Sitzt das Kondom – Sitzt die Therapie? Check it!

Mai 4, 2009

Die Stiftung Warentest hatte wieder Kondome im Test und berichtet am 9.4.o9. Dabei wird besonders auch auf das Kondom als Mittel zur Vermeidung einer HIV-Infektion eingegangen:

Jeweils 3 000 HIV-Neuinfektionen wurden in den letzten beiden Jahren in Deutschland gemeldet. Häufig sind sie auf Nachlässigkeit und Sorglosigkeit zurückzuführen. Auch Infektionen mit Syphilis nehmen wieder zu. Mit mangelnder Kondomqualität haben die Infektionen nichts zu tun.

Auch betont die Stiftung Warentest: Keine Verhütungsmethode ist 100% sicher. Auch ein Kondom kann mal ein Loch haben:

Ein „Sehr gut“ wurde als test-Qualitätsurteil nicht vergeben, weil es keine Verhütungsmethode gibt, die einen 100-prozentigen Schutz bietet. Kondome ohne Löcher ließen sich , wenn überhaupt, nur mit noch größerem Aufwand herstellen. Auch ein Kondom kann mal ein Loch haben. Die Norm setzt aber Maßstäbe: Beim Lochtest dürfen bei 315 Kondomen aus einer Charge von 150 000 Stück zwei Kondome „Undichtigkeiten“ haben; bei 500 Kondomen aus einer Charge von 150 000 bis einer halben Million drei.

Die Fehlerquote liegt dabei aber weit weit unter der menschlichen Fehlerquote.

Im Test hatten bei etwa 24 500 geprüften Kondomen zwei Kondome zweier Fabrikate jeweils ein Loch, von einem weiteren Hersteller ein Kondom eine Undichtigkeit. Der Qualität tut das keinen Abbruch, die Norm wurde erfüllt.

Meist spielen Alkohol und Drogenkonsum eine bedeutende Rolle, wenn es trotz konsequentem Kondomgebrauch zu einer Ansteckung mit HIV kommt. Dann klappt es mit der Anwendung einfach nicht mehr so gut – ohne dass man es selber merkt. Und an dieses „Wahrnehmungsloch“ kann man sich dann logischerweise nicht erinnern.

Wird im Zusammenhang mit der Schutzwirkung einer wirksamen Therapie benannt, dass diese vergleichbar ist zum Kondom, – aber beide eben auch nicht 100% sicher sind – wird genau auf diese menschlichen  Anwendungsfehler und nicht auf Materialfehler Bezug genommen.

Der Vergleich passt auch hier:

„Sitzt das Kondom? – Sitzt die Therapie? – Check it!“

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HIV ist nicht mehr tödlich – Leben mit HIV ist möglich

April 24, 2009

Wie alt muss ich noch werden und wie viele Jahre mit HIV muss ich noch leben, bis AIDS-Präventionisten aufhören zu sagen, dass HIV im Jahr 2009 noch eine „tödliche Krankheit“ sei? Ich bin jetzt 50 Jahre alt. Ich lebe seit 19 Jahren mit einer HIV-Diagnose und schätzungsweise 21 Jahre mit einer HIV-Infektion.

Glücklicherweise habe ich die Zeit des Neuen AIDS erreicht, in der wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, um die HIV-Infektion im Körper dauerhaft wirksam unter Kontrolle zu halten und eine fortschreitende Schädigung des Immunsystems zu verhindern.

Diejenigen, die wie Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt heute noch von der HIV-Infektion als einer tödlichen Erkrankung sprechen, verleugnen die Realität und blenden die heutigen veränderten Bedingungen aus.

