Philadelphia und das Leben mit HIV 2009

November 27, 2009

Der Spielfilm „Philadelphia“ hat 1993 das Leben mit HIV und AIDS in die Kinos und darüber ins breite Bewußtsein der Bevölkerung gebracht. Bei vielen Menschen haben die gezeigten Bilder die Vorstellung vom „Leben mit HIV“ nachhaltig geprägt. Was 1993 zutreffend war, gilt aber 2009 in vielen Details nicht mehr. Dennoch wird der Film auch im Jahr 2009 noch im Unterricht an Schulen und in der Ausbildung von Berufsgruppen wie Krankenpflege und Altenpflege eingesetzt. Dies ist nicht mehr zeitgemäß. Aus heutiger Sicht hat der Film Philadelphia die Bedeutung eines Historienfilms über vergangene Zeiten.

Bilder – und besonders auch Bilder im Kinogenre „Drama“ – prägen stärker als Texte unsere Vorstellungen und Einstellungen über eine Sache und eine Situation.

Das Bild vom Leben mit HIV und AIDS hat sich seit 1993 stark verändert. Es läßt sich nicht mehr auf nur „einen“ Punkt bringen.

Heute muss das Leben mit HIV durch einen „Doppelpunkt“ dargestellt werden: Vielen geht es mit HIV gut, sie fühlen sich gesund und leben ein normales Leben – und: Es gibt auch Menschen, denen es körperlich und psychisch durch HIV schlecht geht und die weiterhin Unterstützung und Hilfe brauchen.

Diese Botschaft trägt Arbeitskreis Welt-AIDS-Tag in Wuppertal mit seiner Pressemitteilung an die Öffentlichkeit:

Normal leben mit HIV in

Wuppertal

Erwerbstätigkeit mit HIV ist Normalfall. Erkrankte brauchen weiter Unterstützung.

23.11.09 – Der Wuppertaler Arbeitskreis Welt-AIDS-Tag fordert aus Anlass des Welt-AIDS-Tages (WAT) am 1.12.2009, das gesellschaftliche Bild über Menschen mit HIV und Aids zu aktualisieren. Der Arbeitskreis will zum WAT ein realitätsnahes Bild der HIV-Infektion und die positiven Veränderungen im Leben mit der Infektion an die Gesellschaft vermitteln.

Die im bekannten Kinofilm „Philadelphia“ gezeigte Situation über das Leben mit HIV ist heute so nicht mehr zutreffend. Die Entwicklungen im medizinischen Bereich haben dazu geführt, dass ein Leben mit dem Virus heute individuell ganz unterschiedlich aussehen kann. Eine große Anzahl HIV-Positiver erleben keine oder nur geringe Probleme mit ihrer Infektion. Sie beschreiben ihr Leben als durchaus glücklich und zufrieden. Viele HIV-Positive leben schon 20 Jahre und länger mit der Infektion und viele sind berufstätig.

In der Breite der Bevölkerung wird die Auswirkung des medizinischen Fortschritts dagegen nicht ausreichend wahrgenommen. Menschen mit HIV erfahren, dass man sie immer noch als „todgeweiht“ und „gefährlich“ ansieht. Die Realität ist dagegen eine andere: Wer sich heutzutage mit HIV infiziert, kann bei guter ärztlicher Begleitung mit einer annähernd normalen Lebenserwartung rechnen. Zu wenig bekannt ist auch, dass eine voll wirksame Therapie die Infektiosität so stark senkt, dass eine Übertragung der HIV-Infektion bei sexuellen Kontakten unwahrscheinlich ist.

