Unsere Geschichte sind unsere Geschichten

November 5, 2011

–   Brauchen wir eine neue Kultur des Erinnerns? –

Wenn ich mich an die nun 30 Jahre von HIV und Aids erinnere, spüre ich als erstes, welch mächtigen Einfluss HIV auf mein Leben genommen hat. Durch HIV kam ein Faktor ins Leben, den weder ich noch andere schwule Männer ignorieren konnten. Wir mussten eine Form des Umgangs und des Arrangements mit diesem Virus finden. Das Virus wurde eine fremdbestimmende Einflussgröße, welche Autonomie und Eigenart zu beherrschen drohte, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene.

Erinnerungen sind scheu. Sie stellen sich nicht auf Kommando ein. Erinnern ist nicht planbar. Erinnerungen kommen spontan. Manchmal überfallen und erschüttern uns Erinnerungen, wenn wir gar nicht damit rechnen: Untrennbar sind Erinnerungen mit Emotionen verbunden.

Wir spüren, dass das, was wir erinnern, immer emotional besetzt ist. Überhaupt erinnern Menschen nur, was emotional bedeutsam war im Leben. Es sind oft Begegnungen mit Menschen, bei denen wir uns wohl, geborgen und sicher gefühlt haben, mit denen wir Nähe erlebt haben, eben besondere, herausragende Momente im Leben.

Wir erinnern Erlebnisse, die selbstwertstärkend waren, wo wir uns angenommen und verstanden gefühlt haben – aber eben auch genau gegenteilige Erfahrungen: Situationen von Bedrohung, Gefahr und kränkender Ablehnung. Wir erinnern Brüche und Wendepunkte im Leben, Ereignisse, die starke Veränderungen ausgelöst haben, wo etwas Neues in unser Leben hineingekommen ist.

Wenn wir uns erinnern, vergewissern wir uns dabei unserer Identität und der Kontinuität unseres Lebens. Wie bedeutsam, ja existenziell die Fähigkeit zur Erinnerung für unser Identitätserleben ist, wird deutlich, wenn Menschen durch ein Hirntrauma, Demenz oder andere Ursachen ihr Erinnerungsvermögen verlieren: Sie wissen dann nicht mehr, wer sie sind, sie sind beziehungslos und verloren in der Zeit.

Unsere Erinnerungen sind also unser Anker und unsere Verortung in der Welt und in unserer Lebensumgebung, die sich permanent verändert. Durch das Bewusstsein über den eigenen Lebensweg erhalten wir die Gewissheit und Sicherheit, wo wir hingehören, wo wir zuhause und verwurzelt sind. Erinnerung ist Halt und Orientierung. Wir identifizieren uns mit dem, was wir erlebt haben: Es ist unsere Geschichte, die wir erzählen können und es ist unser Biografie, unsere Lebensgeschichte, unsere Einzigartigkeit.

Für ein selbstbewusstes Älter-werden hat  in meinem Verständnis eine zentrale Bedeutung, möglichst umfassend zu allem, was ich erlebt habe und was ich handelnd getan habe, sagen zu können: „Ja, so war es – genau so war es!“

Angesichts von HIV und Aids wird es nun schwer, rückblickend auszuhalten, wie es war. Es sind doch viele Erinnerungen von starker und existenzieller Bedrohung: HIV machte Angst, die homophobe, sexualfeindliche Gesellschaft machte Angst – und gleichzeitig erlebten viele von uns, wie Partner, Freunde, Weggefährten, Menschen in unserem Umfeld, starben– oder auch wir selber durch HIV krank wurden.

Ob als HIV-Positiver, HIV-Negativer oder Ungetesteter: es ging ums Überleben in einer bedrohlichen und feindlichen Welt. Der Solidarität anderer konnten wir nie selbstverständlich gewiss sein. Unsere Erinnerungen sind oft bittere und schmerzhafte Erfahrungen.