Auch gutmeinende Prominente wie kürzlich Désirée Nick in einem Interview gegenüber der Zeitschrift Box (Nr. 191, S. 4) verharren in alten Bildern: „Ich habe die Schirmherrschaft [über die neue Kamapgne „Vergiss AIDS nicht“] übernommen, weil in unserer Gesellschaft alles verdrängt wird, was mit Sterben zu tun hat und Aids nach wie vor eine tödliche Krankheit ist. …“

Die Entscheidung darüber, ob eine Erkrankung zu Recht als „tödlich“ oder „nicht mehr /anders als tödlich“ bezeichnet werden kann, hängt  von äußeren Bedingungen ab.

Für fast alle HIV-Positiven in Deutschland ist HIV nicht mehr tödlich, sondern zu einer chronischen lebensbedrohlichen Erkrankung geworden, die nach wie vor das Leben stark beeinflusst.

Die Bedingungen dafür sind im wesentlichen die folgenden:

  1. Ich bin in kompetenter ärztlicher Behandlung bei einem HIV-Spezialisten.
  2. Ich habe Zugang zu wirksamen HIV-Medikamenten.
  3. Mein Körper verträgt die HIV-Medikamente und die Nebenwirkungen sind tolerabel.
  4. Über Laboruntersuchungen des Blutes wird die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie kontrolliert.
  5. Ich lebe in einem solidarischen gesellschaftlichen Klima und in einem sozialen Kontext, der mich nicht ausgrenzt und mich nicht in den Selbstmord treibt.

Auf mich trifft die Aussage: „Die HIV-Infektion ist eine tödliche Erkrankung“ definitiv nicht zu. Meine Existenz straft die AIDS-Präventionisten Lügen, die solches mit einer generellen Aussage behaupten.

Die HIV-Infektion ist nur dann eine nicht mehr tödliche Erkrankung, wenn sie diagnostiziert, also erkannt ist und dann die oben genannten Bedingungen folgen können. Schreitet die HIV-Infektion bei Ungetesteten unerkannt fort, führt sie nach einem individuell unterschiedlich langen Zeitraum zu einer ausgeprägten Immunschwäche mit den bekannten lebensbedrohlichen Erkrankungen.

Hat man sich mit HIV angesteckt, bringt das Wissen um die vorhandene Infektion einen massiven Überlebensvorteil. Der HIV-Test als Mittel der Früherkennung bekommt den Charakter einer lebensrettenden Maßnahme.

Zwischen 30 – 50% der heute in Deutschland zu beklagenden Todesfälle an AIDS entfallen auf Menschen, deren HIV-Infektion erst im Vollbild AIDS bei einer massiv lebensbedrohlichen Erkrankung festgestellt wird. Trotz Intensivmedizin können sie nicht gerettet werden. Die vorhandenen HIV-Medikamente können ihre Wirksamkeit nicht entfalten. Da ist alles zu spät.

Gleichwohl nehme ich die HIV-Infektion nicht auf die leichte Schulter. Es lohnt sehr, sich zu schützen und eine Ansteckung mit HIV zu vermeiden. Eine chronische behandelbare Krankheit ist immer eine Einbuße an Lebensqualität und verkürzt meist auch die Lebensjahre.

Mit HIV gut leben zu lernen bedeutet, aus der Not eine Tugend machen zu müssen. Damit dies gelingt, ist es erforderlich, sich die nötigen Fertigkeiten in einem Lernprozess aneignen. (Die wertvollen Qualitäten, die man in diesem Prozess entwickelt, sind als Potenzial in jedem Menschen bereits angelegt. Sie können deshalb auch ohne eine HIV-Infektion entfaltet werden.)

Selten schaffen Menschen dies ganz alleine und aus eigener Kraft. Deshalb lege ich auf Bedingung 5 besonderen Wert. Zu oft höre ich in meiner Beratungsarbeit von Suizidabsichten oder retrospektive von überlebten Suizidversuchen. Die HIV-Infektion generell als tödliche Krankheit darzustellen, treibt psychisch belastete und labile Menschen nach einer HIV-Diagnose in eine Ausweglosigkeit, die die Todesankündigung zu einer sich selbst erfüllenden Prohezeihung werden lässt.

