GIPA – Greater Involvement of People living with or affected by HIV/AIDS

November 9, 2008

„GIPA“ ist ein von UNAIDS anerkanntes Grundprinzip der Beteiligung von Menschen mit HIV und AIDS an der gesellschaftlichen und politischen Reaktion auf HIV. GIPA als Begriff ist in Deutschland wenig bekannt. Daher stelle ich GIPA in diesem Blog vor und habe dafür den Eingangstext zu GIPA bei UNAIDS ins deutsche übersetzt:

Menschen, die mit einer HIV-Infektion leben können sich untereinander in ihren Lebenssituationen besser verstehen als andere und sind oft am besten geeignet, andere zu beraten und ihre Anliegen in Entscheidungsgremien und Strategieplanungen einzubringen.

Die Idee, dass die persönlichen Erfahrungen von Menschen mit HIV genutzt werden sollen und genutzt werden können, um eine Antwort auf die HIV-Epidemie zu gestalten, wurde zum ersten Mal 1983 bei einer nationalen AIDS-Konferenz in den USA geäussert. Als Prinzip wurde dieser Ansatz auf dem Paris AIDS Summit 1994 formal angenommen, als 42 Länder „Greater Involvement of People Living with HIV and AIDS (GIPA)“ zum Kriterium erklärten für die Planung nationaler ethischer und effektiver Antworten auf die Epidemie.

Heute sind die GIPA-Prinzipien das Rückgrat vieler weltweiter Handlungsprogramme. Menschen, die mit HIV leben oder von HIV betroffen sind, werden bei einer Vielzahl von Aktivitäten auf allen Gebieten im Kampf gegen AIDS beteiligt. Beispielsweise erscheinen sie auf Postern mit ihren persönlichen Aussagen und Botschaften, sie unterstützen und beraten andere HIV-Positive, und sie sind an Entscheidungen und Strategieplanungen beteiligt.

Das Engagement von Menschen mit HIV ist besonders wichtig, wenn Länder ihre nationalen AIDS-Kampagnen weiterentwickeln um die Ziele des globalen Zugangs zu Prävention, Behandlung, Versorgungs- und Beratungsdiensten zu erreichen.

UNAIDS GIPA Policy Position

Keine einzelne Agentur kann das ganze Spektrum der Anliegen von Menschen mit HIV abdecken: Partnerschaften und Koperationen zwischen den Akteuren sind daher erforderlich. Um die aktive Beteiligung von Menschen mit HIV zu ermöglichen, fordert UNAIDS alle Akteure auf, sicherzustellen, daß Menschen mit HIV den Raum und die politische Unterstützung für eine umfassende und bedeutungsvolle Beteiligung erhalten.

Regierungen, internationale Agenturen und Zivilgesellschaften müssen

  • Minimalziele benennen, einführen und überwachen für die Beteiligung von Menschen mit HIV, einschliesslich Frauen, jungen Menschen und Minderheiten, in Entscheidungsgremien. Die Auswahlprozesse sollten umfassend, transparent und demokratisch sein.
  • Menschen mit HIV von Anfang an einbeziehen in die Entwicklung der Ausgabenprioritäten und in die Auswahl, Gestaltung, Einführung, Kontrolle und Auswertung von HIV-Programmen.

Eine ausführlichere Darstellung von GIPA gibt es bei UNAIDS in englischer, französischer und spanischer Version.

LHIVE, die Selbsthilfe-Organisation der Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz, nimmt in ihrer „LHIVE Charta“ bezug auf GIPA. Auch bei der Gestaltung der Präventionskampagne der DAH für Männer, die Sex mit MÄnnern haben, „Ich weiss was ich tu„, sehe ich GIPA angewendet.

Die GIPA-Prinzipien müssen in Deutschland stärker und besondes in der aktuellen Debatte um Infektiosität unter wirksamer Therapie, Entstigmatisierung, und Erwerbstätigkeit in Erinnerung gerufen werden.

Daher erneuere ich an dieser Stelle meine Forderung, das gesellschaftliche Bild von HIV zu korrigieren, insbesondere der noch weit verbreiteten Vorstellung, Menschen mit HIV seien „Todgeweihte“, entschieden mit Aufklärung entgegenzuwirken und HIV-Prävention dahin zu überprüfen und sicherzustellen, dass von Prävention keine Diskriminierung von Menschen mit HIV ausgeht.

Das verkrampfte reanimieren-wollen und Festhalten am Bild des „Schrecken vor AIDS“ , wie immer wieder noch aus den Reihen des Bundesgesundheitsministeriums zu hören, verstößt gegen die GIPA-Prinzipien, weil es der Diskriminierung und Stigmatisierung Vorschub leistet.

