Die Verzauberten sieht mann in München

Oktober 23, 2009

Sehr beachtenswert ist die Ausstellung „Die Verzauberten“, die noch bis zum 30. Oktober 09 in München im Sozialreferat am Ostbahnhof zu sehen ist. Sie beinhaltet „Gesichter und Geschichten alter schwuler Männer“, die zwischen 1916 und 1946 geboren sind.

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Die vollständige Ausstellung mit allen Fotos und Texten ist in einem schönen Katalog zur Ausstellung dokumentiert und bleibt als Datei hoffentlich noch einige Zeit auf der homepage der Stadt München eingestellt.

Für die Stadt München spricht Hep Monatzeder als Bürgermeister in seinem Grußwort eine deutliche Sprache:

„… Die Ausstellung zeigt die Gesichter von zehn schwulen Männern, die in diesen Jahrzehnten aufgewachsen sind und gelebt haben. Sie erzählt ganz eigene und doch ähnliche Lebensgeschichten. So individuell die Biografie jedes Einzelnen ist, so kollektiv ist die Erfahrung an Ausgrenzung und Benachteiligung, manchmal sogar Gewalt. Es ist sicher nicht falsch, von einer verwundeten Generation zu sprechen.

Für mich ist es eine Ehre, als Bürgermeister der Landeshauptstadt München die Schirmherrschaft für diese Ausstellung zu übernehmen. Ich möchte dies auch als Ausdruck dafür verstanden wissen, dass die Landeshauptstadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, jenes Unrecht, dass viele schwule Männer erfahren mussten, wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen. …“

Wiedersehen mit Peter Schauwecker

Die Ausstellung hatte ich zusammen mit einem Freund besucht. Fotos und die sie begleitenden Kurzbiografien gaben uns eine Fülle von Impulsen, uns an eigene Erlebnisse zu erinnern und ins Gespräch über unsere eigenen Biografien zu kommen. Obwohl wir wesentlich jünger sind, ist auch unser Aufwachsen in heteronormierten Familien und gesellschaftlichem Umfeld geprägt von Widerständen, die es zu überwinden galt, was uns auf ganz unterschiedliche Weise mal besser, mal schlechter gelang.

Ausstellungsraum 1. Stock Sozialreferat

Die Fotos sind hier in einer Galerie bei Queer.de zu sehen.

Mich freut, eine städtisch-öffentliche Ausstellung  zu sehen, in der ältere Schwule sichtbar werden. In den Kurzbiografien vermitteln sich die Lebenswege als gelungene Lebensentwürfe in einem widrigen Lebensumfeld. Die portaitierten Männer wirken glaubwürdig.

Aidskrise in den 1980er Jahren

Nachdenklich macht mich, dass Einsamkeit und nicht herbeigewünschtes alleine-leben als ebenfalls existierende Realität älterer schwuler Männer innerhalb dieser Ausstellung nicht vorkommt. Mit den Schattenseiten einer durchaus auch gelungenen Lebensgestaltung ist es ja auch persönlich konflikthafter,  öffentlich zu werden.

Zufälligerweise suchte mich diese Woche ein 82-jähriger schwuler Mann in der Beratungsstelle auf, der 1957 unter dem § 175 verhaftet, verurteilt und inhaftiert worden war. Spürbar ein Mann mit  viel Geschichte und vielen zu erzählenden Geschichten. Um mit ihm weiter in Kontakt zu bleiben, bin ich auf den Briefverkehr angewiesen. Ein Telefon hat er abgeschafft: Es ruft ja eh keiner an und es gibt keinen, den er selber anrufen könnte.

Unserem weiteren Kontakt sehe ich mit lebendigem Interesse entgegen.

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