Im Wissen der heutigen Therapiemöglichkeiten ist die Aussage, die HIV-Infektion sei eine „tödliche Krankheit“, realitätsverleugnend, stigmatisierend, nicht zielführend und damit sogar schädlich für die HIV-Prävention.


Das P von Proud – Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

März 7, 2009

Im Poz and Proud – Blog in den Niederlanden läuft eine Serie „de P van Proud“, in der schwule Männer über ihre Gedanken und Erfahrungen mit HIV schreiben. Und wie sie Würde, Selbstbewusstsein und Stolz als schwule Männer mit HIV leben, denn ihr Motto ist zurecht: Ein Leben mit HIV ist kein Grund für Scham und Schuld („living positive isn’t a shame“).

Maartens Beitrag habe ich hier übersetzt. Heute folgt nun mein eigener Beitrag für diese Serie.

on top of my life

Es geht nicht um HIV, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem Leben gibst

Ich bin 1959 geboren und lebe seit 1990 mit dem Wissen um meine HIV-Infektion.

Damals, 1990, gab es keine Medikamente, HIV im Körper zu bändigen. Man hätte verzweifeln können. HIV hatte etwas dämonisches, war auch wegen der sozialen Ausgrenzung das Furchtbarste, was einem passieren konnte.

Aber schon früher, seit Anfang der 80er Jahre, hatte HIV begonnen, mein Leben einzuschränken, mir die Lust auf schwul-sein, die Lust auf Sex verdorben. Die Welt erschien mir wie eine gefährliche unheimliche Geisterbahn. Sexualität war in meinem Elternhaus tabuisiert. Sexuell zu sein war etwas, das man nicht zeigte und worüber man nicht sprach. Noch schlimmer: christliche Moral diffamierte Freiheit und Lust.

Für mich persönlich kein förderliches Klima, um Lust an der Lust und Sicherheit in der Freiheit zu lernen. Mein self-made Weg in die Freiheit ging nur in kleinen Schritten voran. HIV war schneller.

Auf der Geisterbahn des Lebens zählte HIV für mich zu den bedrohlichen Mächten. Meine HIV-Diagnose erlebte ich als Drachenkampf und Erwachen. Sie war wie ein Erdbeben, das eine Großstadt in Schutt legt: alles kaputt, kein Haus mehr heil, nur noch Schutt, keine Straßen gab es mehr – nur noch ein großes Trümmerfeld. Und mittendrin „Ich“.

Drachenkampf

Ich registrierte, dass ich überlebt hatte, dass ich in dieser Katastrophe am Leben war. Den Schock dieser Situation habe ich damals nicht wahrgenommen. Ich begann einfach das naheliegende zu tun: Wer ist noch da? Wo bin ich hier? Wie kann es jetzt weitergehen? Was kann ich jetzt tun?

Und da begann mein eigener Geist ganz befreit die Regie zu übernehmen. Das war seine Stunde, war meine Stunde: Er flüsterte mir behutsam und kraftvoll zu: Solange du lebst, geht es weiter auf Deiner Fahrt! Du schaffst es! Du findest Kumpel, Weggefährten und Freunde! Dein Ziel ist es, immer weiterzugehen! Es gibt keinen Grund, vor dem Leben Angst zu haben. Sag dies weiter! Sei unerschrocken, sei wachsam! Du schaffst es!

Ja, und ich habe es geschafft! Ich habe diese 19 Jahre geschafft, in denen HIV mir und anderen im Nacken saß, in der HIV einen nach dem anderen aus unserer Herde mutiger Mustangs abgeschossen hat. Wie ich dies überlebt habe, bis HIV seine Macht verlor, warum und wie ich dies überlebt habe, – ich weiss es nicht. Glück und Geschick vielleicht?

Ich habe sehr vieles von dem erlebt, was das Leben zu bieten hat: Angst, Schrecken, Krankheit, den Tod von Freunden, den Tod von meinem besten Freund René. HIV hatte nicht die Macht, unseren Zusammenhalt und Mut, unsere Solidarität und Kameradschaft zu brechen. Wir waren stärker und wir wissen das heute. Das ist mein Stolz im Leben mit HIV, mein „P von PROUD“.

