Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches an der Unglücksstelle des Kölner Stadtarchivs

Nach außen wirkt alles recht ruhig in der Südstadt an diesem Samstagnachmittag gegen 16 Uhr. Die Sonne scheint ein wenig, aber es ist kalt. Weiträumig ist die Unglücksstelle von der Polizei abgesperrt, einige Anwohner passieren die Absperrungen und gehen ihrem Alltag nach. Das Leben muss schließlich weitergehen.

Eine überschaubare Anzahl von Menschen möchte wie ich einen eigenen Eindruck von der Unglücksstelle bekommen. An keiner Stelle kommt es zu Behinderungen von Polizei, Feuerwehr und Bauarbeitern. Die Ruhe und erforderliche gelassene Routine stehen scheinbar im Widerspruch zu der emotionalen Tragödie für Menschen und Kulturgut, die sich 100 Meter weiter ereignet hat.

Von der südlichen Absperrung aus sehe durch die Straßenschlucht der Severinsstraße und erkenne den Schuttberg des eingestürzten Stadtarchivs. Dahinter das Haus mit den aufgerissenen Wohnungen und freiliegenden Zimmerwänden. Was an Rettungs- und Bergungsaktivitäten läuft, bleibt meinem Blick verborgen.

Aber in meinem Bewusstsein ist mir klar, dass dort, wenige Meter weiter, viele Menschen nach den beiden Vermissten suchen. Ich denke daran, dass dort diese zwei Menschen unter den Trümmern verschüttet sind, dass es ein Wunder wäre, sie noch lebend zu bergen. Nachdenklich und bedrückt bleibe ich einige Minuten an diesem Ort, den Blick immer auf den Trümmerhaufen gerichtet. Einer Frau neben mit geht es ähnlich. Jeder von uns ist still und in Gedanken versunken.

In die Südstadt bin ich gefahren, nachdem ich an der Kundgebung „Frauenrechte statt Scharia! Aufklären statt verschleiern!“ des „Zentralrats der Ex-Muslime“, dem „Verein für Aufklärung und Freiheit“ und des „Internationalen Komitees gegen Steinigung und Todesstrafe“ zum Internationalen Frauentag auf dem Wallraffplatz teilgenommen habe. Die Kernkritik der Veranstalter richtet sich gegen Menschenrechtsverletzungen, welche zunehmend durch das Vorrücken der patriarchalischen Herrschaftskultur des politischen Islams in Deutschland und Europa verursacht werden.

Kundgebung zum  Intern. Frauentag, Wallraffplatz, Köln

Kundgebung zum Intern. Frauentag, Wallraffplatz, Köln

„Steinigung“, dieses Wort komm mir nun auch angesichts des Kölner Trümmerberges in den Sinn, in dem zwei Menschen verschüttet sind. Grausam dieses Unglück, grausam dieser fanatische Umgang einer islamistischen theokratischen Herrscherelite in einigen islamischen Ländern gegenüber Menschen, die sich von den unmenschlichen Regeln und Vorschriften dieser menschenverachtenden Kultur lösen und anders leben wollen. Steinigungen als Strafe zur Wiederherstellung einer fragwürdigen Ehre geschehen auch heute noch gegenüber Frauen, auch gegenüber Lesben und Schwulen, z.B. im Iran und Irak. Auch das macht mich sehr betroffen.

Und gerade eben ruft ein Freund aus den Niederlanden an, der bei „Poz and Proud“ mitmacht, der Selbsthilfe schwuler Männer mit HIV, und meinen Gastbeitrag über „Das P von Proud“ für deren Blog übersetzt und eine Rückfrage hat. Ich lese mir dazu meinen Text noch einmal durch und stolpere über das Wort „Trümmerfeld“, mit dem ich meine Gefühlslage nach der Mitteilung meiner HIV-Diagnose 1990 beschreibe. Meinen Gastbeitrag hatte ich schon am 28.Februar geschrieben, also VOR dem Unglück in Köln, und jetzt rührt das Trümmerfeld des versunkenen Stadtarchivs hier vor mir auch an meine Lebensstimmung von damals.