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Schweiz geht in die Offensive: Solidarität YES – Diskriminierung NO!

November 5, 2008

Am 3. November startete in der Schweiz eine Kampagne, die aktiv und offensiv Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen mit HIV und AIDS im eigenen Land abbauen will. Die Schweizer Kampagne „Gegen AIDS. Für die Betroffenen.“ übernimmt ein Kampagnenkonzept, dass schon in Frankreich überzeugte.

„Würden Sie mich noch sehen wollen, wenn ich HIV-positiv wäre?“ fragt Sandra Studer und blickt einem dabei direkt in die Augen. Mit solch persönlich gefärbten Fragen zeigen Schweizer Prominente (neben Sandra Studer auch Didier Cuche, Stephan Eicher, Marc Forster, Stephanie Glaser) ihre Solidarität mit den Betroffenen. Sie machen darauf aufmerksam, dass HIV-positive Menschen in der Schweiz nach wie vor mit grossen Vorurteilen zu kämpfen haben. Die Diskriminierung von Menschen, die mit HIV oder Aids leben, ist auch in der Schweiz immer noch an der Tagesordnung.

Heute ist die Diagnose „HIV-positiv“ dank grosser Fortschritte in der Medizin kein Todesurteil mehr. HIV/Aids ist zu einer chronischen und doch unheilbaren Krankheit geworden, die immer mehr Personen in der Schweiz betrifft. …“

Diese Botschaften sind ab sofort in der Schweiz als Plakate und in einem TV-Spot zu sehen.

Anders als in Deutschland, wo die Gesundheitsbehörden in zentralen Kampagnen sowohl bei „Gib AIDS keine Chance“ als auch in der Kampagne zum Welt-AIDS-Tag ihren Schwerpunkt auf die Primärprävention (Vermeidung von Neuinfektionen) legen, stehen nun nach Frankreich auch in der Schweiz die Verbesserung der gesellschaftlichen Lebensqualität für HIV-Positive im Mittelpunkt.

Eine breite öffentliche Kampagne, die ganz gezielt die Stigmatisierung von Menschen mit HIV und AIDS abbauen will, fehlt dagegen in Deutschland noch.

Auch die Arbeit der Schweizer AIDS-Hilfe in Beratung und Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS, in Integration und Aufklärung der Gesellschaft, wird hervorgehoben, ein erfreulich anderer Akzent als er in den Grußworten deutscher Gesundheits-/Politiker zum 25-jährigen Bestehen der DAH gesetzt wurde.

Die Aids-Hilfe Schweiz schreibt weiter:

„…[Die Kampagne] soll auch helfen, die dringend benötigten finanziellen Mittel für die vielfältigen Aufgaben der Aids-Hilfe Schweiz zu beschaffen. Die Spendengelder werden eingesetzt für die Unterstützung und Hilfe von Betroffenen, für die Prävention bei Jugendlichen und für vieles mehr. …“

Dass neben Frankreich nun auch die Schweiz neue Wege in Kampagnen zu HIV und AIDS geht, weckt Hoffnung, dass bald in Deutschland neben den AIDS-Hilfen verstärkt auch das Gesundheitsministerium und mit ihm die BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) in dieser Richtung kooperieren. Neue Horizonte eröffnet auch die zentrale Botschaft der Schweizer AIDS-Kommission vom Januar 2008, dass eine wirksame HIV-Therapie die Infektiosität unterdrückt, wie ich in meinem Blog „Neuer Optimismus im Leben mit HIV: Ich werde HIV überleben!“ bereits am 17.2.2008 geschrieben habe.

Seit vielen Jahren sagt ein Plakat der Deutschen AIDS-Hilfe:

„Solidarität ist ansteckend – Mit HIV-Positiven arbeiten nicht!“

Und das muss auch in der Breite der Gesellschaft ankommen!

Meines Wissens nach arbeitet die Organisation der Positivenselbsthilfe in der Schweiz LHIVE bislang mit einem sehr kleinen Budget. Daher wäre es aus meiner Sicht – auch im Sinne der Zielsetzung der Kampagne –  wünschenswert, wenn an den jetzt – hoffentlich – eingehenden Spendengelder auch LHIVE teilhat, um geplante Selbsthilfe-Projekte mit einem besseren finanziellen Budget ausstatten zu könnten. Idealismus und Zeit ist bei vielen Menschen mit HIV und AIDS vorhanden, wer aber von Rente und geringen anderen Transferleistungen lebt, kann neben diesen ideellen Ressourcen meist eben KEINE materielle Ressourcen einbringen. Nicht nur Aidshilfen, sondern auch gerade die Positivenselbsthilfe ist – in der Schweiz wie in jedem anderen Land – auf Spenden und/oder öffentliche Förderung angewiesen.