Glück mit HIV? – Ja! Mit „Positiver Psychologie“

Januar 15, 2010

Wie kann ein Leben mit einer HIV-Diagnose ein glückliches Leben werden? Ich will den Schatten und das Beängstigende dieser Krankheitsdiagnose nicht schön reden, aber im Leben mit HIV suche ich Wege, wie ich mit, trotz oder ganz einfach doch, Glück finden und mich glücklich erleben kann.

Die meisten Menschen reagieren auf eine HIV-Diagnose mit einer spontanen Angst. Man spürt unmittelbar:  Ein Teil der eigenen  Gesundheit ist unwiderbringlich verloren. Das ist die neue Realität, die zu akzeptieren natürlich schwer fällt. Ein Verlust löst Traurigkeit aus.  Und das Verlorene muss betrauert werden. Diese Trauerphase dauert je nach Person unterschiedlich lange. Eine Abkürzung gibt es nicht. Entscheidend ist, dass diese Trauerphase nicht chronisch wird.

An der HIV-Diagnose kann ich also nichts mehr ändern. Für Fatalismus besteht aber kein Anlass. Ich habe eine Wahl:

Ich kann mich entscheiden, meinem früheren Leben ohne HIV ewig  hinterherzutrauern und diese Gedanken in endlosen Schleifen zu wiederholen.  Dann wäre mein Bewusstsein beherrscht vom „Verlust“ des Zustandes HIV-negativ. HIV-positiv zu sein erlebe und bewerte ich aus dieser Perspektive als Defizit und Mangel. Hier lauert eine Falle, denn es gibt keine Heilung von HIV – und was geschehen ist, ist geschehen.

HIV-positiv und gleichzeitg auch glücklich sein kann ich dagegen, wenn ich mich auf andere Aspekte konzentriere, indem ich mein Bewusstsein darauf ausrichte, was mich stärkt, bereichert, und mein Leben lebenswert macht. Hier kommt das interessante Konzept der Positiven Psychologie zum tragen:

Die Positive Psychologie beschäftigt sich mit den Bereichen der positiven Emotionen, des positiven Charakters und positiver Strukturen. Positive Emotionen sind etwa Lebenszufriedenheit, Lebensfreude, Glück, Geborgenheit, Vertrauen, Selbstvertrauen, Optimismus, Freude, Hoffnung, Akzeptanz, Dank, Lust, Zuneigung um nur einige zu nennen.

Positiver Charakter bezeichnet Stärken und Tugenden, deren regelmäßige Ausübung positive Emotionen hervorbringen, wie: Anstand, Aufrichtigkeit, Ausgeglichenheit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Besonnenheit, Contenance, Echtheit, Empathie, Fairness, Integrität, Friedfertigkeit, Geduld, Gelassenheit, Großmut, Humor, Menschlichkeit, Mut, Nächstenliebe, Zivilcourage, Solidarität, Verzeihen, Selbstannahme, Selbsterkenntnis, Selbstliebe, Treue, Unbestechlichkeit, Wahrhaftigkeit, Weisheit, Wertschätzung und andere.

Um als psychologische Wissenschaft ernst genommen zu werden, sei es innerhalb der Positiven Psychologie wichtig, sich nicht als etwas darzustellen, was die negativen Aspekte des Lebens ausblende. Die Dialektik zwischen dem Positiven und dem Negativen sei eine der Grund-Realitäten des menschlichen Seins.

… verdeutlicht dies am Beispiel des „Optimismus“: Entfernt sich der Optimismus zu weit von der Realität und wird zu einem Überoptimismus mit übertriebener Sorglosigkeit, kann das schädliche Auswirkungen haben durch das Unterschätzen von Gefahren. Hilfreich kann ein so genannter „konstruktiver Pessimismus“ (Ursula Staudinger) sein der dem „Defensiven Pessimismus“ (Julie K. Norem/Massachusetts) entspricht. Dieser zieht Fehlschläge in Erwägung, um für den Notfall Vorsorge treffen zu können: „Wenn es schief geht, kann ich das und das noch machen.“ Die „dynamische Spannung zwischen Optimismus und Pessimismus, die einander fortwährend korrigieren sollten“ (nach Seligman) beschreiben ebenfalls diesen Schutz.