Wer das eigene Denken aufgibt, mit dem ist es aus. Wer sich nicht traut, mit dem ist es aus. Wer die Kraft in sich nicht erweckt, mit dem ist es aus.

Es gibt viele in dieser Welt, die an Deine Tür klopfen und Dir verkaufen wollen, „was HIV ist“. Schick sie alle weg!! HIV ist das, was DU daraus machst! HIV bekommt DIE Bedeutung die Du diesem Virus und dieser Krankheit gibst.

Und es geht nicht darum, welche Bedeutung Du HIV gibst, es geht darum, welche Bedeutung Du Deinem LEBEN gibst.

Es ist DEINE Macht, dies selber herauszufinden. Dich soll nicht interessieren, was andere denken und was andere sagen. Nur Du kannst den Weg zu Deiner Stärke finden. Wer Dich darin unterstützt, ist ein weiser und würdiger Freund, wer Dir etwas einreden will, so gut es auch gemeint ist, der betrügt Dich.

Das Leben ist eben keine Fahrt in der Geisterbahn. Das Leben ist schön und Dein Leben ist nicht vorbei, auch und gerade mit einer HIV-Diagnose nicht. Im Gegenteil: Dein Leben hat sehr viel Geduld, mehr als Du selber – und es wartet auf Dich! Freu Dich! Du bist stark und schwuler Sex ist schön!

(Die Erstveröffentlichung in niederländischer Sprache findet sich hier.)


Mehr Spaß am Sex mit kontrollierter Viruslast / be smart about HIV!

März 1, 2009

Im Juni 1997 erschien in der Zeitschrift San Francisco Frontier eine Anzeige innerhalb einer Informationskampagne, die mich damals während eines Urlaubs tief beeindruckte. Sie hinterließ bei mir eine so große Wirkung, dass ich meine Skepsis gegenüber der HIV-Therapie aufgab und im Januar 1998 mit meiner HIV-Therapie begann.

Die formulierten Aussagen sind tatsächlich eingetroffen. Dort hieß es: „Be smart about HIV. See your doctor about new treatment options. Reducing the amount of Virus may help you live longer.“

be smart about HIV

be smart about HIV

Angepasst auf die heutige Situation, 12 Jahre später, ermöglicht eine wirksame HIV-Therapie mit dauerhaft unterdrückter Viruslast nicht nur ein (noch) längeres Leben. Faktisch ist auch die Infektiosität beseitigt. Daher ist eine ähnlich neue Situation gegeben, die eine neue Informationskampagne erforderlich macht. Die Struktur kann im wesentlichen beibehalten werden:

„Be smart about HIV“ meint in etwa: Sei schlau und intelligent im Umgang mit Deiner HIV-Infektion. Sorge gut für Dich. Nutze die heutigen Möglichkeiten.

„See your doctor about new treatment options“: Geh zum Arzt und informier Dich über neue Behandlungserfolge und Auswirkung auf Dein Sexleben. Informiere Dich, mach Dich fit und up-to-date. Lass dich beraten.

Und nun die auf die heutige Situation bezogene,  auf wirksame Therapie/Viruslast/Infektiosität angepasste neue Botschaft:

New research suggests: Reducing the amount of Virus may help you live Sex more joyful:

„Neue Forschungsergebnisse zeigen: Eine kontrollierte Viruslast kann Dir helfen, wieder mehr Spaß am Sex zu haben“

Wann wird es in Deutschland eine offensive Information zur heutigen Behandlungssituation geben? Damals wie heute ist sehr entscheidend, gut und umfassend zu HIV informiert zu sein. Die Aussagen beschönigen nichts und machen keine falschen Versprechungen. Im Gegenteil, sie machen (HIV-Positive wie HIV-Negative) neugierig und laden ein: Es hat sich etwas getan! Informier Dich! Lass nicht denken und Denke selber!

