Das P von Proud – Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

Im Poz and Proud – Blog in den Niederlanden läuft eine Serie „de P van Proud“, in der schwule Männer über ihre Gedanken und Erfahrungen mit HIV schreiben. Und wie sie Würde, Selbstbewusstsein und Stolz als schwule Männer mit HIV leben, denn ihr Motto ist zurecht: Ein Leben mit HIV ist kein Grund für Scham und Schuld („living positive isn’t a shame“).

Maartens Beitrag habe ich hier übersetzt. Heute folgt nun mein eigener Beitrag für diese Serie.

on top of my life

Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

Ich bin 1959 geboren und lebe seit 1990 mit dem Wissen um meine HIV-Infektion.

Damals, 1990, gab es keine Medikamente, HIV im Körper zu bändigen. Man hätte verzweifeln können. HIV hatte etwas dämonisches, war auch wegen der sozialen Ausgrenzung das Furchtbarste, was einem passieren konnte.

Aber schon früher, seit Anfang der 80er Jahre, hatte HIV begonnen, mein Leben einzuschränken, mir die Lust auf schwul-sein, die Lust auf Sex verdorben. Die Welt erschien mir wie eine gefährliche unheimliche Geisterbahn. Sexualität war in meinem Elternhaus tabuisiert. Sexuell zu sein war etwas, das man nicht zeigte und worüber man nicht sprach. Noch schlimmer: christliche Moral diffamierte Freiheit und Lust.

Für mich persönlich kein förderliches Klima, um Lust an der Lust und Sicherheit in der Freiheit zu lernen. Mein self-made Weg in die Freiheit ging nur in kleinen Schritten voran. HIV war schneller.

Auf der Geisterbahn des Lebens zählte HIV für mich zu den bedrohlichen Mächten. Meine HIV-Diagnose erlebte ich als Drachenkampf und Erwachen. Sie war wie ein Erdbeben, das eine Großstadt in Schutt legt: alles kaputt, kein Haus mehr heil, nur noch Schutt, keine Straßen gab es mehr – nur noch ein großes Trümmerfeld. Und mittendrin „Ich“.

Drachenkampf

Ich registrierte, dass ich überlebt hatte, dass ich in dieser Katastrophe am Leben war. Den Schock dieser Situation habe ich damals nicht wahrgenommen. Ich begann einfach das naheliegende zu tun: Wer ist noch da? Wo bin ich hier? Wie kann es jetzt weitergehen? Was kann ich jetzt tun?

Und da begann mein eigener Geist ganz befreit die Regie zu übernehmen. Das war seine Stunde, war meine Stunde: Er flüsterte mir behutsam und kraftvoll zu: Solange du lebst, geht es weiter auf Deiner Fahrt! Du schaffst es! Du findest Kumpel, Weggefährten und Freunde! Dein Ziel ist es, immer weiterzugehen! Es gibt keinen Grund, vor dem Leben Angst zu haben. Sag dies weiter! Sei unerschrocken, sei wachsam! Du schaffst es!

Ja, und ich habe es geschafft! Ich habe diese 19 Jahre geschafft, in denen HIV mir und anderen im Nacken saß, in der HIV einen nach dem anderen aus unserer Herde mutiger Mustangs abgeschossen hat. Wie ich dies überlebt habe, bis HIV seine Macht verlor, warum und wie ich dies überlebt habe, – ich weiss es nicht. Glück und Geschick vielleicht?

Ich habe sehr vieles von dem erlebt, was das Leben zu bieten hat: Angst, Schrecken, Krankheit, den Tod von Freunden, den Tod von meinem besten Freund René. HIV hatte nicht die Macht, unseren Zusammenhalt und Mut, unsere Solidarität und Kameradschaft zu brechen. Wir waren stärker und wir wissen das heute. Das ist mein Stolz im Leben mit HIV, mein „P von PROUD“.

Wer das eigene Denken aufgibt, mit dem ist es aus. Wer sich nicht traut, mit dem ist es aus. Wer die Kraft in sich nicht erweckt, mit dem ist es aus.