Schutthaufen, Steinigungen und ein Trümmerfeld –  so viele Anknüpfungen an Themen und Ereignisse, mit denen sich das Unglück von Köln mit meinem Leben verwebt.

Das Leben ist kostbar. Schätzen und schützen wir es! Überall!

***

Lies auch meinen Beitrag vom 6.3.: „Ich war noch niemals … im Kölner Stadtarchiv

7 Antworten zu Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches an der Unglücksstelle des Kölner Stadtarchivs

  1. […] Hier mein neuer Blogbeitrag zum Kölner Stadtarchiv: “Trümmerfeld, Schuttberge und Steinigungen – Nachdenkliches…“ […]

  2. ondamaris sagt:

    „aufklären statt verschleiern“, das möchte man doch auch der kvb sagen, scheint mir …

  3. termabox sagt:

    @ termabox:

    recht hast du! da siehste mal, wie heute einfach alles mit allem auf eine sehr spezielle art und weise was miteinander zu tun hatte.😉

  4. michael@tisem.de sagt:

    Ich bin sehr wütend über dieses Beamtenversagen: wertvolle Kulturgüter sind für immer verloren.
    Die Situation ist ähnlich wie beim Einmarsch der USA im Irakkrieg in Bagdad. Das Öl-Ministerium wurde sofort bewacht, aus dem Antik-Museum wurden jahrtausend-alte Kulturgüter von Dieben geraubt. In Köln wurden zweitklassige Gutachter beauftragt, die alles verharmlosten. Dabei war seit 2004 durch ein Gutachten des Ing.Büros Zorn aus Wülfrath bekannt, das der „Untergrund“ in dieser Gegend sehr bedenklich ist. Dieses Ing. Büro hat laut „der Spiegel“ das Gutachten bzgl. des Kirchturms der Gemeinde St. Johann Baptist erstellt, der nur durch ein Gerüst vor dem Umstürzen bewahrt werden konnte. Das Gutachten des Ing.Büros Zorn ist so eindeutig, dass der Einsturz von Häusern in dieser Gegend vorhersehbar war. Aber die verantwortlichen Beamte im Rathaus der Stadt Köln haben abgewiegelt und weiter gepennt statt geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Für so Prestige-Objekte wie die U-Bahn werden Milliarden Euro das Fenster hinaus geworfen, für so wichtige Kulturgüter die im historischen Archiv lagerten war kein Geld und Plan vorhanden. Diese Kulturgüter hätten bereits 2004 nach dem Gutachten bzgl. des schiefen Kirchturms anderweitig sicher eingelagert werden müssen. Auch waren die Kulturgüter nur bis 60 Mio.€ versichert, die Experten auf mindestens 400 Mio. € schätzen (siehe Bericht Süddt.Zeitung). Ich schlage daher vor eine Initiative „es müssen Köpfe rollen“ zu gründen. Diese verantwortlichen Stümper-Beamten müssen beim Namen genannt und politisch zur Rechenschaft gezogen werden. Es sind ja in 2009 einige Wahlen in Köln (Gemeinde/Europa+Bundestags-Wahlen). Parteien deren Politiker diesen Schlamassel zu verantworten haben, sollten bei den kommenden Wahlen abgestraft werden. Gleichgesinnte möchten sich bitte bei mir melden: Michael Recktenwald
    Tel: 089/1688534 Mail: michael@tisem.de

  5. Steven sagt:

    @ michael@tisem.de:

    Darf ich höflich anfragen, welche Beamten hier versagt haben sollen, welche Beamten von Ihnen hier als Stümper-Beamte bezeichnet werden? Ich erlaube mir, darauf aufmerksam zu machen, dass die Einsatzkräfte der Polizei und der Berufsfeuerwehr, die vor Ort seit Tagen ausgezeichnete Arbeit leisten, allesamt Beamte sind.

