Unsere Geschichte sind unsere Geschichten

November 5, 2011

–   Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns? –

Wenn ich mich an die nun 30 Jahre von HIV und Aids erinnere, spüre ich als erstes, welch mächtigen Einfluss HIV auf mein Leben genommen hat. Durch HIV kam ein Faktor ins Leben, den weder ich noch andere schwule Männer ignorieren konnten. Wir mussten eine Form des Umgangs und des Arrangements mit diesem Virus finden. Das Virus wurde eine fremdbestimmende Einflussgröße, welche Autonomie und Eigenart zu beherrschen drohte, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.

Erinnerungen sind scheu. Sie stellen sich nicht auf Kommando ein. Erinnern ist nicht planbar. Erinnerungen kommen spontan. Manchmal überfallen und erschüttern uns Erinnerungen, wenn wir gar nicht damit rechnen: Untrennbar sind Erinnerungen mit Emotionen verbunden.

Wir spüren, dass das, was wir erinnern, immer emotional besetzt ist. Überhaupt erinnern Menschen nur, was emotional bedeutsam war im Leben. Es sind oft Begegnungen mit Menschen, bei denen wir uns wohl, geborgen und sicher gefühlt haben, mit denen wir Nähe erlebt haben, eben besondere, herausragende Momente im Leben.

Wir erinnern Erlebnisse, die selbstwertstärkend waren, wo wir uns angenommen und verstanden gefühlt haben – aber eben auch genau gegenteilige Erfahrungen: Situationen von Bedrohung, Gefahr und kränkender Ablehnung. Wir erinnern Brüche und Wendepunkte im Leben, Ereignisse, die starke Veränderungen ausgelöst haben, wo etwas Neues in unser Leben hineingekommen ist.

Wenn wir uns erinnern, vergewissern wir uns dabei unserer Identität und der Kontinuität unseres Lebens. Wie bedeutsam, ja existenziell die Fähigkeit zur Erinnerung für unser Identitätserleben ist, wird deutlich, wenn Menschen durch ein Hirntrauma, Demenz oder andere Ursachen ihr Erinnerungsvermögen verlieren: Sie wissen dann nicht mehr, wer sie sind, sie sind beziehungslos und verloren in der Zeit.

Unsere Erinnerungen sind also unser Anker und unsere Verortung in der Welt und in unserer Lebensumgebung, die sich permanent verändert. Durch das Bewusstsein über den eigenen Lebensweg erhalten wir die Gewissheit und Sicherheit, wo wir hingehören, wo wir zuhause und verwurzelt sind. Erinnerung ist Halt und Orientierung. Wir identifizieren uns mit dem, was wir erlebt haben: Es ist unsere Geschichte, die wir erzählen können und es ist unser Biografie, unsere Lebensgeschichte, unsere Einzigartigkeit.

Für ein selbstbewusstes Älter-werden hat  in meinem Verständnis eine zentrale Bedeutung, möglichst umfassend zu allem, was ich erlebt habe und was ich handelnd getan habe, sagen zu können: „Ja, so war es – genau so war es!“

Angesichts von HIV und Aids wird es nun schwer, rückblickend auszuhalten, wie es war. Es sind doch viele Erinnerungen von starker und existenzieller Bedrohung: HIV machte Angst, die homophobe, sexualfeindliche Gesellschaft machte Angst – und gleichzeitig erlebten viele von uns, wie Partner, Freunde, Weggefährten, Menschen in unserem Umfeld, starben– oder auch wir selber durch HIV krank wurden.

Ob als HIV-Positiver, HIV-Negativer oder Ungetesteter: es ging ums Überleben in einer bedrohlichen und feindlichen Welt. Der Solidarität anderer konnten wir nie selbstverständlich gewiss sein. Unsere Erinnerungen sind oft bittere und schmerzhafte Erfahrungen.

Wie kann man überhaupt mit der Fülle all dieser Erfahrungen leben? Als ich einen über 60-jährigen schwulen Langzeitpositiven und HIV-Aktivisten der ersten Jahre einmal fragte: „Was machst du nur mit all deinen vielen Erinnerungen?“, antwortete dieser nach einem kurzen Moment des Innenhaltens spontan: „So schnell wie möglich vergessen!“

Diese Antwort stimmt mich nachdenklich. Ja, es ist eine Wahrheit, dass es vieles in unserem Leben gibt, an das wir uns nicht gerne erinnern, weil der Schmerz immer noch so groß ist – und wahrscheinlich auch bis an unser Lebensende groß bleiben wird.

Das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille.

Denn Not schweißt auch zusammen und angesichts der früher auszuhaltenden Not gab es oft  unerwartete Hilfe und Solidarität von außen, und es gab einen sich immer stärker organisierenden Zusammenhalt von innen. Es gab nicht nur die persönlichen Niederlagen, wenn Freunde und Weggefährten an Aids starben, es gab auch Siege, wo wir uns als starke Gemeinschaft erlebten, wo wir uns in der Gesellschaft behaupteten, Einfluss und Macht errungen und unsere Realität in die öffentliche Wahrnehmung gerückt haben.

Zum Wesen der Erinnerung gehört die Nachdenklichkeit. Beim Erinnern blicken wir aus einer veränderten Perspektive und aus zeitlicher Distanz auf das Erlebte zurück. Indem wir Erinnerungen teilen und mitteilen, bewerten wir darin das Erlebte immer wieder neu, können es in einen größeren Zusammenhang stellen und die Bedeutung der Ereignisse neu bewerten.

Und wenn wir erst einmal anfangen, uns zu erinnern, dann erinnern wir auch immer mehr! Auch vergessen geglaubte Erfahrungen werden wieder wach. Sich zu erinnern braucht Zeit – und das Erinnern widersetzt sich damit hartnäckig einem Zeitgeist, der auf Professionalität, Ergebnisproduktion und Effektivität fokussiert ist. Wer sich erinnert, geht eben nach „innen“, geht auf eine Zeitreise in seine innere Welt. Vielleicht ist das Erinnern auch deshalb eher dem Alter vorbehalten, weil dann – befreit von beruflichen Zwängen –  mehr Zeit da ist, sich zu erinnern. Gleichzeitig entsteht ein Bedürfnis, in der Fülle der eigenen Biografieerfahrungen den Überblick nicht zu verlieren: Wir finden eine Struktur, definieren Episoden und Abfolgen, konzentrieren Erlebtes in erzählbaren Geschichten.

Brauchen wir also eine neue Kultur des Erinnerns?

