3 Jahre nach Veröffentlichung ist das EKAF-Statement uneingeschränkt gültig

Januar 21, 2011

Seit dem EKAF-Statement wurde verschiedentlich versucht, das Unbeweisbare zu wiederlegen. Erneut versuchen Englische und Holländische Autoren mit einem mathematischen Modell das Statement zu widerlegen.

Die Eidg. Kommission für AIDS-Fragen (EKAF) hat – basierend auf fehlenden Beobachtungen von Übertragung unter Therapie – behauptet, dass das Risiko einer Übertragung unter einer optimal durchgeführten HIV-Therapie vernachlässigbar klein sei. Seither sind fast drei Jahre verflossen und das Statement wurde immer und immer wieder diskutiert, oft verdankt, gelegentlich als zu vereinfachend kritisiert aber nicht wirklich widerlegt. Wäre das Statement so falsch, müsste es nun in der Literatur zahlreiche, gut dokumentierte Fälle von HIV-Übertragung unter Therapie geben. Doch bis auf einen einzigen, schlecht dokumentierten Fall (Stürmer 2009) blieb der Gegenbeweis in der Tat noch aus. Beim vermeintlichen Fall fehlt leider eine Dokumentation eines negativen HIV-Tests beim Partner nach Beginn der Therapie, so dass nicht nachgewiesen werden konnte, dass der feste Partner nicht bereits vor Therapiebeginn infiziert wurde.

Widerlegung durch mathematische Modelle
Ein interessanter Diskussionsbeitrag zur Frage der HIV-Übertragung sind auch die zahlreichen mathematischen Modelle, welche zur Widerlegung des EKAF Statements angestrengt wurden. Das kürzlich in Sexually Transmitted Infections publizierte Modell hat die Frage untersucht, wie das Resultat des letzten HIV-Resultates (HIV-Viruslast) die Entscheidung, Sex ohne Kondom zu haben, somit auch das Transmissionsrisiko beeinflussen könnte.

Kondome, zusätzlich zur Therapie, nützen
ist eigentlich die Kernaussage der Autoren. Speziell an der Arbeit ist, dass die Autoren das Risiko der HIV-Übertragung davon abhängig machen, wie lange die letzte Überprüfung der HIV-Viruslast zurück liegt. Doch auch diese Berechnung basiert auf eigenen Annahmen. In der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie haben Combescure et al (HIV-Medicine 2009) gezeigt, dass Patienten, welche wiederholt eine nicht nachweisbare Viruslast hatten, auch bei der nächsten Kontrolle eine gute wirksame Therapie hatten. Diese Regel trifft lediglich nicht auf Patienten zu, welche aus irgend einem Grund die Therapie unterbrochen hatten. Der von den Autoren hypothetisch angenommene Anstieg der Viruslast tritt eigentlich also nur ein, wenn eine zentrale Bedingung des EKAF-Statements nicht erfüllt ist: Regelmässige Einnahme der Medikamente!

Annahmen widersprechen der Realität!

Die Autoren beginnen für die Berechnung des Transmissionsrisikos mit einem hypothetischen Modell der Transmissionsrate abhängig von der HIV-RNA Viruslast, der „Fraser-assumption“ (Fraser 2007). Doch die Konklusion ist sehr überraschend: MSM, welche behandelt sind, haben unter den genannten Prämissen ein Risiko von 22% (9-37%), ihren Partner anzustecken ! Das ist immens und widerspricht allen Erfahrungen und publizierten Arbeiten (s. Metaanalyse Atila, 2009). Unter „Therapie“ verstehen die Autoren jede Form der Therapie, auch die schlecht wirksame. Doch dies ist ja nicht das, was das EKAF-Statement als Grundlage für das Statement einer vernachlässigbaren Übertragungsrate verwendet.

Klicken auf Bild zum VergrössernDas Mathematische Modell hat immer recht….
Das heisst nun allerdings nicht, dass die Arbeit oder das Modell falsch sind. Die Berechnungen dürften sicher stimmig sein, doch das Modell basiert auf Annahmen, die kaum stimmen können (22% Übertragungsrate unter Therapie!). Die Aussage, dass der zusätzliche Gebrauch von Kondomen das theoretische Risiko senkt, ist sicher korrekt.

…doch die Annahmen können falsch sein
Die hier verwendeten Grundlagen ergeben nun, wie die Abbildung zeigt, dass das Risiko einer Übertragung unter einer gut wirksamen Therapie („if low VL“) klein ist, doch theoretisch die Benutzung von Kondomen noch einen zusätzlichen Effekt hat (Vergrösserung der Abb. durch Klick auf Bild). Ob diese zusätzliche Risikoreduktion überhaupt noch klinisch relevant ist, kann jedoch aus dieser Arbeit nicht abgeleitet werden, da das berechnete Transmissionsrisiko offensichtlich zu hoch ist. Hätten wir – wie die Arbeit suggeriert – eine 2-3% Wahrscheinlichkeit einer Übertragung beim Sex ohne Kondom unter Therapie, hätten wir diese Fälle allein in der Schweizerischen HIV-Kohorte schon längst entdeckt und dokumentiert.

