Das P von Proud – Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

März 7, 2009

Im Poz and Proud – Blog in den Niederlanden läuft eine Serie „de P van Proud“, in der schwule Männer über ihre Gedanken und Erfahrungen mit HIV schreiben. Und wie sie Würde, Selbstbewusstsein und Stolz als schwule Männer mit HIV leben, denn ihr Motto ist zurecht: Ein Leben mit HIV ist kein Grund für Scham und Schuld („living positive isn’t a shame“).

Maartens Beitrag habe ich hier übersetzt. Heute folgt nun mein eigener Beitrag für diese Serie.

on top of my life

Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

Ich bin 1959 geboren und lebe seit 1990 mit dem Wissen um meine HIV-Infektion.

Damals, 1990, gab es keine Medikamente, HIV im Körper zu bändigen. Man hätte verzweifeln können. HIV hatte etwas dämonisches, war auch wegen der sozialen Ausgrenzung das Furchtbarste, was einem passieren konnte.

Aber schon früher, seit Anfang der 80er Jahre, hatte HIV begonnen, mein Leben einzuschränken, mir die Lust auf schwul-sein, die Lust auf Sex verdorben. Die Welt erschien mir wie eine gefährliche unheimliche Geisterbahn. Sexualität war in meinem Elternhaus tabuisiert. Sexuell zu sein war etwas, das man nicht zeigte und worüber man nicht sprach. Noch schlimmer: christliche Moral diffamierte Freiheit und Lust.

Für mich persönlich kein förderliches Klima, um Lust an der Lust und Sicherheit in der Freiheit zu lernen. Mein self-made Weg in die Freiheit ging nur in kleinen Schritten voran. HIV war schneller.

Auf der Geisterbahn des Lebens zählte HIV für mich zu den bedrohlichen Mächten. Meine HIV-Diagnose erlebte ich als Drachenkampf und Erwachen. Sie war wie ein Erdbeben, das eine Großstadt in Schutt legt: alles kaputt, kein Haus mehr heil, nur noch Schutt, keine Straßen gab es mehr – nur noch ein großes Trümmerfeld. Und mittendrin „Ich“.

Drachenkampf

Ich registrierte, dass ich überlebt hatte, dass ich in dieser Katastrophe am Leben war. Den Schock dieser Situation habe ich damals nicht wahrgenommen. Ich begann einfach das naheliegende zu tun: Wer ist noch da? Wo bin ich hier? Wie kann es jetzt weitergehen? Was kann ich jetzt tun?

Und da begann mein eigener Geist ganz befreit die Regie zu übernehmen. Das war seine Stunde, war meine Stunde: Er flüsterte mir behutsam und kraftvoll zu: Solange du lebst, geht es weiter auf Deiner Fahrt! Du schaffst es! Du findest Kumpel, Weggefährten und Freunde! Dein Ziel ist es, immer weiterzugehen! Es gibt keinen Grund, vor dem Leben Angst zu haben. Sag dies weiter! Sei unerschrocken, sei wachsam! Du schaffst es!

Ja, und ich habe es geschafft! Ich habe diese 19 Jahre geschafft, in denen HIV mir und anderen im Nacken saß, in der HIV einen nach dem anderen aus unserer Herde mutiger Mustangs abgeschossen hat. Wie ich dies überlebt habe, bis HIV seine Macht verlor, warum und wie ich dies überlebt habe, – ich weiss es nicht. Glück und Geschick vielleicht?

Ich habe sehr vieles von dem erlebt, was das Leben zu bieten hat: Angst, Schrecken, Krankheit, den Tod von Freunden, den Tod von meinem besten Freund René. HIV hatte nicht die Macht, unseren Zusammenhalt und Mut, unsere Solidarität und Kameradschaft zu brechen. Wir waren stärker und wir wissen das heute. Das ist mein Stolz im Leben mit HIV, mein „P von PROUD“.

Wer das eigene Denken aufgibt, mit dem ist es aus. Wer sich nicht traut, mit dem ist es aus. Wer die Kraft in sich nicht erweckt, mit dem ist es aus.

