Selbstverständlich positiv – meine „Positive Stimme“

Januar 27, 2012

Für mich gilt es auch, dieses “positiv – na und?”. Es ist offenbar für viele HIV-Negative wie auch HIV-Positive verstörend, das wahrzunehmen. Aber wenn HIV doch nun einmal seit 22 Jahren meine Realität ist – dann ist das selbstverständlich so.

“Selbstverständlich positiv” ist für mich gleichbedeutend mit “positiv – na und?”

HIV als für mich selbstverständlich zu bezeichnen drückt aus, dass ich meine Realität anerkenne, und mein Bewußtsein meiner Würde und meines Selbstrespektes davon nicht verletzt und beeinträchtigt wird.

In diesem Sinne bin ich “poz&proud”, wie die niederländische Kampagne schwuler HIV-Positiver Männer heisst. Interessant ist, dass in der niederländischen Sprache das Wort “Trotz” dem deutschen “Stolz” entspricht. Stolz auf sein Leben, als schwuler Mann und auch mit oder trotz oder durch HIV zu sein, ist für Massen und Medien immer noch verstörend. Na und? Sie werden es lernen – oder auch eben nicht, was schert es mich!

“Positiv – na und?” drückt für mich Stolz aus, das Leben mit HIV offensiv zu leben und gelebt zu haben – und die gesellschaftliche Erwartung, doch Scham empfinden zu sollen – entschieden und selbstbewusst zurückzuweisen.

Meine Zeit der Selbststigmatisierung, die gab es, die ist aber eindeutig Vergangenheit. Das Bewusstsein und Wissen, bei wirksamer Therapie nicht mehr infektiös zu sein, ausgelöst durch die EKAF Stellungnahme vom 30.01.2008, hat sehr wesentlich dazu beigetragen.

Ich begrüße es sehr, dass Menschen mit HIV über die Deutsche AIDS-Hilfe mit dem Projekt „Positive Stimmen“ ihr Lebensgefühl und ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und Stigmatisierung beschreiben. Raus aus der Vereinzelung mit diesen Erlebnissen, rein in das Gemeinschaftserleben, dass hier etwas gesellschaftlich passiert, was ungerecht und unangemessen ist.

Die Mitteilung des eigenen HIV-positiv-sein soll von niemandem mehr als „Geständnis“ erlebt werden. Was gibt es da zu gestehen? Dass man Sex hatte? Das man nicht alles unter Kontrolle hatte? Ich habe kein Unrecht begangen, als ich mich mit HIV angesteckt habe – ich habe gelebt und wollte das Beste für mich. Was daran soll ein Geständnis sein? Dieses im Zusammenhang mit einem HIV-Outing von HIV-Positiven oder auch Journalisten verwendete Wort „Geständnis“ stört mich sehr, denn in der offenbarten Angst der Anderen im Umgang mit HIV gestehen diese ihr Unwissen, ihre Dummheit und ihre Vorurteile. Das Leben mit HIV ist heute anders, als allgemein bekannt ist.

Ich habe viel gelernt – und das war ein spannender Prozess, über dessen Ergebnis ich im guten Sinne gelassen stolz bin.

“positiv – na und?” Ach lass uns doch über was Interessanteres als Selbstverständlichkeiten reden… :-)

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POZ and Proud: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME

November 13, 2008

Schwule Männer mit HIV in den Niederlanden haben im April 2006 eine Selbsthilfe-Kampagne gestartet, um die Lebensqualität von schwulen HIV-Positiven in der Szene zu verbessern, um Mut zu machen, offen mit HIV umzugehen.

Der Name „POZ and Proud“ ist Programm. HIV-positiv und dabei selbstbewusst offensiv zu sein, sich nicht zu verstecken, über HIV reden, wenn es angebracht ist. Auf den T-Shirts der Mitglieder und Freunde von POZ&Proud steht folglich auch: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME – Positiv leben ist keine Schande.

Die Männer von POZ&Proud haben Standpunkte erarbeitet, die ich später einmal ins Deutsche übersetzen will.

POZ&Proud betreibt seit kurzem einen eigenen Blog (natuurlijk op nederlands). In diesem Blog läuft eine Serie, in der einige Männer von POZ&Proud schreiben, was ihnen zu dem „P“ von „Proud“ einfällt. Mein Freund Maarten hat auch etwas dazu geschrieben. Seinen Blog habe ich hier übersetzt:

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Das P von Proud

Wir haben HIV und sind stolz. Wir können prima für uns selber sorgen. Und das tun wir dann auch. Aber wenn du gerade erfahren hast, dass du HIV hast, ist Stolz wohl das letzte, an was du denkst.

Aber, wenn du schon einiges erlebt hast, kannst du Kraft finden in dem Weg, den du zurückgelegt hast. Maarten erklärt warum:

Es begann im Dezember 2004. So müde wie ein Hund, Fieber und viele andere Leiden. Der Arzt dachte an Pfeiffersches Drüsenfieber, aber ließ doch einen HIV-Test machen, denn der letzte war schon wieder ein Jahr her. Und ja, es gab Ausrutscher.