HIV-Risiko immer noch Sonderfall
Auch die Web-Seite der Pharma-Firma ViiV-Healthcare nimmt die Studie recht unkritisch auf und präsentiert die postulierten Daten als reale Zahlen von Übertragungsrisiken. So heisst es hier: „Liegt bei dem HIV-positiven Partner die Viruslast unter der Nachweisgrenze, so hat der nicht infizierte Partner in den darauf folgenden 6 Monaten ein Risiko von 3 % sich mit dem HI-Virus zu infizieren, wenn das Paar in diesem Zeitraum auf den Gebrauch von Kondomen verzichtet“.  Es wird noch länger dauern bis die Gesellschaft anerkennt, dass ein minimales Restrisiko für HIV nicht anders zu behandeln ist als z.B. das Restrisiko einer sexuellen Übertragung von Hepatitis C. Obwohl wir dokumentierte Einzelfälle von sexueller HCV-Übertragung kennen, empfehlen wir HCV-serodifferenten Paaren auch nicht, beim Sex Kondome zu verwenden.

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Dieser Text wurde am 24.12.2010 veröffentlicht von Prof. Vernazza auf www.infect.ch

Die Deutsche AIDS-Hilfe hat im April 2009 ein auf das EKAF-Statement aufbauendes Positionpapier „HIV-Therapie und Prävention“ veröffentlicht, das differenziert auf verschiedene Lebenssituationen eingeht.

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Der AIDS-Tod von Michael Westphal und die Michael-Stich-Stiftung (akt.)

Februar 15, 2010

Am 20.6.1991 stirbt Tennisprofi Michael Westphal im Alter von nur 26 Jahren an Aids. In der Öffentlichkeit wird über die Todesursache Aids spekuliert, es bleibt aber lange unbestätigt. Erst 10 Jahre nach seinem Tod äußert sich seine damalige Lebenspartnerin Jessica Stockmann: „Ich habe versprochen, zehn Jahre zu schweigen und gegen AIDS zu kämpfen.“

Michael Stich ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und hat sich bereits in die Weltspitze der Tennisprofis emporgearbeitet. 1990 gewann Stich sein erstes Grand-Prix-Turnier. 1991 gehörte er zur Top 10 der Weltrangliste.  Michael Stich verliert mit Michael Westphal einen Tenniskollegen an AIDS.

Die HIV-Infektion wird bei Michael Westphal 2 ½ Jahre vor seinem Tod festgestellt. Zu dieser Zeit ist Jessica Stockmann schon einige Jahre mit ihm liiert. Sie muss befürchten, sich angesteckt zu haben. Ein HIV-Test zeigt aber, dass sie sich nicht mir HIV angesteckt hat. Eine wirksame HIV-Therapie gibt es Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre noch nicht. Die heutigen HIV-Medikamente (2010) hätten Michael Westphal sehr wahrscheinlich stabilisiert und hätten seinen Tod verhindern können. Damals aber war eine HIV-Diagnose eine Todesankündigung, erst recht nach Erreichen des Vollbildes AIDS, das offenbar bei Michael Westphal mit der Diagnosestellung einherging.

1988/89, als Michael Westphal und Jessica Stockmann von seiner HIV-Infektion erfahren, herrscht in der Gesellschaft eine große Aufregung und Angst vor der todbringenden HIV-Infektion und als Reaktion entsteht ein aggressives Klima gegenüber HIV-Positiven. Kurz zuvor, 1987, hatte die offensive Information und Aufklärung der bundesdeutschen Gesellschaft mit der Kampagne der BZgA „Gib AIDS keine Chance“ begonnen. Erst die Erfolge der HIV-Prävention, die Fortschritte in der Therapieentwicklung und die nur moderaten Neuinfektionszahlen in den folgenden 25 Jahren führen zu einem langsam sich entspannenden Umgang mit HIV und den mit HIV lebenden Menschen in der deutschen Gesellschaft.

1992, ein Jahr nach dem Tod von Michael Westphal, heiraten Jessica Stockmann und Tennisprofi Michael Stich. 1994 gründen beide die „Michael Stich-Stiftung“. Sie geben der Stiftung die Zielsetzung, sich für HIV-infizierte Kinder einzusetzen.

Es ist naheliegend, zwischen beider Engagement in Sachen HIV und AIDS und  ihren Erfahrungen um die HIV-Infektion und den AIDS-Tod des ihnen nahestehenden Michael Westphal einen Zusammenhang zu sehen. Offiziell dürfen sie dies aber zunächst nicht zeigen, da sie sich an das zweiteilige Versprechen gebunden sehen, über die Verknüpfung Michael Westphal / AIDS sowohl „zehn Jahre zu schweigen“, aber auch „gegen AIDS zu kämpfen“.

Die Schilderung ihres persönlichen Trauerweges lässt ahnen, wie schwer es für Jessica Stockmann war, den Verlust ihres Lebenspartners zu bewältigen und nicht offen die AIDS-Erkrankung ansprechen zu können.

Wann und unter welchen Umständen Michael Stich von der HIV-Erkrankung seines Tenniskollegen Michael Westphal erfuhr und ob sich Michael Stich auch zu seinem eventuellen Miterleben der HIV-Infektion von Michael Westphal und seiner – ab 1992 – Ehefrau Jessica Stockmann-Stich geäußert hat, ist mir nicht bekannt. Ich respektiere es, wenn beide dies ihrer Privatsphäre zurechnen.

Läge die wahre Motivation zum Start der Michael-Stich-Stiftung 1994 aber viel näher bei der Person Michael Westphal begründet, wäre retrospektive verständlicher, warum diese Stiftung sich auf HIV-infizierte Kinder in Deutschland konzentriert, obwohl diese auch schon Unterstützung durch die Deutsche-AIDS-Stiftung erhalten können und die Zahl HIV-betroffener Kinder in Deutschland sehr klein ist: Das Michael Westphal gegebene Schweigeversprechen musste gehalten werden.