Sie rufen auf, smart und intelligent zu sein, sie appelieren in Wort und Text an Selbstliebe und Nächstenliebe, an Selbstwertgefühl und Solidarität, ganz im Sinne der Kampagne der DAH für schwule Männer: „Ich weiss, was ich tu!“

Es ist 1 Jahr nach Veröffentlichung der EKAF-Stellungnahme überfällig, endlich deutlicher, mutiger und offensiver zu werden, zum Beispiel mit einer Informationskampagne nach dem Muster von „be smart about HIV“.



POZ and Proud: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME

November 13, 2008

Schwule Männer mit HIV in den Niederlanden haben im April 2006 eine Selbsthilfe-Kampagne gestartet, um die Lebensqualität von schwulen HIV-Positiven in der Szene zu verbessern, um Mut zu machen, offen mit HIV umzugehen.

Der Name „POZ and Proud“ ist Programm. HIV-positiv und dabei selbstbewusst offensiv zu sein, sich nicht zu verstecken, über HIV reden, wenn es angebracht ist. Auf den T-Shirts der Mitglieder und Freunde von POZ&Proud steht folglich auch: LIVING POSITIVE ISN’T A SHAME – Positiv leben ist keine Schande.

Die Männer von POZ&Proud haben Standpunkte erarbeitet, die ich später einmal ins Deutsche übersetzen will.

POZ&Proud betreibt seit kurzem einen eigenen Blog (natuurlijk op nederlands). In diesem Blog läuft eine Serie, in der einige Männer von POZ&Proud schreiben, was ihnen zu dem „P“ von „Proud“ einfällt. Mein Freund Maarten hat auch etwas dazu geschrieben. Seinen Blog habe ich hier übersetzt:

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Das P von Proud

Wir haben HIV und sind stolz. Wir können prima für uns selber sorgen. Und das tun wir dann auch. Aber wenn du gerade erfahren hast, dass du HIV hast, ist Stolz wohl das letzte, an was du denkst.

Aber, wenn du schon einiges erlebt hast, kannst du Kraft finden in dem Weg, den du zurückgelegt hast. Maarten erklärt warum:

Es begann im Dezember 2004. So müde wie ein Hund, Fieber und viele andere Leiden. Der Arzt dachte an Pfeiffersches Drüsenfieber, aber ließ doch einen HIV-Test machen, denn der letzte war schon wieder ein Jahr her. Und ja, es gab Ausrutscher.

Meine erste Reaktion auf die Diagnose ist nicht viel anders gewesen als die von jedem anderen: Was für Krankheiten stehen mir bevor? Werden die Pillen gut wirken? Wann muss ich sterben? Abende hab ich im Internet gesurft, aber davon kam ich nur immer schlechter drauf. Kein Arzt gibt dir eine Lebensgarantie und andere schrieben dort nur über ihre Probleme. Da hab ich lieber mit Freunden telefoniert, die auch HIV hatten; das half. Verrückt eigentlich, dass ich HIV bis dahin so verdrängt hatte, obwohl ich es bei vielen um mich herum miterlebt hatte.

Die akute HIV-Infektion bei mir ging vorbei und ich war wieder voller Zuversicht, dass es wohl noch was dauern sollte, bis mir HIV wirklich Probleme machen würde. Ja denkste, denn während die CD4’s wie verrückt kletterten, kriegte ich eine Gürtelrose und schluckte schon Anfang 2006 meine ersten HIV-Pillen.

