Der AIDS-Tod von Michael Westphal und die Michael-Stich-Stiftung (akt.)

Februar 15, 2010

Am 20.6.1991 stirbt Tennisprofi Michael Westphal im Alter von nur 26 Jahren an Aids. In der Öffentlichkeit wird über die Todesursache Aids spekuliert, es bleibt aber lange unbestätigt. Erst 10 Jahre nach seinem Tod äußert sich seine damalige Lebenspartnerin Jessica Stockmann: „Ich habe versprochen, zehn Jahre zu schweigen und gegen AIDS zu kämpfen.“

Michael Stich ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und hat sich bereits in die Weltspitze der Tennisprofis emporgearbeitet. 1990 gewann Stich sein erstes Grand-Prix-Turnier. 1991 gehörte er zur Top 10 der Weltrangliste.  Michael Stich verliert mit Michael Westphal einen Tenniskollegen an AIDS.

Die HIV-Infektion wird bei Michael Westphal 2 ½ Jahre vor seinem Tod festgestellt. Zu dieser Zeit ist Jessica Stockmann schon einige Jahre mit ihm liiert. Sie muss befürchten, sich angesteckt zu haben. Ein HIV-Test zeigt aber, dass sie sich nicht mir HIV angesteckt hat. Eine wirksame HIV-Therapie gibt es Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre noch nicht. Die heutigen HIV-Medikamente (2010) hätten Michael Westphal sehr wahrscheinlich stabilisiert und hätten seinen Tod verhindern können. Damals aber war eine HIV-Diagnose eine Todesankündigung, erst recht nach Erreichen des Vollbildes AIDS, das offenbar bei Michael Westphal mit der Diagnosestellung einherging.

1988/89, als Michael Westphal und Jessica Stockmann von seiner HIV-Infektion erfahren, herrscht in der Gesellschaft eine große Aufregung und Angst vor der todbringenden HIV-Infektion und als Reaktion entsteht ein aggressives Klima gegenüber HIV-Positiven. Kurz zuvor, 1987, hatte die offensive Information und Aufklärung der bundesdeutschen Gesellschaft mit der Kampagne der BZgA „Gib AIDS keine Chance“ begonnen. Erst die Erfolge der HIV-Prävention, die Fortschritte in der Therapieentwicklung und die nur moderaten Neuinfektionszahlen in den folgenden 25 Jahren führen zu einem langsam sich entspannenden Umgang mit HIV und den mit HIV lebenden Menschen in der deutschen Gesellschaft.

1992, ein Jahr nach dem Tod von Michael Westphal, heiraten Jessica Stockmann und Tennisprofi Michael Stich. 1994 gründen beide die „Michael Stich-Stiftung“. Sie geben der Stiftung die Zielsetzung, sich für HIV-infizierte Kinder einzusetzen.

Es ist naheliegend, zwischen beider Engagement in Sachen HIV und AIDS und  ihren Erfahrungen um die HIV-Infektion und den AIDS-Tod des ihnen nahestehenden Michael Westphal einen Zusammenhang zu sehen. Offiziell dürfen sie dies aber zunächst nicht zeigen, da sie sich an das zweiteilige Versprechen gebunden sehen, über die Verknüpfung Michael Westphal / AIDS sowohl „zehn Jahre zu schweigen“, aber auch „gegen AIDS zu kämpfen“.

Die Schilderung ihres persönlichen Trauerweges lässt ahnen, wie schwer es für Jessica Stockmann war, den Verlust ihres Lebenspartners zu bewältigen und nicht offen die AIDS-Erkrankung ansprechen zu können.

Wann und unter welchen Umständen Michael Stich von der HIV-Erkrankung seines Tenniskollegen Michael Westphal erfuhr und ob sich Michael Stich auch zu seinem eventuellen Miterleben der HIV-Infektion von Michael Westphal und seiner – ab 1992 – Ehefrau Jessica Stockmann-Stich geäußert hat, ist mir nicht bekannt. Ich respektiere es, wenn beide dies ihrer Privatsphäre zurechnen.

Läge die wahre Motivation zum Start der Michael-Stich-Stiftung 1994 aber viel näher bei der Person Michael Westphal begründet, wäre retrospektive verständlicher, warum diese Stiftung sich auf HIV-infizierte Kinder in Deutschland konzentriert, obwohl diese auch schon Unterstützung durch die Deutsche-AIDS-Stiftung erhalten können und die Zahl HIV-betroffener Kinder in Deutschland sehr klein ist: Das Michael Westphal gegebene Schweigeversprechen musste gehalten werden.