Ich vermag nicht zu benennen, ob wir überhaupt eine „alte“/bisherige Kultur des Erinnerns leben. Unsere Geschichte sind unsere Geschichten – und Geschichten zu erzählen wird häufig  als verstaubt und unangebracht sentimental abgewertet. Wo gönnen wir uns denn im Alltag die Zeit, uns Geschichte und Geschichten zu erzählen? Wenn aber in unserer Geschichte unsere Identität liegt, vernachlässigen wir uns selber, wenn wir unsere Geschichten nicht wertschätzen und erzählen. Es lohnt, die Erinnerungen einzuladen. Erinnerungen sind stolz: Sie kommen nur zu denen, die ein offenes Ohr mitbringen.

Ich glaube, wir brauchen zunächst eine Sensibilität und ein Bewusstsein für den Wert des Erinnerns. Unsere Erinnerungen sind ein Schatz an Erfahrungen. Schließlich leben wir noch – und verfügen offensichtlich über Fähigkeiten und Lebensweisheiten, die dieses Überleben zustande gebracht haben.

Und das gilt nun sowohl für die einzelne Person, als auch für uns als Gemeinschaft.

Michael Jähme

***

Dieser Impulsvortrag war mein Beitrag zur DAH-Präventionskonferenz  „Bis hierher – und noch weiter…“, 4.-6.11.2011 in Berlin im Workshop 1.3. Neues AIDS – alte Bilder / „Es sterben doch immer noch so viele!“

Die Frage, ob es einer neuen Kultur des Erinnerns bedarf, wurde aufgeworfen in der Diskussion meines Vortrags bei den Münchner AIDS-Tagen 2010: „Langzeitpositive und schwule Senioren sind Zeitzeugen vom Leben mit HIV„.

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Rede von Kanzlerin Merkel beim Empfang der DAH veröffentlicht

November 15, 2008
Die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Empfang anlässlich des 25. Jubiläums der Deutschen AIDS-Hilfe wurde auf ihrer homepage veröffentlicht:

Lieber Herr Henn,
liebe Frau Kollegin Ulla Schmidt,
liebe Freunde und Unterstützer der Deutschen AIDS-Hilfe,
meine Damen und Herren,

um auf die Anmoderation einzugehen: In der Tat werden nicht nur hier bei der AIDS-Hilfe immer gute Ideen und kräftige Hilfe gebraucht, sondern auch bei den Weltfinanzen; das ist in diesen Tagen offensichtlich. Wenn Sie also eine gute Idee haben, nehme ich sie gerne nach Washington mit. Wenn Sie mir dann sogar noch helfen könnten, sie durchzusetzen, wäre es noch besser.

25 Jahre Deutsche AIDS-Hilfe sind 25 Jahre gelebte Solidarität. Deshalb möchte ich damit beginnen, einfach Danke zu sagen, und zwar denen, die die Deutsche AIDS-Hilfe 1983 gegründet haben, was damals gar nicht so selbstverständlich war, wie es heute erscheint. Ich möchte auch all denen Danke sagen, die aus der anfänglichen Selbstinitiative in Berlin einen bundesweit aktiven Dachverband gemacht haben, der heute rund 120 regionale Mitgliedsorganisationen umfasst, sowie all denen, die sich für die Deutsche AIDS-Hilfe in so vielfältiger Weise immer wieder eingesetzt haben.

All diejenigen, die den Mut aufgebracht und sich ein Herz gefasst haben, die sich engagiert haben, haben dazu beigetragen, dass die Deutsche AIDS-Hilfe heute ein richtiges Erfolgsmodell ist und dass sie ein völlig unverzichtbarer Streiter und Partner im Kampf gegen AIDS geworden ist. Dahinter steckt unglaublich viel. Wenn wir noch einmal an die Anfangssituation in den 80er Jahren denken, erinnern wir uns daran, dass nach den ersten bekannt gewordenen AIDS-Diagnosen die Informationen rund um die Immunschwächeerkrankung rudimentär waren. Gerüchte hatten alle Möglichkeiten, sich zu verbreiten. Unbegründete Vorstellungen schossen ins Kraut, vor allem was vermeintliche Übertragungswege der Krankheit anbelangte. Viele haben geglaubt, allein durch Berühren des gleichen Geschirrs könne das Virus übertragen werden. Was die Ansteckungs- und Krankheitsgefahr anbelangt, war vieles überhaupt noch nicht abschätzbar.

Wenn wir uns daran zurückerinnern – das ist nun gerade einmal 25 Jahre her –, dann bekommen wir ein Verständnis dafür, wie es für viele Länder auf der Welt ist, in denen man genau in der gleichen Situation ist. Man muss überhaupt nicht verzagen, sondern muss einfach mutig seinen Weg gehen. Denn wenn man sieht, was wir erreicht haben, dann kann man sagen: Unwissenheit, Unsicherheit und Ängste, die damals noch erstaunliche Blüten getrieben haben, sind überwunden. Damals fühlten sich von der Krankheit Betroffene genau deshalb auch hilflos und alleingelassen. Es ist heute schon gesagt worden: Die Angst vor verstärkter Ausgrenzung und vor Diskriminierung ging gerade bei Homosexuellen um.

In dieser für uns heute kaum noch vorstellbaren Situation haben damals zehn Männer und eine Frau den Mut zur Gründung der Deutschen AIDS-Hilfe gehabt. In einer Zeit der Unsicherheit, der Angst, der Orientierungslosigkeit haben sie nicht nur die Notwendigkeit gesehen, aufzuklären, zu beraten, zu informieren und zu helfen, sondern sie haben das auch in die Tat umgesetzt. Dazu gehörte Mut, denn sie mussten nicht allein gegen die kaum fassbare Gefahr AIDS ankämpfen, sondern sie mussten vor allen Dingen – und das ist mindestens genau so schwierig gewesen – gegen Vorurteile, Diskriminierung und Ausgrenzung angehen.

Die Anfänge der Zusammenarbeit mit den Behörden und der Bundesregierung waren vermutlich nicht immer einfach, um es einmal vorsichtig zu sagen. Es sind dann aber – das ist heute schon erwähnt worden – doch Schritte gelungen mit der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth. Ich weiß aber, dass sie dafür auch in meiner Partei – ich sage das einmal so – nicht immer nur Lob bekommen hat. Trotzdem waren di Schritte richtig. Sie hat es vor allen Dingen geschafft, dass es möglich wurde, den seuchenpolizeilichen Ansatz der AIDS-Bekämpfung zurückzudrängen und dagegen den Ansatz der gesellschaftlichen Lernstrategie so zum Durchbruch zu verhelfen, wie wir ihn auch heute kennen. Deshalb ist auch all denen, die diese Richtungsentscheidung mitgetragen haben, ganz herzlich Dank zu sagen.

