Positives schwules Leben im Altenheim (akt.)

Wer spricht schon gern vom Älterwerden? Wer denkt gar an Gebrechen und ans Altenheim? Wir alle verdrängen zu gern, dass unser Leben in Abschnitten verläuft und einer eben auch der letzte sein wird.

Ein Beitrag von Thomas Villmow, geschäftsführender Vorstand der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e.V.

Heinz H. ist als schwuler Mann mit 75 Jahren im letzten Lebensabschnitt angekommen. Doch für ihn ist das ein Grund zum Feiern. Mehr als 30 Gäste lud er im letzten Jahr zu seinem runden Geburtstag ins Alten- und Pflegeheim der AWO ein, wo Heinz seit einem Jahr ein neues Zuhause gefunden hat. Im schönen Nürnberger Stadtteil Johannes gelegen, besuchen wir Heinz zu einer Stippvisite und wollen erfahren, wie sein Leben mit einer HIV-Infektion und im Alter aussieht.

Das Altenheim, nahe den Pegnitzauen gelegen, vermittelt einen ersten, schönen Eindruck. Etwas kitschig finde ich die Eingangshalle und das Treppenhaus, aber es scheint wohl den Geschmack der Bewohner zu treffen. Die Gänge zu den Zimmern empfinde ich als steril. Sie vermitteln mir ein Gefühl von Krankenhausatmosphäre. Doch dieser Eindruck schwindet, betritt man das kleine, aber sehr wohnlich und mit persönlichen Möbeln eingerichtete Zimmer, das Heinz bewohnt.

An der linken Seite steht sein Schreibtisch, auf dem ein altes Foto aus seiner Jugendzeit steht. Er säße oft am Schreibtisch, meint er, da er ja Mitglied im Wohnbeirat sei und viele Bewohner seinen Rat suchen. Die älteste Dame im Haus ist 104 Jahre und fast noch so aktiv wie er. Doch die Leute haben ihn gewählt, weil er so lustig sei. Und lustig sollte es schon zugehen, in einem Altenheim, wo jeder Bewohner über etwas anderes jammern kann.

Heinz fühlt sich hier sehr wohl, seitdem er im August letzten Jahres hier einziehen durfte. Und das war vorher ganz und gar nicht der Fall. Fast drei Monate hielt er es in einem Altenheim in Fürth aus, wo das Essen scheußlich schmeckte und das Personal unfreundlich und intolerant war. So zog er mit Mitte 70 noch mal los auf die Suche nach einem Heim, dass sich tolerant gegenüber einem schwulen und HIV-positiven Mann zeigte. Doch dies war mehr als schwierig. In offener Art und Weise wurde ihm bei Aufnahmegesprächen vermittelt, dass man einen schwulen Mann im eigenen Altenheim nicht wünsche. Und dabei hat Heinz vorab noch gar nichts von seiner HIV-Infektion erzählt. Erst nach vielen Versuchen landete er bei der Leitung des AWO-Altenheims, die sich freundlich und tolerant zeigte und Heinz binnen drei Tage bei sich aufnahm.

Und genau das schätzt Heinz an diesem Haus. Er kann aufstehen und schlafen gehen, wann er mag. Seine offen gelebte Homosexualität und seine chronische Erkrankung ist für die Pflegekräfte kein Problem. Die Medikamente richtet täglich die nahegelegene Apotheke her und liefert sie direkt ins Heim. So kann nichts schiefgehen und die medizinische Versorgung funktioniert, auch dank Hausbesuche seines Schwerpunktarztes, einwandfrei.

Wie ein Tagesablauf aussieht, möchte ich wissen. Er frühstücke fast bis Mittag, meint Heinz und wird natürlich am Vormittag beim Waschen unterstützt. Die meist weiblichen Pflegekräfte sind alle sehr freundlich und nett, sprechen aber zumeist nicht deutsch. So verständigt man sich schon mal mit Händen und Füßen. Entgegen den anderen männlichen Heimbewohnern, würde sich Heinz gern mal einen jungen Pfleger wünschen, doch das ist fast aussichtslos, denn im ganzen Haus gibt es wohl nur einen. Und der zieht zumal die Begehrlichkeiten der weiblichen Heimbewohner an sich.