Es gibt viele in dieser Welt, die an Deine Tür klopfen und Dir verkaufen wollen, „was HIV ist“. Schick sie alle weg!! HIV ist das, was DU daraus machst! HIV bekommt DIE Bedeutung die Du diesem Virus und dieser Krankheit gibst.

Und es geht nicht darum, welche Bedeutung Du HIV gibst, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem LEBEN gibst.

Es ist DEINE Macht, dies selber herauszufinden. Dich soll nicht interessieren, was andere denken und was andere sagen. Nur Du kannst den Weg zu Deiner Stärke finden. Wer Dich darin unterstützt, ist ein weiser und würdiger Freund, wer Dir etwas einreden will, so gut es auch gemeint ist, der betrügt Dich.

Das Leben ist eben keine Fahrt in der Geisterbahn. Das Leben ist schön und Dein Leben ist nicht vorbei, auch und gerade mit einer HIV-Diagnose nicht. Im Gegenteil: Dein Leben hat sehr viel Geduld, mehr als Du selber – und es wartet auf Dich! Freu Dich! Du bist stark und schwuler Sex ist schön!

(Die Erstveröffentlichung in niederländischer Sprache findet sich hier.)


POZ and Proud: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME

November 13, 2008

Schwule Männer mit HIV in den Niederlanden haben im April 2006 eine Selbsthilfe-Kampagne gestartet, um die Lebensqualität von schwulen HIV-Positiven in der Szene zu verbessern, um Mut zu machen, offen mit HIV umzugehen.

Der Name „POZ and Proud“ ist Programm. HIV-positiv und dabei selbstbewusst offensiv zu sein, sich nicht zu verstecken, über HIV reden, wenn es angebracht ist. Auf den T-Shirts der Mitglieder und Freunde von POZ&Proud steht folglich auch: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME – Positiv leben ist keine Schande.

Die Männer von POZ&Proud haben Standpunkte erarbeitet, die ich später einmal ins Deutsche übersetzen will.

POZ&Proud betreibt seit kurzem einen eigenen Blog (natuurlijk op nederlands). In diesem Blog läuft eine Serie, in der einige Männer von POZ&Proud schreiben, was ihnen zu dem „P“ von „Proud“ einfällt. Mein Freund Maarten hat auch etwas dazu geschrieben. Seinen Blog habe ich hier übersetzt:

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Das P von Proud

Wir haben HIV und sind stolz. Wir können prima für uns selber sorgen. Und das tun wir dann auch. Aber wenn du gerade erfahren hast, dass du HIV hast, ist Stolz wohl das letzte, an was du denkst.

Aber, wenn du schon einiges erlebt hast, kannst du Kraft finden in dem Weg, den du zurückgelegt hast. Maarten erklärt warum:

Es begann im Dezember 2004. So müde wie ein Hund, Fieber und viele andere Leiden. Der Arzt dachte an Pfeiffersches Drüsenfieber, aber ließ doch einen HIV-Test machen, denn der letzte war schon wieder ein Jahr her. Und ja, es gab Ausrutscher.

Meine erste Reaktion auf die Diagnose ist nicht viel anders gewesen als die von jedem anderen: Was für Krankheiten stehen mir bevor? Werden die Pillen gut wirken? Wann muss ich sterben? Abende hab ich im Internet gesurft, aber davon kam ich nur immer schlechter drauf. Kein Arzt gibt dir eine Lebensgarantie und andere schrieben dort nur über ihre Probleme. Da hab ich lieber mit Freunden telefoniert, die auch HIV hatten; das half. Verrückt eigentlich, dass ich HIV bis dahin so verdrängt hatte, obwohl ich es bei vielen um mich herum miterlebt hatte.

Die akute HIV-Infektion bei mir ging vorbei und ich war wieder voller Zuversicht, dass es wohl noch was dauern sollte, bis mir HIV wirklich Probleme machen würde. Ja denkste, denn während die CD4’s wie verrückt kletterten, kriegte ich eine Gürtelrose und schluckte schon Anfang 2006 meine ersten HIV-Pillen.