Wir wissen, dass sich der Mut der Gründer der Deutschen AIDS-Hilfe und der im Laufe der Jahre angewachsenen Schar von Mitstreiterinnen und Mitstreitern wirklich gelohnt hat. Wir haben ihnen zu verdanken, dass in den letzten 25 Jahren in Deutschland in gewisser Weise ein Stück Normalität eingekehrt ist, wenn man das so sagen darf. Wir können stolz auf das sein, was Ministerin Schmidt eben gesagt hat, nämlich darauf, dass wir wirklich zu den vorbildlichen Ländern auf der Welt gehören. So können wir heute über die einstigen Tabuthemen HIV und AIDS weitgehend offen sprechen. Das ist vielleicht die erste Voraussetzung, um überhaupt voranzukommen, wenngleich ich glaube, dass das von Generation zu Generation immer wieder neu gelernt und eingeübt werden muss.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Selbsthilfegruppen, Verbände und Nichtregierungsorganisationen gibt, die mit den Regierungen – auch der Bundesregierung – im Kampf gegen HIV und AIDS zusammenarbeiten. Heute sehen wir es als selbstverständlich an, dass Mittel für diesen Kampf bereitgestellt werden. Ich möchte die Gesundheitsministerin ausdrücklich in dem, was sie eben zur Behandlung gesagt hat, unterstützen: Es wird von uns nicht zugelassen werden, dass es hier Einschränkungen gibt, die nicht vertretbar sind. Ulla Schmidt hat das eben sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass viele von Ihnen, obwohl die Probleme im eigenen Land groß sind, sich engagieren, auch in anderen Ländern dazu beizutragen, dass dort der Kampf gegen AIDS ganz selbstverständlich geführt wird. Ich war deshalb auch sehr gerne bei der von der Gesundheitsministerin organisierten G8-Konferenz – einer Konferenz, die uns vor Augen geführt hat, dass nicht nur in Afrika oder in Asien, sondern auch direkt bei uns um die Ecke, in der europäischen Nachbarschaft, noch viele, viele Vorurteile zu überwinden sind. Wir können kein einiges Europa, keine Europäische Union sein, wenn es nicht möglich ist, in den Mitgliedstaaten in gleicher Weise vorzugehen. Ich glaube, das ist eine Aufgabe für uns alle.

Das, was wir seit Anfang der 80er Jahre erreicht haben, haben wir erreicht, weil es mutige Menschen gab. Das haben wir auch dadurch erreicht, dass bis heute, wie ich sagte, ein Stück weit Normalität eingekehrt ist. Aber ich will auch, so wie Herr Henn das schon getan hat, auf die Gefahren solcher Selbstverständlichkeiten hinweisen. Denn alles, was geradezu selbstverständlich aussieht, kann allzu leicht auch aus dem Licht der Öffentlichkeit und damit wieder aus dem Bewusstsein herausrücken. Wenn ein Problem nicht mehr täglich in den Nachrichten auftaucht, muss es deshalb noch lange nicht aus der Welt sein. Deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass wir zwar, wie hier gesagt wurde, ein Plateau bei der Zahl der Infizierten erreicht haben, dass wir aber längst noch nicht das erreicht haben, was wir erreichen wollen: weniger Menschen, die sich infizieren, und auch das Besiegen der Krankheit, das immer noch nicht gelungen ist.

Die traurige Wahrheit ist, dass das Leid vieler Menschen heute noch mit dieser Krankheit verbunden ist. Auch in Deutschland müssen wir immer wieder wachsam sein. Hinter jeder Krankheit stehen leidvolle Schicksale. An AIDS erkrankte Menschen leiden auch heute noch oftmals doppelt: zum einen körperlich und zum anderen an einer Umgebung, die zum Teil immer noch auf Distanz geht. Die Bekämpfung dieser Krankheit hat deshalb auch eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Ob Politik, ob medizinische Forschung oder die gesamte Zivilgesellschaft – letztlich ist jeder Einzelne in unserer Gesellschaft aufgerufen, sich in die Phalanx gegen AIDS einzureihen. Wenn die ganze Gesellschaft dies als eine Aufgabe begreift, haben wir viel geschafft.

Politik allein – das sage ich auch – wäre hier auf verlorenem Posten. Deshalb ist es so ein Erfolgsmodell, dass mit der Deutschen AIDS-Hilfe ein starker, ein unverzichtbarer, ein kompetenter Partner da ist, der natürlich oft auch sehr eigenständig sagt, was konkret vor Ort notwendig ist. Erst damit wird gezielte Hilfe in gemeinsamer Kooperation überhaupt möglich. Die Zusammenarbeit zwischen engagierten Bürgern, Selbsthilfegruppen, Verbänden und Regierungsstellen ist es, die überhaupt das Fundament dafür bildet, dass AIDS-Bekämpfung erfolgreich sein kann. Wir brauchen einen Staat, der einen verlässlichen Rahmen schafft – darüber ist gesprochen worden –, einen Staat, der Unterstützung anbietet, aber das Heft des Handelns in der Hand derer belässt, die mit ihren Erfahrungen am besten wissen, was vor Ort und für den einzelnen Menschen ganz konkret zu tun ist.

Es ist immer das Spannungsfeld in Demokratien, dass Regierungen Rahmen schaffen müssen, staatliche Stellen einen Rahmen sicherstellen müssen, aber dann natürlich auch ein Stück loslassen müssen, damit sich Menschen engagieren können, damit sich Menschen auch gegen Bedenkenträger und Widerstände durchsetzen können und damit diejenigen eine Chance bekommen, die nicht aufgeben, die manchmal unbequem sind, die nicht wegschauen und die immer wieder neue Wege gehen. Deshalb müssen die staatlichen Stellen natürlich die Kraft dazu aufbringen, das, was gestern war, nicht immer schon auch für morgen für gut zu halten.