… Beispiel von (Suzan Vaughan/Columbia Universität): Mehr Freude am Leben erlebt derjenige, der sich die Illusion einer Insel bewahrt, auf die er zuschwimmen kann. Und wenn er am Ende doch untergeht, wird er das Bad im Meer der Illusionen um so mehr genossen haben.

In ähnlicher Weise äußerte sich der Psychotherapieforscher Klaus Grawe als ein Befürworter einer Psychologie, die sich mit dem ganzen Menschen beschäftigt. Die Hirnforschung zeige, dass Heilung nicht geschehe durch ausschließliche Beschäftigung nur mit Problemen, sondern indem möglichst viele neue positive und bedürfnisbefriedigende Erfahrungen gemacht werden.

Diese Erkenntnisse und Strategien in einen Zusammenhang mit HIV zu stellen, dazu wurde ich während der Betrachtung der 3Sat-Sendung „Scrobel: Wege zum Glück“ inspiriert. Interessant kann es sein, zu überprüfen, ob man selber mit „Glücksstrategien“ lebt.

Wer sich also in seinem Leben mit HIV an den Positiven Emotionen und Charaktereigenschaften  orientiert, der ist auf dem richtigen Weg, wie immer dieser dann auch aussehen mag.

Krankheit kann auch glücklich machen, so verrückt sich dies auch anhören mag:

Peter Herschbach von der Technischen Universität München hat bei der Auswertung von 30 Studien mit 11.000 Menschen herausgefunden, dass Krebkranke ihre Lebensqualität besser beurteilen als viele Gesunde. Das liegt unter anderem daran, dass die Krankheit sie wieder achtsam macht für die kleinen Glücksmomente des Alltags, während gesunde Menschen sich permanent mit denen vergleichen, denen es besser geht als ihnen.

HIV-Positive brauchen Positive Psychologie! Probiert es aus!


„Helen“ – Depression als Fiktion und Realität

November 18, 2009

In Köln fand gestern im Cinenova-Kino die Deutschlandkinopremiere des Films „Helen“ statt, der am 26.11. in den Kinos anlaufen wird. Regisseurin Sandra Nettelbeck ist mit Helen ein bemerkenswerter Film gelungen, der sich dadurch auszeichnet, nah an der Realität und ohne übertriebene Effekte die Entwicklung hin zu einer schweren Depression und auch den krisenvollen Weg hindurch miterleben zu lassen.

Dass die  Deutschlandpremiere von „Helen“ durch den Freitod von Fussballtorwart Robert Enke am 10.11. eine unerwartete Aktualität erfahren würde, hatte bei Terminsetzung niemand vorhergesehen.

Felix Frieler benennt in seiner Filmkritik etwas, das ich bestätigen kann:

„Helen ist ein Frauenporträt, das von seiner Hauptdarstellerin lebt. Es funktioniert stellenweise fast ausschließlich über ihre Mimik. Ashley Judd ist zwar in der Lage, die schwere Thematik zu stemmen und lotet mit ihrem körperlich intensiven Spiel den Grenzbereich zwischen Verzweiflung und Resignation aus. Der Film bleibt dabei aber auf Distanz zu seiner Protagonistin. Obwohl sich Helen gerade mit einem psychologischen Problem beschäftigt, bietet Sandra Nettelbeck keinen Blick ins Innere der Psyche ihrer Hauptfigur an, sondern bleibt bei der Außensicht und lässt damit Raum für Reflexion.“

Gerade diese Aussensicht trifft die Realität. Nachzuvollziehen und zu verstehen, was und wie ein Menschen in einer tiefen Depression erlebt, ist wohl auch außerhalb des Kinossals meist nicht möglich. Die Nahestehenden werden zu hilflosen Aussenstehenden und sehen nur die Unglücklichkeit ihres Gegenübers. Sandra Nettelbeck läßt im Film einen behandelnden Arzt zu Helens Ehemann zutreffend sagen: „Helen ist nicht unglücklich. Helen ist krank.“

Es lohnt, über diesen Unterschied nachzudenken. Für Aussenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie man ein ganz offensichtlich glückliches Leben führt – keine Krankheit, keine Beziehungsprobleme, keine beruflichen Störfelder – und eine Seele doch der Depression immer stärker und stärker anheimfällt. Glück schützt ganz offenbar nicht vor Depression, eine „Lebensversicherung“ gegen Depression gibt es nicht.