Im Dezember 2005 konnte ich nicht wirklich stolz sein mit HIV. Ich war schon stolz wenn ich nicht schon um 9 Uhr abends im Bett lag. Der Stolz kam dann aber mit der Energie, die ich im Februar 2006 wieder hatte. Ich konnte wieder alles und machte auch wieder alles. Inzwischen wusste beinahe jeder in meiner Umgebung, dass ich HIV habe. Da kriegte ich unterschiedliche Reaktionen, von: „Ja du mit deinem Partyleben, das musste ja dabei raus kommen“ bis „Alle Achtung, wie du damit umgehst, du scheinst da wirklich kein Problem mit zu haben.“ Alles sind gute Reaktionen, wenn ich immer bedenke, von wem diese Antworten kommen. Ich habe kaum wirklich schlechte Reaktionen erlebt. Mit HIV auf eine gute Art offen umzugehen, so dass man Verständnis erhält, aber kein Mitleid, das ist ein Teil von meinem Stolz.

Manchmal muss man sich schützen mit Arroganz, natürlich nicht direkt gegenüber Menschen, aber zum Beispiel im folgenden Fall…

„Willkommen in den Vereinigten Staaten“ steht auf dem grünen Einreiseformular, dass man ausfüllen muss um in die USA einzureisen. Echt willkommen fühl ich mich da aber nicht mehr. Denn da muss ich immer lügen bei der ersten Frage auf der Rückseite. Ich hab das so schon zehn Mal gemacht. Dann denk ich immer: Aber wenn sie meine Pillen finden, und sie wollen MICH nicht mehr, dann will auch ich SIE nicht mehr. Basta!

Das ist auch mein Stolz. Ich will nicht anders behandelt werden wie jeder.

Zum Schluss: Um Dinge, die man nicht verändern kann, soll man nicht trauern. Dreh’s einfach um. Ein Regenschauer ist nicht schön, aber gut für die Pflanzen im Garten, und so ist er dann auch gut für dich. Das macht etwas deutlich, wie ich, genau wie mit vielen anderen Dingen im Leben, auch mit HIV umgehen will.

Was bedeutet „poz and proud“zu sein für dich? Schick deine story von maximal 600 Wörter an pozandproud@hivnet.org und wir stellen sie im Blog [von POZ&Proud] ein.

Danke an Maarten für das OK, Text und Foto in meinem Blog hier zu posten. Wer Interesse hat, auch seine Gedanken zum „P von Proud“ mitzuteilen, kann dies natürlich gerne an die Freunde von POZ&Proud schicken. Vielleicht werden sie es übersetzen und in ihrem Blog posten. Parallel biete ich an, eure Storys hier in meinem Blog einzustellen. Schreibt dazu an termabox@web.de Kommentare bleiben auf diese Weise besser auf den jeweiligen Text bezogen und so vermeiden wir ein Durcheinander.

Mir persönlich imponiert die Idee der POZ&Proud-Kampagne sehr! Denn es scheint eine Tendenz zu geben, HIV unsichtbar werden zu lassen, gerade in der schwulen Szene wieder versteckter mit HIV zu leben, vielleicht auch um bei der Arbeit keine Probleme zu bekommen.

Sich zu verstecken, ob als schwuler Mann oder Mann mit HIV, kratzt immer am Selbstwertgefühl.

Stolz meint immer: sich zu zeigen.

In den Anfängen der Schwulenbewegung gab es den „gay pride“, wo das gesellschaftlich ins Abseits gedrängte, als minderwertig abgewertete „schwul-sein“ sich von Scham, Schuldkomplexen und Zuschreibungen der anderen emanzipierte und in die Öffentlichkeit drängte. „POZ&Proud“ knüpft für mich an diesen alten Emanzipationsgeist an. Das begeistert mich so an POZ&Proud und da bin ich gerne mit dabei!

Mit HIV zu leben, ist keine Schande, wegen der man sich verstecken muss. In Köln sieht man mich auch manchmal mit dem blauen T-Shirt von POZ&Proud oder den weiss-orangenen von POSITHIVHANDELN herumlaufen. Ich werde wohl nun auch selber meine story zu dem „P“ vom Proud schreiben müssen,… maar dan op nederlands natuurlijk!