Angesichts der nun wieder neu startenden – und von vielen Menschen mit HIV als provozierend und diskriminierend erlebten – Posterkampagne der Michael-Stich-Stiftung sei aber die Frage erlaubt, wie die von Herrn Stich gewählten Aktivitäten mit seinen persönlichen Erfahrungen mit HIV und AIDS in einem Zusammenhang zu sehen sind.

Das Engagement von Michael Stich in Sachen HIV und AIDS könnte ich als einen persönlichen Bewältigungsweg seiner Erfahrungen mit HIV verstehen. Menschlich wäre mir das nachvollziehbar. Ich kann mir vorstellen, dass in einem jungen Lebensalter von Anfang 20 der AIDS-Tod seines Tenniskollegen auch Michael Stich persönlich berührt hat. (Außerdem war damals auch Arthur Ashe, ein US-amerikanischer Tennisspieler an AIDS erkrankt und starb 1993.)

Unabhängig davon lehne ich die sich in der Kampagne der Michael-Stich-Stiftung verwendeten generellen Aussagen: „AIDS ist tödlich“ oder: „Wer sich mit HIV infiziert, wird daran sterben“ als die Realität nicht korrekt beschreibend und daher kontraproduktiv ab.

Denn: „HIV ist nicht mehr tödlich, Leben mit HIV ist möglich„.

Ich halte die Aussagen auf den Plakaten der Michael Stich-Stiftung sogar für äußerst unglücklich, weil sie die individuellen Leiderfahrungen von Menschen mit HIV und ihrer Angehörigen chronifizieren und kein gesellschaftliches Klima zum offenen Reden über HIV befördern.

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Nachtrag vom 21.2.2010:

Zum 45. Geburtstag von Michael Westphal am19.2.2010 produziert der WDR-Hörfunk einen Beitrag in der Reihe „Stichtag“. Darin enthalten sind einige Statements von Zeitzeugen mit Sachinformationen, die zu diesem Blogbeitrag passen:

Jessica Stockmann: „Es war halt meine erste große Liebe. Ich war 15, er war 17…“

Sportjournalist Heribert Faßbender: „Es gab Gerüchte, er sei an Aids erkrankt, das wurde aber sehr! hinter der vorgehaltenen Hand gesagt.“

(Erkennbar Boris Becker): „Das gab’s bei uns Sportlern eigentlich nicht. Dass einer von uns, nicht durch die Spritze infiziert, nicht homosexuell, wie man das oft behauptete, sondern einfach durch Geschlechtsverkehr mit einer Frau infiziert wurde, war ein riesiges Schockerlebnis.“

Moderatorin: Michael Westphal soll sich mit 16 Jahren bei einer drogensüchtigen Mitschülerin infiziert haben.

Jessica Stockmann: „Heute würde er noch leben. Aber das war Ende der 80er. Da hatte man die ganzen Medikamente noch nicht. Und heute lebt man damit noch 20, 30 Jahre. …“

Der podcast zu diesem „Stichtag“ ist vom WDR online gestellt.

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Ähnliche Beiträge zu diesem Themenfeld:


HIV ist nicht mehr tödlich – Leben mit HIV ist möglich

April 24, 2009

Wie alt muss ich noch werden und wie viele Jahre mit HIV muss ich noch leben, bis AIDS-Präventionisten aufhören zu sagen, dass HIV im Jahr 2009 noch eine „tödliche Krankheit“ sei? Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Ich lebe seit 19 Jahren mit einer HIV-Diagnose und schätzungsweise 21 Jahre mit einer HIV-Infektion.

Glücklicherweise habe ich die Zeit des Neuen AIDS erreicht, in der wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, um die HIV-Infektion im Körper dauerhaft wirksam unter Kontrolle zu halten und eine fortschreitende Schädigung des Immunsystems zu verhindern.

Diejenigen, die wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt heute noch von der HIV-Infektion als einer tödlichen Erkrankung sprechen, verleugnen die Realität und blenden die heutigen veränderten Bedingungen aus.

Auch gutmeinende Prominente wie kürzlich Désirée Nick in einem Interview gegenüber der Zeitschrift Box (Nr. 191, S. 4) verharren in alten Bildern: „Ich habe die Schirmherrschaft [über die neue Kamapgne „Vergiss AIDS nicht“] übernommen, weil in unserer Gesellschaft alles verdrängt wird, was mit Sterben zu tun hat und Aids nach wie vor eine tödliche Krankheit ist. …“

Die Entscheidung darüber, ob eine Erkrankung zu Recht als „tödlich“ oder „nicht mehr /anders als tödlich“ bezeichnet werden kann, hängt  von äußeren Bedingungen ab.

Für fast alle HIV-Positiven in Deutschland ist HIV nicht mehr tödlich, sondern zu einer chronischen lebensbedrohlichen Erkrankung geworden, die nach wie vor das Leben stark beeinflusst.

Die Bedingungen dafür sind im wesentlichen die folgenden:

  1. Ich bin in kompetenter ärztlicher Behandlung bei einem HIV-Spezialisten.
  2. Ich habe Zugang zu wirksamen HIV-Medikamenten.
  3. Mein Körper verträgt die HIV-Medikamente und die Nebenwirkungen sind tolerabel.
  4. Über Laboruntersuchungen des Blutes wird die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie kontrolliert.
  5. Ich lebe in einem solidarischen gesellschaftlichen Klima und in einem sozialen Kontext, der mich nicht ausgrenzt und mich nicht in den Selbstmord treibt.