Und Depression läßt sich nicht einfach erklären. Menschen suchen aber nach Erklärungen, um selber als Partner, Angehörige und Freunde von an Depression leidenden Menschen zu verstehen, und darüber Handlungs-Orientierung zu finden.

Ohne diese Orientierung im Kontakt zu einem Depressiven zu bleiben und die Zuwendung aufrecht zu erhalten, schaffen viele nicht. Man sucht nach dem, was falsch gelaufen sein könnte, man sucht nach dem, was man dem anderen womöglich schuldig geblieben ist, man sucht nach eigenen Fehlern, man sucht nach etwas, das man tun kann, um dem anderen aus der Depression heraus zu helfen. Denn es wird als unerträglich erlebt, den anderen so leiden zu sehen und die Distanz immer weiter wachsen zu sehen.

In seiner Filmbesprechung trifft es Julian Reischl auf den Punkt:

Helen stellt einen absoluten Meilenstein der Feinfühligkeit dar: So deutlich, wie Judd die Phasen einer depressiven Erkrankung durchlebt und für den Zuschauer erfahrbar macht, wurde das Thema noch nie angepackt. Natürlich ist die Entwicklung der Krankheit chronologisch stark gestaucht. Doch verdeutlicht diese dramaturgisch notwendige Straffung der Entwicklung die einzelnen Symptome für das Publikum umso mehr. Auch die Dialoge sind stark geschliffen, es wird nicht gebrüllt und geweint, sondern es fallen genau die Kern- und Schlüsselsätze, die den Nagel immer wieder auf den Kopf treffen und doch nicht eintreiben können. Trotzdem bleibt die Verzweiflung aller Beteiligter stets greifbar, schon das Zitat zu Beginn des Films spricht von der Hölle, die ohne Vorwarnung über einen hereinbricht.

Das Thema Depression wird von Nettelbeck beispielhaft an den stark ausgeprägten Fällen der Helen und Mathilda beispielhaft vorgeführt, auch die Machtlosigkeit und Co-Depressivität des direkten Umfeldes des Patienten inklusive Niedergang wird eingehend beleuchtet. Nur schmerzhafte persönliche Erfahrung kann es möglich machen, ein derart intensives Filmerlebnis zu erschaffen. Dabei ist die Entwicklung der Krankheit im Film auf jedermann anzuwenden: Die Parallelen zu einer weniger starken Variante der Erkrankung sind leicht zu erkennen.

Mich hat dieser Film sehr beeindruckt. Besonders: Wieviel Lebenskunst ist es, zu erkennen, in welchen Momenten das „Reden“ angebracht ist, und in welchen Momenten das „Schweigen in der Nähe“ wichtiger ist.

Sich erklären zu müssen, da wo einem selber die Worte fehlen und wo auch das sich selber verstehen fehlt, das fordernde „sprich mit mir“, wo einem selber die Worte fehlen, führt immer nur dazu, dass Menschen – wie Helen – sich „verhört“ und verfolgt vorkommen – sich völlig unverstanden fühlen und sich nur noch weiter zurückziehen können.

Der Film läßt einen nachdenklich zurück, und das ist auch gut so. Man ist zum Schluss weder beschwingt  noch bedrückt – sondern nachdenklich. Diesen Spielfilm über das Leben mit einer Depression zu sehen, macht nicht depressiv, wie viele vielleicht erwarten könnten.

„Helen“ kann Verständnis fördern für Menschen, die an einer Depression leiden. Und der Film kann aufmerksam machen für das eigene Leben, wenn trotz allen Glücks ein Empfinden von Leere und Schwere sich auszubreiten beginnt.

Zahlreiche Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Menschen mit HIV, an einer Depression zu erkranken. Typische Auslöser einer Depression bei HIV-Positiven werden z.B. in dieser Patientenbroschüre aufgeführt. Einen Erfahrungsbericht zu HIV und Depression liefert dieser Blogger in „Damals im tiefen Loch…

Mein Tip: Keine Scheu, dieser Film ist sehenswert!

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Ähnliches zum Thema: Die Angst, stigmatisiert zu werden ist groß.


