denken, dies sei eine vorübergehende Erscheinung. Wenn sich dann aber partout keine heterosexuellen Wünsche einstellen wollen oder wenn heterosexuelle Kontakte nicht zur Befriedigung der Sehnsüchte führen, wenn die eigene Homosexualität manifester und deutlicher wird, kommt es häufig zu Krisensituationen. Das alles findet nach wie vor in großer Isolation statt.

Ich kenne junge Homosexuelle, die ihren Eltern nicht sagen können und wollen, dass sie schwul sind, weil sie Angst haben, sie würden fallengelassen werden, obwohl sie eindeutig und sicher wissen, dass die Eltern nicht negativ auf ihre Homosexualität reagieren würden. – Das mögen Extremfälle sein, die aber etwas über die Normalität und das normale Coming Out aussagen. Sie wissen es aus Äußerungen, die wissen es, weil es einen homosexuellen Freund in der Familie gibt, und sie können es nicht, weil sie große Angst vor Liebesverlust haben.

Gut, das ist erklärungsbedürftig. Das hat zu tun mit einer diffusen bis negativen Reaktion auf die dem Coming Out vorausgehende Äußerung der Homosexualität. Homosexuell wird man ja nicht erst mit dem Coming Out, schwule Phantasien gibt es schon längst vorher. Und es gibt offensichtlich auch in vielen Fällen eine wahrnehmbare Differenz zwischen dem homosexuellen und dem nichthomosexuellen Kind. Gerade mit den Vätern kommt es zu Konflikten, wenn sie ihre  noch nicht manifest homosexuellen Söhne als zu wenig aggressiv, nicht männlich, sportlich oder praktisch genug erleben. So nimmt der Jugendliche, ohne dass er selber schon weiß, dass er schwul ist, die Diskriminierung von Verhaltensweisen wahr, die zu seiner Homosexualität gehören.

Sicherlich ist das Coming Out heute ein bisschen kürzer geworden, vielleicht fängt es auch ein bisschen früher an, aber es ist nicht konfliktlos geworden und wird immer noch als schmerzlicher Prozeß erlebt. Wenn der Jugendliche zum ersten Mal bereit ist, darüber zu sprechen, sei es mit Freunden, die nicht homosexuell sind, sei es mit den Eltern, dann mag es heute sehr wohl viel häufiger verständnisvollere Reaktionen als noch vor zwanzig Jahren geben – nur: Er muss sich erstmal trauen.

Was bedeutet es für das Coming Out, wenn junge Schwule ihre ersten Kontakte außerhalb ihrer gewohnten Zusammenhänge und an Orten, die ihnen fremd sind, herstellen müssen?

In dem Prozeß der Identitätsbildung sind die außerordentlich stark auf sich selbst gestellt, es gibt kaum Stützen und Hilfen. Ein Beispiel: Als die jüdische Schriftstellerin Hannah Arendt eingeschult wurde, sagte ihre sehr emanzipierte Mutter, wenn ihre Mitschüler sie peinigen würden, weil sie Jüdin sei, käme sie sofort und würde für Abhilfe sorgen. Hannah Arendt konnte sich also mit etwas Gemeinsamen identifizieren: mit ihrer jüdischen Familie. Homosexuell zu werden heißt dagegen, aus der Struktur dieser Familie herauszufallen, die eben nicht homosexuell, sondern heterosexuell ist. Das bedeutet eine frühe Isolation, in die das Fremdartige der Homosexualität so verwirrend einbricht, dass für ein strategisches, „vernünftiges“ Verhalten kaum Raum bleibt – also etwa auf die Beachtung von Safer Sex Regeln. Vom Jugendlichen dies in einer Situation zu verlangen, in der er noch nicht mal genau weiß, wer er ist und was er will, wäre wirklich eine kühne Erwartung an Rationalität.

Auf der einen Seite ist es das Unglück der Homosexuellen, dass sie so plötzlich herausfallen aus diesem elterlichen Verband, auf der anderen Seite kann es auch ihr Glück sein, autonom zu werden und aus diesen elterlichen Einhüllungen und Einseifungen herauszukommen.