Es gibt viele in dieser Welt, die an Deine Tür klopfen und Dir verkaufen wollen, „was HIV ist“. Schick sie alle weg!! HIV ist das, was DU daraus machst! HIV bekommt DIE Bedeutung die Du diesem Virus und dieser Krankheit gibst.

Und es geht nicht darum, welche Bedeutung Du HIV gibst, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem LEBEN gibst.

Es ist DEINE Macht, dies selber herauszufinden. Dich soll nicht interessieren, was andere denken und was andere sagen. Nur Du kannst den Weg zu Deiner Stärke finden. Wer Dich darin unterstützt, ist ein weiser und würdiger Freund, wer Dir etwas einreden will, so gut es auch gemeint ist, der betrügt Dich.

Das Leben ist eben keine Fahrt in der Geisterbahn. Das Leben ist schön und Dein Leben ist nicht vorbei, auch und gerade mit einer HIV-Diagnose nicht. Im Gegenteil: Dein Leben hat sehr viel Geduld, mehr als Du selber – und es wartet auf Dich! Freu Dich! Du bist stark und schwuler Sex ist schön!

(Die Erstveröffentlichung in niederländischer Sprache findet sich hier.)

12 Antworten zu Das P von Proud – Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

  1. alivenkickn sagt:

    @termabox

    „Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst.“

    du sprichst mir aus der seele . . .wie man so sagt.

    vor ein paar tagen habe ich n kommentar in einem forum zu einem thema geschrieben. der paßt gut hier rein wie ich finde.

    es ist merkwürdig – oder auch nicht. mit jedem tag den ich mit und dank der pillen lebe wird dieser virus und das ganze drum herum immer verwobener mit meinem – dem leben. die trennung oder die grenzen die eine trenunng auslösten, verwischen sich immer mehr. natürlich bin ich mir bewußt das es grenzen – trennendes gibt, doch sind sie mehr das ergebnis äußerer umstände als das ergebnis meiner eigenen wahrnehmung auf grund anerzogener muster, von do s and dont s und ähnlichem.

    krankheit gehört zum leben wie der fisch zum wasser. die kunst ist es ja zu sagen, das eben anzunehmen. das eine wie da andere anzunehmen, ja zu dem schönen und dem angenehmen zu sagen, wie auch JA zu dem unangenehmen zu sagen.

    Du bist stark und Sex ist schön! . . ich alivenkickn die bloggerquotenhete darf das sagen . . . .🙂

  2. […] aus den Niederlanden an, der für den Blog der schwulen Männer mit HIV, „Poz and Proud” meinen Gastbeitrag über „Das P von Proud” übersetzt und eine Rückfrage hatte. Ich lese mir dazu meinen Text noch einmal durch und stolpere […]

  3. termabox sagt:

    @ alivenkickn:

    Danke für die Komplimente, mein Gutester!

    Angesichts der aktuellen Ereignisse hier in Köln „Tümmerfeld, Schuttberge…“ (s.o.) spüre ich, wie leicht es sich so daher sagt, dieses „das eine wie das andere annehmen“. Tragödien anzunehmen ist nicht leicht und manchmal will man das auch gar nicht und klingt es zynisch…

    Sagen kann man es wohl erst nachher, wenn man die aktuelle Krise überwunden hat, überlebt und den Lebensmut nicht verloren hat und zurückschaut.

  4. ondamaris sagt:

    „HIV ist das, was DU daraus machst!“ – schöner satz!
    glg

  5. Steve sagt:

    Danke für den Hiweis auf deinen Blog. Ich hoffe das ich für meine Leben auch die richtige Bedeutung finde und es nicht von diesem Virus bestimmen lasse.

  6. termabox sagt:

    @Steve:

    Freut mich, dass Dir mein Beitrag einen Schubs Power bringt. Aber lass Dir Zeit, man kann das nicht erzwingen, das muss wachsen. Und mit anderen sich austauschen tut gut, jedenfalls mit denen, die ein „offenes Ohr“ für das haben, was einen bewegt.🙂

  7. […] wenn man sich selbst schon ein halbes Dutzend Mal überlebt hat? Schließlich rechnete ich bei meiner HIV-Diagnose 1990 mit nur noch 2 bis 3 Jahren Lebenszeit und dann mit dem Tod. Ist es ein zu feiernder Erfolg, nach […]