Oberbürgermeister Peter Jung als Schirmherr der Veranstaltungen zum WAT in Wuppertal betont: „[Es ist]… heute eine vorrangige gesellschaftliche Aufgabe, HIV-Infizierten und an AIDS erkrankten Menschen ihren Platz im „normalen“ Leben mitten unter uns einzuräumen, sie zum Beispiel in Arbeit zu vermitteln, sie einzustellen, [und] sie als Kolleginnen und Kollegen zu akzeptieren.“

Michael Jähme, Sozialpädagoge bei der AIDS-Hilfe Wuppertal, ergänzt: „Etwa zwei Drittel der HIV-Positiven in Deutschland sind heute berufstätig. Anders als früher werden sie dies sehr lange fortführen können. Menschen mit HIV erleben dadurch ein weitgehend „normales“ Leben.“ Deutlichen Handlungsbedarf sieht er darin, den übertriebenen Ansteckungsängsten und Vorurteilen in der Bevölkerung entgegenzuwirken, die zu Stigmatisierung und Ausgrenzung führen und HIV-Positive zur Geheimhaltung der HIV-Infektion zwingen.

Wie bei jeder chronischen Erkrankung gibt es immer auch Menschen, bei denen die HIV-Infektion gesundheitliche und psychische Krisen auslöst und zu schmerzhaften Einschnitten im Leben zwingt. Beratungs- und Unterstützungsangebote sind für Menschen mit HIV und Aids daher nach wie vor unverzichtbar. Auch die Allgemeinbevölkerung braucht kompetente Experten in seriösen Fachstellen. Kostenlose und anonyme HIV-Testangebote, Telefon- und Onlineberatung werden weiterhin gut genutzt.

Die AIDS-Fachkräfte bei AIDS-Hilfe, Gesundheitsamt und der AWO bieten allen Interessierten Fortbildungen und Informationsveranstaltungen zum aktuellen Wissensstand zu HIV und AIDS an.


Weitere Informationen:

Grußwort von Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung zum Welt-AIDS-Tag

„Bildervielfalt prägen – Menschen mit HIV entstigmatisieren“ – Rede von Tino Henn, Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe

An die Arbeit! – „HIV & Arbeit“ wird 2010 Schwerpunktthema der DAH

HIV und Arbeit: Die Fakten – DAH-Blog

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Laudatio auf Cori Obst zum Bundesverdienstkreuz

Mai 27, 2009

Anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Mittwoch, 27. Mai 2009, an Frau Corina Obst, hielt Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung die Laudatio:

090527 BVK Cori 005

(Es gilt das gesprochene Wort)

Frau Cori Obst hat durch ihr langjähriges Engagement im sozialen Bereich auszeichnungswürdige Verdienste erworben.

Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten vom 19.12.2008

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, liebe Frau Obst,

28 Jahre ist es her, als das Aids-Virus als eigenständige Krankheit definiert wurde. Die jüngsten Zahlen sagen, dass weltweit 33 Millionen Menschen infiziert sind, mehr als 2,5 Millionen kommen jährlich als Neuinfizierte dazu. Weltweit durchschnittlich rund ein Prozent der 15 bis 49-Jährigen tragen diesen Virus in sich, in afrikanischen Staaten sind es bis zu 20 Prozent.

Seit Jahrzehnten klärt die Aidshilfe auf und hilft Betroffenen. Frau Obst gehört zu den ersten HIV-positiven Frauen in Deutschland, die aus der allgemeinen Positivenselbsthilfe heraustraten und die emanzipative Selbstvertretung HIV-positiver Frauen im Verband der AIDS-Hilfen in Deutschland begründeten.

Nach ihrer HIV-Diagnose 1991 nahm Frau Obst zunächst als Ratsuchende zur AIDS-Hilfe Wuppertal Kontakt auf. Schnell wurde ihr deutlich, dass in der AIDS-Hilfe Wuppertal frauenspezifische Angebote fehlten. Sie setzte sich sodann das Ziel, der Gruppe der heterosexuellen Frauen gleichen Wert beizumessen und ähnlich zielgruppenspezifische Angebote zu machen wie es sie für die bisherigen Zielgruppen bereits gab.

Mitte 1992 begann sie, das Projekt „Frauen und AIDS“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal zu etablieren. Ihr Leitgedanke war, dass, wenn die AIDS-Hilfe sich allgemein für Frauenfragen öffne, sie sich auch eindeutig positionieren und parteiisch für Frauenfragen im Verbund mit anderen Frauenorganisationen engagieren müsse.