Ein heterosexueller Jugendlicher kann mit seinen Freunden, in seiner Gruppe über Sexualität reden; wenn er Glück hat, auch in der Schule, im Elternhaus oder im Konfirmationsunterricht. Selbst in einem aufgeklärten Sexualkundeunterricht, der Homosexualität in akzeptierender Weise behandelt, wagen es schwule Jugendliche dagegen kaum, sich an den Diskussionen zu beteiligen, um eine Situation von vorneherein zu vermeiden, in der sie sich offenbaren müßten. Wohin wenden sich Jugendliche, die schwul werden, wenn sie mit anderen reden wollen?

Am besten an andere Schwule. Deshalb ist es ja auch eine weise politische Entscheidung, schwule Jugendläden oder Coming-Out-Gruppen zu gründen. Mit anderen Jungen, die ähnliche Probleme haben, kann eine Kommunikation darüber stattfinden, wie man Sexualität und Liebeswünsche in sein Leben integriert. Ein Gespräch mit den Eltern oder Freunden, mögen sie auch noch so verständnisvoll sein, kann eine Auseinandersetzung mit anderen Schwulen nicht ersetzen. Ein heterosexueller Freund kann die Sorgen nicht teilen, er hat ganz andere. Wenn er beispielsweise sagt, ich habe ja auch Schwierigkeiten mit meiner Sexualität. So leicht ist es ja auch nicht, eine Freundin zu kriegen, dann fühlt sich ein schwuler Jugendlicher ganz schnell missverstanden – zu recht. Es ist gar nicht die Frage, wie man einen Freund kriegt oder was man gegen sexuelle Schwierigkeiten unternimmt. Die zentrale Frage ist, wie man seine Homosexualität in der Welt und in sich selbst verankert.

An welchem Punkt während des Coming Out beginnen Jugendliche, sich mit Aids auseinanderzusetzen?

Das ist einen gute Frage – ich weiß es nur nicht. Zu mir kommen viele Jugendliche wegen dieser schon erwähnten Bundeswehrgutachten; ihre Aussagen sind für mich deshalb so wichtig, weil es sich bei ihnen nicht um „Patienten“ handelt. Von sich aus spricht davon nur eine Minderheit Aids als Konfliktpunkt an. Wenn ich nachfrage, bekomme ich zu hören, ja, das habe man sich auch schon „irgendwie“ bewusst gemacht. Häufig stecken aber die Eltern dahinter, die mit großer Sorge auf die Homosexualität reagieren und die Infektionsgefahr thematisieren.

Bemerkenswert ist, dass diejenigen, die von sich aus Aids als etwas ansprechen, was ihr Schwulwerden oder ihren Umgang mit homosexuellen Triebwünschen oder der Sexualität erschwert hat, ganz offensichtlich einen neurotischen Konflikt mit ihrer Homosexualität haben. Da spielt Aids dann eine ganz bedeutende Rolle und macht das Coming Out ungeheuer schwierig bis hin zu der Vorstellung, es wird aussichtslos: Wenn ich mir meine schwulen Wünsche gönnen würde, dann riskiere ich mich ja vielleicht so sehr, dass ich mich buchstäblich und wirklich vernichte.

Haben Sie auch Jugendliche erlebt, denen es von vorneherein gelingt, Safer Sex zu praktizieren zu können, ohne nennenswerte Abstriche an den eigenen Wünschen zu machen? Einige sagen ja, sie kennen Sexualität von vornherein nur mit Kondom, sie hätten damit kein Problem.

Safer Sex ist ebenso wenig selbstverständlich wie Sexualität überhaupt, zumal für schwule Jugendliche. Ein Junge, der über längere Zeit zu mir kam, sagte auch, er habe keine Schwierigkeiten mit Safer Sex. Dann hat er sich verliebt und sich gemeinsam mit seinem Freund testen lassen, damit sie aufs Kondom verzichten können – sprich: Es ist doch ein Problem. Wer schon im Coming Out mit der normativen Erwartung konfrontiert wurde, dass bei bestimmten sexuellen Kontakten ein Kondom dazugehört, dem mag die Benutzung zwar leichter fallen, aber bei den Konflikten dahinter gibt es zwischen Erwachsenen und Jugendlichen keinen große Unterschied. Da gibt es die ganze Bandbreite: Schwule, die das Kondom erotisch besetzen können, die das toll finden, auch in ihrer Phantasie; andere, die sich damit sehr geschützt fühlen, ihr Penis bleibt unverletzt und verursacht keine Verletzungen – ein Schutzgefühl, das weit über das hinausgeht, was Infektionen mit HIV anbetrifft.