  8. termabox sagt:

    Die Ärztezeitung publizierte bereits am 14. Juli 1998
    http://praxis-psychosoziale-beratung.de/hiv-08.htm#HIV-positiv%20-%20damit%20h%C3%B6rt%20das%20Leben%20nicht%20auf

    „HIV-positiv – damit hört das Leben nicht auf !“

    Genf (ug). „Bridging the Gap“ war das Motto des diesjährigen Welt-AIDS-Kongresses in Genf. Gleichzeitig haben acht HIV-Positive aus Europa und Afrika, fünf Männer und drei Frauen, versucht, aktiv „die Lücke zu überbrücken“: Sie sind gemeinsam auf Afrikas höchsten Berg, auf den Kilimandscharo, gestiegen. Damit haben sie beweisen wollen, „daß das Leben nicht aufhört mit der Diagnose HIV-positiv“. Und allein die Tatsache, daß Europäer und Afrikaner gemeinsam sich einer solch extremen physischen Anstrengung unterziehen, sollte „eine Kluft überbrücken“.

    Außerdem hätten die HIV-Positiven mit ihrer Aktion, die vom französischen Unternehmen bioMerieux unterstützt worden ist, ein Zeichen der Hoffnung und der Solidarität setzen wollen, teilt das Unternehmen mit. Während des AIDS-Kongresses haben am Stand von bioMerieux täglich Live-Übertragungen von der Expedition stattgefunden, und die HIV-Infizierten haben vom Kilimandscharo aus in Video-Konferenzen den AIDS-Experten Fragen gestellt.

    Die HIV-infizierten Bergsteiger stammen aus Burkina Faso, der Elfenbeinküste, Südafrika, Kenia, Frankreich und der Schweiz. Nicht alle acht konnten schließlich wie geplant mitmachen, zwei mußten aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. Die HIV-Positiven sind natürlich nicht allein auf den Kilimandscharo gestiegen. Begleitet haben sie unter anderen zwei Mitarbeiter des Unternehmens bioMerieux, eine Mitarbeiterin der Marcel Merieux Foundation, ein Arzt und ein Bergführer.

    Fast alle an der Aktion beteiligten HIV-Positiven engagieren sich in ihren Heimatländern aktiv in Hilfsorganisationen. Mamadou Sawadogo zum Beispiel ist Gründungsmitglied von „REVS+“ – das steht für „responsabilite, espoir, vie, solidarite“, also „Verantwortung, Hoffnung, Leben, Solidarität“ – , der einzigen Organisation in Burkina Faso, die dort gegen AIDS kämpft. Oder Joyce Malope aus Soweto in Südafrika. Sie ist in verschiedenen Organisationen aktiv, darunter „Wola Nani“, „Umarmung“ auf Zulu. Sie engagiert sich für Prävention, und sie berät und betreut AIDS-Kranke.

    Die Aktion ist ein voller Erfolg gewesen. „Unsere Kilimandscharo-Besteigung ist natürlich nicht viel, verglichen mit all dem, was getan werden müßte“, sagt Jean-Philippe Corbin, einer der beiden französischen Teilnehmer. „Was wir aber vor allem zeigen wollen, ist, daß HIV-Positive und HIV-Negative, Europäer und Afrikaner, alle, die auf dem Kilimandscharo mit dabei sind, gemeinsam etwas erreichen können. Jeder kann sehen, daß HIV-Positive nicht verzweifelt sind. Sie haben nicht aufgehört zu leben. Das soll all denen, die stillstehen und auf den Tod warten, Hoffnung geben.“

  9. […] 03.07.09: Das P von Proud:  Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst […]

  10. […] Lesetip hierzu in meinem blog auch: „Das P von proud…„ […]

  11. […] Medizin diesen Sprachgebrauch nicht gelten lassen will. Das Leben findet nicht in Schubladen statt. Es liegt an uns, was wir draus machen und auf welchen Erfahrungen wir unser Identitätserleben aufbauen. Und für manche ist es einfach […]

  12. […] Marcel: Ja, der lautete ungefähr so: „Es liegt an dir, welche Bedeutung du HIV in deinem Leben geben willst. Lass dir von den anderen n… […]

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