Auf mich trifft die Aussage: „Die HIV-Infektion ist eine tödliche Erkrankung“ definitiv nicht zu. Meine Existenz straft die AIDS-Präventionisten Lügen, die solches mit einer generellen Aussage behaupten.

Die HIV-Infektion ist nur dann eine nicht mehr tödliche Erkrankung, wenn sie diagnostiziert, also erkannt ist und dann die oben genannten Bedingungen folgen können. Schreitet die HIV-Infektion bei Ungetesteten unerkannt fort, führt sie nach einem individuell unterschiedlich langen Zeitraum zu einer ausgeprägten Immunschwäche mit den bekannten lebensbedrohlichen Erkrankungen.

Hat man sich mit HIV angesteckt, bringt das Wissen um die vorhandene Infektion einen massiven Überlebensvorteil. Der HIV-Test als Mittel der Früherkennung bekommt den Charakter einer lebensrettenden Maßnahme.

Zwischen 30 – 50% der heute in Deutschland zu beklagenden Todesfälle an AIDS entfallen auf Menschen, deren HIV-Infektion erst im Vollbild AIDS bei einer massiv lebensbedrohlichen Erkrankung festgestellt wird. Trotz Intensivmedizin können sie nicht gerettet werden. Die vorhandenen HIV-Medikamente können ihre Wirksamkeit nicht entfalten. Da ist alles zu spät.

Gleichwohl nehme ich die HIV-Infektion nicht auf die leichte Schulter. Es lohnt sehr, sich zu schützen und eine Ansteckung mit HIV zu vermeiden. Eine chronische behandelbare Krankheit ist immer eine Einbuße an Lebensqualität und verkürzt meist auch die Lebensjahre.

Mit HIV gut leben zu lernen bedeutet, aus der Not eine Tugend machen zu müssen. Damit dies gelingt, ist es erforderlich, sich die nötigen Fertigkeiten in einem Lernprozess aneignen. (Die wertvollen Qualitäten, die man in diesem Prozess entwickelt, sind als Potenzial in jedem Menschen bereits angelegt. Sie können deshalb auch ohne eine HIV-Infektion entfaltet werden.)

Selten schaffen Menschen dies ganz alleine und aus eigener Kraft. Deshalb lege ich auf Bedingung 5 besonderen Wert. Zu oft höre ich in meiner Beratungsarbeit von Suizidabsichten oder retrospektive von überlebten Suizidversuchen. Die HIV-Infektion generell als tödliche Krankheit darzustellen, treibt psychisch belastete und labile Menschen nach einer HIV-Diagnose in eine Ausweglosigkeit, die die Todesankündigung zu einer sich selbst erfüllenden Prohezeihung werden lässt.

Im Wissen der heutigen Therapiemöglichkeiten ist die Aussage, die HIV-Infektion sei eine „tödliche Krankheit“, realitätsverleugnend, stigmatisierend, nicht zielführend und damit sogar schädlich für die HIV-Prävention.


AIDS-Hilfen führen EKAF-Debatte offensiv weiter

März 31, 2009

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat in ihrer Broschüre „Therapie 2009“ die neuen Erkenntnisse um den Zusammenhang von Viruslast und Infektiosität eingearbeitet. Der Delegiertenrat der DAH hat auf seiner Sitzung im März die Ausdifferenzierung der zentralen Botschaft begrüßt, die HIV-Therapie als wichtiges Element des Risikomanagements zu bewerten.

Damit ist eine weitere Grundlage geschaffen, die auf der Konferenz zum Leben mit HIV und AIDS „Positive Begegnungen“ von den TeilnehmerInnen gestellte Aufforderung, die EKAF-Debatte mutig weiterzuführen, in die Tat umzusetzen. Ausdrücklich bittet der Vorstand der DAH nun um eine „offensive Verbreitung innerhalb und außerhalb des Verbandes“.

In diesem Sinne folgt hier ein Auszug von zwei wesentlichen Kapitel aus der genannten Broschüre

„Therapie ?“

Basis-Information zur Behandlung der HIV-Infektion

Deutsche AIDS-Hilfe, 2009

Kapitel: „Was ist mit Sex“

Eine erfolgreiche Therapie führt dazu, dass die Viruslast im Blut, im Sperma und in den Schleimhäuten drastisch sinkt, wodurch sich auch die Ansteckungsgefahr für die Sexpartner stark verringert. Schädigungen der Schleimhäute in der Scheide, am Penis oder im Darm – vor allem durch sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis und -Herpes – erhöhen dieses Risiko wieder, weil sich in geschädigter Schleimhaut HIV anreichert und sie außerdem durchlässiger für HIV macht.

Sex mit HIV-negativen Partnern

Bei erfolgreicher Therapie (die Viruslast ist seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze, die Medikamente werden konsequent eingenommen) und intakten Schleimhäuten ist eine Infektion des Sexualpartners beim Sex ohne Kondom unwahrscheinlich. Da man aber diese Voraussetzungen bei Gelegenheitspartnern nicht garantieren kann, empfehlen wir für diese Situation nach wie vor den Gebrauch von Kondomen. Diese reduzieren zudem das Risiko, sich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Tripper anzustecken.

