Laudatio auf Cori Obst zum Bundesverdienstkreuz

Anlässlich der Verleihung des Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland am Mittwoch, 27. Mai 2009, an Frau Corina Obst, hielt Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung die Laudatio:

090527 BVK Cori 005

(Es gilt das gesprochene Wort)

Frau Cori Obst hat durch ihr langjähriges Engagement im sozialen Bereich auszeichnungswürdige Verdienste erworben.

Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten vom 19.12.2008

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, liebe Frau Obst,

28 Jahre ist es her, als das Aids-Virus als eigenständige Krankheit definiert wurde. Die jüngsten Zahlen sagen, dass weltweit 33 Millionen Menschen infiziert sind, mehr als 2,5 Millionen kommen jährlich als Neuinfizierte dazu. Weltweit durchschnittlich rund ein Prozent der 15 bis 49-Jährigen tragen diesen Virus in sich, in afrikanischen Staaten sind es bis zu 20 Prozent.

Seit Jahrzehnten klärt die Aidshilfe auf und hilft Betroffenen. Frau Obst gehört zu den ersten HIV-positiven Frauen in Deutschland, die aus der allgemeinen Positivenselbsthilfe heraustraten und die emanzipative Selbstvertretung HIV-positiver Frauen im Verband der AIDS-Hilfen in Deutschland begründeten.

Nach ihrer HIV-Diagnose 1991 nahm Frau Obst zunächst als Ratsuchende zur AIDS-Hilfe Wuppertal Kontakt auf. Schnell wurde ihr deutlich, dass in der AIDS-Hilfe Wuppertal frauenspezifische Angebote fehlten. Sie setzte sich sodann das Ziel, der Gruppe der heterosexuellen Frauen gleichen Wert beizumessen und ähnlich zielgruppenspezifische Angebote zu machen wie es sie für die bisherigen Zielgruppen bereits gab.

Mitte 1992 begann sie, das Projekt „Frauen und AIDS“ in der AIDS-Hilfe Wuppertal zu etablieren. Ihr Leitgedanke war, dass, wenn die AIDS-Hilfe sich allgemein für Frauenfragen öffne, sie sich auch eindeutig positionieren und parteiisch für Frauenfragen im Verbund mit anderen Frauenorganisationen engagieren müsse.

Folgerichtig integrierte sich Frau Obst als offizielle „Frauenreferentin der AIDS-Hilfe Wuppertal“ in alle relevanten kommunalen Arbeitskreisen und platzierte das Thema „Frauen und AIDS“ auf allen wichtigen Frauen-Veranstaltungen. Zudem nutzte Frau Obst sehr bewusst die öffentlichen Medien, um HIV-positiven Frauen Gehör zu verschaffen.

Mit dem Medienprojekt des Jugendamtes der Stadt Wuppertal entstand ab 1992 eine mehrteilige, landes- und bundesweit beachtete Dokumentation „Was mir hilft, das ist mein Leben“.

Darüber hinaus ging sie in einige Talk-Shows, um als HIV-positive Frau deutlich zu machen, dass auch heterosexuelle Frauen von AIDS und HIV betroffen sind. Mit ihrer Präsenz wollte sie andere HIV-positive Frauen ermutigen, sich nicht zu verstecken, sondern sich zusammenzuschließen und als betroffene Frauen eigene Forderungen an die AIDS-Hilfen, die AIDS-Forschung, die Politik und die Gesellschaft zu stellen.

Auf den Wuppertaler FrauenGesundheitsTagen, die seit 1996 stattfinden, finden durch die Initiative von Frau Obst Workshops und Angebote zum Thema Frauen und AIDS statt.

1997 organisierte sie mit der Fachtagung „Frauen und AIDS – roter Faden, rotes Tuch oder nur rote Schleife“ die erste große Fachveranstaltung zur Thematik „Frauen und AIDS“ in der Bergischen Region.

Auf Landesebene war Frau Obst von 1994 bis 1998 im Vorstand der AIDS-Hilfe NRW ehrenamtlich tätig. Hier war sie 1995 maßgeblich an der Einrichtung des Fachbereichs und der Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und AIDS in NRW beteiligt.

Auf Bundesebene setzte sie sich im Dachverband der DAH für einen Fachbereich „Frauen“ ein. Auf Dachverbandsebene war sie des Weiteren von 1999 bis zum Jahr 2001 Mitglied des Delegiertenrats und von 1997 bis 1999 sowie erneut von 2001 bis zum Jahr 2003 des Fachbeirats „Frauen“.

Sie war in den letzten 15 Jahren Initiatorin und Mitorganisatorin zahlreicher Veranstaltungen, so 1997 des Kongresses „Was heißt`n hier behindert“ zum zehnjährigen Bestehen der AIDS-Hilfe Wuppertal sowie mehrerer Bundespositivenversammlungen der Deutschen AIDS-Hilfe.

Frau Obst kämpft für das Bewusstsein in Politik und Öffentlichkeit, für ein Recht auf Schwangerschaft und Lebensperspektiven, für die Unterstützung von Menschen mit HIV und AIDS in Not und vor allem dafür, dass die Frage nach der „Schuld“ an der eigenen Infektion nicht zur Trennungslinie wird zwischen denjenigen, die sich durch ihr eigenes Handeln infiziert haben und denjenigen, die im Rahmen einer medizinischen Behandlung infiziert wurden.

Frau Obst erhielt 2007 den Ehrenamtspreis „merk/würdig“ der AIDS-Hilfe NRW.

Liebe Frau Obst, Sie selbst bezeichnen sich als sehr offen, kämpferisch, feministisch und im positiven Sinne als unbequem. Und ich denke, genau diese Eigenschaften sind wichtig für Ihre Arbeit. Sie haben sich mit Ihrem herausragenden Engagement vor allem für die betroffenen Frauen eingesetzt. Und der AIDS-Hilfe haben sie damit insgesamt zu einem noch größeren Stellenwert in unserer Gesellschaft verholfen.

Hierfür hat Ihnen der Bundespräsident zu recht das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Hierzu gratuliere Ich Ihnen sehr herzlich und freue mich,

Ihnen diesen Orden jetzt überreichen zu dürfen.

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