Im Dezember 2005 konnte ich nicht wirklich stolz sein mit HIV. Ich war schon stolz wenn ich nicht schon um 9 Uhr abends im Bett lag. Der Stolz kam dann aber mit der Energie, die ich im Februar 2006 wieder hatte. Ich konnte wieder alles und machte auch wieder alles. Inzwischen wusste beinahe jeder in meiner Umgebung, dass ich HIV habe. Da kriegte ich unterschiedliche Reaktionen, von: „Ja du mit deinem Partyleben, das musste ja dabei raus kommen“ bis „Alle Achtung, wie du damit umgehst, du scheinst da wirklich kein Problem mit zu haben.“ Alles sind gute Reaktionen, wenn ich immer bedenke, von wem diese Antworten kommen. Ich habe kaum wirklich schlechte Reaktionen erlebt. Mit HIV auf eine gute Art offen umzugehen, so dass man Verständnis erhält, aber kein Mitleid, das ist ein Teil von meinem Stolz.

Manchmal muss man sich schützen mit Arroganz, natürlich nicht direkt gegenüber Menschen, aber zum Beispiel im folgenden Fall…

„Willkommen in den Vereinigten Staaten“ steht auf dem grünen Einreiseformular, dass man ausfüllen muss um in die USA einzureisen. Echt willkommen fühl ich mich da aber nicht mehr. Denn da muss ich immer lügen bei der ersten Frage auf der Rückseite. Ich hab das so schon zehn Mal gemacht. Dann denk ich immer: Aber wenn sie meine Pillen finden, und sie wollen MICH nicht mehr, dann will auch ich SIE nicht mehr. Basta!

Das ist auch mein Stolz. Ich will nicht anders behandelt werden wie jeder.

Zum Schluss: Um Dinge, die man nicht verändern kann, soll man nicht trauern. Dreh’s einfach um. Ein Regenschauer ist nicht schön, aber gut für die Pflanzen im Garten, und so ist er dann auch gut für dich. Das macht etwas deutlich, wie ich, genau wie mit vielen anderen Dingen im Leben, auch mit HIV umgehen will.

Was bedeutet „poz and proud“zu sein für dich? Schick deine story von maximal 600 Wörter an pozandproud@hivnet.org und wir stellen sie im Blog [von POZ&Proud] ein.

Danke an Maarten für das OK, Text und Foto in meinem Blog hier zu posten. Wer Interesse hat, auch seine Gedanken zum „P von Proud“ mitzuteilen, kann dies natürlich gerne an die Freunde von POZ&Proud schicken. Vielleicht werden sie es übersetzen und in ihrem Blog posten. Parallel biete ich an, eure Storys hier in meinem Blog einzustellen. Schreibt dazu an termabox@web.de Kommentare bleiben auf diese Weise besser auf den jeweiligen Text bezogen und so vermeiden wir ein Durcheinander.

Mir persönlich imponiert die Idee der POZ&Proud-Kampagne sehr! Denn es scheint eine Tendenz zu geben, HIV unsichtbar werden zu lassen, gerade in der schwulen Szene wieder versteckter mit HIV zu leben, vielleicht auch um bei der Arbeit keine Probleme zu bekommen.

Sich zu verstecken, ob als schwuler Mann oder Mann mit HIV, kratzt immer am Selbstwertgefühl.

Stolz meint immer: sich zu zeigen.

In den Anfängen der Schwulenbewegung gab es den „gay pride“, wo das gesellschaftlich ins Abseits gedrängte, als minderwertig abgewertete „schwul-sein“ sich von Scham, Schuldkomplexen und Zuschreibungen der anderen emanzipierte und in die Öffentlichkeit drängte. „POZ&Proud“ knüpft für mich an diesen alten Emanzipationsgeist an. Das begeistert mich so an POZ&Proud und da bin ich gerne mit dabei!

Mit HIV zu leben, ist keine Schande, wegen der man sich verstecken muss. In Köln sieht man mich auch manchmal mit dem blauen T-Shirt von POZ&Proud oder den weiss-orangenen von POSITHIVHANDELN herumlaufen. Ich werde wohl nun auch selber meine story zu dem „P“ vom Proud schreiben müssen,… maar dan op nederlands natuurlijk!