Vom „Obama Pride“ zum „Merkel / Steinmeier Pride“ – Can we, Germany?

November 10, 2008

Auf der homepage von Barack Obama, dem neuen Präsidenten der USA, findet sich unter der Rubrik „people“ auch eine Seite LGBT (Lesbians, Gays, Bisexual, Transgender). Wiederholt hatte sich Barack Obama öffentlich für gleiche Rechte für LGBT, für same-sex-mariages und gegen Diskriminierungen ausgesprochen.

Auf der homepage von Präsident Obama steht aktuell:

“While we have come a long way since the Stonewall riots in 1969, we still have a lot of work to do. Too often, the issue of LGBT rights is exploited by those seeking to divide us. But at its core, this issue is about who we are as Americans. It’s about whether this nation is going to live up to its founding promise of equality by treating all its citizens with dignity and respect.”

— Senator Barack Obama

Ebenfalls zu lesen sind die Vorstellungen und Pläne über ein Engagement zu HIV/AIDS unter seiner Präsidentschaft in den USA und weltweit. Aus seiner Rede zum Welt-AIDS-Tag 2006 wird zitiert:

„We are all sick because of AIDS. And we are all tested by this crisis. It is a test not only on our willingness to respond, but on our ability to look past our artificial divisions and debates that has often shaped that response. When you go to places like Africa and you see this problem up close, you realize that it’s not an issue of either treatment or prevention – or even what kind of prevention – it’s all of the above. It is not an issue of either science or values – it is both. Yes, there must be more money spend on this desease. But there must be also a change in hearts and minds, in cultures and attitudes. Neither philantropist nor scientist, neither government nor church, can solve this problem on their own – AIDS must be an all-hands-on-deck effort.“

Voraussichtlich am 27. September 2009 finden in Deutschland die Bundestagswahlen statt. Ich bin gespannt, ob dann auf den homepages der deutschen Kanzlerkandidaten Angela Merkel und Franz Walter Steinmeier Statements zu den Themenfeldern HIV/AIDS und LGBT zu lesen sein werden. Ich möchte gerne VOR der Wahl sehen und lesen, zu welcher Politik sich die beiden Kanzlerkandidaten jeweils – auch JETZT schon – überzeugend bekennen. Ihre jetzigen Internetauftritte wirken – noch? – langweilig und unkonkret.

Werden wir als Lesben und Schwule zur Bundestagswahl 2009 von deutschen Kanzlerkandidaten auch so überzeugende Statements hören wie von Barack Obama: „…i don’t want gays and lesbians to be discriminated,… because they are our brothers and our sisters…!“

DIE ZEIT DAFÜR IST MEHR ALS REIF


HIV-Prävention in der Schwulensauna

September 21, 2008

„Therapie statt Safer-Sex – Wie verändert der medizinische Fortschritt die HIV-Prävention und das Safer-Sex-Verhalten?“, darum ging es beim Talk zum Welt-AIDS-Tag in Wuppertals Männersauna Theo’s Sauna Club am 1. Dezember 2007.

Seit vielen Jahren zählt der Talk in Theo’s Sauna zu den traditionellen Veranstaltungen am Welt-AIDS-Tag in Wuppertal. Meist sehr lebhaft diskutiere ich mit den Saunagästen zwischen Tresen und Kaminfeuer über aktuelle Themen rund um HIV und schwule Gesundheit und informiere über den aktuellen Wissensstand. Danke an Saunabetreiber Theo und Klaus für ihren Beitrag, mit unserem alljährlichen Sauna-Talk das Thema HIV im Bewußtsein aller wach zu halten!

Dieses Jahr stelle ich in meinem kleinen Einführungsvortrag die Einflüsse der medizinischen Entwicklung auf das Safer-Sex-Denken in den Vordergrund:

Durch die immer weiter sich verbessernde Behandelbarkeit wird HIV und AIDS von vielen nicht mehr als so bedrohlich erlebt. Die Erfahrungen des zahlreichen Sterbens vieler Freunde an AIDS in den 80er und 90er Jahren ist in den Lebensgeschichten vieler älterer schwuler Männer tief eingebrannt. Safer Sex, also sich zu schützen und Kondome zu benutzen, ist für diese Generation eine Selbstverständlichkeit. Dass AIDS heute von der jüngeren Generation, in der Zeit der dauerhaft wirkenden HIV-Medikamente, als weniger bedrohlich erlebt wird, löst oft Unverständnis und Kopfschütteln aus, dass die alte Selbstverständlichkeit heute nicht mehr zu gelten scheint, auch Zorn.