Ich glaube, dass ein schönes Beispiel für das, was gemeint ist, ein ganz in der Nähe von hier liegendes Wohnareal ist: Eine Wohnanlage für Menschen mit AIDS, eines der gemeinnützigen Wohnprojekte von „ZIK – Zuhause im Kiez“. Betroffene können dort so wohnen und leben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Sie erfahren Pflege und Betreuung, die sie brauchen. So ist aus einer Eigeninitiative engagierter Bürger ein echtes Vorbild geworden für Strukturen, in denen Leben, Betreuung, Pflege und Vorsorge möglich ist.

Die Krankheit ist inzwischen behandelbar, aber heilbar ist sie immer noch nicht. Deshalb ist Prävention nach wie vor der beste Schutz – man kann das nicht oft genug wiederholen. Darüber dürfen die großartigen Erfolge in der Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen und Arzneimitteln nicht hinwegtäuschen. Prävention ist und bleibt auch auf absehbare Zeit das beste Mittel. Wir wissen, Nährboden für Neuinfektionen sind noch immer vor allem Unwissen, Leichtsinn und Fehleinschätzungen. Das heißt, wir müssen auch weiterhin auf Aufklärung, Information und Förderung von Gesundheits- und Verantwortungsbewusstsein setzen.

Das ist natürlich an dieser Stelle leichter gesagt, als es dann in der Praxis in umfassender Weise getan wird. Man kann das nicht von oben herab verordnen. Vielmehr funktioniert Prävention dann, wenn sie dezentral und auch gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt wird, wenn also der gemeinsame, teilhabende Charakter der Prävention betont wird. Genau darauf setzt die Deutsche AIDS-Hilfe auch mit ihrer kürzlich gestarteten Initiative „ICH WEISS WAS ICH TU“. Das ist eine Kampagne, die sich über die verschiedensten Medien hinweg erstreckt, einschließlich des Internets – ich glaube, dass das sehr wichtig ist –, bis zu Aktivitäten vor Ort. Ich möchte ausdrücklich sagen, dass ich dieser Kampagne viel Erfolg wünsche – einen Erfolg, der sich dann möglichst auch so niederschlägt, dass wir in den nächsten Jahren auf bessere Zahlen bei den Neuinfektionen blicken können.

Darauf hinwirken und den Trend umkehren, das ist eine Aufgabe für uns alle. Deshalb werde ich auch nicht müde, nun gerade auch für die Benefiz- und Spendenaktionen rund um den Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember um Unterstützung zu bitten und um Unterstützung zu werben. Ich will jedem sagen, der noch unsicher ist: Ob Geld- oder Sachspenden – jeder einzelne Betrag und Beitrag hilft hier weiter. Ich glaube, auch jedes Zeichen der menschlichen Solidarität ist willkommen. Dieses kann man zum Beispiel setzen, indem man sich auf der Internetseite des Welt-AIDS-Tages als Botschafter einträgt.
Ich glaube, es wäre das beste Geburtstagsgeschenk für Sie, Herr Henn, und Ihre Mitstreiter in der Deutschen AIDS-Hilfe, wenn sich möglichst viele in unserer Gesellschaft engagieren – mit Optimismus, Tatkraft und der Bereitschaft, auch einmal einen unbequemen Weg zu gehen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch und viel Kraft für die weitere Arbeit! Sie dürfen ab und zu auch unbequem sein, damit wir nicht vergessen, was noch Wichtiges zu tun ist. Alles Gute für die nächsten Jahre!

Einen Videomitschnitt der Rede von Bundeskanzlerin Merkel ist bei Blogger Ondamaris hier zu sehen.

In ihrer Rede streifte Bundeskanzlerin Angela Merkel 1 Mal auch namentlich “Homosexuelle” in dieser Passage:

“Wenn wir uns daran zurückerinnern – das ist nun gerade einmal 25 Jahre her –, dann bekommen wir ein Verständnis dafür, wie es für viele Länder auf der Welt ist, in denen man genau in der gleichen Situation ist. Man muss überhaupt nicht verzagen, sondern muss einfach mutig seinen Weg gehen. Denn wenn man sieht, was wir erreicht haben, dann kann man sagen: Unwissenheit, Unsicherheit und Ängste, die damals noch erstaunliche Blüten getrieben haben, sind überwunden. Damals fühlten sich von der Krankheit Betroffene genau deshalb auch hilflos und alleingelassen. Es ist heute schon gesagt worden: Die Angst vor verstärkter Ausgrenzung und vor Diskriminierung ging gerade bei Homosexuellen um.”

Ihre Rede stand im Zeichen von 25 Jahre Deutsche AIDS-Hilfe und damit ALLER von HIV und AIDS betroffenen Menschen.

Trotzdem oder auch gerade deshalb wäre ein sprachlich prägnanteres Benennen des Trauma AIDS, das in der Community der schwulen Männer bis heute tiefe Spuren hinterlassen hat, der geleisteten kollektiven Bewältigung angemessen gewesen. Schwule Männer haben in dieser Zeit nicht nur sich selber geholfen, sondern leisteten in der Vergangenheit und leisten auch heute noch jeden Tag sogar zahlenmäßig umfangreicher Aufklärungs- Informations- und Präventionsarbeit für die heterosexuellen Mitbürger.

Angela Merkel gelingt es sogar, die Präventionskampagne “Ich weiss was ich tu” in ihrer Rede SO anzusprechen, dass dort keinerlei die Zielgruppe benennende Worte wie “Homosexuelle”, “Schwule Männer” oder “MSM” vorkommen. Ein beachtliches Meisterstück! Der Leser staunt…

Für ihre heterosexuellen Wähler und Wählerinnen hätte Kanzlerin Merkel aus Anlass von 25 Jahren DAH ohne Not duraus etwas “unbequemer” sein dürfen.


GIPA – Greater Involvement of People living with or affected by HIV/AIDS

November 9, 2008

„GIPA“ ist ein von UNAIDS anerkanntes Grundprinzip der Beteiligung von Menschen mit HIV und AIDS an der gesellschaftlichen und politischen Reaktion auf HIV. GIPA als Begriff ist in Deutschland wenig bekannt. Daher stelle ich GIPA in diesem Blog vor und habe dafür den Eingangstext zu GIPA bei UNAIDS ins deutsche übersetzt:

Menschen, die mit einer HIV-Infektion leben können sich untereinander in ihren Lebenssituationen besser verstehen als andere und sind oft am besten geeignet, andere zu beraten und ihre Anliegen in Entscheidungsgremien und Strategieplanungen einzubringen.