Wie kann man überhaupt mit der Fülle all dieser Erfahrungen leben? Als ich einen über 60-jährigen schwulen Langzeitpositiven und HIV-Aktivisten der ersten Jahre einmal fragte: „Was machst du nur mit all deinen vielen Erinnerungen?“, antwortete dieser nach einem kurzen Moment des Innenhaltens spontan: „So schnell wie möglich vergessen!“

Diese Antwort stimmt mich nachdenklich. Ja, es ist eine Wahrheit, dass es vieles in unserem Leben gibt, an das wir uns nicht gerne erinnern, weil der Schmerz immer noch so groß ist – und wahrscheinlich auch bis an unser Lebensende groß bleiben wird.

Das ist glücklicherweise nur die eine Seite der Medaille.

Denn Not schweißt auch zusammen und angesichts der früher auszuhaltenden Not gab es oft  unerwartete Hilfe und Solidarität von außen, und es gab einen sich immer stärker organisierenden Zusammenhalt von innen. Es gab nicht nur die persönlichen Niederlagen, wenn Freunde und Weggefährten an Aids starben, es gab auch Siege, wo wir uns als starke Gemeinschaft erlebten, wo wir uns in der Gesellschaft behaupteten, Einfluss und Macht errungen und unsere Realität in die öffentliche Wahrnehmung gerückt haben.

Zum Wesen der Erinnerung gehört die Nachdenklichkeit. Beim Erinnern blicken wir aus einer veränderten Perspektive und aus zeitlicher Distanz auf das Erlebte zurück. Indem wir Erinnerungen teilen und mitteilen, bewerten wir darin das Erlebte immer wieder neu, können es in einen größeren Zusammenhang stellen und die Bedeutung der Ereignisse neu bewerten.

Und wenn wir erst einmal anfangen, uns zu erinnern, dann erinnern wir auch immer mehr! Auch vergessen geglaubte Erfahrungen werden wieder wach. Sich zu erinnern braucht Zeit – und das Erinnern widersetzt sich damit hartnäckig einem Zeitgeist, der auf Professionalität, Ergebnisproduktion und Effektivität fokussiert ist. Wer sich erinnert, geht eben nach „innen“, geht auf eine Zeitreise in seine innere Welt. Vielleicht ist das Erinnern auch deshalb eher dem Alter vorbehalten, weil dann – befreit von beruflichen Zwängen –  mehr Zeit da ist, sich zu erinnern. Gleichzeitig entsteht ein Bedürfnis, in der Fülle der eigenen Biografieerfahrungen den Überblick nicht zu verlieren: Wir finden eine Struktur, definieren Episoden und Abfolgen, konzentrieren Erlebtes in erzählbaren Geschichten.

Brauchen wir also eine neue Kultur des Erinnerns?

Ich vermag nicht zu benennen, ob wir überhaupt eine „alte“/bisherige Kultur des Erinnerns leben. Unsere Geschichte sind unsere Geschichten – und Geschichten zu erzählen wird häufig  als verstaubt und unangebracht sentimental abgewertet. Wo gönnen wir uns denn im Alltag die Zeit, uns Geschichte und Geschichten zu erzählen? Wenn aber in unserer Geschichte unsere Identität liegt, vernachlässigen wir uns selber, wenn wir unsere Geschichten nicht wertschätzen und erzählen. Es lohnt, die Erinnerungen einzuladen. Erinnerungen sind stolz: Sie kommen nur zu denen, die ein offenes Ohr mitbringen.

Ich glaube, wir brauchen zunächst eine Sensibilität und ein Bewusstsein für den Wert des Erinnerns. Unsere Erinnerungen sind ein Schatz an Erfahrungen. Schließlich leben wir noch – und verfügen offensichtlich über Fähigkeiten und Lebensweisheiten, die dieses Überleben zustande gebracht haben.

Und das gilt nun sowohl für die einzelne Person, als auch für uns als Gemeinschaft.

Michael Jähme

***

Dieser Impulsvortrag war mein Beitrag zur DAH-Präventionskonferenz  „Bis hierher – und noch weiter…“, 4.-6.11.2011 in Berlin im Workshop 1.3. Neues AIDS – alte Bilder / „Es sterben doch immer noch so viele!“

Die Frage, ob es einer neuen Kultur des Erinnerns bedarf, wurde aufgeworfen in der Diskussion meines Vortrags bei den Münchner AIDS-Tagen 2010: „Langzeitpositive und schwule Senioren sind Zeitzeugen vom Leben mit HIV„.

