Anteilnahme am Unglücksort

März 15, 2009

Nachdem der zweite Vermisste Khalil G. an der Unglücksstelle des eingestürzten Kölner Stadtarchivs am 12.3. tot geborgen wurde, verändert sich die Emotionalität, mit der ich die weiteren Entwicklungen an der U-Bahn-Baustelle aus den Medien mitverfolge.

Aber mit eigenen Augen die Unglücksstelle zu sehen, wie heute, als ich zum zweiten Mal dort war, lässt mich erneut das schreckliche Ausmaß dieser Tragödie spüren.

Der Terminus „Schaulustige“ passt weder auf mich noch auf die anderen Menschen, die angesichts des Trümmerberges und im Wissen um das Geschehene meist verstummen und Anteil nehmen. Ein „Ausflugsziel“, wie der Kölner Stadtanzeiger titelte, ist dieser Ort wahrlich nicht, dies tut vielen Menschen Unrecht.

Es ist ein Ort des Gedenkens.

Mit dem Feund, mit dem ich zusammen unterwegs war, debattierte ich lebhaft auf dem Weg hin zur Severinsstraße – und auch nachher weiter auf unserem Weg zum Rhein, aber am Ort des Unglücks angekommen verstummten wir und gingen eigene Wege, wie bei einer Beerdigung und an einem offenen Grab.

Einige Eindrücke von heute in Bildern

Die Unglücksstelle am 15.3.2009

Die Unglücksstelle am 15.3.2009

Anteilnahme und viele Fragen

Anteilnahme und viele Fragen

Das Unglück rührt an alte Erfahrungen

Das Unglück rührt an alte Erfahrungen

Trauer

Trauer

Am Dienstag, 17.3.09 wird um 14.00 Uhr mit einer Trauerfeier im Gürzenich der Opfer des Stadtarchiv-Einsturzes gedacht.

Messpunkt für Gebäudebewegungen an der Pipinstraße

Messpunkt für Gebäudebewegungen an der Pipinstraße


Ich war noch niemals … im Kölner Stadtarchiv (akt.)

März 6, 2009

Nun ist es wech, im U-Bahn-Loch, das alte Kölner Stadtarchiv in der Südstadt. Die Katastrophe vom 3. März 2009 erschüttert viele Menschen. Plötzlich reden alle über dieses unser Stadtarchiv. Aber wer war denn wirklich schon einmal dort? Ich nicht.

Das eingestürzte Stadtarchiv am 3.3.09 (Foto WDR)

Das eingestürzte Stadtarchiv am 3.3.09 (Foto WDR)

Blogger Tiberius beschreibt sehr plastisch, wie er von den MitarbeiterInnen des Kölner Stadtarchivs als interessierter Besucher  willkommen geheissen und bezüglich seiner historischen Interessen unterstützt wurde.

Ich bin nie im Stadtarchiv gewesen. Trotzdem ist mir der immense kulturelle Schaden des Zusammenbruchs – das Wort „Einsturz“ wirkt mir zu banal / da ist wirklich ein „Bruch“ geschehen – des Kölner Stadtarchivs augenblicklich bewusst. Und ich erlebe, wie viele andere, Bestürzung über dieses Unglück. Ein Freund nennt es pointiert „Den Einsturz der Kölner Geschichte„.

Seit 11 Jahren wohne ich in Köln. Die Stadthistorie ist mir in Grundzügen bekannt. Ein paar Bücher dazu stehen im Regal. Einige Male hatte ich mir auch aus der Stadtbibliothek Bücher zur Geschichte der Stadt Köln ausgeliehen, weil mich diese Geschichte einfach interessiert. Besonders interessierte mich die Geschichte und Entwicklung meines „Veedels“, meines Stadtviertels. Dazu fand sich in den Büchern, die ich entdeckte, zu wenig, um meinen Wissensdurst zu stillen.

Jetzt wird mir bewusst: Da gibt es doch das Stadtarchiv! Da hätte ich mehr erfahren können! Aber: Was passiert eigentlich in einem Stadtarchiv?  Für wen ist es da? Ist es wirklich für jeden Bürger offen, oder nur für Fachpersonen wie Historiker, Journalisten, Autoren, Studenten…? Ich bin nie auf die Idee gekommen, das Stadtarchiv zu besuchen. Es war einfach nicht in meinem Blickfeld. Jetzt, wo es weg ist, sehe ich es.