Die Idee, dass die persönlichen Erfahrungen von Menschen mit HIV genutzt werden sollen und genutzt werden können, um eine Antwort auf die HIV-Epidemie zu gestalten, wurde zum ersten Mal 1983 bei einer nationalen AIDS-Konferenz in den USA geäussert. Als Prinzip wurde dieser Ansatz auf dem Paris AIDS Summit 1994 formal angenommen, als 42 Länder „Greater Involvement of People Living with HIV and AIDS (GIPA)“ zum Kriterium erklärten für die Planung nationaler ethischer und effektiver Antworten auf die Epidemie.

Heute sind die GIPA-Prinzipien das Rückgrat vieler weltweiter Handlungsprogramme. Menschen, die mit HIV leben oder von HIV betroffen sind, werden bei einer Vielzahl von Aktivitäten auf allen Gebieten im Kampf gegen AIDS beteiligt. Beispielsweise erscheinen sie auf Postern mit ihren persönlichen Aussagen und Botschaften, sie unterstützen und beraten andere HIV-Positive, und sie sind an Entscheidungen und Strategieplanungen beteiligt.

Das Engagement von Menschen mit HIV ist besonders wichtig, wenn Länder ihre nationalen AIDS-Kampagnen weiterentwickeln um die Ziele des globalen Zugangs zu Prävention, Behandlung, Versorgungs- und Beratungsdiensten zu erreichen.

UNAIDS GIPA Policy Position

Keine einzelne Agentur kann das ganze Spektrum der Anliegen von Menschen mit HIV abdecken: Partnerschaften und Koperationen zwischen den Akteuren sind daher erforderlich. Um die aktive Beteiligung von Menschen mit HIV zu ermöglichen, fordert UNAIDS alle Akteure auf, sicherzustellen, daß Menschen mit HIV den Raum und die politische Unterstützung für eine umfassende und bedeutungsvolle Beteiligung erhalten.

Regierungen, internationale Agenturen und Zivilgesellschaften müssen

  • Minimalziele benennen, einführen und überwachen für die Beteiligung von Menschen mit HIV, einschliesslich Frauen, jungen Menschen und Minderheiten, in Entscheidungsgremien. Die Auswahlprozesse sollten umfassend, transparent und demokratisch sein.
  • Menschen mit HIV von Anfang an einbeziehen in die Entwicklung der Ausgabenprioritäten und in die Auswahl, Gestaltung, Einführung, Kontrolle und Auswertung von HIV-Programmen.

Eine ausführlichere Darstellung von GIPA gibt es bei UNAIDS in englischer, französischer und spanischer Version.

LHIVE, die Selbsthilfe-Organisation der Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz, nimmt in ihrer „LHIVE Charta“ bezug auf GIPA. Auch bei der Gestaltung der Präventionskampagne der DAH für Männer, die Sex mit MÄnnern haben, „Ich weiss was ich tu„, sehe ich GIPA angewendet.

Die GIPA-Prinzipien müssen in Deutschland stärker und besondes in der aktuellen Debatte um Infektiosität unter wirksamer Therapie, Entstigmatisierung, und Erwerbstätigkeit in Erinnerung gerufen werden.

Daher erneuere ich an dieser Stelle meine Forderung, das gesellschaftliche Bild von HIV zu korrigieren, insbesondere der noch weit verbreiteten Vorstellung, Menschen mit HIV seien „Todgeweihte“, entschieden mit Aufklärung entgegenzuwirken und HIV-Prävention dahin zu überprüfen und sicherzustellen, dass von Prävention keine Diskriminierung von Menschen mit HIV ausgeht.

Das verkrampfte reanimieren-wollen und Festhalten am Bild des „Schrecken vor AIDS“ , wie immer wieder noch aus den Reihen des Bundesgesundheitsministeriums zu hören, verstößt gegen die GIPA-Prinzipien, weil es der Diskriminierung und Stigmatisierung Vorschub leistet.


Deutsche AIDS Stiftung will verstärkt Projekte zum Älter werden mit HIV / AIDS unterstützen

Oktober 25, 2008

Auf ihrer homepage informiert die Deutsche AIDS-Stiftung (DAS) darüber, dass sie zukünftig dem Bereich „Älter werden mit HIV / AIDS“ mehr Unterstützung zukommen lassen will. Zu lesen ist:

„Dank des medizinischen Fortschritts stieg die Überlebenszeit betroffener Menschen seit Mitte der 90er Jahre. Durch die längere Überlebenszeit leben viele der Betroffenen nun auch länger in Armut. Bei der AIDS-Stiftung hat sich der Anteil der Hilfesuchenden zwischen 50 und 59 Jahren seit 1999 auf 11,9 Prozent mehr als verdoppelt. Trotz der neuen Therapien fordern das Virus und die Medikamente ihren Preis. Die körperlichen und geistigen Fähigkeiten und damit auch die Arbeitsfähigkeit nehmen stark ab. Die AIDS-Stiftung unterstützt daher auch verstärkt Hilfsprojekte mit einem Betreuungsangebot für diesen Personenkreis.“

Zu wünschen ist, dass dieses Statement der DAS unterstützend wirkt, um Projekte, die Hilfe, Unterstützung und Betreuung für die Generation 50pp beinhalten, tatsächlich auf den Weg zu bringen. Die DAS unterstützt z.B. bereits Wohnprojekte für Menschen mit HIV und AIDS in Essen und Köln. Davon profitieren auch besonders ältere Menschen mit HIV und AIDS.

Meine Einschätzung ist: Für ältere Menschen mit HIV und AIDS muss sich in den kommenden 5 – 10 Jahren eine eigene Infrastruktur entwickeln. Da muss man nicht alles neu erfinden, viele Kooperationen mit bestehenden Projekten bieten sich an. Aber „alt werden mit HIV“ ist ein eigenständiges Aufgabengebiet für Selbsthilfe und AIDS-Hilfe, das als „Joint Venture“ angepackt werden will. Joint venture deshalb, weil ältere HIV-Positive im Leistungsvermögen zwar beeinträchtigt sein können, aber als „rüstige Renter“ 🙂 sehr fit in der Birne sind. Ein gutes Beispiel dafür ist Heide Thomas. Dass sich die Deutsche AIDS Stiftung für derartige Joint Ventures anbietet, freut mich.

In meinem Blog finden sich weitere Beiträge zum Thema „alt werden mit HIV / Gerneration 50pp“ hier:

Generation 50pluspositiv / 50pp – Publikationen (akt.)

