Memorandum zur psychosozialen Lage in Deutschland

Letzter Satz dieses Momorandums: „…Wir benötigen ein politisches Handeln, das bei seinen Entscheidungen die Auswirkungen auf das subjektive Erleben und die psychosozialen Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reflektiert und berücksichtigt.“

Hier der Text im Wortlaut, Autoren und Ort der Erstveröffentlichung:

von Dr. Galuska, Heilgenfeld Kliniken

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Kreis einiger leitender Ärzte Psychosomatischer Kliniken haben wir die erschreckende Entwicklung der psychosozialen Belastung in Deutschland und letztlich in allen Industrienationen diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das Ausmaß der Problematik in unserer Ge­sellschaft nicht ausreichend wahrgenommen wird und möchten mit einer Art Memorandum einen gesellschaftlichen Dialog darüber anstoßen, wie wir die Problematik verstehen und was getan werden kann. Wir möchten damit auch keine bestimmte Zielgruppe ansprechen, sondern alle Menschen, denen die psychosoziale Lage unseres Landes am Herzen liegt. Wir glauben auch nicht, dass ein bestimmter Sektor der Gesellschaft, wie z. B. die Schule, die Familie, die Politik, die Wirtschaft oder die Medien dafür verantwortlich ist, sondern dass es sich um eine allgemeine und grundlegende Entwicklung der modernen Gesellschaften handelt, die nicht angemessen erkannt wird. Da wir zu einem offenen gesellschaftlichen Dialog aufrufen wollen, richten wir uns zunächst nicht an Verbände oder Institutionen, sondern an Personen. Wenn Sie als Verantwortlicher in diesem Bereich das Interesse mit uns teilen einen Dialog zu führen, bitten wir Sie, den beiliegen­den Aufruf mit zu unterzeichnen. Wir werden ihn dann im Herbst mit allen Unterzeichnern (Name, Titel, Funktion und Ort) in einschlägigen Medien veröffentlichen. Wir erwarten anschließend Ge­sprächs- oder Vortragsanfragen bei den Unterzeichnern des Aufrufs und würden Sie bitten, uns ggf. darüber zum Zweck der Dokumentation zu informieren.

Ihre Zustimmung zum Papier können Sie ganz einfach per E-Mail erklären (bitte mit vollständigem Namen, Titel, berufliche Funktion, Dienstanschrift und E-Mail-Adresse) und an die E-Mail-Anschrift: dr.galuska@heiligenfeld.de schicken. Oder Sie unterzeichnen den Aufruf mit Angabe der ent­sprechenden Daten und faxen ihn uns zurück unter der Nummer: 0971-84-4025.

Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Aufruf an weitere Verantwortliche in Ihrem Kollegenkreis oder Ihren Netzwerken weiterleiten oder weitergeben könnten, damit sich möglichst viele daran beteiligen können.

Für weitere Informationen stehen gerne folgende Personen zur Verfügung:

Dr. Joachim Galuska, Tel.: 0971-84-4009
Prof. Dr. Thomas Loew, Tel.: 0941-9447240
Dr. Johannes Vogler; Tel.: 07562-711500

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Joachim Galuska
Ärztlicher Direktor der
Heiligenfeld Kliniken

TEXT DES AUFRUFS:
Zur psychosozialen Lage in Deutschland

Wir sind Fachleute, die Verantwortung für die Behandlung seelischer Erkrankungen und den Umgang mit psychosozialem Leid in unserer Gesellschaft tragen.

Wir möchten unsere tiefe Erschütterung über die psychosoziale Lage unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

In unseren Tätigkeitsfeldern erfahren wir die persönlichen Schicksale der Menschen, die hinter den Statistiken stehen.

Seelische Erkrankungen und psychosoziale Probleme sind häufig und nehmen in allen Industrienationen ständig zu.

Circa 30 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen.

Der Anteil psychischer Erkrankungen an der Arbeitsunfähigkeit nimmt seit 1980 kontinuierlich zu und beträgt inzwischen 15 – 20 %.

Der Anteil psychischer Erkrankungen an vorzeitigen Berentungen nimmt kontinuierlich zu. Sie sind inzwischen die häufigste Ursache für eine vorzeitige Berentung.

Psychische Erkrankungen und Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen kontinuierlich zu.