Angesichts der nun wieder neu startenden – und von vielen Menschen mit HIV als provozierend und diskriminierend erlebten – Posterkampagne der Michael-Stich-Stiftung sei aber die Frage erlaubt, wie die von Herrn Stich gewählten Aktivitäten mit seinen persönlichen Erfahrungen mit HIV und AIDS in einem Zusammenhang zu sehen sind.

Das Engagement von Michael Stich in Sachen HIV und AIDS könnte ich als einen persönlichen Bewältigungsweg seiner Erfahrungen mit HIV verstehen. Menschlich wäre mir das nachvollziehbar. Ich kann mir vorstellen, dass in einem jungen Lebensalter von Anfang 20 der AIDS-Tod seines Tenniskollegen auch Michael Stich persönlich berührt hat. (Außerdem war damals auch Arthur Ashe, ein US-amerikanischer Tennisspieler an AIDS erkrankt und starb 1993.)

Unabhängig davon lehne ich die sich in der Kampagne der Michael-Stich-Stiftung verwendeten generellen Aussagen: „AIDS ist tödlich“ oder: „Wer sich mit HIV infiziert, wird daran sterben“ als die Realität nicht korrekt beschreibend und daher kontraproduktiv ab.

Denn: „HIV ist nicht mehr tödlich, Leben mit HIV ist möglich„.

Ich halte die Aussagen auf den Plakaten der Michael Stich-Stiftung sogar für äußerst unglücklich, weil sie die individuellen Leiderfahrungen von Menschen mit HIV und ihrer Angehörigen chronifizieren und kein gesellschaftliches Klima zum offenen Reden über HIV befördern.

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Nachtrag vom 21.2.2010:

Zum 45. Geburtstag von Michael Westphal am19.2.2010 produziert der WDR-Hörfunk einen Beitrag in der Reihe „Stichtag“. Darin enthalten sind einige Statements von Zeitzeugen mit Sachinformationen, die zu diesem Blogbeitrag passen:

Jessica Stockmann: „Es war halt meine erste große Liebe. Ich war 15, er war 17…“

Sportjournalist Heribert Faßbender: „Es gab Gerüchte, er sei an Aids erkrankt, das wurde aber sehr! hinter der vorgehaltenen Hand gesagt.“

(Erkennbar Boris Becker): „Das gab’s bei uns Sportlern eigentlich nicht. Dass einer von uns, nicht durch die Spritze infiziert, nicht homosexuell, wie man das oft behauptete, sondern einfach durch Geschlechtsverkehr mit einer Frau infiziert wurde, war ein riesiges Schockerlebnis.“

Moderatorin: Michael Westphal soll sich mit 16 Jahren bei einer drogensüchtigen Mitschülerin infiziert haben.

Jessica Stockmann: „Heute würde er noch leben. Aber das war Ende der 80er. Da hatte man die ganzen Medikamente noch nicht. Und heute lebt man damit noch 20, 30 Jahre. …“

Der podcast zu diesem „Stichtag“ ist vom WDR online gestellt.

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Ähnliche Beiträge zu diesem Themenfeld:

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einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig (akt.)

September 10, 2009

Eine Krankheit oder einen Krankheitserreger zu dämonisieren, ist einer aufgeklärten Gesellschaft unwürdig.

Die vom Verein Regenbogen e.V. verantwortete Kampagne „Aids ist ein Massenmörder“ ist mehr als einfältig. Historische Politiker, die für einen Unrechtsstaat und eine Schreckensherrschaft stehen, in den Kontext einer Krankheit wie Aids zu stellen, ist geschmacklos. Es bleibt zu fragen, wieviel Hitler die Verantwortlichen selber in ihren Köpfen tragen. Sie diskreditieren sich selber.

Ein Virus denkt nicht und ein Virus handelt nicht bewußt. Deshalb kann ein Virus definitionsgemäß nicht als „Mörder“ bezeichnet werden. Der Begriff „Mörder“ ist auf die Spezies Mensch bezogen. Die Verantwortlichen der Kampagne spielen mit diesen Vermischungen und wollen offenbar Verbindungen provozieren, ohne sich die Hände schmutzig zu machen und sich als ganz naiv geben zu können, was sie jetzt ja auch tun.