    @ termabox:

    Beim Lesen Deiner Beiträge zu diesem Thema komme ich ins Grübeln, wie wir eigentlich mit UNSERER Geschichte umgehen.

    Das, was da in Köln jetzt unter Schutt begraben in einem Krater liegt, ist ja nicht unsere, nicht DEINE, nicht MEINE Geschichte. Es ist die Geschichte, es sind die Geschichten anderer Menschen, vielleicht ein Stück der regionalen Menschheitsgeschichte.

    Aber UNSERE Geschichte entsteht ja erst noch – hier und jetzt. Haben wir eigentlich sichergestellt, dass unsere Geschichte, vielleicht nicht unsere höchstpersönliche Geschichte, aber die unserer Lebenswelten und Lebensumstände, authentisch dokumentiert wird?

    Wie ist das, wenn in zehn Jahren, 100 Jahren, 1000 Jahren mal jemand Interesse daran zeigt, wie das mit den schwulen Menschen war, damals in Köln, in Deutschland, wie das war mit HIV und AIDS. Und diese Blogger, was waren das für Dinger?

    Wir überschemmen die Welt mit digitalisierten Informationen. Vielleicht bleibt das ja alles bis in alle Ewigkeiten gespeichert und abrufbar. Aber ist das unsere Zeit, unser Leben, unsere Geschichte? Was ist eigenlich die Quintessenz unserer Geschichte, die es sich zu bewahren, zu beschützen und weiterzugeben lohnt?

  6. termabox sagt:

    @ Steven:

    Stimmt, UNSERE Geschichte als schwule Männer, auch mit HIV lebend, wird in solch einem Stadtarchiv nur minimal zu finden sein: in Köln vielleicht Gremienprotokolle zur Benennung des Jean Claude Letist-Platzes z.B., oder städtischer Förderung von schwulen Einrichtungen, Grussworte oder Reden…

    Umso wichtiger der Verein Centrum Schwule Geschichte, der ein eigenes Archiv unterhält und Nachlässe in begrenztem (Platz-)Umfang der Nachwelt erhalten kann. Vieles ruht wohl auch bei Leuten wie Dir und mir im Schrank oder in Kartons.

    Es braucht Menschen mit Wertschätzung und Interesse für historische Entwicklungen, die solche Spuren vergangener Zeiten wertschätzen, erhalten und bewahren.

    Handgeschriebene Briefe sind eben von längerer Dauer als Emails, die schnell gelöscht werden. Auch private Tagebücher sind Abbilder vergangener Jahre. Und Bloggen ist ja auch, wenn man es so betreibt, ein Archiv für das aktuelle Zeitgeschehen, kommentiert aus unserer persönlichen Perspektive. Wenn man denn immer wieder gerade den persönlichen Bezug in die Texte mit einbringt.

  7. termabox sagt:

    @ Steven:

    „…Ohne Quellen keine Forschung, keine Ausstellungen, keine Bibliotheken, keine Bildung. Daher müssen die Archive in die Lage versetzt werden, ihrem Auftrag nachzukommen. Neben der Sicherung der Überlieferung gehört dazu auch die Vermittlung von Wissen. Dies bedingt eine entsprechende Ausstattung mit Personal und Sachmitteln, aber vor allem auch die notwendige Anerkennung und Akzeptanz. Archivare sind keine Bittsteller, sondern Informationsmanager, deren Dienst in einer modernen Wissensgesellschaft wertvoller denn je ist.“, zitiere ich Ulrich Soenius, Direktor des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsarchivs und Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Archivare sowie Geschäftsführer der IHK Köln für Standortpolitik, Verkehr, Unternehmensförderung, in einem Gastbeitrag im Kölner Stadtanzeiger Online vom 9.3.09
    http://www.ksta.de/html/artikel/1233584110412.shtml

    Dann lasst uns Quellen schaffen!

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