Festen Partnern empfehlen wir zur Frage „Kondomverzicht – ja oder nein?“ dringend folgendes Vorgehen: eine ausführliche Beratung in der Aidshilfe, dazu ein Gespräch mit dem Arzt, ob die genannten Bedingungen gegeben sind, dann eine gemeinsame Entscheidung, mit der beide gut leben können, und anschließend regelmäßige ärztliche Untersuchungen.

Sex mit HIV-positiven Partnern

Bei einer erfolgreichen Therapie ist es unwahrscheinlich, dass man sich bzw. den Sexualpartner mit einer weiteren HIV-Variante ansteckt, die unter Umständen gegen bestimmte antiretrovirale Medikamente resistent = unempfindlich ist. Möglich ist eine solche „Superinfektion“ aber bei Menschen mit HIV, die noch keine Therapie machen oder gerade in einer Therapiepause sind.

Kapitel: „Was ist mit Kinderwunsch und Schwangerschaft?“

HIV-positive Männer können das Virus bei der Zeugung nicht an das Kind weitergeben, wohl aber die Frau anstecken (und dadurch kann dann auch das Kind infiziert werden). Dies kann man durch eine „Spermawäsche“ und/oder den Einsatz von antiretroviralen Substanzen verhindern. Die Einnahme von Medikamenten durch den angehenden Vater schadet dem Kind nach heutigem Wisse nicht.

Das Risiko einer HIV-Übertragung von der Mutter auf ihr Baby kann auf unter 2 % gesenkt werden: indem die Mutter Medikamente gegen HIV einnimmt, um die Viruslast im Blut unter die Nachweisgrenze zu senken, durch eine vorsorgliche mehrwöchige Behandlung des Neugeborenen mit Anti-HIV-Medikamenten und durch den Verzicht aufs Stillen. Um das Risiko einer Übertragung bei der Geburt zu minimieren, wird HIV-infizierten Müttern meistens ein geplanter Kaiserschnitt empfohlen. Liegt die Viruslast stabil unter der Nachweisgrenze, ist bei intensiver medizinischer Betreuung durch HIV-Spezialisten auch eine natürliche Geburt möglich.

Die Akzeptanz von relativer Sicherheit bleibt damit Grundlage der HIV-Prävention. Weitere links zum Thema im gleichnamigen Blogbeitrag, sowie bei Blogger ondamaris.

Die Broschüre „Therapie“ ist bei der DAH und bei den regionalen AIDS-Hilfen erhältlich .


Akzeptanz von relativer Sicherheit ist Grundlage der HIV-Prävention

Oktober 16, 2008

Auf der Konferenz „HIV-Kontrovers“ erfolgte eine erste breite Debatte in NRW zwischen Ärzteschaft, öffentlichem Gesundheitsdienst, AIDS-Hilfen und Positivenselbsthilfe über die EKAF-Stellungnahme.

Prof. Vernazza, Prof. Brockmeyer, Armin Traute, Michael Jähme, Michaela Dierks

Podium der Abschlussdiskussion: v.l.n.r.: Prof. Vernazza, Prof. Brockmeyer, Armin Traute, Michael Jähme, Michaela Dierks

Professor Vernazza, als Präsident der EKAF Mitherausgeber der Stellungnahme, ging sachlich und konkret auf die in den letzten Monaten vorgetragene Kritik ein und stellte einiges richtig: EKAF hat das Kondom als „100% safe“ in Frage gestellt. Genau das sei jetzt die große Verunsicherung. In der Vergangenheit habe man verschwiegen, dass ein Kondom niemals einen 100%igen Schutz vor einer Ansteckung mit HIV bietet. Die Kontroverse über die EKAF-Stellungnahme entzündet sich an der Frage: „Was ist sicher genug für die Prävention?“ In der Vergangenheit habe man sich darauf geeinigt, daß Kondome sicher genug sind, um die bekannte Präventionsbotschaft „Kondome schützen“ zu benutzen.

Grundlage von Prävention sei daher immer die „Akzeptanz von relativer Sicherheit„. Kritiker hätten der EKAF vorgeworfen, dass man ein „Null-Risiko“ nicht garantieren könne. Dazu Prof. Vernazza: „Genau das haben wir auch gesagt.“

Prof. Vernazza äusserte sich auch persönlich: „Das Schöne an EKAF ist, daß Patienten denken: Ich kann auch wieder Sex haben ohne Kondom!“

Als Teilnehmer der Runde auf dem Podium verstärkte ich (Michael Jähme) die Notwendigkeit der Entängstigung bei HIV-Positiven. Ich schilderte, wie auch ich als Fachmann in der AIDS-Hilfe die auch mir schon lange bekannten Berichte zur Unterdrückung der Infektiosität bei wirksamer HAART nicht auf mich selber und auf das Leben mit HIV insgesamt bezogen habe. Erst die EKAF-Stellungnahme habe mir die Augen geöffnet, wofür ich der EKAF noch einmal meinen Dank aussprach. Als mögliche Erklärung, warum das Zögern, die Bedeutung der Berichte in ihrer Tragweite anzuerkennen, auch bei mir und in der Selbsthilfe so lange gedauert habe, äusserte ich folgenden Hypothese: In der Vergangenheit hat es immer wieder Hoffung weckende Meldungen über Impfstoffe, Heilung und neue Medikamente gegeben, denen später eine schmerzhafte Enttäuschung folgte. Menschen mit HIV und AIDS hätten aus diesen Achterbahnfahrten der Gefühle gelernt, erst einmal abzuwarten, was wirklich an einer Sache dran ist.