Am Tage schaut er viel fern, meist Sendungen über Tiere und hält sich zu den Mahlzeiten viel in den Gemeinschaftsräumen des Heimes auf. Besuch bekommt er kaum noch. Nur ein Freund aus alten Tagen des Lederclubs Nürnberg, den er mal gegründet hat, besucht ihn hin und wieder. Und natürlich Ludwig, sein Freund, taucht dreimal die Woche auf. Weil er kaum noch laufen kann, kommt er aus dem Heim recht wenig raus. Aber er fühlt sich hier ja auch geborgen und aufgehoben. Auf die Frage, ob er sein altes Zuhause in der Nürnberger Humboldtstraße vermisse, ernte ich nur ein Kopfschütteln. Hier kann ich zum Rollstuhltanzen und zu Gruppenevents gehen. Erst letzte Woche gab es ein Oktober-Weinfest, auf dem er sich köstlich amüsiert habe. Was soll er da alten Zeiten nachtrauern?

Ich schau auf das Foto mit dem sympathischen Jungen Mann und muss unweigerlich daran denken, wo ich in diesem Alter wohl leben werde. Eine Antwort auf diese Frage fällt mir nicht ein. So erzähle ich Heinz von unserem Hausumbau in der Jakobstraße und Entengasse, denn ich weiß, dass er hier fast 10 Jahre als Pächter des Hotels Walfisch gewirkt hat. Zuletzt bereits schwer erkrankt, wuchs ihm der Job über den Kopf. Sein bewegtes Leben krönte in einer dreimonatigen Inhaftierung in den USA, weil er völlig nackt in ein Schwimmbad ging. Was niemand damals wusste: Heinz hatte eine Toxoplasmose als Folge der HIV-Infektion, die soweit fortgeschritten war, dass er sich nicht mehr an das erinnern konnte, was er tat. Er kehrte mit gerade mal 48 Kilo Körpergewicht nach Deutschland zurück, beendete kurz darauf seine berufliche Laufbahn und zog sich ins Private zurück. Dass die AIDS-Hilfe nun das aus schwuler Stadtgeschichte heraus eher traditionsreiche Walfisch-Haus besitzt und umbaut, freut ihn sehr und es liegt ihm viel daran, bei der Eröffnung im Sommer 2010 dabei zu sein.

Die Sonne streift hinter einer dunklen Wolke hervor und wirft plötzlich einen hellen Stahl in das kleine Appartement. Wie alt muss man werden, was alles erleben, um in einem kleinen Zimmer mit einigen Habseligkeiten aus vergangener Zeit zu landen? Ich verwerfe den Gedanken und erinnere mich daran, dass im Leben einzig zählt, dass man sich glücklich und geborgen fühlt. Und das hat Heinz erreicht.

Wie lange er wohl hier bleiben wird, will ich wissen. Das kann er mir genau sagen, meint er. Denn bereits mit 9 Jahren hat ihm eine Wahrsagerin gesagt, er werde im Jahr 2017 mit 83 Jahren der Welt lebe wohl sagen. Und bis dahin freut er sich auf viele schöne Jahre in seinem neuen Zuhause.

Ich verlasse das Heim mit einem lachenden und weinenden Auge. Gut zu wissen, dass es Heinz hier gut geht. Doch wird dies auch die immer größer werdende Zahl an älteren Schwulen mit chronischen Erkrankungen schaffen? Bis dahin ist wohl noch viel Toleranzarbeit zu leisten in den Köpfen der Menschen, die sich um die Belange von alten und pflegebedürftigen Menschen in unserer Region kümmern.

Erstveröffentlicht in: „denkRAUM“, Dezember 2009, Magazin der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth. Herzlichen Dank für das Einverständnis der Übernahme des Beitrages in meinen Blog!

Nachtrag 29.6.2010: Die AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen Fürth teilt in ihrer „denkRAUM“-Ausgabe vom Mai 2010 mit, dass Heinz H. am 24 Mai 2010 im Alter von 76 Jahren gestorben ist.  (Zum Nachlesen die Ausgabe Mai 2010 wählen)

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Empfehlenswerte Links:

Homosexualität und Alter – Informationen für Beschäftigte in der Altenpflege, Hrsg.: Hessisches Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit, Dezember 2009

Frankfurter Resolution zur Verbesserung der Lebens- und Pflegesituation von gleichgeschlechtlich liebenden, HIV-infizierten und transsexuellen Seniorinnen und Senioren, Juli 2009


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