Sehnsucht nach einem gelingenden Leben

Im Kontext von „Länger leben und alt werden mit HIV“ wird den Lebensgeschichten und Lebensentwürfen von Menschen mit HIV und AIDS zunehmend mehr Beachtung beigemessen. Langzeitpositive und ihre nicht-infizierten Peers sind Geschichtsträger mit Erfahrungen aus einer Zeit, als viele Lebensgefährten an AIDS starben. Das bevorstehende bundesweite Bundespositiventreffen steht daher auch unter dem Themenschwerpunkt: „Leben als Langzeitpositiver – Älterwerden mit HIV“. Unter anderem werden dort Workshops stattfinden wie: „Die Bedeutung des sozialen Umfeldes für das Älterwerden“, „Biografiearbeit: ‚Ich bin dann mal da‘ – Lebensreisende tauschen sich aus“ oder „Schreibworkshop: Geschichten müssen aufgeschrieben werden“.

Lebensgeschichten – und besonders Lebensgeschichten mit HIV – sind immer auch Geschichten von Sehnsüchten. Und von der Suche nach einem gelingenden Leben.

AIDS-Hilfen haben immer auch die Frage nach Wertigkeiten in unserer Gesellschaft gestellt und luden ein zu einer gesellschaftskritischen Debatte.

Die nachfolgenden, von Claus Eurich formulierten Fragestellungen verdienen es, mit dem heutigen schwulen Lifestyle abgeglichen zu werden. Hinter aller dort zelebrierten Party und dem scheinbarem Spaß bleibt doch eine Leere unübersehbar – und die Sehnsucht, die im Grunde eine positive Kraft im Menschen ist, bleibt im selbsterzeugten Labyrinth unerlöst gefangen.

Der folgende Auszug stammt aus einem Vortrag „Die Kraft der Sehnsucht“ von Claus Eurich, gehalten auf der Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie 2005.

Die industrielle Haben-Gesellschaft hat auf ihre Weise Antworten auf den metaphysischen Sehnsuchtsdurst entwickelt. Mit greifbaren Dingen soll der Gejagte und Jagende ihn stillen. Die Ursprungskraft der Sehnsucht wurde so umgelenkt in das Fahrwasser der sekundären Sehnsucht, übertragen auf Dinge, die in ihrer Erscheinung für das Ursprüngliche zu stehen vorgeben. Wo kein Sinn mehr erkannt wird und die großen Ideale an der Ohnmacht zerbrechen und ins Scheitern führen, versprechen Produkte Erlösung. Automobile stehen für Freiheit, Mode und Kosmetika für Schönheit, Pharmaprodukte offerieren Gesundheit, Körperpflegemittel erfüllte Partnerbeziehungen, ja Liebe. Waren suggerieren die Verfügungsmacht über Raum und Zeit, über Natur und Kreatur, Affekt und Gefühl. Kontinuierliche Neuerungen und Erneuerungskäufe sichern den „Ewigkeits-„Charakter dessen, was die Ware an Sehnsuchtswert verspricht. Waren – das meint hier neben den Dingen an sich auch die medialen Angebote, die Kopf, Herz und Gefühl berührenden Produkte der Bewusstseinsindustrie.

Es ist den Sehnsuchtsprodukten eigen, dass sie die Nachfrage nach sich selbst fördern. Sie locken immer neue Wünsche hervor, offerieren ständig neue Möglichkeiten. So wie der Mensch, der sich ganz an die Unendlichkeit verliert, läuft auch der in Produkten seine Identität Suchende immer weiter von sich selbst davon. Auf der Suche nach unmittelbarer Erfüllung, nach Freiheit, Glück, Geborgenheit und Liebe im Gegenständlichen, erwartet ihn nach dem kurzen Moment des Zugreifens nur wieder Leere und Trostlosigkeit. Doch Leere kann er nicht ertragen. Sie erinnern an seine Ohnmachtsgefühle und an das Scheitern der Träume von einem gelingenden Leben. Hörig geworden, greift er immer weiter zu, flieht in ausgerechnet das hinein, was sein Fliehen mit begründet. Er lebt nun in einem Irrgarten. Und wer sucht da schon nach einem Ausweg, wenn er zum vertrauten Lebensumfeld wurde? Umfangen und umstellt von den Gütern der Erde verblasst sein innerer Glanz, der vom Göttlichen kündet.

Die verdinglichte Sehnsucht hat alle Wesensmerkmale einer selbtzerstörerischen Sucht. Als gleichsam kollektive Antwort in einer zunehmend sich von sich selbst entfremdenen Kultur zeigt sie sich als neues Kleid einer alten Krankheit, der Acedia. Erscheint diese in ihrer modernen Variante zuweilen auch äußerst geschäftig, hektisch und voller Unruhe, unterschiedet sie sich im Wesen doch nicht von ihrem mittelalterlichen Vorbild. Noch immer beruht sie auf einer im Letzten selbstverschuldeten Unkenntnis und Trägheit zur Reflexion, wuchert sie auf dem Humus von Selbstblockade und Uneinsichtigkeit. Sie ist die Rückseite der göttlichen Freiheit, der tote Raum hinter der verpassten Weggabelung, ein dämonisches Siegeszeichen der Verblendung und der Ausbeutung tiefster menschlicher Sehnsüchte.

Auf den Irrwegen der Sehnsucht wandelt der Mensch nicht suchend. Unruhig und getrieben hastet er von Irrlicht zu Irrlicht, erschöpft er sich ganz in einer zirkulären Dynamik. So wie ohne tiefe Sehnsucht nach dem Du jedes Liebesbegehren sich auf den Akt der Befriedigung fixiert und darin erschöpft, so lässt jedes Sehnen und Streben, das im Endlichen die Zielpunkte des Lebens markiert, sich an die Endlichkeit verlieren. In der Umklammerung des Endlichen und damit Vergänglichen werden beide austauschbar, das Gehaltene und der, der hält.

Die Jahrestagung der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie 2005 stand unter dem Thema „Sehnsucht und Erinnerung – Leitmotive zu neuen Lebenswelten“. Die Vorträge wurden in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht:

„Sehnsucht und Erinnerung
Hg. Christiane Neuen
Walter-Verlag
22.90 €
ISBN: 3-530-42210-X

Der Vortrag von Claus Eurich ist auch auf audio-CD erhältlich.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: