Handeln statt behandelt werden!

„Machen Sie sich keine Gedanken. Wir wissen schon, was für Sie  gut ist.“ Mit diesen paternalistischen Worten bekam eine MS-Patienten im Krankenhaus vom Arzt bei der Visite ihre Diagnose mitgeteilt, lapidar dahergesagt, fast nebenbei. Die Patientin erlebte das als „ganz furchtbar“.

Am Beispiel von MS (Multipler Sklerose), berichtet tagesschau.de in einem sehr guten Video-podcast über das Projekt einer Patientenschulung im Hamburger Uniklinikum. Ziel ist, Menschen mit einer Krankheit fit zu machen, sich von Ärzten nicht mit lapidaren oder selbstherrlichen Äusserungen abspeisen zu lassen, sondern ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Patienten lernen, sich gezielt auf das Gespräch mit dem Arzt vorbereiten. Sie werden bestärkt, kritisch Dinge zu hinterfragen und eigene Entscheidungskompetenz zu entwickeln. Denn „die Entscheidung kann mir keiner abnehmen.“

Die Parallele zur Krankheit der HIV-Infektion liegt auf der Hand. Alle Menschen mit einer schwerwiegenden chronischen Erkrankung müssen lernen, ihr Patienten-Arztverhältnis individuell und aktiv zu gestalten.

Von Anfang an ist das Ziel des „mündigen Patienten“ in der Positivenselbsthilfe und in den AIDS-Hilfen handlungsleitend. Die Methode dazu heisst „Empowerment„:

Mit Empowerment bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften zu erhöhen und es ihnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Wörtlich aus dem Englischen übersetzt bedeutet Empowerment „Ermächtigung“ oder Bevollmächtigung.

Immer wieder einmal höre ich von Menschen mit HIV, dass auch ihre Diagnosemitteilung nicht in einem angemessenen und ihrem Selbstwert gerecht werdenden Gespräch erfolgte. Viele erleben sich abgespeist und alleine zurückgelassen. In der Regel ist man bei so einer beängstigenden Diagnose nicht in der Lage, sich direkt gegen diese Art des Umgangs zu wehren. Zu sehr ist man in diesem Moment mit dem eigenen Chaos beschäftigt.

Auch meine HIV-Diagnosemitteilung 1990 erfolgte im Krankenhaus durch einen Oberarzt, den ich nicht kannte. Er eröffnete mir meine HIV-Diagnose in einem Ton, der klar machte, dass er keinen Dialog mit mir wollte. Diffus schwang eine Schuldzuweisung und Verurteilung mit, zumal er mich in einem Atemzug sogleich darauf hinwies, dass ich ja nun Sorge dafür zu tragen hätte, andere nicht anzustecken. Und dann war er auch schon aus dem Zimmer gerauscht.

Der Stationsarzt, der ihn – zur Nebenrolle degradiert – begleitete, kam aber kurze Zeit später zu mir zurück. Zu diesem äusserte ich dann meine Empörung über das menschenunwürdige Auftreten des Oberarztes. Der Stationsarzt teilte meine Meinung. Den Oberarzt habe ich nie mehr wiedergesehen.

Mein Zorn auf ihn ist heute noch so groß wie im ersten Moment damals.

2 Antworten zu Handeln statt behandelt werden!

  1. alivenkickn sagt:

    Empowerment . . . . hmm . . . das hab ich wie s aussieht schon praktiziert als ich noch gar nicht wußte das es solch ein Wort gibt.😉

    Vor ein paar Jahren hatte mir ne junge Ärztin „richtiges Verhalten“ beibringen wollen, nachdem Sie mir so en passant mitteilte „Sie haben ein Carcinom, wir müssen sie noch mal operieren“. In diesem Moment hat s mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen und ich bin wie ein Tiger im Käfig im Arztzimmer auf und ab gelaufen. Scheixxe. . . Krebs . . auch das noch. Als sie meinte ich soll mich hinsetzen – war sie bei mir an der richtigen Adresse . . .🙂

    Leider gibt es heute wieder nicht wenige Ärzte die mit Patienten gerade was HIV betrifft von oben herab behandeln das es einen graust.

  2. termabox sagt:

    @ alivenkickn:
    Stimmt, es gibt immer noch Ärztinnen und Ärzte, die die Seelen ihrer Patienten ignorieren, stattdessen Diagnosen stellen und behandeln, und die unfähig (oder überarbeitet?) sind, um der Patienten-/Arzt-Beziehung die nötige Beachtung zu schenken.
    Aber es gibt auch viele Ärztinne und Ärzte, die hierfür ein Bewustsein haben.

    Patient zu sein müssen viele offenbar lernen wie sich in einem fremdsprachigen Ausland (mit womöglich fremder Schrift) zurechtzufinden. Ohne Sprachkurs und Stadtplan ist man aufgeschmissen, es sei denn, man ist einfach ein Kommunikationstalent, das in jeder Situation reagieren kann. Stadtplan und Sprachkurs sind immer hilfreich.

    Nun bereitet sich ein gesunder Mensch nicht auf diesen „Patientenfall“ vor, meistens stürzt man ungeplant in diese Situation hinab.

    Von der menschlich-emotionalen und fachlichen Perspektive her ist angesichts einer Krankheitsdiagnose der Arzt und die Ärztin in der gefestigteren und damit handlungsmächtigeren Position. Deshalb kommt dem ärztlichen Personal hier ein mehr an Verantwortung zu.

    Aber auch PatientInnen müssen anschliessend aktiv werden und dazulernen, wollen sie nicht in der hilflosen und abhängigen Rolle verharren.

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