Diese Kampagne ist nicht die erste Geschmacklosigkeit, die zu HIV und AIDS in die Welt gesetzt wurde. Und es wird leider wohl auch nicht die letzte gewesen sein. Es ist gut, dass der öffentliche Protest dazu führt, dass dieser Kampagne gestoppt wird.

Die Errungenschaften unserer offenen, solidarischen und toleranten Gesellschaft gründen auf den Geist der Aufklärung, der Menschenwürde und der Menschenrechte. Diese Basis unserer Gesellschaft gilt es zu erhalten, auch in der HIV-Prävention und in einer realitätsgerechten Information über das Leben mit HIV.

Zu weiteren Hintergründen siehe Ondamaris

Nachtrag: Die BZgA hat aktuell eine Stellungnahme zu Schockeffekten in der Aids-Thematisierung veröffentlicht.


Der Papst verschlimmert das Aids-Problem (akt.)

März 17, 2009

Menschenverachtend und die Realität verleugnend sind die neuen Äusserungen des Papstes zur Wirkung des Gebrauchs von Kondomen in der AIDS-Prävention :

„Man kann das Aids-Problem nicht durch die Verteilung von Kondomen regeln. Ihre Benutzung verschlimmert vielmehr das Problem“, sagte das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche an Bord seines Flugzeugs auf dem Weg nach Afrika. Die Lösung liege vielmehr in einem „spirituellen und menschlichen Erwachen“ und der „Freundschaft für die Leidenden“.

Die Einladung des Papstes zu einer ideologisch-belagernden „Freundschaft“ und der subtil innewohnenden Stigmatisierung als „Leidender“ weise ich entschieden zurück. Wer zölibatär lebt wie die katholische Priesterschaft, hat von Sexualität keine Ahnung, sollte schweigen und das Volk in Ruhe lassen.

Soll er doch gleich sagen, dass er die Aufklärung für falsch hält und sich das finstere Mittelalter herbeisehnt, als das Volk sich noch angsterfüllt der Knechtschaft der Kirche unterworfen hat!

Niemand sollte diesem Menschen mit seiner Organisation „römisch-katholische Kirche“ noch Geld hinterherwerfen.

Die Berechtigung der Trennung von Kirche und Staat hat eine erneute Bestätigung bekommen.

Nachtrag 18.3.:

Auch die Deutsche AIDS-Hilfe kritisiert in einer Pressemitteilung die „… kategorische Ablehnung des Kondoms durch den Vatikan zynisch und menschenverachtend. …“ Dies fand auch bei tagesschau.de Erwähnung.

Nachtrag 24.3.:

AVAAZ hat in einem Rundbrief die Reaktion herausragender Organisationen zu den Äusserungen des Papstes zusammengestellt und ruft dazu auf, eine Petition zu unterzeichnen mit folgendem Wortlaut:

To His Holiness Pope Benedict XVI: We appeal to your compassion to consider the men, women, children – and the poor – who are at grave risk from the spread of HIV/AIDS. We urge you to exercise care in your public statements, and refrain from undermining life-saving public education and AIDS prevention programs on the use of condoms.

The official position of the UN and the World Health Organization on condoms and AIDS prevention:
http://www.unaids.org/en/KnowledgeCentre/Resources/FeatureStories/archive/2009/20090319_preventionposition.asp

The Pope’s statement opposing condoms (BBC):
http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/7951839.stm

European governments criticise Pope Benedict for his statement
http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/7950671.stm

Condoms ‚aggravate‘ AIDS scourge, Pope says:
http://www.nationalpost.com/news/world/story.html?id=1399781

CNN Report on the Pope’s anti-condom position:
http://www.youtube.com/watch?v=lhxqvVmgEbg&feature=related

Vatican backtracking on condom statement:
http://www.timesonline.co.uk/tol/comment/faith/article5934912.ece

Growth of the Catholic Church in Africa, see:
http://www.zenit.org/article-18894?l=english and http://www.msnbc.msn.com/id/29777984/

South African Bishop supporting condom use:
http://www.msnbc.msn.com/id/29777984/

UNAIDS Report on the AIDS epidemic:
http://www.unaids.org/en/CountryResponses/Regions/default.asp