Die Entwicklung seit dem Auftreten von AIDS hat jetzt einen neuen Punkt erreicht, der Selbstbild und Selbstbewusstsein von Menschen mit HIV und AIDS massiv verändert. In den ersten Jahren von AIDS war es realistisch, die Mitteilung einer HIV-Diagnose zu erleben als: „Ich bin gefährlich für andere und ich werde sterben.“ Nach Vancouver, ab 1996, war es realistisch, mit einer HIV-Diagnose zu denken: „Ich werde nicht sterben, aber ich bin gefährlich für andere.“ Heute, mit den in der EKAF-Stellungnahme schlüssig dargelegten Fakten ist es möglich, eine wirksam therapierte HIV-Infektion zu erleben als „Ich bin nicht mehr gefährlich für andere und ich werde auch nicht an HIV sterben.“

Was dieses neue Erleben für eine ungeheure Entlastung mit sich bringt, dies begreifen nur wenige. Und nur die wenigsten Menschen ohne HIV-Diagnose sind bereit, diesen Wechsel in die Perpektiv eines HIV-Positiven für einen kleinen Moment vorzunehmen, um ansatzweise auch emotional zu erfahren, welche Bedeutung das „nicht mehr infektiös“ für uns HIV-Positive hat. Dass von der wirksamen HIV-Therapie eine gleiche Schutzwirkung ausgeht wie vom Kondom, diese Veränderung der Betrachtung erfordere ein anstrengendes Umdenken und sei „echte Arbeit“, die sich mir als Bild darstellt: „Im Gehirn müssen Verbindungen zwischen Gehirnzellen völlig neu geschaltet werden. Der alte Schaltplan muss ‚upgedatet‘ werden.“ Im Leben mit HIV habe sich etwas grundlegend verändert. Ich halte es für einen Irrtum zu glauben, es wäre mit einer einfachen rationalen Aufnahme der Information getan. Man müsse dies auch in seiner emotionalen Tragweite erfahren. Diese Anpassungsleistung ist sowohl für HIV-Positive wie für HIV-Negative/Ungetestete anstrengend und zunächst verunsichernd.

Daher ist es mir auch verständlich, dass jeder eine unterschiedlich lange Zeit braucht, diese grosse Veränderung auf sich wirken zu lassen, um sie dann anzuerkennen. Der Wert der Debatte auf der Konferenz  „HIV-Kontrovers“ liegt für mich darin, dass wir den offenen Dialog über die Folgen der EKAF Stellungnahme jetzt begonnen haben.

Professor Vernazza relativierte die große Aufmerksamkeit, die die EKAF-Stellungahme erlangt hat: Es gibt viel gravierendere Infektionsrisken zu anderen Krankheitserregern, deren Diskussion und Aufmerksamkeit er sich wünscht. Als Beispiel nannte er das Problem, dass sich nicht jede/r in der Belegschaft eines Krankenhauses gegen  Grippe impfen läßt und mit einer eigenen Grippeerkrankung dann andere Mitarbeiter und Patienten gefährde.

Professor Brockmeyer ergänzte, dass sich Ärzte und Bevölkerung der Risiken anderer Erkrankungen zu wenig bewusst seien: „HIV war immer eine besondere Erkrankung. Wir haben von dieser Sonderstellung gelebt, und das wirkt sich eben auch jetzt [in der Debatte um die EKAF-Stellungnahme] aus.“

In seinem Schlusswort begrüßte Gastgeber Prof. Brockmeyer, dass die Teilnehmer bei HIV-Kontrovers tatsächlich den Mut gefunden hätten, nach anfänglichem Zögern doch bisher nicht zugelassene Gedanken zu denken und eine kontroverse Debatte zu wagen: „Wir müssen Stellung beziehen – es geht nur kontrovers!“

Nachtrag 23.10.2008:

Die Deutsche AIDS-Hilfe schliest sich dem Mexiko-Manifest an, wie Ondamaris berichtet:  In dem „Mexiko-Manifest“ , veröffentlicht von LHIVE, der Schweizer Selbsthilfeorganisation der Menschen mit HIV und AIDS, wird die Veröffentlichung der EKAF-Stellungnahme ausdrücklich begrüßt und sind Folgerungen für den weiteren Umgang mit dem Thema Infektiosität formuliert.

An die Entscheidung der DAH knüpfe ich die Erwartung, dass nun in den Mitgliedsorganisationen der DAH eine offensivere und freiere Debatte stattfindet um die Infektiosität  (insbes. bzgl. Auswirkung auf Lebensqualität von HIV+ und die HIV-Prävention) und dass „eigenes Denken“ begrüßt und unterstützt wird.


„AIDS“: Wort des Jahres 1987

September 21, 2008

Fast hätten wir dieses Jubiläum unbemerkt verstreichen lassen: Vor 20 Jahren, 1987, wurde „AIDS“ und „Kondom“ von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gewählt und gewann damit gegen Perestroika, Glasnost, Waterkantgate, Ozonloch, Molkepulver, Handlungsbedarf, Kremlflieger und Dienstleistungsabend.