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„Ich erlebe mich nicht mehr als todgeweiht“

November 30, 2009

Michael Jähme ist seit 20 Jahren mit HIV infiziert. Nicht die Krankheit sieht er heute als Hauptproblem, sondern die Ausgrenzung. Michael Jähme will mit seiner Lebensfreude Mut machen. Auch zur Offenheit im Umgang mit HIV. Erik Schweitzer von der Westdeutschen Zeitung (WZ) sprach mit ihm aus Anlass des Welt-AIDS-Tags am 1. Dezember.

WZ: Welche Botschaft wollen Sie am Welt-Aids-Tag vermitteln?

Michael Jähme: Dass sich das Leben mit HIV radikal geändert hat. Die Öffentlichkeit hat noch ein Bild von HIV, das aus der Steinzeit stammt, geprägt vom Leiden und Sterben. Ein Film wie „Philadelphia“ wird leider immer noch an Schulen gezeigt. Und die Aidshilfe ist geprägt vom TV-Spot mit Hella von Sinnen – „Rita, was kosten die Kondome?“ Das hat sich eingebrannt, auf dem Niveau sind viele stehengeblieben.

Ist HIV denn keine tödliche Krankheit mehr?

Jähme: Nein. Ich lebe doch noch.

Viele Menschen leben mit tödlichen Krankheiten.

Jähme: Warum nur denkt man ausgerechnet bei HIV immer vom Ende her? Das macht man bei keiner anderen chronischen Erkrankung. Dabei ist HIV genau das: eine chronische Erkrankung. Man kann lange damit leben, hat fast eine normale Lebenserwartung. Man könnte auch sagen: Diabetes ist tödlich, oder Asthma oder Neurodermitis. Ich will da nichts verklären: Es gibt natürlich immer ein paar Leute, die schon früh Probleme haben. Das Gros der HIV-positiven Menschen lebt aber relativ normal.

Dann ist alles nur halb so schlimm?

Jähme: Jedenfalls steht nicht mehr das Medizinische als Problem im Vordergrund, sondern das Soziale. Der Umgang in der Gesellschaft mit mir als HIV-Infiziertem – das ist das Problem. Es heißt immer noch, man kriegt das nur, wenn man schwul ist, sich prostituiert, Drogen nimmt oder auf den Strich geht. Das haben die Medien Anfang der 80er so gesetzt, das hat sich eingebrannt. Ich erlebe mich heute aber nicht mehr als todgeweiht. Und auch nicht mehr als gefährlich. Dank der Therapien kann ich eigentlich niemanden mehr anstecken. Meine Viruslast ist unter der Nachweisgrenze.

Wie gehen Sie mit diesem Stigma um?

Jähme: Es braucht ein verdammt dickes Fell. Und es macht müde, permanent im Gegenwind der Gesellschaft zu leben, die einerseits Probleme mit HIV hat und dann auch noch mit schwulen Männern.

Waren Sie auch so gelassen, als bei ihnen 1990 die Diagnose unverrückbar fest stand?

Jähme: Nein, es ging mir schrecklich. Ich lag obendrein mit einer Hepatitis-A-Infektion im Krankenhaus und fragte mich, was mich wohl schneller unter die Erde bringt. Aber ich habe innerhalb der ersten Stunden nach der Diagnose zwei Entscheidungen getroffen. Erstens: Das ist zu heftig, um alleine damit klar zu kommen. Meine Freunde sollten lernen, damit umzugehen. Zweitens: So lange es mir gut geht, will ich ein offensives Leben führen und daran wachsen.

Welche Aussagen machen Sie sonst noch sauer?

Jähme: Wenn es angesichts der Infektionszahlen wieder heißt: „Da muss man doch was machen!“ Dabei haben wir mit 3000 Neuinfektionen jährlich in Deutschland eine der niedrigsten Quoten weltweit. In den Medien wird viel zu sehr dramatisiert.

Aber es gibt doch mehr Neuinfektionen als noch vor wenigen Jahren. Ist nicht der Trend allein Grund genug, alarmiert zu sein?