„Die Angst, stigmatisiert zu werden, ist groß.“

November 15, 2009

Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe der deutschen Fussball-Nationalmannschaft, kommt  in einem Interview mit dem DFB anlässlich des Suizides von Nationaltorwart Robert Enke zu Feststellungen über die Auswirkungen des Lebens mit einem Stigma, die auf viele Bereiche zutreffen, in denen gesellschaftliche Stigmatisierung vorherrschen. In diesen Tagen, wo – besonders durch den mutigen Schritt in die Öffentlichkeit durch Robert Enkes Ehefrau Theresa  – das Sprech-Tabu über ein Leben mit Depressionen gebrochen wird, erkenne ich mich immer wieder auch in der von mir erlebten und von anderen berichteten Stigmatisierung des Lebens mit einer HIV-Infektion wieder.

Theresa Enke gebührt mein respektvoller Dank, dass sie ein Tor zum Nachdenken über den gesellschaftlichen Umgang mit stigmatisierten Lebenslagen aufgestoßen hat. Mit dem Anliegen, Stigmatisierung zu überwinden, ist die Vision einer menschlichen und solidarischen Gesellschaft verbunden, in der Menschenwürde und Menschenrechte verwirklicht werden. Und wo nicht an psychischen oder physischen Krankheitsbildern und  religiösen oder weltlichen Ideologien Trennlinien errichtet werden.

So sind dieser Tage viele Äusserungen von privaten und öffentlichen Personen  – wie beispielhaft hier von Sportpsychologe Dr. Hermann und DFB-Präsident Theo Zwanziger – auch auf die Erfahrungen und Lebenssituationen von Menschen mit einer HIV-Infektion durchaus übertragbar. Unter dem Druck eines Stigmas zu leben potenziert häufig den Streß einer Krankheit und kann zu einer als ausweglos erlebten Überforderung anwachsen und auch in einen Suizid hineintreiben:

Frage: Verdrängt unsere Gesellschaft das Thema Depression? Wollen wir alle vor depressiven Menschen die Augen verschließen?

Hermann: Psychiatrische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft stark verdrängt. Noch problematischer ist jedoch, denke ich, dass es ein Stigma gibt für Menschen, die davon betroffen sind. Das führt häufig zu einer Verstärkung der Symptomatik und zu weiteren Problemen. Darauf weisen Psychiater immer wieder hin.

Und so ist es häufig auch für Menschen mit HIV eine große und manchmal überfordernde Kraftanstrengung, ihre HIV-Infektion am Arbeitsplatz aus Angst vor den bedrohlichen Reaktionen ihrer Mitmenschen zu verheimlichen.

Die Parallele zum Suizid von Robert Enke wird auch in diesen Worten von Dr. Hermann deutlich:

Das ‚immer-funktionieren-müssen’ ist für jeden eine Qual, der sich gerade gar nicht danach fühlt. Egal ob er krank ist, sein Kind krank ist, er einen Verlust verarbeiten muss oder sich die prinzipielle Frage stellt, ob seine berufliche Tätigkeit für ihn überhaupt noch sinnvoll ist.

Viele HIV-Positive fordern sich genau dieses „immer funktionieren müssen“ ab, um nicht aufzufallen, auch wenn sie dadurch körperliche und seelische Grenzen missachten.

Für Betroffene hat die Einschätzung der Öffentlichkeit und deren Umgang mit ihrer Erkrankung  eine zentrale Bedeutung. Dazu Dr. Hermann:

Menschen sind keine Maschinen und auch Profispieler sind Leistungsschwankungen unterworfen, für die man oft keine Gründe findet. Das hat meist nichts mit Motivation oder gar Charakter zu tun. Auch wenn Profispieler teilweise sehr viel Geld verdienen, können sie immer nur das Beste geben, zu dem sie aktuell in der Lage sind. Ich würde mir wünschen, dass die Öffentlichkeit den Spielern – bei aller berechtigten Enttäuschung über eine schwächere Leistung – das Vertrauen gibt, dass sie von der Einstellung her Maximales leisten wollen.