Safer Sex funktioniert bei einem eher instrumentellen sexuellen Verhalten außerhalb von Beziehungen relativ gut. Bei einem eher expressiv-emotionalen Verhalten innerhalb von Beziehungen, wo es Phantasien von Liebe und Vertrauen und Verschmelzen gibt, da klappt es sehr viel schlechter.

Ist ein Jugendlicher, der sich selbst noch nicht als schwul begreift, aber schon sexuelle Kontakte mit Männern hat, in der Lage, sich zu schützen?

In bestimmten Konfliktsituationen auf Schutz zu bestehen, würde ja heißen, sich eine Gefährdung durch einen homosexuellen Kontakt einzugestehen. Man kann im Coming Out während einer langen Phase Sex mit anderen Männern haben, ohne das als schwule Kontakte wahrzunehmen. Wenn der Jugendliche noch keine schwule Identität hat, ist es schwer, dieses symbolisch so deutlich mit Aids beladene Kondom einzusetzen. Da ist es leichter, hochriskante Kontakte zu verweigern, etwa, dass man anal penetriert wird.

Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass der erste riskante Sexualkontakt den Umschlagpunkt zum Eingeständnis der eigenen Homosexualität bildet. Wenn der Jugendliche mehr will als diese pubertären Spielereien mit Gleichaltrigen, wenn er seine Phantasien umsetzen will in die Realität, kann es geschehen, dass er sich auf ein Risiko einlässt, weil es auch bedeutet, jetzt den Schritt zu einem richtig schwulen Kontakt geschafft zu haben. Ich habe einem jungen Mann, der sich tatsächlich bei seinem ersten schwulen Sex infiziert hat, die naive und blödsinnige Frage gestellt, warum er sich denn nicht geschützt habe. Er hat völlig adäquat geantwortet: ihm sei alles andere durch den Kopf gegangen, er sei so verwirrt gewesen, dass er beim besten Willen daran nicht habe denken können.

Viele Sexualpädagogen vertreten ja immer wieder, dass das entscheidende kommunikative Mittel auch in der sexuellen Auseinandersetzung die Sprache sei. Sie stärken Jugendliche darin, mit dem Partner über ihre sexuellen Wünsche und Schwierigkeiten zu reden. Ich glaube nicht, dass das funktionieren kann. Die entscheidende Kommunikation in der Sexualität verläuft ohne Worte, durch Sensibilität für die körperlichen Reaktionen, durch blicke. Wir alle setzen Sprache erst dann ein, wenn die Sexualität wirklich so konflikthaft geworden ist, dass metasprachliche Mittel und körperliche Codes nicht mehr durchsetzungsfähig sind – wenn also nichts anderes mehr hilft.

Was kann die Aids-Hilfe dazu beitragen, dass junge Schwule den Prozeß des Coming Out durchleben, ohne sich zu infizieren?

Sie muß ihre politische Kraft, ihre Bedeutung einsetzen, dass Homosexualität als ein selbstverständliches Feld der Sexualität gezeigt wird, ohne dass moralisiert wird. Das kann im Sexualkundeunterricht, in Kino- oder Fernseh-Spots, auf Plakaten und in Broschüre geschehen. Nur: Es wäre für bestimmte Gruppen eher kontraproduktiv, wenn die Aids-Hilfe das selbst tut. Sie wird mit Recht als homosexuelle Organisation betrachtet. In ihren Broschüren propagiert sie ja ungebrochen das freie und lustvolle Ausleben schwuler Sexualität. Das ist auch gut so, das sind ihre Meriten, das verschafft ihr großes Vertrauen bei Schwulen. Jugendliche allerdings, die der Homosexualität noch ambivalent gegenüber stehen, werden diese Ambivalenz natürlich auch der Aids-Hilfe gegenüber empfinden. Wer noch nicht für  sich akzeptieren kann, schwul zu sein, wird einen Bogen um Institutionen machen, die so schwul sind wie die Aids-Hilfe. Das werden einige in den Aids-Hilfen nicht gern hören, weil sie sich für alles zuständig fühlen, was mit Homosexualität zu tun hat.

Herr Dannecker, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellten Sönke Müller und Jürgen Neumann.


Safer Sex: Nach Absprache

Juni 6, 2009

Kürzlich wurde ich auf meinem schwulen Internetprofil von einem User angeflirtet, der ebenso wie ich in seinem Profil unter Safer Sex: „nach Absprache“ vermerkt hatte. Ich gebe hier unkommentiert den anonymisierten Chatverlauf wieder:

A. piggy kerl

B: lach, selber ja auch!