Mach deinen Bart wieder ab, der macht dich so alt

Oktober 26, 2008

Ich bin ja kein Orakel, aber der Kommentar von Ondamaris „… wie müssen sich generell Strukturen in unseren Szenen verändern, um diesen demographischen Veränderungen gerecht zu werden …“ zu meinem Blog: Deutsche AIDS Stiftung will verstärkt Projekte zum Älter werden mit HIV / AIDS unterstützen greife ich gerne auf:

Ondamaris, eine berechtigte Frage, die Du da stellst. Ich möchte sie sogar erweitern um den Faktor „unsere Gesellschaft“. Denn eines hängt doch untrennbar mit dem anderen zusammen. Gesellschaft –  ob allgemein oder schwul – ist jeder von uns. Mitgestalten kann ich nur dort, wo ich lebe.

Würden andere Deine Frage aufgreifen, so wie ich es hier tue, führt sie immer zuerst zur eigenen Nase: Wie muss ICH mich anders verhalten, um diesen demografischen Veränderungen gerecht zu werden.

Meine spontane Antwort darauf ist erst mal ein eigensinniges:

Der Bart bleibt dran! 🙂

Sieht doch gut aus!

Sieht doch gut aus!

Denn viele Kommentare, die ich in den letzen Monaten zu hören bekam, gingen in die Richtung: Mach deinen Bart wieder ab, der macht dich so alt! „Alt-sein“scheint sich besonders auch durch einen längeren Vollbart auszudrücken.

Was in solchen Bemerkungen an unterschwelliger Botschaft transportiert wird, ist subtil und vielschichtig. Und ich glaube, das hat sogar sehr oft – ohne dass es den Leuten bewusst ist – mit Altersdiskriminierung zu tun.

Um dem selber besser auf die Schliche zu kommen, stelle ich hier mal einige Interpretationen vor, was gemeint sein könnte, wenn jemand sagt oder auch nur denkt „… der Bart macht dich so alt“:

Ich will nicht alt sein. Es ist besser, das Lebensalter optisch zu überspielen. „Du musst doch nicht älter aussehen, als du bist.“ Nur wenn ich mich jung gebe, komme ich an und willst Du das nicht auch? Ich hab lieber Freunde und Menschen um mich, die jung sind. Mach deinen Bart weg, denn Du erinnerst mich an mein eigenes Älter werden. Verändere dich nicht, seh nicht anders aus, als ich dich kenne. Mit Bart wirkst Du auf mich erst mal fremd und das irritiert – also bleib so wie du warst und werd nicht alt.

Sorry, aber das geht nicht mit mir! Erstaunlicherweise finde ich sogar in meiner schwulen Lebenswelt mehr ausdrückliche Begeisterung und Zustimmung zu meinem Bart- und damit meinem Alter – als von anderen.

Zurück zur Frage von Ondamaris: Zuerst muss in jedem die Bereitschaft entstehen, Veränderungen zu begrüßen und selber das älter werden auch als Gewinn sehen zu können. Meine Erfahrung ist: der Tausch „Lebenszeit gegen Erfahrung“ ist fair und lohnt sich. Wer etwas aus seinem Leben macht, braucht das älter werden nicht zu fürchten. Ich halte es mit Andreas Giger, der da sagt: „Reif wird sexy!“

Der Bart bleibt dran!

Der Bart bleibt dran!


Zum eigenen Wesen finden

Oktober 13, 2008

Letztes Jahr rauschte ein Orkan über Deutschland hinweg und richtete Schäden in den Wäldern an. Für einige Bäume entstanden neuartige Lebensmöglichkeiten. Wir können hier miterleben, was geschieht, wenn das wegfällt, was uns in der Enfaltung unseres Wesens einengt, – z.B. auch als Folge der Mitteilung einer HIV-Infektion. Zunächst haben wir eine wesensfremde Gestalt, die ungeschickt und etwas lächerlich wirken mag. Aber im freien Raum (durch Therapierbarkeit und Beseitigung der Infektiosität) beginnen wir uns wieder zu entfalten, werden zu dem, der wir eigentlich sind.