50/2010 – Bundesweite Studie zum „älter werden mit HIV“ geht an den Start

Jenseits der Midlife-Krise – alt werden mit HIV


Neubeginn – alles wandelt sich

September 21, 2008

Hallo, back again! 🙂

Fast genau 1 Jahr, nachdem ich am 30. September 2007 auf der Kampagnenseite von welt-aids-tag.de mit unruhiger Aufregung meine ersten vorsichtigen Blogger-Erfahrungen zu sammeln begann, bin ich nun mit meinem eigenen Blog wieder da.

Das „wieder“ bezieht sich auf einen etwas unschönen Vorgang: Am 13. Juli 08 hatte ich bei welt-aids-tag.de meinen letzten Beitrag „Wer das eigene Denken, aufgibt, mit dem ist es aus…“ gepostet. Zwei Tage später war mein Zugang zum Blog abgeklemmt und wenige Tage verschwand der gesamte Blogbereich auf der Kampagnenseite auf nimmerwiedersehen.

Jemand, der meine – eben auch kritischen – Blogbeiträge vermisste, erhielt folgende Email-Antwort von der Administration der Kampagnenwebseite in der BZgA:

„… Der Blog auf http://www.weltaidstag.de wurde durch die Rubrik „Meinungen“ ersetzt, mit der wir noch mehr Menschen auf einfacherem Wege die Möglichkeit geben möchten, ihre Meinung zu veröffentlichen. Hierzu verzichten wir in Zukunft auf das aufwendige „Bewerbungsverfahren“, das bisher notwendig war, um auf http://www.weltaidstag.de Blogger zu werden. Statt dessen werden wir zukünftig „Meinungen“ in den Vordergrund stellen, welche, wie bisher die Blogbeiträge, kommentiert und diskutiert werden können.

Beide Rubriken – also Blog und Meinungen – nebeneinander weiter existieren zu lassen, war zunächst eine Überlegung. Dies lässt sich jedoch vom administrativen Aufwand her mit den uns gegebenen personellen Kapazitäten leider nicht umsetzen.

In Kürze werden alle Botschafter eine Mail mit Zugangsdaten zu ihrem eigenen Profil erhalten – hierüber können dann auch „Meinungen“ veröffentlicht und zur Diskussion gestellt werden….“

Nun, ich als ehemaliger Blogger dort habe bis heute keine angekündigte „Mail mit Zugangsdaten“ erhalten und einem weiteren Menschen, der direkt mit der BZgA telefonierte und nachfragte, warum denn die Blogbeiträge nicht mehr zu lesen seien, wurde mehr oder weniger deutlich mitgeteilt, die Inhalte der Blogbeiträge hätten sich in eine Richtung entwickelt, die nicht den Vorstellungen entspräche…

Selbstbewusste Positive, die zu wesentlichen Punkten – besonders der Darstellung von HIV bzw. der Darstellung vom Leben mit HIV – eine andere Meinung haben als die BZgA, sind dort ganz offensichtlich unerwünscht. Solidarität und Engagement gegen Stigmatisierung hat hier eine für mich deutlich erfahrene Nachweisgrenze und die BZgA liegt mit ihrem Verhalten deutlich darunter. Stattdessen zementiert die BZgA mit ihrem immer wieder erneuerten Erinnern an den „Schrecken vor HIV“ die Diskriminierung von Menschen mit HIV. Eine angemessene Integration der sich vollzogenen Veränderung der Lebensperspektiven von Menschen mit HIV ist in den Botschaften der BZgA für mich nicht erkennbar. Als ob sich nichts verändert hätte im Vergleich zu vor 20 Jahren.

Auffallend ist ja auch, dass keiner aus der BZgA in einen persönlichen Kontakt mit mir eingetreten ist oder von der Möglichkeit, auch im Blog fachlich eine Auseinandersetzung über strittige Punkte zu führen, Gebrauch gemacht hat. Nicht nur ich, auch andere HIV-Positive stehen einem Dialog und Gespräch mit der BZgA aufgeschlossen gegenüber. Den direkten Kontakt scheut man aber offenbar, sowohl im Blog auf der Kampagneneseite als auch auf den bundesweiten Positiventreffen. Über dieses Demokratieverständnis kann man sich nur wundern – oder es bleiben lassen… Man denkt offenbar lieber mit geschlossenen Lippen hinter geschlossenen Türen…alleine…

Das Leben geht weiter und in Zeiten des Internet ist ein Unterdrücken von Meinungen erfreulicherweise nicht mehr möglich. Und Menschen mit HIV melden sich vielfältig selber zu Wort! Debatte findet statt – und streibar ist sie auch. Denn „Alles wandelt sich…“

Also da bin ich wieder, nicht nur mit Blog-reloaded, sondern auch – versprochen – mit kommenden weiteren Wortmeldungen, von denen dies ja schon der erste ist.

Meinen Neustart und meinen Start als eigenständiger Blogger stelle ich unter den Leitgedanken des folgenden Gedichtes von Bert Brecht, das mich schon über 30 Jahre meines Lebens inspiriert:

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser,

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser,

Das du in den Wein gossest, kannst du

Nicht mehr herausschütten, aber

Alles wandelt sich. Neu beginnen

Kannst du mit dem letzten Atemzug.


Wer sich das Denken abnehmen lässt, mit dem ist es aus

September 21, 2008

 Eigentlich bin ich im Urlaub. Und ich genieße es, dass die Viruslast auch endlich mal wieder in meinem Leben unter die Nachweisgrenze sinkt. Doch heute gab es wieder einen „Blip“, ein aufflackern: Im Buch „Reife LebensQualität“ des schweizer Zukunfts-Philosophen Andreas Giger lese ich eine Passage im Kapitel über „Souveränität“, die mich an die „Mutlose Aids-Information“ denken lässt, die Blogger Ondamaris beschreibt. Denn auch bald 6 Monate nach der Stellungnahme der „eidgenössischen Kommission für Aidsfragen“ (EKAF) zur durch Therapie unter Kontrolle gebrachten Infektiosität findet in Deutschland keine freie öffentliche Diskussion über die medizinischen und sozialen Auswirkungen statt.

Auffallend ist, dass sich auch die vielen Fachkräfte in den Aidshilfen mit Äusserungen zurückhalten. Was ist das für eine Champignon-Mentalität die man sonst nur aus der Verwaltungsbürokratie kennt: Wer als erster den Kopf rausstreckt, wird geköpft! Alle denken und diskutieren, aber verlautbart wird nichts. Wer ist der Souverän zum Thema? Das BMG? Die BZgA? Die DAH? Die Totgeburt von Expertenrunde, die als lahmer Brüter seit Februar versucht, ein deutsches Konsenspapier aufzustellen? Denken und reden darf man erst, wenn alle gleichgeschaltet sind? Deutschland wollte einmal „mehr Demokratie wagen“. (Man beachte besonders die Seite 3 der Rede von Willy Brandt: http://www.fes-online-akademie.de/download.php?d=mehr_demokratie_wagen.pdf.) Dem Volk als „Souverän“ traut man heute wohl nicht mehr viel zu.