A: grinz, freu

B: was treibt dich dazu, mich frischen fünfziger anzuchatten mit 31 ? bin neugierig und frag halt direkt!

A: mag erfahrene barebacker

B: und bist du selber auch HIV+ ??

A: bin ungetestet

B: naja, klar, so kann mans auch halten. ich weiss von meinem hiv seit 19 jahren. wie gehste denn damit um, wenn du bare ficken willst und da sagt dir dann jemand: ich bin positiv?

A: is mir dann egal

B: fällt mir schwer zu verstehen. du bist der erste, der mir das so frank und frei sagt.

A: bin auch nich stolz drauf

B: mir fällt es schwer zu verstehen, dass es jemandem egal ist, ob er hiv hat oder nicht. klar ist sex ohne gummi geiler, aber is es dir diesen scheiss hiv wert?

A: egal, is vieelleicht der falsche ausdruck,aber ich verdränge es irgend wie

B: da machst du es dir leichter als ich. ich mag die vorstellung nicht, beim sex jemanden anzustecken. DANN bin ich nicht frei im kopp und hab keinen spass dabei, egal wie scharf der andere ist…

A: versteh ich gut

B: ja und wat machst DU dann?

A: dann mit gummi

B: mann bist du ein harter brocken! – ich aber auch *grins*

A: denkst jetzt bestimmt, ich bin ein egoistisches arschloch

B: nee, ich kenn dich nicht und be- oder verurteile dich nicht. weiss nicht… denke: ist der dumm, sich so zu verhalten… und auch: Neid, dass du die lust nicht einschränken lassen willst… – irgendwie beides

A: es is eher dumm, ich gebs zu

B: ja und wat nu mit der erkenntnis?? da haste den salat, wolltest ja mit nem erfahrenen barebacker ins geschäft kommen *lach*

A: schäm mich jetzt

B: warum?

A: weil ich son arsch bin

B: versteh ich nich

B: hab ich dir jetzt die nacht versaut?

A: nee, nee

B: hey, ich hau mich jetzt in die falle. bin gespannt, ob ich noch was von dir hören werde – bye n8

A: schlaf gut – bis denne


Sitzt das Kondom – Sitzt die Therapie? Check it!

Mai 4, 2009

Die Stiftung Warentest hatte wieder Kondome im Test und berichtet am 9.4.o9. Dabei wird besonders auch auf das Kondom als Mittel zur Vermeidung einer HIV-Infektion eingegangen:

Jeweils 3 000 HIV-Neuinfektionen wurden in den letzten beiden Jahren in Deutschland gemeldet. Häufig sind sie auf Nachlässigkeit und Sorglosigkeit zurückzuführen. Auch Infektionen mit Syphilis nehmen wieder zu. Mit mangelnder Kondomqualität haben die Infektionen nichts zu tun.

Auch betont die Stiftung Warentest: Keine Verhütungsmethode ist 100% sicher. Auch ein Kondom kann mal ein Loch haben:

Ein „Sehr gut“ wurde als test-Qualitätsurteil nicht vergeben, weil es keine Verhütungsmethode gibt, die einen 100-prozentigen Schutz bietet. Kondome ohne Löcher ließen sich , wenn überhaupt, nur mit noch größerem Aufwand herstellen. Auch ein Kondom kann mal ein Loch haben. Die Norm setzt aber Maßstäbe: Beim Lochtest dürfen bei 315 Kondomen aus einer Charge von 150 000 Stück zwei Kondome „Undichtigkeiten“ haben; bei 500 Kondomen aus einer Charge von 150 000 bis einer halben Million drei.

Die Fehlerquote liegt dabei aber weit weit unter der menschlichen Fehlerquote.

Im Test hatten bei etwa 24 500 geprüften Kondomen zwei Kondome zweier Fabrikate jeweils ein Loch, von einem weiteren Hersteller ein Kondom eine Undichtigkeit. Der Qualität tut das keinen Abbruch, die Norm wurde erfüllt.

Meist spielen Alkohol und Drogenkonsum eine bedeutende Rolle, wenn es trotz konsequentem Kondomgebrauch zu einer Ansteckung mit HIV kommt. Dann klappt es mit der Anwendung einfach nicht mehr so gut – ohne dass man es selber merkt. Und an dieses „Wahrnehmungsloch“ kann man sich dann logischerweise nicht erinnern.

