„Helen“ – Depression als Fiktion und Realität

In Köln fand gestern im Cinenova-Kino die Deutschlandkinopremiere des Films „Helen“ statt, der am 26.11. in den Kinos anlaufen wird. Regisseurin Sandra Nettelbeck ist mit Helen ein bemerkenswerter Film gelungen, der sich dadurch auszeichnet, nah an der Realität und ohne übertriebene Effekte die Entwicklung hin zu einer schweren Depression und auch den krisenvollen Weg hindurch miterleben zu lassen.

Dass die  Deutschlandpremiere von „Helen“ durch den Freitod von Fussballtorwart Robert Enke am 10.11. eine unerwartete Aktualität erfahren würde, hatte bei Terminsetzung niemand vorhergesehen.

Felix Frieler benennt in seiner Filmkritik etwas, das ich bestätigen kann:

„Helen ist ein Frauenporträt, das von seiner Hauptdarstellerin lebt. Es funktioniert stellenweise fast ausschließlich über ihre Mimik. Ashley Judd ist zwar in der Lage, die schwere Thematik zu stemmen und lotet mit ihrem körperlich intensiven Spiel den Grenzbereich zwischen Verzweiflung und Resignation aus. Der Film bleibt dabei aber auf Distanz zu seiner Protagonistin. Obwohl sich Helen gerade mit einem psychologischen Problem beschäftigt, bietet Sandra Nettelbeck keinen Blick ins Innere der Psyche ihrer Hauptfigur an, sondern bleibt bei der Außensicht und lässt damit Raum für Reflexion.“

Gerade diese Aussensicht trifft die Realität. Nachzuvollziehen und zu verstehen, was und wie ein Menschen in einer tiefen Depression erlebt, ist wohl auch außerhalb des Kinossals meist nicht möglich. Die Nahestehenden werden zu hilflosen Aussenstehenden und sehen nur die Unglücklichkeit ihres Gegenübers. Sandra Nettelbeck läßt im Film einen behandelnden Arzt zu Helens Ehemann zutreffend sagen: „Helen ist nicht unglücklich. Helen ist krank.“

Es lohnt, über diesen Unterschied nachzudenken. Für Aussenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie man ein ganz offensichtlich glückliches Leben führt – keine Krankheit, keine Beziehungsprobleme, keine beruflichen Störfelder – und eine Seele doch der Depression immer stärker und stärker anheimfällt. Glück schützt ganz offenbar nicht vor Depression, eine „Lebensversicherung“ gegen Depression gibt es nicht.

Und Depression läßt sich nicht einfach erklären. Menschen suchen aber nach Erklärungen, um selber als Partner, Angehörige und Freunde von an Depression leidenden Menschen zu verstehen, und darüber Handlungs-Orientierung zu finden.

Ohne diese Orientierung im Kontakt zu einem Depressiven zu bleiben und die Zuwendung aufrecht zu erhalten, schaffen viele nicht. Man sucht nach dem, was falsch gelaufen sein könnte, man sucht nach dem, was man dem anderen womöglich schuldig geblieben ist, man sucht nach eigenen Fehlern, man sucht nach etwas, das man tun kann, um dem anderen aus der Depression heraus zu helfen. Denn es wird als unerträglich erlebt, den anderen so leiden zu sehen und die Distanz immer weiter wachsen zu sehen.

In seiner Filmbesprechung trifft es Julian Reischl auf den Punkt:

Helen stellt einen absoluten Meilenstein der Feinfühligkeit dar: So deutlich, wie Judd die Phasen einer depressiven Erkrankung durchlebt und für den Zuschauer erfahrbar macht, wurde das Thema noch nie angepackt. Natürlich ist die Entwicklung der Krankheit chronologisch stark gestaucht. Doch verdeutlicht diese dramaturgisch notwendige Straffung der Entwicklung die einzelnen Symptome für das Publikum umso mehr. Auch die Dialoge sind stark geschliffen, es wird nicht gebrüllt und geweint, sondern es fallen genau die Kern- und Schlüsselsätze, die den Nagel immer wieder auf den Kopf treffen und doch nicht eintreiben können. Trotzdem bleibt die Verzweiflung aller Beteiligter stets greifbar, schon das Zitat zu Beginn des Films spricht von der Hölle, die ohne Vorwarnung über einen hereinbricht.

Das Thema Depression wird von Nettelbeck beispielhaft an den stark ausgeprägten Fällen der Helen und Mathilda beispielhaft vorgeführt, auch die Machtlosigkeit und Co-Depressivität des direkten Umfeldes des Patienten inklusive Niedergang wird eingehend beleuchtet. Nur schmerzhafte persönliche Erfahrung kann es möglich machen, ein derart intensives Filmerlebnis zu erschaffen. Dabei ist die Entwicklung der Krankheit im Film auf jedermann anzuwenden: Die Parallelen zu einer weniger starken Variante der Erkrankung sind leicht zu erkennen.

Mich hat dieser Film sehr beeindruckt. Besonders: Wieviel Lebenskunst ist es, zu erkennen, in welchen Momenten das „Reden“ angebracht ist, und in welchen Momenten das „Schweigen in der Nähe“ wichtiger ist.

Sich erklären zu müssen, da wo einem selber die Worte fehlen und wo auch das sich selber verstehen fehlt, das fordernde „sprich mit mir“, wo einem selber die Worte fehlen, führt immer nur dazu, dass Menschen – wie Helen – sich „verhört“ und verfolgt vorkommen – sich völlig unverstanden fühlen und sich nur noch weiter zurückziehen können.

Der Film läßt einen nachdenklich zurück, und das ist auch gut so. Man ist zum Schluss weder beschwingt  noch bedrückt – sondern nachdenklich. Diesen Spielfilm über das Leben mit einer Depression zu sehen, macht nicht depressiv, wie viele vielleicht erwarten könnten.

„Helen“ kann Verständnis fördern für Menschen, die an einer Depression leiden. Und der Film kann aufmerksam machen für das eigene Leben, wenn trotz allen Glücks ein Empfinden von Leere und Schwere sich auszubreiten beginnt.

Zahlreiche Studien zeigen ein erhöhtes Risiko für Menschen mit HIV, an einer Depression zu erkranken. Typische Auslöser einer Depression bei HIV-Positiven werden z.B. in dieser Patientenbroschüre aufgeführt. Einen Erfahrungsbericht zu HIV und Depression liefert dieser Blogger in „Damals im tiefen Loch…

Mein Tip: Keine Scheu, dieser Film ist sehenswert!

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Ähnliches zum Thema: Die Angst, stigmatisiert zu werden ist groß.

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