Folgerichtig integrierte sich Frau Obst als offizielle „Frauenreferentin der AIDS-Hilfe Wuppertal“ in alle relevanten kommunalen Arbeitskreisen und platzierte das Thema „Frauen und AIDS“ auf allen wichtigen Frauen-Veranstaltungen. Zudem nutzte Frau Obst sehr bewusst die öffentlichen Medien, um HIV-positiven Frauen Gehör zu verschaffen.

Mit dem Medienprojekt des Jugendamtes der Stadt Wuppertal entstand ab 1992 eine mehrteilige, landes- und bundesweit beachtete Dokumentation „Was mir hilft, das ist mein Leben“.

Darüber hinaus ging sie in einige Talk-Shows, um als HIV-positive Frau deutlich zu machen, dass auch heterosexuelle Frauen von AIDS und HIV betroffen sind. Mit ihrer Präsenz wollte sie andere HIV-positive Frauen ermutigen, sich nicht zu verstecken, sondern sich zusammenzuschließen und als betroffene Frauen eigene Forderungen an die AIDS-Hilfen, die AIDS-Forschung, die Politik und die Gesellschaft zu stellen.

Auf den Wuppertaler FrauenGesundheitsTagen, die seit 1996 stattfinden, finden durch die Initiative von Frau Obst Workshops und Angebote zum Thema Frauen und AIDS statt.

1997 organisierte sie mit der Fachtagung „Frauen und AIDS – roter Faden, rotes Tuch oder nur rote Schleife“ die erste große Fachveranstaltung zur Thematik „Frauen und AIDS“ in der Bergischen Region.

Auf Landesebene war Frau Obst von 1994 bis 1998 im Vorstand der AIDS-Hilfe NRW ehrenamtlich tätig. Hier war sie 1995 maßgeblich an der Einrichtung des Fachbereichs und der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und AIDS in NRW beteiligt.

Auf Bundesebene setzte sie sich im Dachverband der DAH für einen Fachbereich „Frauen“ ein. Auf Dachverbandsebene war sie des Weiteren von 1999 bis zum Jahr 2001 Mitglied des Delegiertenrats und von 1997 bis 1999 sowie erneut von 2001 bis zum Jahr 2003 des Fachbeirats „Frauen“.

Sie war in den letzten 15 Jahren Initiatorin und Mitorganisatorin zahlreicher Veranstaltungen, so 1997 des Kongresses „Was heißt`n hier behindert“ zum zehnjährigen Bestehen der AIDS-Hilfe Wuppertal sowie mehrerer Bundespositivenversammlungen der Deutschen AIDS-Hilfe.

Frau Obst kämpft für das Bewusstsein in Politik und Öffentlichkeit, für ein Recht auf Schwangerschaft und Lebensperspektiven, für die Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS in Not und vor allem dafür, dass die Frage nach der „Schuld“ an der eigenen Infektion nicht zur Trennungslinie wird zwischen denjenigen, die sich durch ihr eigenes Handeln infiziert haben und denjenigen, die im Rahmen einer medizinischen Behandlung infiziert wurden.

Frau Obst erhielt 2007 den Ehrenamtspreis „merk/würdig“ der AIDS-Hilfe NRW.

Liebe Frau Obst, Sie selbst bezeichnen sich als sehr offen, kämpferisch, feministisch und im positiven Sinne als unbequem. Und ich denke, genau diese Eigenschaften sind wichtig für Ihre Arbeit. Sie haben sich mit Ihrem herausragenden Engagement vor allem für die betroffenen Frauen eingesetzt. Und der AIDS-Hilfe haben sie damit insgesamt zu einem noch größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft verholfen.

Hierfür hat Ihnen der Bundespräsident zu recht das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Hierzu gratuliere Ich Ihnen sehr herzlich und freue mich,

Ihnen diesen Orden jetzt überreichen zu dürfen.