Wird im Zusammenhang mit der Schutzwirkung einer wirksamen Therapie benannt, dass diese vergleichbar ist zum Kondom, – aber beide eben auch nicht 100% sicher sind – wird genau auf diese menschlichen  Anwendungsfehler und nicht auf Materialfehler Bezug genommen.

Der Vergleich passt auch hier:

„Sitzt das Kondom? – Sitzt die Therapie? – Check it!“


AIDS-Hilfen führen EKAF-Debatte offensiv weiter

März 31, 2009

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat in ihrer Broschüre „Therapie 2009“ die neuen Erkenntnisse um den Zusammenhang von Viruslast und Infektiosität eingearbeitet. Der Delegiertenrat der DAH hat auf seiner Sitzung im März die Ausdifferenzierung der zentralen Botschaft begrüßt, die HIV-Therapie als wichtiges Element des Risikomanagements zu bewerten.

Damit ist eine weitere Grundlage geschaffen, die auf der Konferenz zum Leben mit HIV und AIDS „Positive Begegnungen“ von den TeilnehmerInnen gestellte Aufforderung, die EKAF-Debatte mutig weiterzuführen, in die Tat umzusetzen. Ausdrücklich bittet der Vorstand der DAH nun um eine „offensive Verbreitung innerhalb und außerhalb des Verbandes“.

In diesem Sinne folgt hier ein Auszug von zwei wesentlichen Kapitel aus der genannten Broschüre

„Therapie ?“

Basis-Information zur Behandlung der HIV-Infektion

Deutsche AIDS-Hilfe, 2009

Kapitel: „Was ist mit Sex“

Eine erfolgreiche Therapie führt dazu, dass die Viruslast im Blut, im Sperma und in den Schleimhäuten drastisch sinkt, wodurch sich auch die Ansteckungsgefahr für die Sexpartner stark verringert. Schädigungen der Schleimhäute in der Scheide, am Penis oder im Darm – vor allem durch sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis und -Herpes – erhöhen dieses Risiko wieder, weil sich in geschädigter Schleimhaut HIV anreichert und sie außerdem durchlässiger für HIV macht.

Sex mit HIV-negativen Partnern

Bei erfolgreicher Therapie (die Viruslast ist seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, die Medikamente werden konsequent eingenommen) und intakten Schleimhäuten ist eine Infektion des Sexualpartners beim Sex ohne Kondom unwahrscheinlich. Da man aber diese Voraussetzungen bei Gelegenheitspartnern nicht garantieren kann, empfehlen wir für diese Situation nach wie vor den Gebrauch von Kondomen. Diese reduzieren zudem das Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Tripper anzustecken.

Festen Partnern empfehlen wir zur Frage „Kondomverzicht – ja oder nein?“ dringend folgendes Vorgehen: eine ausführliche Beratung in der Aidshilfe, dazu ein Gespräch mit dem Arzt, ob die genannten Bedingungen gegeben sind, dann eine gemeinsame Entscheidung, mit der beide gut leben können, und anschließend regelmäßige ärztliche Untersuchungen.

Sex mit HIV-positiven Partnern

Bei einer erfolgreichen Therapie ist es unwahrscheinlich, dass man sich bzw. den Sexualpartner mit einer weiteren HIV-Variante ansteckt, die unter Umständen gegen bestimmte antiretrovirale Medikamente resistent = unempfindlich ist. Möglich ist eine solche „Superinfektion“ aber bei Menschen mit HIV, die noch keine Therapie machen oder gerade in einer Therapiepause sind.

Kapitel: „Was ist mit Kinderwunsch und Schwangerschaft?“

HIV-positive Männer können das Virus bei der Zeugung nicht an das Kind weitergeben, wohl aber die Frau anstecken (und dadurch kann dann auch das Kind infiziert werden). Dies kann man durch eine „Spermawäsche“ und/oder den Einsatz von antiretroviralen Substanzen verhindern. Die Einnahme von Medikamenten durch den angehenden Vater schadet dem Kind nach heutigem Wisse nicht.