Jähme: Es ist ein Grund aufmerksam zu sein. Nicht hysterisch oder panisch. Man muss auch die Gründe für die Zahlen kennen: Zum einen sind die Statistiken genauer geworden, bis vor etwa fünf Jahren sind alle ungenauen Meldungen einfach rausgefallen. Außerdem rufen wir in den letzten Jahren vermehrt dazu auf, sich testen zu lassen.

Wie ist denn die Situation in Wuppertal?

Jähme: Wir können hier nur schätzen, gehen aber von etwa 300 bis 350 HIV-Infizierten aus.

Mir ist noch keiner begegnet…

Jähme: Das ist traurig, aber es gibt sie, diese merkwürdige Diskrepanz: Wir haben eine große Zahl HIV-Positiver im Stadtgebiet – aber keiner kennt sie. Das liegt daran, dass diese Menschen Ängste haben: Wenn meine Infektion bekannt wird, werden Vorurteile auf mir ausgekippt, keiner will mehr mit mir zu tun haben. Viele haben Angst um ihren Arbeitsplatz.

Was ist das populärste Vorurteil?

Jähme: „Wer sich heute noch infiziert, ist doch selbst schuld.“

Und da ist nichts dran?

Jähme: Naja, Viele haben im Kopf, dass Kondome schützen. Aber Menschen sind eben nicht nur Kopf. Menschen sind gefühlsbestimmte Wesen. Da gehen wir bisweilen Risiken ein, manchmal auch solche, wo ein Schaden zurück bleibt. Das lässt sich doch übertragen: Motorradfahren, Skilaufen, Rauchen – es gibt so viele Lebenssituationen, wo wir wider die Vernunft handeln. Wer raucht, weiß auch, dass das gesundheitsschädlich ist – und verdrängt es. Warum sollte man das Risiko beim Sex permanent im Kopf haben? Da ist es fast schon erstaunlich, dass die Prävention beim Thema HIV so gut wirkt.

Quelle: Westdeutsche Zeitung – Interview von Erik Schweitzer

Mit herzlichem Dank für die Genehmigung zur Übernahme in meinen Blog.


einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig (akt.)

September 10, 2009

Eine Krankheit oder einen Krankheitserreger zu dämonisieren, ist einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig.

Die vom Verein Regenbogen e.V. verantwortete Kampagne „Aids ist ein Massenmörder“ ist mehr als einfältig. Historische Politiker, die für einen Unrechtsstaat und eine Schreckensherrschaft stehen, in den Kontext einer Krankheit wie Aids zu stellen, ist geschmacklos. Es bleibt zu fragen, wieviel Hitler die Verantwortlichen selber in ihren Köpfen tragen. Sie diskreditieren sich selber.

Ein Virus denkt nicht und ein Virus handelt nicht bewußt. Deshalb kann ein Virus definitionsgemäß nicht als „Mörder“ bezeichnet werden. Der Begriff „Mörder“ ist auf die Spezies Mensch bezogen. Die Verantwortlichen der Kampagne spielen mit diesen Vermischungen und wollen offenbar Verbindungen provozieren, ohne sich die Hände schmutzig zu machen und sich als ganz naiv geben zu können, was sie jetzt ja auch tun.

Diese Kampagne ist nicht die erste Geschmacklosigkeit, die zu HIV und AIDS in die Welt gesetzt wurde. Und es wird leider wohl auch nicht die letzte gewesen sein. Es ist gut, dass der öffentliche Protest dazu führt, dass dieser Kampagne gestoppt wird.

Die Errungenschaften unserer offenen, solidarischen und toleranten Gesellschaft gründen auf den Geist der Aufklärung, der Menschenwürde und der Menschenrechte. Diese Basis unserer Gesellschaft gilt es zu erhalten, auch in der HIV-Prävention und in einer realitätsgerechten Information über das Leben mit HIV.

Zu weiteren Hintergründen siehe Ondamaris

Nachtrag: Die BZgA hat aktuell eine Stellungnahme zu Schockeffekten in der Aids-Thematisierung veröffentlicht.