Meine erste Reaktion auf die Diagnose ist nicht viel anders gewesen als die von jedem anderen: Was für Krankheiten stehen mir bevor? Werden die Pillen gut wirken? Wann muss ich sterben? Abende hab ich im Internet gesurft, aber davon kam ich nur immer schlechter drauf. Kein Arzt gibt dir eine Lebensgarantie und andere schrieben dort nur über ihre Probleme. Da hab ich lieber mit Freunden telefoniert, die auch HIV hatten; das half. Verrückt eigentlich, dass ich HIV bis dahin so verdrängt hatte, obwohl ich es bei vielen um mich herum miterlebt hatte.

Die akute HIV-Infektion bei mir ging vorbei und ich war wieder voller Zuversicht, dass es wohl noch was dauern sollte, bis mir HIV wirklich Probleme machen würde. Ja denkste, denn während die CD4’s wie verrückt kletterten, kriegte ich eine Gürtelrose und schluckte schon Anfang 2006 meine ersten HIV-Pillen.

Im Dezember 2005 konnte ich nicht wirklich stolz sein mit HIV. Ich war schon stolz wenn ich nicht schon um 9 Uhr abends im Bett lag. Der Stolz kam dann aber mit der Energie, die ich im Februar 2006 wieder hatte. Ich konnte wieder alles und machte auch wieder alles. Inzwischen wusste beinahe jeder in meiner Umgebung, dass ich HIV habe. Da kriegte ich unterschiedliche Reaktionen, von: „Ja du mit deinem Partyleben, das musste ja dabei raus kommen“ bis „Alle Achtung, wie du damit umgehst, du scheinst da wirklich kein Problem mit zu haben.“ Alles sind gute Reaktionen, wenn ich immer bedenke, von wem diese Antworten kommen. Ich habe kaum wirklich schlechte Reaktionen erlebt. Mit HIV auf eine gute Art offen umzugehen, so dass man Verständnis erhält, aber kein Mitleid, das ist ein Teil von meinem Stolz.

Manchmal muss man sich schützen mit Arroganz, natürlich nicht direkt gegenüber Menschen, aber zum Beispiel im folgenden Fall…

„Willkommen in den Vereinigten Staaten“ steht auf dem grünen Einreiseformular, dass man ausfüllen muss um in die USA einzureisen. Echt willkommen fühl ich mich da aber nicht mehr. Denn da muss ich immer lügen bei der ersten Frage auf der Rückseite. Ich hab das so schon zehn Mal gemacht. Dann denk ich immer: Aber wenn sie meine Pillen finden, und sie wollen MICH nicht mehr, dann will auch ich SIE nicht mehr. Basta!

Das ist auch mein Stolz. Ich will nicht anders behandelt werden wie jeder.

Zum Schluss: Um Dinge, die man nicht verändern kann, soll man nicht trauern. Dreh’s einfach um. Ein Regenschauer ist nicht schön, aber gut für die Pflanzen im Garten, und so ist er dann auch gut für dich. Das macht etwas deutlich, wie ich, genau wie mit vielen anderen Dingen im Leben, auch mit HIV umgehen will.

Was bedeutet „poz and proud“zu sein für dich? Schick deine story von maximal 600 Wörter an pozandproud@hivnet.org und wir stellen sie im Blog [von POZ&Proud] ein.

Danke an Maarten für das OK, Text und Foto in meinem Blog hier zu posten. Wer Interesse hat, auch seine Gedanken zum „P von Proud“ mitzuteilen, kann dies natürlich gerne an die Freunde von POZ&Proud schicken. Vielleicht werden sie es übersetzen und in ihrem Blog posten. Parallel biete ich an, eure Storys hier in meinem Blog einzustellen. Schreibt dazu an termabox@web.de Kommentare bleiben auf diese Weise besser auf den jeweiligen Text bezogen und so vermeiden wir ein Durcheinander.

Mir persönlich imponiert die Idee der POZ&Proud-Kampagne sehr! Denn es scheint eine Tendenz zu geben, HIV unsichtbar werden zu lassen, gerade in der schwulen Szene wieder versteckter mit HIV zu leben, vielleicht auch um bei der Arbeit keine Probleme zu bekommen.

Sich zu verstecken, ob als schwuler Mann oder Mann mit HIV, kratzt immer am Selbstwertgefühl.

Stolz meint immer: sich zu zeigen.

In den Anfängen der Schwulenbewegung gab es den „gay pride“, wo das gesellschaftlich ins Abseits gedrängte, als minderwertig abgewertete „schwul-sein“ sich von Scham, Schuldkomplexen und Zuschreibungen der anderen emanzipierte und in die Öffentlichkeit drängte. „POZ&Proud“ knüpft für mich an diesen alten Emanzipationsgeist an. Das begeistert mich so an POZ&Proud und da bin ich gerne mit dabei!

Mit HIV zu leben, ist keine Schande, wegen der man sich verstecken muss. In Köln sieht man mich auch manchmal mit dem blauen T-Shirt von POZ&Proud oder den weiss-orangenen von POSITHIVHANDELN herumlaufen. Ich werde wohl nun auch selber meine story zu dem „P“ vom Proud schreiben müssen,… maar dan op nederlands natuurlijk!