Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches an der Unglücksstelle des Kölner Stadtarchivs

März 7, 2009

Nach außen wirkt alles recht ruhig in der Südstadt an diesem Samstagnachmittag gegen 16 Uhr. Die Sonne scheint ein wenig, aber es ist kalt. Weiträumig ist die Unglücksstelle von der Polizei abgesperrt, einige Anwohner passieren die Absperrungen und gehen ihrem Alltag nach. Das Leben muss schließlich weitergehen.

Eine überschaubare Anzahl von Menschen möchte wie ich einen eigenen Eindruck von der Unglücksstelle bekommen. An keiner Stelle kommt es zu Behinderungen von Polizei, Feuerwehr und Bauarbeitern. Die Ruhe und erforderliche gelassene Routine stehen scheinbar im Widerspruch zu der emotionalen Tragödie für Menschen und Kulturgut, die sich 100 Meter weiter ereignet hat.

Von der südlichen Absperrung aus sehe durch die Straßenschlucht der Severinsstraße und erkenne den Schuttberg des eingestürzten Stadtarchivs. Dahinter das Haus mit den aufgerissenen Wohnungen und freiliegenden Zimmerwänden. Was an Rettungs- und Bergungsaktivitäten läuft, bleibt meinem Blick verborgen.

Aber in meinem Bewusstsein ist mir klar, dass dort, wenige Meter weiter, viele Menschen nach den beiden Vermissten suchen. Ich denke daran, dass dort diese zwei Menschen unter den Trümmern verschüttet sind, dass es ein Wunder wäre, sie noch lebend zu bergen. Nachdenklich und bedrückt bleibe ich einige Minuten an diesem Ort, den Blick immer auf den Trümmerhaufen gerichtet. Einer Frau neben mit geht es ähnlich. Jeder von uns ist still und in Gedanken versunken.

In die Südstadt bin ich gefahren, nachdem ich an der Kundgebung „Frauenrechte statt Scharia! Aufklären statt verschleiern!“ des „Zentralrats der Ex-Muslime“, dem „Verein für Aufklärung und Freiheit“ und des „Internationalen Komitees gegen Steinigung und Todesstrafe“ zum Internationalen Frauentag auf dem Wallraffplatz teilgenommen habe. Die Kernkritik der Veranstalter richtet sich gegen Menschenrechtsverletzungen, welche zunehmend durch das Vorrücken der patriarchalischen Herrschaftskultur des politischen Islams in Deutschland und Europa verursacht werden.

Kundgebung zum  Intern. Frauentag, Wallraffplatz, Köln

Kundgebung zum Intern. Frauentag, Wallraffplatz, Köln

„Steinigung“, dieses Wort komm mir nun auch angesichts des Kölner Trümmerberges in den Sinn, in dem zwei Menschen verschüttet sind. Grausam dieses Unglück, grausam dieser fanatische Umgang einer islamistischen theokratischen Herrscherelite in einigen islamischen Ländern gegenüber Menschen, die sich von den unmenschlichen Regeln und Vorschriften dieser menschenverachtenden Kultur lösen und anders leben wollen. Steinigungen als Strafe zur Wiederherstellung einer fragwürdigen Ehre geschehen auch heute noch gegenüber Frauen, auch gegenüber Lesben und Schwulen, z.B. im Iran und Irak. Auch das macht mich sehr betroffen.

Und gerade eben ruft ein Freund aus den Niederlanden an, der bei „Poz and Proud“ mitmacht, der Selbsthilfe schwuler Männer mit HIV, und meinen Gastbeitrag über „Das P von Proud“ für deren Blog übersetzt und eine Rückfrage hat. Ich lese mir dazu meinen Text noch einmal durch und stolpere über das Wort „Trümmerfeld“, mit dem ich meine Gefühlslage nach der Mitteilung meiner HIV-Diagnose 1990 beschreibe. Meinen Gastbeitrag hatte ich schon am 28.Februar geschrieben, also VOR dem Unglück in Köln, und jetzt rührt das Trümmerfeld des versunkenen Stadtarchivs hier vor mir auch an meine Lebensstimmung von damals.

Schutthaufen, Steinigungen und ein Trümmerfeld –  so viele Anknüpfungen an Themen und Ereignisse, mit denen sich das Unglück von Köln mit meinem Leben verwebt.

Das Leben ist kostbar. Schätzen und schützen wir es! Überall!

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Lies auch meinen Beitrag vom 6.3.: „Ich war noch niemals … im Kölner Stadtarchiv

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Ich war noch niemals … im Kölner Stadtarchiv (akt.)

März 6, 2009

Nun ist es wech, im U-Bahn-Loch, das alte Kölner Stadtarchiv in der Südstadt. Die Katastrophe vom 3. März 2009 erschüttert viele Menschen. Plötzlich reden alle über dieses unser Stadtarchiv. Aber wer war denn wirklich schon einmal dort? Ich nicht.

Das eingestürzte Stadtarchiv am 3.3.09 (Foto WDR)

Das eingestürzte Stadtarchiv am 3.3.09 (Foto WDR)

Blogger Tiberius beschreibt sehr plastisch, wie er von den MitarbeiterInnen des Kölner Stadtarchivs als interessierter Besucher  willkommen geheissen und bezüglich seiner historischen Interessen unterstützt wurde.