Tatsache ist, dass viele junge, aber durchaus auch ältere Schwule sehr spitzfindig darin sind, Wege zu überlegen, sich vor HIV schützen aber doch auf das ungeliebte Kondom verzichten zu wollen. Die neuen Behandlungsmöglichkeiten werde da natürlich mit in die Strategien eingebaut.

Da wird nun also spekuliert, dass ein Positiver nicht mehr HIV übertragen könne, wenn er die Medikamente einnimmt und dadurch weniger HIV (nicht-nachweisbare Viruslast) in Blut und Sperma hat. Oder dass die Post-Exposition-Prophylaxe (PEP), die Einnahme der HIV-Medikamente für 1 Monat nach einem ungeschützten Sex doch eine HIV-Ansteckung noch verhindern könne. Oder dass die gezielte Einnahme der HIV-Medikamente VOR einem bewußt gewollten Sex ohne Kondom ein Schutz vor HIV sein könne.

Was ist da dran? Stimmt das alles und welche Risiken bleiben, HIV zu bekommen? Stoff genug für einen heissen Diskussionsabend.

Unterm Strich, so meine Bewertung, sind diese Überlegungen nicht geeignet, auf ein Kondom zu verzichten um wirkungsvoll und sicher eine HIV-Infektion zu vermeiden. Als HIV-Negativer Medikamente statt eines Kondoms zu nehmen, ist arg gewagt, teuer und sollte nicht die „erste Wahl“ für den eigenen Schutz sein.

Spannend bleibt aber die große Frage, wie infektiös ein HIV-Positiver, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, tatsächlich ist. Dieses Thema wird garantiert in den nächsten Monaten und Jahren heiss diskutiert und weiter erforscht werden. Denn Fakt ist schon heute, dass eine niedrige oder nicht mehr nachweisbare Viruslast die Infektiosität des HIV-Positiven sehr stark senkt. Das ist eine sehr gute Nachricht gerade für Partnerschaften, in denen ein Partner HIV-negativ, der andere HIV-positiv ist. Denn gerade hier ist Sexualität meistens sehr belastet durch die Angst und Sorge vor einer Übertragung von HIV.

Mir ist es wichtig, dass diese offene Frage: Wie groß ist die Übertragbarkeit / das Ansteckungsrisiko bei einem mit HIV-Medikamenten behandelten Menschen? offensiv diskutiert wird. Nur so kann ich als Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Fehlinterpretationen vorbeugen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 3.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


„Als der Arzt sagte: „… positiv!“ – da hörte bei mir das Denken auf…“

September 21, 2008

Zu mir in die Beratung kommen zwei junge Männer, einer 19 Jahre alt, wie ich später erfahre, den anderen schätze ich 7-10 Jahre älter. Sie sind ein Paar und das wird auch deutlich: sie setzen sich nebeneinander, aber da ist auch genug Luft und gegenseitige Achtung der Autonomie zwischen beiden. Sie sind Max und Lars. Über das „Du“ brauchen wir uns nicht zu verständigen, das liegt schon in der Luft.

Ich frage sie, was ich für sie tun kann. Max antwortet sofort. Vor wenigen Tagen hat er sein HIV-positives Testergebnis bekommen. Und da gibt’s jetzt viele Fragen, trotz surfen und sich fit machen im Internet. Es sei Zeit gewesen, sich jetzt Beratung in einer AIDS-Hilfe zu holen. Mir ist als Berater sofort klar: da brauchen wir etwas länger Zeit zum reden. Für die beiden hole ich erst Kaffee und für mich eine Tasse Tee. So sind wir gut versorgt und können loslegen.