Hier einige Ergebnisse einer Recherche im Internet zu AIDS im Jahr 1987:

Deutschland und AIDS im Jahr 1987:

In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zum Umgang mit AIDS in Deutschland setzte sich die damalige Gesundheitsministerin Rita Süßmuth mit der Linie der liberalen, nicht repressiven Aids-Politik durch. Als Verfechter der herkömmlichen Gesundheitspolitik forderte der CSU-Politiker Peter Gauweiler Zwangsmaßnahmen: Die Instrumente der alten „Seuchenpolitik“ sollten eingesetzt werden. Er orientierte sich an „Moral“ und „Schuld“. Gauweiler wollte Infizierte melden und isolieren, notfalls einsperren lassen.
Für ihre Verdienste und aus Dank für ihr mutiges Auftreten wurde Rita Süßmuth im Jahr 2004 vom Schwulen Netzwerk NRW geehrt.
Rita Süßmuth hat etwas Neues in der Gesundheitspolitik geschaffen. Rolf Rosenbrock, damals Mitglied der AIDS-Enquêtekommission des Deutschen Bundestages und im Nationalen AIDS-Beirat, erinnert sich.

1987: Das „Sofortprogramm der Bundesregierung zur Bekämpfung von Aids“ und die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) starten.
Die Aids-Telefonberatung der BZgA beginnt ihre Arbeit.
Die Deutsche AIDS-Stiftung „Positiv leben“, die Nationale Aids Stiftung und der Nationale Aids-Beirat der Bundesregierung werden ins Leben gerufen.

Ende April 1987 erhalten alle Schulen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung je 2 kostenlose Lehrerhandbücher „Unterrichtsmaterial zum Thema AIDS für die 9. und 10. Klasse“.

1987 produziert die BZgA ihren ersten AIDS-Spot
Ein Video mit einer Zusammenstellung der meisten der seit 1987 von der BZgA produzierten ca. 70 AIDS-Spots, die überwiegend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und in Kinos zu sehen waren, ist auch heute noch bei der BZgA zu bekommen. Hier als Beispiel: Ohne Dings kein Bums

AIDS-Aufklärung in den Schulen
Am 10. März 1987 wendet sich der Kultusminister von Schleswig-Holstein mit einem Runderlass an die Lehrer: „Auf der Grundlage der vorstehenden Hinweise bitte ich alle Schulleiter darauf hinzuwirken, daß im Rahmen der unterrichtlichen Möglichkeiten unverzüglich mit der AIDS-Aufklärung begonnen werden kann.“

1987 erscheint ein für die AIDS-Arbeit sehr bedeutsames Fachbuch der Autoren Erwin Haeberle und Axel Bedürftig: „Aids – Beratung, Betreuung, Vorbeugung – Anleitungen für die Praxis“
Schwerpunkthaft geht es um die Ursachen der verbreiteten Ängste vor Aids und die Möglichkeiten ihrer Verminderung bzw. Beseitigung. Dabei ist die sachgemäße Information über Ansteckungsrisiken und Krankheitsverlauf besonders wichtig: „Die beste Methode, um übertriebenen Sorgen vor einer möglichen Ansteckung durch das HIV-Virus entgegenzuwirken, ist die Information über die möglichen Übertragungswege und den Verlauf der Krankheit Aids.
Die verbreitete Aids-Angst hat dabei im wesentlichen drei Ursachen: Furcht vor dem Unbekannten, Einstellungen zu Homosexualität, Drogenkonsum und dem häufigen Wechsel von Sexualpartnern und schließlich enttäuschte oder auch bestätigte Erwartungen über die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin.“

Meine „Heimat“- AIDS-Hilfe Wuppertal wird am 24. März 1987 gegründet.

Internationales zu AIDS 1987

Als erstes HIV-Medikament erhält „Retrovir“ (AZT) am 29. April 1987 in den USA seine Zulassung zur Behandlung der HIV-Infektion. Noch heute ist AZT ein wichtiger Bestandteil in der Aids-Therapie.

Der britische Staatssekretär für im Gesundheitsministerium, Norman Fowler, besuchte San Francisco, und schüttelte einem AIDS-Patienten demonstrativ die Hand. Diese Geste fand große Beachtung. Wenig später tat es ihm Prinzessin Diana gleich bei einem Besuch im Middlesex Hospital, London.

Etwa zeitgleich gründete sich ACT UP (the AIDS Coalition to Unleash Power). ACT UP war eine Bewegung zivilen Ungehorsams. In den USA gegründet, protestierte ACT UP mit spektakulären öffentlichen Aktionen gegen die Verelendung und Diskriminierung von AIDS-Patienten. Da es in den USA kein Sozialversicherungssystem gab, mußten die Kranken die extrem teuren Medikamente selbst bezahlen. Am 24. März 1987 fand die erste große Massendemonstration statt. Larry Cramer erinnert an die Gründung vor 2o Jahren. In seiner auf Video (in englischer Sprache) aufgezeichneten Rede zum 20. Jahrestag wird viel von der Emotionalität im Kampf gegen AIDS spürbar.

In den USA wurde im Bundesstaat Utah mit Gesetz vom 17.4.1987 die Eheschließung mit AIDS-Infizierten untersagt, und gleichzeitig die Nichtigkeitserklärung bereits geschlossener Ehen ermöglicht. 1987 verfügten neun US-Staaten über ein Aids-Register mit namentlicher Nennung von HIV-Positiven. In zwei von ihnen, Colorado und Idaho, werden die Namen benutzt, um über die Rekonstruktion von Sexualkontakten Infektionswege aufzuspüren.