Überall und jederzeit

Juli 22, 2009

AIDS ist eine vermeidbare Komplikation der HIV-Infektion

Juli 11, 2009

Das Robert-Koch Institut kommt in seinem Epidemiologischen Bulletin vom 25. Mai 2009 in dem Kapitel über die Entwicklung bei den AIDS-Erkrankungen zu folgendem Resumé (S. 206):

Die Zahl der (geschätzten) AIDS-Fälle in Deutschland bleibt mit 1.100 Fällen pro Jahr unakzeptabel hoch. Zwar kann in vielen dieser Fälle durch eine effektive antiretrovirale Therapie wieder eine deutliche klinische Verbesserung erreicht werden, trotzdem wird die langfristige Prognose in diesen Fällen durch den einmal erreichten schweren Immundefekt und den späten Behandlungsbeginn beeinträchtigt. Die Beweggründe für die fehlende Wahrnehmung von HIV-Testangeboten bzw. ein zu langes Hinauszögern des Behandlungsbeginns in den verschiedenen Betroffenengruppen sollten daher gezielt erhoben und analysiert werden. Es gilt, geeignete Strategien zu entwickeln, um zu gewähleisten, dass einem größeren Teil der Bevölkerung die Fortschritte in der Behandlung rechtzeitig zur Verfügung stehen. AIDS ist heute eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion. Um AIDS-Erkrankungen zu vermeiden, muss eine HIV-Infektion aber rechtzeitig diagnostiziert und konsequent behandelt werden.

Ein sehr effektiver Weg, die Test-Bereitschaft in der Bevölkerung und in den Hauptbetroffenengruppen zu erhöhen, liegt meiner Ansicht nach in der Entstigmatisierung von HIV-Positiven und der HIV-Infektion an sich. Die Kriminalisierung von HIV und HIV-Positiven schadet der Prävention.

Die nüchterne Bilanz des RKI „AIDS ist heute eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion“ unterstützt mein Blog-Statement: „HIV ist nicht mehr tödlich – Leben mit HIV ist möglich„.

HIV ist ein Lebensrisiko für sexuell aktive Menschen, in Deutschland besonders für Schwule und Männer, die Sex mit Männern haben. Es gibt wirksame Möglichkeiten, das Ansteckungsrisiko stark zu verringern und zu minimieren. Die Safer Sex-Botschaften bauen auf diesem Gedanken der Risikominimierung auf.

Theoretisch sind alle HIV-Ansteckungen vermeidbar. Lebenspraktisch wird es aber immer Neuinfektionen mit HIV geben.

Auch dies ist eine nüchterne Bilanz.


Der Papst verschlimmert das Aids-Problem (akt.)

März 17, 2009

Menschenverachtend und die Realität verleugnend sind die neuen Äusserungen des Papstes zur Wirkung des Gebrauchs von Kondomen in der AIDS-Prävention :

„Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem“, sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche an Bord seines Flugzeugs auf dem Weg nach Afrika. Die Lösung liege vielmehr in einem „spirituellen und menschlichen Erwachen“ und der „Freundschaft für die Leidenden“.

Die Einladung des Papstes zu einer ideologisch-belagernden „Freundschaft“ und der subtil innewohnenden Stigmatisierung als „Leidender“ weise ich entschieden zurück. Wer zölibatär lebt wie die katholische Priesterschaft, hat von Sexualität keine Ahnung, sollte schweigen und das Volk in Ruhe lassen.

Soll er doch gleich sagen, dass er die Aufklärung für falsch hält und sich das finstere Mittelalter herbeisehnt, als das Volk sich noch angsterfüllt der Knechtschaft der Kirche unterworfen hat!

Niemand sollte diesem Menschen mit seiner Organisation „römisch-katholische Kirche“ noch Geld hinterherwerfen.

Die Berechtigung der Trennung von Kirche und Staat hat eine erneute Bestätigung bekommen.

Nachtrag 18.3.:

Auch die Deutsche AIDS-Hilfe kritisiert in einer Pressemitteilung die „… kategorische Ablehnung des Kondoms durch den Vatikan zynisch und menschenverachtend. …“ Dies fand auch bei tagesschau.de Erwähnung.

Nachtrag 24.3.:

AVAAZ hat in einem Rundbrief die Reaktion herausragender Organisationen zu den Äusserungen des Papstes zusammengestellt und ruft dazu auf, eine Petition zu unterzeichnen mit folgendem Wortlaut:

To His Holiness Pope Benedict XVI: We appeal to your compassion to consider the men, women, children – and the poor – who are at grave risk from the spread of HIV/AIDS. We urge you to exercise care in your public statements, and refrain from undermining life-saving public education and AIDS prevention programs on the use of condoms.