Trotz des verbandlichen Konsensuspapieres der DAH: Souverän agiert auch die Deutsche AIDS-Hilfe nicht, die Kritik in ihre Richtung wächst. Aber wer von den Kritikern belebt denn die Diskussion? Wenn schon die DAH nicht als souverän und „geistig unabhängig“ agierend erlebt wird, warum tun es die örtlichen Aidshilfen dann nicht? Wartet man lieber auf den Segen von oben, um dann nichts falsch gemacht zu haben? Falsch ist es aus meiner Sicht, in Schweigen zu verfallen. Fragen müssen aufgegriffen, offensiv und kontrovers diskutiert und zu Antworten gestaltet werden.

Andreas Giger schreibt zu dem Aspekt der „geistigen Unabhängigkeit“ im Kontext Souveränität:

„Können Opportunisten souverän sein? Natürlich nicht, denn wer sein Meinungs-Fähnlein nach dem Winde hängt, ist nicht selbstbestimmt. Gerade im Inneren unseres Geistes, wo die Freiheit schon immer am zugänglichsten war, pochen souveräne Menschen darauf, sich von niemandem dreinreden zu lassen. … Wer sich das Denken abnehmen lässt, dieses einzig absolut Eigene, was der Mensch besitzt, mit dem ist es aus. …“

Im Inneren meines Geistes nehme ich seit längerem wahr, dass HIV/AIDS seinen Schrecken verloren hat. Die Behandelbarkeit der HIV-Infektion verbessert sich stetig, die Sterblichkeit sinkt und jetzt taugt auch die Infektiosität als generalisiertes Schreckensszenario nicht mehr. Das Jammern und Zetern darüber, dass HIV seinen Schrecken verliert, begann schon nach Einführung der HAART 1995/96. Seit über 10 Jahren ergehen sich nun namhafte Aufklärungsstellen immer wieder in der monotonen Wiederholung dessen, wie schlimm es sei, dass HIV in der Wahrnehmung weiter Teile der Bevölkerung seinen Schrecken verloren habe.

Googelt man mit diesen Suchbegriffen: – HIV AIDS Schrecken verloren -, erscheinen 69.800 Einträge. An dem Wandel und der Veränderung muss also wohl etwas dran sein, wenn sich so viele dazu äussern. Nur: Welche Bedeutung gibt man dem Ganzen?

Ist es eine zeitgemäße HIV-Prävention, den Schrecken reanimieren zu wollen? Meine Antwort dazu ist klipp und klar: NEIN. Aber offenbar will man immer noch erschrecken, weil einem nichts besseres einfällt. Die Botschaft lautet also: Erschrecken schützt! Nun, ich wage es zu bezweifeln: an den „Schreckreiz“ haben wir uns schon alle längst gewöhnt, der zieht nicht mehr, die präventive Wirkung der Schreckenserinnerung verpufft, weil HIV heute ein anderes Gesicht hat.

Dabei sabbotiert die „Schreckens-Propaganda“ auch eine aktive Entstigmatisierung und fördert stattdessen die Ausgrenzung von HIV-Positiven. Als Mensch mit HIV habe ich diese Strategie wohl sogar lange Zeit solidarisch mitgetragen und damit möglicherweise eine Selbststigmatisierung betrieben, um Neuinfektionszahlen niedrig zu halten.

Spätestens nach der Veröffentlichung der Stellungnahme der EKAF ist es aus meiner Sicht nun an der Zeit, dass wir Menschen mit HIV dieses alte Bündnis aufkündigen und verstärkt Kampagnen zur Entängstigung für ein gutes Leben als HIV-Positiver in der Gesellschaft einfordern. Dafür muss Prävention aber auf eine andere Basis als die des „Schreckens vor HIV“ gestellt werden, die ja auch unterschwellig immer ein „Erschrecken vor HIV-Positiven“ als Reaktion auslöst.

Der Deutschen AIDS-Hilfe werden immer wieder von den öffentlichen Geldgebern Steine in den Weg gelegt, ihre zeitgemäße Präventionskampagne für schwule Männer „Ich weiss, was ich tu“ (IWWIT) zu starten. Im März 2008 sollte es schon losgehen. IWWIT will Dinge beim Namen nennen, die sexuell aktive schwule Männer beschäftigt. Zielgruppengemäße Präventionsaussagen sollen aber offenbar verschämt nichtöffentlich „unterm Ladentisch“ gehandelt werden wie sich vor Jahrzehnten „Mann“ die Kondome beim Friseur des Vertrauens holte.

Der Widerstand der selbsternannten HIV-Gesundheitselite, die Inhalte des EKAF-Statements anzuerkennen, nimmt sich aus wie ein letztes Aufbäumen, wenn subtil das Bild des verantwortungslosen HIV-Positiven bemüht wird, der um seiner Lust willen andere Menschen mit einer HIV-Übertragung riskiert.

HIV-Prävention wirkt, wenn sie souverän die Fakten beim Namen nennt, z.B.:

  • Ja, es ist gut, sich zu informieren und bewusst Eigenverantwortung auszuüben.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist und bleibt eine schwere Gesundheitsgefährdung.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist heute, wenn früh genug erkannt, gut behandelbar.
  • Ja, eine wirksame HIV-Therapie senkt die Infektiosität auf ein Minimum oder gar Null.
  • Nein, Kondome bieten keinen 100%igen Schutz.
  • Ja, man kann das Risiko einer HIV-Ansteckung sehr weitgehend minimieren.
  • Ja, kondomfreier Sex kann auch unter gewissen Bedingungen Safer Sex sein.
  • Nein, absolute Sicherheit gibt es nicht.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 13.07.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort wenige Tage später Mitte Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


Way of no return – Die Feststellung der Nicht-Infektiosität ist eine Revolution in der AIDS-Historie

September 21, 2008

 

Ich stelle immer wieder fest, wie bedeutsam es ist, dass ich – und wir – als HIV-Positive selber bei den anderen ein Bewusstsein dafür wecken müssen, was es eigentlich bedeutet, sich nicht mehr als infektiös zu begreifen. HIV hat mit der Diagnose sozusagen meinen Körper verseucht und meine Seele vergiftet, mir mehr oder weniger einen Sack von Depression auf mein Leben gekippt. Jetzt hat der Spuk ein Ende, die Last fällt von mir ab. Ich spüre erst in diesem Moment, was ich all die Jahre an Bedrücktheit mit mir herumgeschleppt habe. Die Nicht-Infektiosität ist für mich ein Grund zur Freude.