Im Oktober 1987 wurde mit AIDS erstmalig über eine Krankheit in der Generalversammlung der Vereinten Nationen debattiert. Die UN-Generalversammlung forderte alle Bereiche und Abteilungen der UN auf, sich unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisatin (WHO) sich im Kampf gegen AIDS zu engagieren.

Mein persönliches Fazit:

  • In der Medizin und der Behandelbarkeit der HIV-Infektion sind wir heute Riesenschritte weiter. Für diejenigen, die mit den HIV-Medikamenten versorgt werden können – und weltweit gesehen ist dies nur eine Minderheit! – ist HIV eine chronische Erkrankung geworden.
  • Wer Zugang zu den HIV-Medikamenten bekommt, hat Grund, die Depression abwerfen und wieder der Lebensfreude Raum zu geben.
  • Gesellschaftlich ist auch in Deutschland der Umgang mit HIV-Positiven immer noch sehr von Angst geprägt und moralische Schuldzuweisungen müssen von uns HIV-Positiven und den AIDS-Hilfen immer noch vehement zurückgewiesen werden.
  • Die liberale Süßmuth-Linie des Umgangs mit AIDS muss jeden Tag neu verteidigt und erstritten werden!

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 8.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


HIV-Prävention in der Schwulensauna

September 21, 2008

„Therapie statt Safer-Sex – Wie verändert der medizinische Fortschritt die HIV-Prävention und das Safer-Sex-Verhalten?“, darum ging es beim Talk zum Welt-AIDS-Tag in Wuppertals Männersauna Theo’s Sauna Club am 1. Dezember 2007.

Seit vielen Jahren zählt der Talk in Theo’s Sauna zu den traditionellen Veranstaltungen am Welt-AIDS-Tag in Wuppertal. Meist sehr lebhaft diskutiere ich mit den Saunagästen zwischen Tresen und Kaminfeuer über aktuelle Themen rund um HIV und schwule Gesundheit und informiere über den aktuellen Wissensstand. Danke an Saunabetreiber Theo und Klaus für ihren Beitrag, mit unserem alljährlichen Sauna-Talk das Thema HIV im Bewußtsein aller wach zu halten!

Dieses Jahr stelle ich in meinem kleinen Einführungsvortrag die Einflüsse der medizinischen Entwicklung auf das Safer-Sex-Denken in den Vordergrund:

Durch die immer weiter sich verbessernde Behandelbarkeit wird HIV und AIDS von vielen nicht mehr als so bedrohlich erlebt. Die Erfahrungen des zahlreichen Sterbens vieler Freunde an AIDS in den 80er und 90er Jahren ist in den Lebensgeschichten vieler älterer schwuler Männer tief eingebrannt. Safer Sex, also sich zu schützen und Kondome zu benutzen, ist für diese Generation eine Selbstverständlichkeit. Dass AIDS heute von der jüngeren Generation, in der Zeit der dauerhaft wirkenden HIV-Medikamente, als weniger bedrohlich erlebt wird, löst oft Unverständnis und Kopfschütteln aus, dass die alte Selbstverständlichkeit heute nicht mehr zu gelten scheint, auch Zorn.

Tatsache ist, dass viele junge, aber durchaus auch ältere Schwule sehr spitzfindig darin sind, Wege zu überlegen, sich vor HIV schützen aber doch auf das ungeliebte Kondom verzichten zu wollen. Die neuen Behandlungsmöglichkeiten werde da natürlich mit in die Strategien eingebaut.

Da wird nun also spekuliert, dass ein Positiver nicht mehr HIV übertragen könne, wenn er die Medikamente einnimmt und dadurch weniger HIV (nicht-nachweisbare Viruslast) in Blut und Sperma hat. Oder dass die Post-Exposition-Prophylaxe (PEP), die Einnahme der HIV-Medikamente für 1 Monat nach einem ungeschützten Sex doch eine HIV-Ansteckung noch verhindern könne. Oder dass die gezielte Einnahme der HIV-Medikamente VOR einem bewußt gewollten Sex ohne Kondom ein Schutz vor HIV sein könne.

Was ist da dran? Stimmt das alles und welche Risiken bleiben, HIV zu bekommen? Stoff genug für einen heissen Diskussionsabend.

Unterm Strich, so meine Bewertung, sind diese Überlegungen nicht geeignet, auf ein Kondom zu verzichten um wirkungsvoll und sicher eine HIV-Infektion zu vermeiden. Als HIV-Negativer Medikamente statt eines Kondoms zu nehmen, ist arg gewagt, teuer und sollte nicht die „erste Wahl“ für den eigenen Schutz sein.

Spannend bleibt aber die große Frage, wie infektiös ein HIV-Positiver, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, tatsächlich ist. Dieses Thema wird garantiert in den nächsten Monaten und Jahren heiss diskutiert und weiter erforscht werden. Denn Fakt ist schon heute, dass eine niedrige oder nicht mehr nachweisbare Viruslast die Infektiosität des HIV-Positiven sehr stark senkt. Das ist eine sehr gute Nachricht gerade für Partnerschaften, in denen ein Partner HIV-negativ, der andere HIV-positiv ist. Denn gerade hier ist Sexualität meistens sehr belastet durch die Angst und Sorge vor einer Übertragung von HIV.

Mir ist es wichtig, dass diese offene Frage: Wie groß ist die Übertragbarkeit / das Ansteckungsrisiko bei einem mit HIV-Medikamenten behandelten Menschen? offensiv diskutiert wird. Nur so kann ich als Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Fehlinterpretationen vorbeugen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 3.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.