Psychische Störungen bei älteren Menschen sind häufig und nehmen ständig zu.

Nur die Hälfte der psychischen Erkrankungen wird richtig erkannt, der Spontanverlauf ohne Behandlung ist jedoch ungünstig: Knapp 1/3 verschlechtert sich und knapp die Hälfte zeigt keine Veränderung, chronifiziert also ohne Behandlung.

In allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern, in allen Schichten und in allen Nationen zunehmenden Wohlstands nehmen seelische Erkrankungen zu und besitzen ein besorgniserregendes Ausmaß.

Die gesellschaftlichen Kosten der Gesundheitsschäden durch Produktivitätsausfälle, medizinische und therapeutische Behandlungen, Krankengeld und Rentenzahlungen sind enorm.

Eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung ist weltweit nicht möglich. Trotz der kontinuierlichen Zunahme an psychosozialen medizinischen Versorgungsangeboten ist die Versorgung auch in Deutschland angesichts der Dynamik und des Ausmaßes der seelischen Erkrankungen nur in Ansätzen möglich.

Die Ursache dieser Problemlage besteht nach unseren Beobachtungen in zwei gesellschaftlichen Entwicklungen:

1. Die psychosoziale Belastung des Einzelnen durch individuellen und gesellschaftlichen Stress, wie z. B. Leistungsanforderungen, Informationsüberflutung, seelische Verletzungen, berufliche und persönliche Überforderungen, Konsumverführungen, usw. nimmt stetig zu.

2. Durch familiäre Zerfallsprozesse, berufliche Mobilität, virtuelle Beziehungen, häufige Trennungen und Scheidungen kommt es zu einer Reduzierung tragfähiger sozialer Beziehungen und dies sowohl qualitativer als auch quantitativer Art.

Die Kompetenzen zur eigenen Lebensgestaltung, zur Bewältigung psychosozialer Problemlagen und zur Herstellung erfüllender und tragfähiger Beziehungen sind den Anforderungen und Herausforderungen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen bei vielen Menschen nicht gewachsen.

Angesichts der vorherrschenden gesellschaftlichen Orientierung an materiellen und äußeren Werten werden die Bedeutung des Subjektiven, der inneren Werte und der Sinnverbundenheit dramatisch unterschätzt.

Wir benötigen einen gesellschaftlichen Dialog über die Bedeutung des Subjektiven, des Seelischen, des Geistig-spirituellen, des sozialen Miteinanders und unseres Umgangs mit Problemen und Störungen in diesem Feld.

Wir benötigen einen neuen Ansatz zur Prävention, der sich auf die grundlegenden Kompetenzen zur Lebensführung, zur Bewältigung von Veränderungen und Krisen und zur Entwicklung von tragfähigen und erfüllendenBeziehungen konzentriert.

Wir benötigen eine Gesundheitsbildung, Erlernen von Selbstführung und die Erfahrung von Gemeinschaft schon im Kindergarten und in der Schule, z. B. in Form eines Schulfaches „Gesundheit“.

Wir benötigen eine ganzheitliche, im echten Sinne psychosomatische Medizin, die die gegenwärtige Technologisierung und Ökonomisierung der Medizin durch eine Subjektorientierung und eine Beziehungsdimension ergänzt.

Wir benötigen eine Wirtschaftswelt, in der die Profit- und Leistungsorientierung ergänzt wird durch eine Sinn- und Lebensorientierung für die Tätigen.

Wir benötigen einen integrierenden, sinnstiftenden und soziale Bezüge erhaltenden Umgang mit dem Alter.

Wir benötigen eine das Subjektive und Persönliche respektierende, Grenzen achtende und Menschen wertschätzende Medienwelt.

Wir benötigen ein politisches Handeln, das bei seinen Entscheidungen die Auswirkungen auf das subjektive Erleben und die psychosozialen Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reflektiert und berücksichtigt.

Wir benötigen mehr Herz für die Menschen.

Unterschrift: _________________________________________ Datum: __________________

Name, Vorname: __________________________________________________

Berufsbezeichnung: __________________________________________________

Funktion: __________________________________________________

Dienstanschrift: __________________________________________________

eMail: __________________________________________________

ggf. Kommentar:

Bitte faxen an: 0971/84-4025

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