Ich bin nie im Stadtarchiv gewesen. Trotzdem ist mir der immense kulturelle Schaden des Zusammenbruchs – das Wort „Einsturz“ wirkt mir zu banal / da ist wirklich ein „Bruch“ geschehen – des Kölner Stadtarchivs augenblicklich bewusst. Und ich erlebe, wie viele andere, Bestürzung über dieses Unglück. Ein Freund nennt es pointiert „Den Einsturz der Kölner Geschichte„.

Seit 11 Jahren wohne ich in Köln. Die Stadthistorie ist mir in Grundzügen bekannt. Ein paar Bücher dazu stehen im Regal. Einige Male hatte ich mir auch aus der Stadtbibliothek Bücher zur Geschichte der Stadt Köln ausgeliehen, weil mich diese Geschichte einfach interessiert. Besonders interessierte mich die Geschichte und Entwicklung meines „Veedels“, meines Stadtviertels. Dazu fand sich in den Büchern, die ich entdeckte, zu wenig, um meinen Wissensdurst zu stillen.

Jetzt wird mir bewusst: Da gibt es doch das Stadtarchiv! Da hätte ich mehr erfahren können! Aber: Was passiert eigentlich in einem Stadtarchiv?  Für wen ist es da? Ist es wirklich für jeden Bürger offen, oder nur für Fachpersonen wie Historiker, Journalisten, Autoren, Studenten…? Ich bin nie auf die Idee gekommen, das Stadtarchiv zu besuchen. Es war einfach nicht in meinem Blickfeld. Jetzt, wo es weg ist, sehe ich es.

Stadtarchive gibt es in jeder Stadt. Vielleicht wird es nun vielen Menschen im Land bewusst, dass ihre Stadt auch eines hat und das es lohnen könnte, einmal zum Stadtarchiv zu gehen.

Viele spekulieren in diesen Tagen darüber, wie es zu dem Unglück in der Kölner Südstadt kommen konnte, wo das menschliche Versagen liegt, bei wem die Verantwortung zu suchen ist und was an Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung des Unglücks unterlassen wurde. Die Aufklärung all dessen ist wichtig, aber diesen Job hat nun die Staatsanwaltschaft übernommen und dort gehört er auch hin.

Hauseigentümer, die in den zurückliegenden Jahren durch den U-Bahn-Bau teils massive Schäden an ihren Häusern erlitten haben und deren Entschädigung und Mängelbeseitigung durch KVB und Stadtverwaltung nachdem was mir zu Ohren gekommen ist, unzureichend, unwillig und hinhaltend erfolgte, bekommen nun im Sog des Zusammenbruchs des Stadtarchives endlich eine Lobby, ihre Ansprüche auf angemessene und ausreichende Entschädigungen und Hilfen zur Restauration der entstandenen Schäden besser durchsetzen zu können.

Aber auch die Historiker und MitarbeiterInnen des Stadtarchivs werden eine breite neue Wertschätzung ihrer Arbeit gegenüber erfahren.

Auch wenn es jetzt untergegangen  ist, so ist das Stadtarchiv gleichzeitig im Bewusstsein der Kölner Bürger auferstanden.

Nachtrag 6.3.09:

Auch bei der im Bau befindliche neue  U-Bahn-Strecke in Amsterdam, ebenfalls eine neue Nord-Süd-Verbindung, kam es im Juni und auch im September 2008 durch Erdbewegungen und Wassereinbrüche zu gravierenden Schäden an historischen Gebäuden und Einstürze ganzer Häuser. In vielen Städten entstanden und entstehen weltweit neue U-Bahnen und wie es bei technischen Großprojekten nun einmal ist, kommen trotz Einsatz modernster Technik und Sicherheitsstandards immer wieder Unglücke und Rückschläge vor. Dass  ein U-Bahn-Bau nie ohne Risiken ist, weiss man vorher, wenn man die Entscheidung für ein derartiges Bauvorhaben trifft.

Kabarettisten Jürgen Becker und Didi Jünemann plaudern in ihrer freitäglichen WDR-Frühstückspause gewohnt frech über das Ereignis, wie Köln „1000 Jahre Stadtgeschichte zu Pappmasche gepresst“ hat. (noch bis zum 13.3. auf wdr2.de gepodcasted anzuhören.)

Der WDR hat eine ständig um neue audio- und Video-Beiträge ergänzte Berichte-Übersicht ins Netz gestellt.

Nachtrag 7.3.:

Der Kölner Stadtanzeiger (KSta) berichtet: Es waren Bauarbeiter, die geistesgegenwärtig die Räumung des Stadtarchivs vor dem Einsturz veranlassten. „Fünf meiner Mitarbeiter waren unten. Sie merkten plötzlich, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte“, sagte des Geschäftsführer des beauftragten Bauunternehmens. Die Arbeiter hatten die Bodenbewegungen und eindringendes Wasser festgestellt.

Hier mein neuer Blogbeitrag zum Kölner Stadtarchiv: „Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches…

Nachtrag 10.3.:

Im Kölner Stadtanzeiger berichten erstmals die Bauarbeiter von den Minuten des Einsturzes: „…als sie plötzlich nasse Füße bekommen. Schlamm, Kies und jede Menge Wasser schießen durch eine Betonschlitzwand in die gigantische Grube. „Der Druck war ungeheuer groß“, berichtet Lutz G. Die Männer wissen nicht genau, was das zu bedeuten hat, aber sie ahnen, dass gleich etwas Schlimmes geschehen wird. „Es war jedenfalls sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmt“, erinnert sich G. „Raus! Raus hier! Alle raus! …“