Ich lade ein, doch noch einmal ganz von vorne zu erzählen, lasse mir vieles berichten, höre viel zu und frage auch nach. Die Mitteilung einer HIV-Diagnose ist immer eine Zäsur im Leben. Es gibt dann ein „davor“ und ein „danach“. Ob man gleich von Anfang an auf unterstützende Menschen, oder ob man auf abweisende Menschen trifft, hat in meinen Augen einen hohen Stellenwert dafür, wie es gelingt, mit HIV leben zu lernen.

Und dies ist jetzt die Geschichte von Max und Lars:

Bei einem eher normalen Besuch bei seinem Hausarzt, wo ein Blutbild gemacht werden soll, ergreift Max gegenüber dem Arzt die Initiative: „Und einen HIV-Test machen wir dann auch gleich mal…“ Befürchtungen, HIV-positiv zu sein, hat er eigentlich nicht. Den Test macht er „einfach so… Man hört ja so viel und da wollte ich auch Bescheid wissen.“ Es ist sein erster HIV-Test.

Einfach immer Kondome benutzen, damit war HIV/AIDS in beider Vergangenheit abgehakt und kein weiteres Thema. Vor ihrer Beziehung haben beide immer Safer Sex beachtet. Lars und Max sind jetzt seit über einem Jahr ein Paar. Als sie zusammenkamen, haben sie zuerst Sex mit Kondom immer selbstverständlich. Dann haben sie sich darüber unterhalten, ob es denn wirklich nötig sei, beim gemeinsamen Sex Kondome zu benutzen. Als sie sich gegenseitig berichteten, dass Safer Sex für sie beide immer der Standard war und sie sich an konkrete Situationen mit Ansteckungspotenzial nicht erinnern könnten, war das Thema durch und die Kondome blieben in der Schublade. „Sex ohne Gummi ist einfach schöner.“

Als Max wieder zum Arzt in die Sprechstunde kommt, gehen beide ins Behandlungszimmer. Max sieht den farbigen Vermerk „HIV-positiv“ in seiner Patientenakte noch bevor der Arzt etwas sagen konnte. Die spontane Reaktion von Max: „…Na toll !…“ Seinen Arzt erlebt er als zugewand und freundlich. Es stellt sich heraus, dass Max nicht der erste HIV-Patient, sondern schon der Dritte in dieser Arztpraxis ist, dem ein positiver Test positiv mitgeteilt wird.

Aber eigentlich kann sich Max nicht wirklich an vieles erinnern, was der Arzt dann zu ihm sagte. Nach dem „…positiv…“ setzte sein Denken und seine Wahrnehmung aus. Max ist wie betäubt. Was der Arzt sagte, „das ging bei mir zu einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.“ Sein erster klarer Gedanke ist sofort: „Und was ist jetzt mit Lars?“

Er verläßt die Arztpraxis mit einem neuen Termin. Die folgende Stunde ist Max fix und fertig, da ist nur Krise. Dann fängt er sich wieder. „Kopf in den Sand stecken is nich… irgendwie muss es ja weitergehen.“ Er ruft seinen Freund an, der kann sich eine Pause auf der Arbeit nehmen und die beiden treffen sich und reden miteinander. Bei Max fliessen jetzt Tränen. Dass Lars da ist, tut ihm gut. Lars ist auch überrascht von der neuen Situation. Er rechnet fest damit, jetzt auch HIV-positiv zu sein.

Ganz schnell bekommt Lars einen Termin bei dem gleichen Arzt und macht auch einen HIV-Test. Einen Tag später ist das Ergebnis schon da: „HIV-negativ“. Lars ist ganz verwundert, denkt: Das kann doch gar nicht sein. Aber es stimmt.

Die nächsten Tage verbringen sie damit, sich Infos ranzuholen, surfen im Internet, lesen viel, aber da bleiben auch Fragen offen. Die Frage von „Schuld“ stellt sich für beide nicht, fremd gegangen war keiner. Die größte Sorge von Lars ist: „Was kommt jetzt auf uns zu, wenn Max die HIV-Medikamente nehmen muss?“ Die oft auftretenden Nebenwirkungen machen Angst. Sie beschliessen, zur AIDS-Hilfe Wuppertal zu gehen.