Gleiches gilt für Menschen mit HIV (und auch für Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen), egal ob am Arbeitsplatz, im Ehrenamt oder im privaten Leben. In unserem Leben mit HIV sind wir „Profis“ und Alltagsexperten, eine chronische Erkrankung zu meistern. Brauchbare Strategien für das Leben mit einer stigmatisierten Erkrankung muss man erst erlernen – und fast alle schaffen dies auch, aber auch hier nicht alle.

Was würde sich nun verändern, wenn das Tabu sich löste und die Gesellschaft einen akzeptierenden Umgang mit der zuvor tabuisierten Realität entwickeln würde. Sportpsychologe Dr. Hermann erläutert, dass Betroffene…

… im Zweifelsfall weniger Energie für das Versteckspiel brauchen und auch schneller Hilfe bekommen können. Dazu bräuchte man aber mehr als nur ein paar Wenige, die nach außen gehen. Die Angst, stigmatisiert zu werden, ist groß. Manche – wie es auch Teresa Enke für Robert beschrieben hat – fürchten sich existenziell.

Alle Zitate von Dr. Hermann sind diesem Interview entnommen.

Was ist zu tun und welche Rolle hat  jeder Einzelne dabei? Dazu findet DFB-Präsident Theo Zwanziger in seiner Ansprache bei der Tauerfeier im Hannöverschen Fussballstadion klare Worte, die über den Tod von Robert Enke und den Fussball hinaus Gültigkeit haben:

Wir alle sind dazu aufgerufen, …  unser Leben wieder zu gestalten, … in ihm einen Sinn, nicht nur in überbordenden Ehrgeiz zu finden. Maß, Balance, Werte wie Fairplay und Respekt sind gefragt. … Ihr könnt unglaublich viel dazu tun, wenn ihr bereit seid, aufzustehen gegen Böses. Wenn ihr bereit seid, Euch zu zeigen, wenn Unrecht geschieht. Wenn ihr bereit seid, dass Kartell der Tabuisierer und Verschweiger einer Gesellschaft (….) zu brechen. Ihr könnt mithelfen, mit Eurem ganz persönlichen Engagement. … Ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen, des Nächsten, des Anderen. Das wird Robert Enke gerecht. …“

Wie ich, so werden auch viele andere Menschen mit HIV durch die Ereignisse um den Suizid von Robert Enke mit eigenen Erlebnissen von Verlusten, Trauer, Depression und Stigmaerfahrungen konfrontiert, manche auch mit ihren Suizidgedanken oder Suzidversuchen. Robert Enkes Streß war/ist oft auch unserer, seine Angst davor, alles zu verlieren, wenn seine Depression bekannt geworden wäre, spiegelt sich in unserer Angst, unsere Existenz zu riskieren, wenn wir uns mit HIV outen. Auch Menschen mit HIV kann dieser permantene Streß erdrücken, sie werden chronisch depressiv und/oder begehen Suizid.

Auch für diejenigen, die mit ihrer HIV-Infektion an die Öffentlichkeit gehen, ist es kräftezehrend und anstrengend, über Jahre  im Stigmatisierungs-Gegenwind der Gesellschaft zu leben. Aber sich zu outen, dies ist unser persönlicher Weg, unsere Menschenwürde zu wahren, unsere Lebensrechte zu behaupten und unsere Lebensräume gegen alle Widerstände zu erstreiten und zu erhalten. Im direkten persönlichen Umfeld gelingt es dann sehr oft, bestehende Stigmatisierungen aufzulösen.

Auch wir HIV-Positiven sind keine Maschinen. Besonders die gelebte und erlebte Solidarität unter HIV-Positiven und allen Mitstreitern für ein menschliches Zusammenleben in Vielfalt,  frei von Dogmen und Ideologien, macht stark und ist ein sehr wirksames Mittel gegen ansonsten drohende chronische Depression oder Resignation.

Frau Theresa Enke möchte ich auf diesem Weg aus der Ferne meine  aufrichtige Verbundenheit ausdrücken.  Und ich möchte Ihnen „Danke“ sagen, dass Sie sich entschlossen haben, der Öffentlichkeit die Depressionserkrankung Ihres Mannes mitzuteilen.

Möge dieser 10. November eine Wirkung entfalten, die den Lebenswerten Ihres verstorbenen Mannes gerecht wird, –  und der Botschaft, die auch von Ihren Worten und Ihrer Präsenz in diesen Tagen ausgeht.