The official position of the UN and the World Health Organization on condoms and AIDS prevention:
http://www.unaids.org/en/KnowledgeCentre/Resources/FeatureStories/archive/2009/20090319_preventionposition.asp

The Pope’s statement opposing condoms (BBC):
http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/7951839.stm

European governments criticise Pope Benedict for his statement
http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/7950671.stm

Condoms ‚aggravate‘ AIDS scourge, Pope says:
http://www.nationalpost.com/news/world/story.html?id=1399781

CNN Report on the Pope’s anti-condom position:
http://www.youtube.com/watch?v=lhxqvVmgEbg&feature=related

Vatican backtracking on condom statement:
http://www.timesonline.co.uk/tol/comment/faith/article5934912.ece

Growth of the Catholic Church in Africa, see:
http://www.zenit.org/article-18894?l=english and http://www.msnbc.msn.com/id/29777984/

South African Bishop supporting condom use:
http://www.msnbc.msn.com/id/29777984/

UNAIDS Report on the AIDS epidemic:
http://www.unaids.org/en/CountryResponses/Regions/default.asp


Mehr Spaß am Sex mit kontrollierter Viruslast / be smart about HIV!

März 1, 2009

Im Juni 1997 erschien in der Zeitschrift San Francisco Frontier eine Anzeige innerhalb einer Informationskampagne, die mich damals während eines Urlaubs tief beeindruckte. Sie hinterließ bei mir eine so große Wirkung, dass ich meine Skepsis gegenüber der HIV-Therapie aufgab und im Januar 1998 mit meiner HIV-Therapie begann.

Die formulierten Aussagen sind tatsächlich eingetroffen. Dort hieß es: „Be smart about HIV. See your doctor about new treatment options. Reducing the amount of Virus may help you live longer.“

be smart about HIV

be smart about HIV

Angepasst auf die heutige Situation, 12 Jahre später, ermöglicht eine wirksame HIV-Therapie mit dauerhaft unterdrückter Viruslast nicht nur ein (noch) längeres Leben. Faktisch ist auch die Infektiosität beseitigt. Daher ist eine ähnlich neue Situation gegeben, die eine neue Informationskampagne erforderlich macht. Die Struktur kann im wesentlichen beibehalten werden:

„Be smart about HIV“ meint in etwa: Sei schlau und intelligent im Umgang mit Deiner HIV-Infektion. Sorge gut für Dich. Nutze die heutigen Möglichkeiten.

„See your doctor about new treatment options“: Geh zum Arzt und informier Dich über neue Behandlungserfolge und Auswirkung auf Dein Sexleben. Informiere Dich, mach Dich fit und up-to-date. Lass dich beraten.

Und nun die auf die heutige Situation bezogene,  auf wirksame Therapie/Viruslast/Infektiosität angepasste neue Botschaft:

New research suggests: Reducing the amount of Virus may help you live Sex more joyful:

„Neue Forschungsergebnisse zeigen: Eine kontrollierte Viruslast kann Dir helfen, wieder mehr Spaß am Sex zu haben“

Wann wird es in Deutschland eine offensive Information zur heutigen Behandlungssituation geben? Damals wie heute ist sehr entscheidend, gut und umfassend zu HIV informiert zu sein. Die Aussagen beschönigen nichts und machen keine falschen Versprechungen. Im Gegenteil, sie machen (HIV-Positive wie HIV-Negative) neugierig und laden ein: Es hat sich etwas getan! Informier Dich! Lass nicht denken und Denke selber!

Sie rufen auf, smart und intelligent zu sein, sie appelieren in Wort und Text an Selbstliebe und Nächstenliebe, an Selbstwertgefühl und Solidarität, ganz im Sinne der Kampagne der DAH für schwule Männer: „Ich weiss, was ich tu!“

Es ist 1 Jahr nach Veröffentlichung der EKAF-Stellungnahme überfällig, endlich deutlicher, mutiger und offensiver zu werden, zum Beispiel mit einer Informationskampagne nach dem Muster von „be smart about HIV“.