 

Wer nicht selber mit HIV lebt, versteht nicht wirklich, was die Stellungnahme der EKAF über die sexuelle Nicht-Infektiosität von HIV-Positiven, bei denen die Viruslast unter wirksamer Therapie unter der Nachweisgrenze liegt, für uns Menschen mit HIV bedeutet. Selbst bei Kollegen in den AIDS-Hilfen und anderen Fachleuten im HIV-Betrieb stelle ich dies seit Ende Januar 2008 immer wieder fest. Statt spontaner Freude und Erleichterung herrscht bei ihnen als erster Gedanke vor: „Und was wird jetzt aus der Prävention?“ und ganz schnell kommt die Einschränkung: „Ja aber, was die Schweizer Ärzte sagen, das gilt doch nur für eine ganz kleine Gruppe.“

Ich stelle immer wieder fest, wie bedeutsam es ist, dass ich – und wir – als HIV-Positive selber bei den anderen ein Bewusstsein dafür erst wecken müssen, was es eigentlich bedeutet, mich nicht mehr infektiös zu begreifen. Seit der Diagnosestellung ist doch HIV als Dämon der Gefährlichkeit in meinem Kopf herumgespukt. HIV hat sozusagen meinen Körper verseucht und meine Seele vergiftet und mehr oder weniger einen Sack von Depression auf mein Leben gekippt. Jetzt gilt dies bei mir nicht mehr, der Spuk hat ein Ende, die Last fällt von mir ab. Ich spüre erst in diesem Moment, was ich all die Jahre an Bedrücktheit mit mir herumgeschleppt habe, trotz allem offensiv-kämpferisch leben und Mut zur Zukunft.

Da wird mir geraten, abzuwarten, alles mit Vorsicht zu geniessen, sich lieber erst mal gar nicht… als zu früh zu freuen und ja bloß die Einschränkungen zu beachten…
Mir kommt das so vor, als wollten mich die Bedenkenträger quasi hypnotisierend wieder in den Zustand der alten Depression zurückbeamen. NO! Nicht mit mir. Dies ist ein „way of no return!“ Abgewartet haben ich und andere lange genug. Die Zeit war jetzt reif!

Als ob die Erkenntnis, dass eine nicht nachweisbare Viruslast die Übertragbarkeit von HIV beim Sex unwahrscheinlich macht, so neu ist. Das ist sie nämlich nicht! Und dazu gibt es auch Fakten:

Aus dem Präventions-ABC, (in diesem link ganz nach unten scrollen, dort ist das Dokument als pdf hinterlegt) herausgegeben von der BZgA (Dr. Wolfgang Müller) und dem rki ( Dr. Uli Markus), veröffentlicht in Köln/Berlin Dezember 2006 zur 16. Internationalen AIDS-Konferenz in Toronto:

„…T Therapie: Die Senkung der Infektiosität gut behandelter HIV-Patienten ist als wichtiger Beitrag zur Senkung der HIV-Inzidenz auch im Bevölkerungsmaßstab unbestritten. Auch die Mutter-Kind Übertragung lässt sich nicht zuletzt dadurch auf weniger als 2% senken.

Da die Verträglichkeit der eingesetzten Medikamente in den letzten Jahren besser und die Therapie durch Kombinationspräparate einfacher geworden ist, wird inzwischen wieder diskutiert, ob ein früherer Therapiebeginn nicht doch Vorteile bietet. Einer der Vorteile wäre, dass bei einem größeren Teil der Patienten eine Senkung der Infektiosität erreicht werden könnte. …“

Offenbar scheinen die Nicht-Infizierten sich immer noch viel stärker von HIV bedroht zu fühlen als ich und viele andere HIV-Positive uns selbst erleben. Die monströse Angst, mit der HIV sich seit den 80er Jahren als zunächst tödliche Krankheit wie eine depressive Nebeldecke über unser Sexleben gelegt hat, soll offenbar aufrechterhalten werden. So wirken die bisherigen Veröffentlichungen der BZgA im des Rki auf mich. Die Deutsche AIDS-Hilfe greift die Stellungnahme der EKAF viel offener und begrüßender auf

Warum diese Befangenheit? Warum ist die Nachricht darüber, dass ich als erfolgreich behandelter HIV-Positiver Sex ohne Gummi machen kann und damit andere eben nicht mehr gefährde, so verstörend und irritierend? Positive – und kein Kondom?? Das passt offenbar nicht zusammen, die Welt steht Kopf.

HIV und das Kondom wurden bei der Prävention immer in einem Atemzug und untrennbar gedacht. Das war einfach zu vermitteln und schnell zu verstehen. Jetzt gilt diese HIV-Präventionslinie nicht mehr in jedem Fall. Nämlich nicht mehr bei den HIV-Positiven, die dauerhaft erfolgreich behandelt sind – und keine aktuelle STD haben. Nicht mehr für mich. Die neue Freiheit werde ich leben und geniessen. Aber es wird auch eine Zeit brauchen, sie wirklich zu verstehen. Wer lange im Knast saß, muss sich auch erst langsam wieder an die sonnige Freiheit gewöhnen. Auch für mich ist die neue Situation ungewohnt und etwas irritierend.

Aber warum freuen sich andere nicht einfach mit mir? Warum holen sie nicht auch mit mir tief Luft, sprengen die Last ab und atmen die Anspannung und den Druck der letzten 25 Jahre einfach aus? Warum halten sie stattdessen die Luft an, schnüren sich masochistisch in das alte überlebte Korsett ein und/oder reagieren mit subtil verpackter Abwehr auf diejenigen, die die Zeitenwende jetzt laut verkünden und begrüßen?

Diese Reaktion der Bedenkenträger ist mir ein eindeutiges Zeichen dafür, dass genau das geschehen ist, was diese Gruppe bestreiten will: Dass mit der Stellungnahme der EKAF sich nämlich tatsächlich eine Revolution in der AIDS-Historie vollzogen hat.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 04.05.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.