Mut für ein Interview

 

Vorgestern rief die „WDR-Lokalzeit Bergisch-Land“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal an. Sie suchten HIV-Positive und Ärzte als Interviewpartner für einen Bericht und baten um Unterstützung. Mit zugesicherter Anonymisierung ist „Theresa“ zu einem Interview bereit.

Unsere Schwerpunktsetzung hier in Wuppertal zum WAT hat gezündet! Die Medien greifen breit auf, wie wenig vorbereitet viele Ärzte auf die Begegnung mit HIV-Positiven sind. Es gibt ja immer sehr sehr viele aktuelle Themen, die man ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken müsste. Entscheiden muss man sich aber immer für EINS.

Das bedeutete für mich seit vorgestern viel telefonieren. Menschen mit HIV, die ich kenne, rufe ich an, erkläre, worum es geht, frage, ob sie sich für ein Interview bereit erklären. Die Suche gestaltete sich sehr schwierig. Im Fernsehen sich so öffentlich mit der eigenen HIV-Infektion zu präsentieren, löst Angst aus. Angst vor negativen Reaktionen der Gesellschaft, vor Nachbarn, Arbeitgebern, Angst, auf der Straße erkannt und angepöbelt zu werden, Angst als HIV-positiver Elternteil über ein offenes Auftreten mit HIV zu riskieren, dass die eigenen kleinen Kindern diskriminiert werden… Berechtigte Anliegen, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

Und HIV ist zwar in Deutschland kein Kündigungsgrund für eine Arbeitsstelle, aber ich habe in Beratungen mehrfach in 2007 gehört, dass Kündigungen wegen HIV ausgesprochen wurden.

Meine Anrufe lösen bei allen HIV-Positiven starke Emotionen und bei vielen auch Anspannung aus. Erinnerungen an die Mitteilung der HIV-Diagnose, an kränkende Erfahrungen mit inkompetenten Ärzten, an einen Schwangerschaftsabbruch, der auf grund der falschen ärztlichen Beratung vorgenommen wurde und bis heute schmerzt… Ich kann die angerufenen HIV-Positiven mit dem, was meine Anfrage bei ihnen auslöst, nicht so einfach sitzen lassen. Mein Anruf ist oft Anlass, Bilanz zu ziehen, was man im Leben mit HIV bisher erlebt hat – und dann braucht es ausreichend Zeit und ein offenes Ohr, um mit mir als Gesprächspartner zu erinnern, Erlebnisse zu bewerten und auch gemeinsam zu erkennen, was an persönlicher Entwicklung und Reifung zu einem selbstbewußten Patienten, einer selbstbewußten Patientin in all den Jahren sich vollzogen hat. Sehr persönliche Erfahrungen höre ich, oft auch Erlebnisse, die ich von diesem Menschen noch nicht wusste – längst geht es nicht mehr nur um die Interviewanfrage…

Sich so direkt, mit Name und Gesicht in der unbekannte großen Fernsehöffentlichkeit mit HIV zu outen, dazu war dann schließlich doch niemand bereit. Nach Rücksprache mit dem Redakteur sagte der WDR eine Anonymisierung zu. Name und Gesicht bleiben nicht erkennbar, die Stimme wird auf Wunsch verfremdet. Erst mit diesem zugesicherten persönlichen Schutz sind 2 HIV-Positive bereit, ein Interview zu geben, von denen eine Frau dann auch am Drehtag Zeit hat.

Heute war nun dieser Drehtag. Ich hole „Theresa“, so wird sie im Fernsehinterview heissen, ab und fahre mit ihr in die Arztpraxis, wo das Interview gefilmt wird. Auf dem Weg dorthin stimme ich Theresa ein, frage sie, was sie als HIV-Positive mit Ärzten in ihren 8 Jahren mit HIV erlebt hat. Theresa sprudelt förmlich über vor Erinnerungen. Alles ist ihr sehr präsent. Sie kann die Verunsicherung der Ärzte durchaus verstehen, aber mich beeindruckt, dass SIE sich mit IHREM Bedürfnis, als Patientin menschenwürdig und medizinisch kompetent behandelt zu werden, so selbstbewußt ernst nimmt.

Als wir in der Arztpraxis ankommen, ist gerade ein Interview mit einem anderen Patienten zuende, der nur über gute Erfahrungnen als HIV-Positiver mit Ärzten berichtete. Da hat er Glück gehabt, denken wir und es tut ja auch gut, dieses zu hören.

Der Redakteur Thomas Mau, sein Kameramann und Tontechniker sind ein wirklich sehr sympathisches Team. Keine Hektik. Eine freundliche und herzliche Athmosphäre verbreiten sie. Theresa fällt es leicht, im Interview sehr schnell auf DAS zur Sprache zu kommen, was sie sagen will und zu erzählen, was sie erlebt hat. Auch wenn nur ihr Mund oder ihre Hände auf dem Bildschirm zu sehen sein werden: Das, was sie erzählt und vor allem, WIE sie es berichtet, ist absolut authentisch und beeindruckt das ganze Team. Auch mein Mitgefühl wird groß, als sie berichtet, wie unfair Ärztinnen und Ärzte mit ihr bei Schwangerschaften umgingen. Oder wie Ärzte ihre gravierenden Nebenwirkungen zu Beginn ihrer HIV-Therapie nicht ernst nahmen. Und trotz all dieser neagativen Erfahrungen ist sie unbeirrt darin, im Kontakt mit Ärzten immer bewußt offensiv mit HIV umzugehen.

Das Interview ist vorbei. Ich fahre mit Theresa wieder zurück. Unterwegs tauschen wir uns aus über unsere Eindrücke beim Interview, und was wohl rübergekommen ist. Zwischen uns lebt eine Athmosphäre großer Verbundenheit, die uns in diesem Moment stärker bewußt ist als sonst im Alltag. Theresas Geschichte mit HIV ist eng mit meiner Person verbunden. Ich war der Erste, der sich nach ihrer HIV-Diagnose Zeit nahm, ihr zuhörte, ihr Informationen gab und sie später, nach Jahren, in denen sie die Teilnahme an Veranstaltungen und Treffen in der AIDS-Hilfe Wuppertal scheute, eines Tages zufällig auf der Straße traf und einfach einfing: „He, heute trifft sich die Frauengruppe! Komm einfach mit.“ Sie kam mit und mein Schubs half ihr, das Eis zu brechen. Sie ist heute froh, den Schritt in die AIDS-Hilfe gefunden zu haben, geniesst die Atmosphäre der „positiven Selbstverständlichkeit“ in der Gemeinschaft mit anderen, die mit HIV leben.

Gesendet wird der Beitrag, in dem auch Ärzte und ich für die AIDS-Hilfe Wuppertal zu Wort kommen, am Welt-AIDS-Tag, Samstag, 1.12. in der West3 – Lokalzeit Bergisch-Land, zwischen 19.30 und 20.00 Uhr.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 29.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

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