Plädoyer für eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität mit HIV-Positiven

Kürzlich war ich auf einer Familienfeier. Die Tochter meiner Nichte wurde getauft und dies war für mich ein Anlass, nach einem größeren Zeitabstand wieder an einem Familientreffen teilzunehmen. Nach dem Tod beider Eltern gibt es weniger Anlässe, zu denen ich mit meiner Familie zusammentreffe, die nun aus Geschwistern, Nichten und Neffen und deren PartnerInnen und Kindern besteht.

Wenige Tage zuvor hatte ich den 20. Jahrestag meiner HV-Diagnose erlebt. So unerwartet lange mit HIV zu leben, das ist für mich nichts Normales. Es ist etwas, über das ich reden möchte und auch reden muss, weil es eine so große Bedeutung in meinem Leben hat.

Mein Schwul-Sein und auch meine HIV-Infektion sind in der Familie seit langem bekannt. Und mit beidem gehöre ich dazu wie jeder andere auch. Ich bin integriert und viele würden nun sagen: „Das ist doch prima, freu dich darüber! Was willst Du denn noch mehr?“

Natürlich freue ich mich über die Selbstverständlichkeit. Aber diese Normalität reicht nicht.

Je älter ich werde, desto klarer erkenne ich, wie belastend es war, mit dem drohenden Tod leben zu müssen und wie schmerzhaft es war und ist, mich immer wieder neu gegen gesellschaftliche Verurteilungen, Abwertungen, Stigmatisierungen behaupten und wehren zu müssen. Nach meiner HIV-Diagnose habe ich mich entschieden,  mit HIV offensiv und öffentlich zu werden und zu sein. Das macht mich einerseits verletzbarer, weil man sich exponiert, aber psychisch macht es mich stärker, weil alles, was passiert, nicht nur von mir bewusster wahrgenommen und reflektiert wird, sondern auch meine Umwelt zu einem bewussteren Umgang mit HIV auffordert. Es war und ist eine sinnvolle Win-Win-Situation.

Heute, im Jahr 2010 ist es das öffentlich sein im Älter-Werden mit HIV und seinen besonderen Implikationen, für das ich mich immer wieder neu entscheide. Ältere Langzeitpositive haben noch längst nicht ihre besondere Lebenssituation und Lebensdynamik erkannt. Wir sind erst gerade am Anfang, dies herauszufiltern und zu benennen. Und auch die Gesellschaft muss noch lernen, einen Umgang mit dieser/meiner HIV-Generation zu finden.

Es ist erstaunlich, dass ich auf der Familienfeier keine erkennbaren Resonanzen wahrnehmen konnte, als ich meinen 20. Jahrestag der HIV-Diagnose ansprach. Kein: „Ja, das ist wirklich schön! Das ist wirklich ein Glück!“ Und so gab es auch keinen Anknüpfungspunkt, gemeinsam zu erinnern, was sich in diesen 20 Jahren alles an Glück und Leid, Krisen und Siegen ereignet hat. Im familiär-privaten wie im gesellschaftlich-allgemeinen.

Es ist mit Sicherheit nicht nur die Gesprächskultur in meiner Familie, die Gespräche über Dinge, die einen persönlich sehr bewegen, nur schwierig entstehen lässt. Wäre dieses aktuelle persönliche Erlebnis nun ein Spiegel für den Umgang der Gesellschaft mit dem Älter-Werden von Menschen mit HIV, würde es bedeuten, dass es nicht reicht, Menschen mit HIV äußerlich zu integrieren.

Die wahre Integration ist erst dann gegeben, wenn man sich gleichberechtigt öffnet für das persönliche Erleben und auch die persönlichen Bedürfnisse des Gegenübers.

Statt einer formalen „Satt und Sauber-Solidarität“ braucht es eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität.

***

Blogbeitrag zum gleichen Themenfeld: „Langzeitpositive und schwule Senioren sind Zeitzeugen vom Leben mit HIV

4 Antworten zu Plädoyer für eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität mit HIV-Positiven

  1. michèle meyer sagt:

    ach ja, die verdrängungsmechanismen…jedenfalls in meiner umgebung, die selbstverständlichkeit des langen lebens ist wie ein spiegel davon. und wenn das thema doch aufgegriffen wird, ist der ( damalige) schock ihrerseits DAS thema.
    ich drück dich, du dinosaurier!

  2. […] 28.04.2010 termabox: “Plädoyer für eine Kultur wahrhaft humaner Solidarität mit HIV-Positiven“ […]

  3. alivenkickn sagt:

    Unter vielen HIV Positiven ist das Thema „Selbststigma – Schuld“ gegnwärtig. Um wieviel mehr ist dies in FAmilien der Fall? Es potenziert sich. Ich erlebe das gleiche in meiner Restfamilie – bei meiner Mutter ebenfalls. Obeflächlich können wir darüber reden. Doch wenn wir uns auf der ehrlichen Ebene mal begegnen dann dauert s nicht lange und das Wort „Schuld“ steht im Raum. Es hat lange gedauert bis mir klar wurde das sie aus ihrer „sozialisierten“ Haut nicht raus kann.

    Gerade bei älteren Menschen kann ich es nachvollziehen das sie aus ihrer Haut nicht rauskönnen. Es ist ja schon für uns schwer sich unseren anerzogenen, oktroyierten Werten und Misswerten, Vorurteilen zu stellen, und sie loszulassen wenn wir erkennen das sie nicht stimmen.

    Toleranz und dieses komische Ding das man als „Altersweisheit“ bezeichnet😉 hat für mich heute auch viel mit akzeptieren zu tun, damit das die Dinge nicht immer so sind wie ich sie mir wünsche oder sie gerne hätte. Natürlich hat dies Grenzen, aber das muß ich ja nicht wirklich betonen . . . oder?

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