Das Risiko einer HIV-Übertragung von der Mutter auf ihr Baby kann auf unter 2 % gesenkt werden: indem die Mutter Medikamente gegen HIV einnimmt, um die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze zu senken, durch eine vorsorgliche mehrwöchige Behandlung des Neugeborenen mit Anti-HIV-Medikamenten und durch den Verzicht aufs Stillen. Um das Risiko einer Übertragung bei der Geburt zu minimieren, wird HIV-infizierten Müttern meistens ein geplanter Kaiserschnitt empfohlen. Liegt die Viruslast stabil unter der Nachweisgrenze, ist bei intensiver medizinischer Betreuung durch HIV-Spezialisten auch eine natürliche Geburt möglich.

Die Akzeptanz von relativer Sicherheit bleibt damit Grundlage der HIV-Prävention. Weitere links zum Thema im gleichnamigen Blogbeitrag, sowie bei Blogger ondamaris.

Die Broschüre „Therapie“ ist bei der DAH und bei den regionalen AIDS-Hilfen erhältlich .


Mehr Spaß am Sex mit kontrollierter Viruslast / be smart about HIV!

März 1, 2009

Im Juni 1997 erschien in der Zeitschrift San Francisco Frontier eine Anzeige innerhalb einer Informationskampagne, die mich damals während eines Urlaubs tief beeindruckte. Sie hinterließ bei mir eine so große Wirkung, dass ich meine Skepsis gegenüber der HIV-Therapie aufgab und im Januar 1998 mit meiner HIV-Therapie begann.

Die formulierten Aussagen sind tatsächlich eingetroffen. Dort hieß es: „Be smart about HIV. See your doctor about new treatment options. Reducing the amount of Virus may help you live longer.“

be smart about HIV

be smart about HIV

Angepasst auf die heutige Situation, 12 Jahre später, ermöglicht eine wirksame HIV-Therapie mit dauerhaft unterdrückter Viruslast nicht nur ein (noch) längeres Leben. Faktisch ist auch die Infektiosität beseitigt. Daher ist eine ähnlich neue Situation gegeben, die eine neue Informationskampagne erforderlich macht. Die Struktur kann im wesentlichen beibehalten werden:

„Be smart about HIV“ meint in etwa: Sei schlau und intelligent im Umgang mit Deiner HIV-Infektion. Sorge gut für Dich. Nutze die heutigen Möglichkeiten.

„See your doctor about new treatment options“: Geh zum Arzt und informier Dich über neue Behandlungserfolge und Auswirkung auf Dein Sexleben. Informiere Dich, mach Dich fit und up-to-date. Lass dich beraten.

Und nun die auf die heutige Situation bezogene,  auf wirksame Therapie/Viruslast/Infektiosität angepasste neue Botschaft:

New research suggests: Reducing the amount of Virus may help you live Sex more joyful:

„Neue Forschungsergebnisse zeigen: Eine kontrollierte Viruslast kann Dir helfen, wieder mehr Spaß am Sex zu haben“

Wann wird es in Deutschland eine offensive Information zur heutigen Behandlungssituation geben? Damals wie heute ist sehr entscheidend, gut und umfassend zu HIV informiert zu sein. Die Aussagen beschönigen nichts und machen keine falschen Versprechungen. Im Gegenteil, sie machen (HIV-Positive wie HIV-Negative) neugierig und laden ein: Es hat sich etwas getan! Informier Dich! Lass nicht denken und Denke selber!

Sie rufen auf, smart und intelligent zu sein, sie appelieren in Wort und Text an Selbstliebe und Nächstenliebe, an Selbstwertgefühl und Solidarität, ganz im Sinne der Kampagne der DAH für schwule Männer: „Ich weiss, was ich tu!“

Es ist 1 Jahr nach Veröffentlichung der EKAF-Stellungnahme überfällig, endlich deutlicher, mutiger und offensiver zu werden, zum Beispiel mit einer Informationskampagne nach dem Muster von „be smart about HIV“.



Schütze dich selbst..

Januar 28, 2009

… erinnert ein Beitrag auf tagesschau.de zum heutigen europäischen Datenschutztag. „Der wichtigste Faktor für den Schutz der Privatsphäre bleibt der User selbst.“ Zur erforderlichen Medienkompetenz gehört eben das „Wenn man will, dass niemand eine bestimmte Sache herausbekommt, dann soll man sie auch nicht ins Internet schreiben.“ Nirgends, denn das Netz vergisst nichts.

Wer sich mit HIV und AIDS und Safer Sex beschäftigt hat, kennt die Bedeutung der nicht delegierbaren Eigenverantwortung und kennt auch  Risikomanagement zu dem, was man eben tut und nicht lässt.