Und da sind sie nun, vor mir. Viele Infos und Erläuterungen, die ich geben kann, erleben sie als hilfreich: Wie verläuft die HIV-Infektion, welche Stadien gibt es, wie funktioniert die HIV-Therapie. Crash-Kurs in Sachen AIDS. Ich erkläre, dass bei Max jetzt erst Blutuntersuchungen laufen werden, um zu schauen, in welchem Zustand sein Immunsystem ist. Da er keine akuten Symptome hat, ist eher zu erwarten, dass er noch keine HIV-Medikamenten braucht. Das erleichtert beide sehr.

Meine Frage an Max, wo er denn meint, sich angesteckt zu haben, ist für ihn unbedeutend. „An der HIV-Diagnose ändert das ja eh nichts mehr.“ An Risikosituationen kann er sich konkret nicht erinnern. Es ist gut möglich, dass Max schon HIV-positiv war, bevor er Lars kennenlernte. Dann wäre die akute HIV-Infektion, also die Phase, in der die Virusvermehrung im Körper sehr aktiv ist und damit auch das Übertragungsrisiko auf andere extrem hoch ist, schon vorbei gewesen. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Lars HIV-negativ geblieben ist.

Mir ist es wichtig, den beiden Wege und Orte aufzuzeigen, wo sie Hilfe und Unterstützung finden können. Zum Beispiel auf den bundesweiten Positiventreffen, die von www.positiv-ev.de veranstaltet werden. Landesweite Positiventreffen in NRW gibt es auch. Infos dazu gibt’s bei www.posithivhandeln.de , der landesweiten Kampagne zur Unterstützung der Positiven-Selbsthilfe der AIDS-Hilfe NRW. (www.nrw.aidshilfe.de)

Auch für Lars als Partner gibt es Unterstützung im Netzwerk der Angehörigen von Menschen mit HIV und AIDS www.angehoerige.aidshilfe.de. Im Tagungshaus Waldschlösschen bei Göttingen (www.waldschloesschen.org) werden in Kooperation mit der Deutschen AIDS-Hilfe auch Treffen für Paare veranstaltet, wo ein Partner HIV-positiv und der andere HIV-negativ ist. Da könnten sie beide zusammen teilnehmen. Im medizinischen Fachjargon nennt sich ihre Situation „diskordantes Paar“. Die Amerikaner haben dafür einen für mich viel sympathischeren Ausdruck: Sie sprechen von einem „magnetic couple“, einem „magnetischen Paar“. Ein Magnet hat ja zwei Pole, einen Plus-Pol und einen Minus-Pol. Und zwei Pole gehören einfach zusammen. So begegnen mir auch Max und Lars: Sie halten zusammen wie ein Magnet, HIV wird ihre Beziehung nicht sprengen und ihr Liebe füreinander ist stark.

Ich lade Max und Lars ein, mit mir in Kontakt zu bleiben. Mich interessiert, wie es bei ihnen weitergeht. Gerne lassen sie mir ihre Anschrift und Emailadresse da, um den monatlichen Rundbrief für Menschen mit HIV, den wir von der AIDS-Hilfe mit Berichten, Veranstaltungshinweisen und sozialrechtlichen Informationen an HIV-Positive verschicken, zu bekommen.

Die beiden sind wieder weg. Ich nehme mir eine ganze Stunde Zeit, über unsere Begegnung noch einmal in Ruhe nachzudenken und unser Gespräch nachwirken zu lassen. Die beiden sind mir sympathisch und ich habe viel Zutrauen, dass sie es schaffen, mit dem HIV bei Max klarzukommen. Aber trotz aller guten positiven Einstellung wird es da wohl auch bei Max stimmungsmäßig rauf und runter gehen, denke ich mir. Und bei Lars wohl auch. So einfach steckt man eine HIV-Diagnose nicht weg, das braucht einfach mehr Zeit, auch wenn das Leben erst mal weitergehen muss.

Übrigens habe ich beide gefragt, ob ich diese story hier im Blog veröffentlichen darf und sie haben zugestimmt.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 02.10.2007  im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.