Lärchen

Lärchen

Eine Lärche keimte an einem Berghang und sie trieb ihre Wurzeln in die Erde, mitten in einer Fichtenschonung. Fichten wachsen schnell und hoch und da die Lärche leben wollte, strebte sie in Konkurrenz mit den Fichten zum Licht. Sie machte aus den Umständen das Beste. Und dicht umgeben von den Fichten blieb sie unbeachtet. Als ein Orkan über den Wald fegte, knickte er viele Fichten um und die Waldarbeiter besorgten den Rest. Die Lärche liessen sie aber stehen.

Und so steht sie nun da: Im Erscheinungsbild eher wie eine Fichte als wie eine Lärche. Die Anpassung an ihre Umwelt hatte sie in der Entfaltung ihrer Eigenart behindert. Lang und aufgeschossen und mit schwacher Krone steht sie da, weit entfernt von der Wuchsform, an der man Lärchen erkennt: ein dicker Stamm, von unten her weit ausladend, verzweigt, kompakt und allen Witterungen fähig zu widerstehen.

In der Zwischenzeit hat sie wahrgenommen, dass sich die Welt um sie herum verändert hat. Sie treibt vielfach am Stamm aus, bekommt Zweige. Sie greift überall in den freien Raum hinein.

Jetzt, wo Luft und Raum um sie ist, holt sie das nach, was ihr bisher verwehrt war: Sie fängt an, den ihrem inneren Wesen vorgegebenen Wuchs zu bilden. In einigen Jahren und Jahrzehnten kann sie so werden, wie wir Lärchen kennen: Stattlich, kraftvoll und knorrig.

Lärchen

Lärchen

Die Lärche lernt aus Erfahrung. Menschen unterdrücken oft das Lernen aus Erfahrung. Wir unterbrechen uns selber, erkennen den freien Raum nicht, der entsteht und in dem wir unsere Wuchsform vollenden können. Wir ver-halten uns wie gewohnt, halten uns selber fest. Aber dann leben wir fremdbestimmt und das fühlt sich nicht gut an. Diejenigen, die oft genug gekränkt und verletzt wurden in ihrem Ausdruck, haben gelernt, alles „drin“ zu halten. All dieses „Halten“ ist sehr tief verinnerlicht und kann durch minimale Reize wieder reaktiviert werden, dann läuft der „alte Film“ wieder ab.

Aber so können wir nie zu dem werden, was wir von unserem Wesen her eigentlich sind.

Im Über-Leben mit HIV haben wir uns oft nach der Luft zum Überleben strecken müssen. Den „Kopf über Wasser“ zu halten, nicht irre zu werden durch die erlebte Angst vor Krankheit und Tod und nicht verrückt zu werden aus Angst vor diskriminierenden Erfahrungen in der Gesellschaft, das war und ist oft für HIV-Positive ein Leben in „dünner Luft“. Auch körperlich haben uns Krankheiten und Medikamente gefordert und auf unseren persönlichen Wuchs mit unsichtbaren und erkennbaren Spuren eingewirkt.

Der Lebenshorizont für Menschen mit HIV ist durch wirksame Medikamente wieder weiter geworden. Wir müssen heute nicht mehr die Luft anhalten, wir können entspannen und uns loslassen – und können HEUTE wieder mehr von dem potenziellen Wesen verwirklichen, das wir eigentlich sind. Jungen Menschen mit HIV gelingt das möglicherweise leichter, weil sie mit dem Wissen um vorhandene HIV-Therapien groß geworden sind. Ältere Langzeitpositive brauchen wohl eher ein sanftes Aufwecken, dass heute eine andere Zeit angebrochen ist. „Sanft“ deshalb, weil man zum Wachstum nur ermuntern und anregen kann.

Die Zweige austreiben muss jeder selber. Vielleicht ist doch noch mehr möglich im eigenen Leben.