Stadtarchive gibt es in jeder Stadt. Vielleicht wird es nun vielen Menschen im Land bewusst, dass ihre Stadt auch eines hat und das es lohnen könnte, einmal zum Stadtarchiv zu gehen.

Viele spekulieren in diesen Tagen darüber, wie es zu dem Unglück in der Kölner Südstadt kommen konnte, wo das menschliche Versagen liegt, bei wem die Verantwortung zu suchen ist und was an Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung des Unglücks unterlassen wurde. Die Aufklärung all dessen ist wichtig, aber diesen Job hat nun die Staatsanwaltschaft übernommen und dort gehört er auch hin.

Hauseigentümer, die in den zurückliegenden Jahren durch den U-Bahn-Bau teils massive Schäden an ihren Häusern erlitten haben und deren Entschädigung und Mängelbeseitigung durch KVB und Stadtverwaltung nachdem was mir zu Ohren gekommen ist, unzureichend, unwillig und hinhaltend erfolgte, bekommen nun im Sog des Zusammenbruchs des Stadtarchives endlich eine Lobby, ihre Ansprüche auf angemessene und ausreichende Entschädigungen und Hilfen zur Restauration der entstandenen Schäden besser durchsetzen zu können.

Aber auch die Historiker und MitarbeiterInnen des Stadtarchivs werden eine breite neue Wertschätzung ihrer Arbeit gegenüber erfahren.

Auch wenn es jetzt untergegangen  ist, so ist das Stadtarchiv gleichzeitig im Bewusstsein der Kölner Bürger auferstanden.

Nachtrag 6.3.09:

Auch bei der im Bau befindliche neue  U-Bahn-Strecke in Amsterdam, ebenfalls eine neue Nord-Süd-Verbindung, kam es im Juni und auch im September 2008 durch Erdbewegungen und Wassereinbrüche zu gravierenden Schäden an historischen Gebäuden und Einstürze ganzer Häuser. In vielen Städten entstanden und entstehen weltweit neue U-Bahnen und wie es bei technischen Großprojekten nun einmal ist, kommen trotz Einsatz modernster Technik und Sicherheitsstandards immer wieder Unglücke und Rückschläge vor. Dass  ein U-Bahn-Bau nie ohne Risiken ist, weiss man vorher, wenn man die Entscheidung für ein derartiges Bauvorhaben trifft.

Kabarettisten Jürgen Becker und Didi Jünemann plaudern in ihrer freitäglichen WDR-Frühstückspause gewohnt frech über das Ereignis, wie Köln „1000 Jahre Stadtgeschichte zu Pappmasche gepresst“ hat. (noch bis zum 13.3. auf wdr2.de gepodcasted anzuhören.)

Der WDR hat eine ständig um neue audio- und Video-Beiträge ergänzte Berichte-Übersicht ins Netz gestellt.

Nachtrag 7.3.:

Der Kölner Stadtanzeiger (KSta) berichtet: Es waren Bauarbeiter, die geistesgegenwärtig die Räumung des Stadtarchivs vor dem Einsturz veranlassten. „Fünf meiner Mitarbeiter waren unten. Sie merkten plötzlich, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte“, sagte des Geschäftsführer des beauftragten Bauunternehmens. Die Arbeiter hatten die Bodenbewegungen und eindringendes Wasser festgestellt.

Hier mein neuer Blogbeitrag zum Kölner Stadtarchiv: „Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches…

Nachtrag 10.3.:

Im Kölner Stadtanzeiger berichten erstmals die Bauarbeiter von den Minuten des Einsturzes: „…als sie plötzlich nasse Füße bekommen. Schlamm, Kies und jede Menge Wasser schießen durch eine Betonschlitzwand in die gigantische Grube. „Der Druck war ungeheuer groß“, berichtet Lutz G. Die Männer wissen nicht genau, was das zu bedeuten hat, aber sie ahnen, dass gleich etwas Schlimmes geschehen wird. „Es war jedenfalls sofort klar, dass irgendetwas nicht stimmt“, erinnert sich G. „Raus! Raus hier! Alle raus! …“