Verbrüderung der Sterblichen

Gestern starb Slavomir. 27 Jahre alt. (Der Name ist geändert)  HIV-positiv getestet Mitte 2006, als er mit Schmerzen zum Arzt ging und ein Non-Hodgkin-Lymphom festgestellt wurde. Anfang Oktober 2008 erfuhr er, dass ein zweites Rezidiv da war. „Mit HIV kann man leben, aber mit diesem Krebs nicht“, sagte er vor wenigen Tagen noch.

Donnerstagnachmittag war ich das letzte Mal bei ihm. Tags zuvor war er frisch im Krankenhaus aufgenommen worden. Auch da schon war ich zu einem kurzen Besuch bei ihm. Die Aufnahmemodalitäten liessen aber kein langes Gespräch zu. Donnerstag war es dann möglich. Er wartete sehr und wohl etwas ungeduldig auf meinen Besuch. Im Laufe dieses Jahres war ich immer wichtiger für ihn geworden, um den ganzen Lebens-Verwaltungskram zu regeln und zu besprechen, und ebenso auch für das, was ihn ganz persönlich beschäftigte.

Ende November sprach er deutlicher als zuvor vom Sterben. Dass er nicht dahinvegetieren wolle, dann lieber rechtzeitig zurück nach Polen zu seinen Eltern und selber ein langes Leiden abzukürzen. „Bis März noch Therapie hier, und dann fahre ich rüber.“ Ganz klar war für ihn: „Wenn ich nicht mehr laufen kann, dann will ich nicht mehr leben.“ Damals im November versicherte ich ihm, dass mich seine Gedanken zum Sterben nicht erschreckten und dass ich ihm anbiete – wenn er es wolle – mit ihm darüber weiter im Gespräch zu bleiben und ihn zu unterstützen, dass seine Autonomie auch im Sterben gewahrt bliebe.

So ein Angebot ist bei aller hauptamtlichen Professionalität dann doch immer ein sehr persönliches und damit freiwilliges Engagement. Slavomir machte ich dieses Angebot gerne und es fiel mir leicht. In den vergangenen Monaten war viel Vertrauen und Sympathie zwischen uns gewachsen. Und aus meiner Erfahrung mit dem Sterben meiner Eltern und meines Freundes fühlte ich mich klar und stark, jetzt Slavomir meine Bereitschaft zu geben, für ihn da zu sein.

Seine Dankbarkeit beschämte mich jedes Mal. Ich war mir bewusst, wie wenig es doch angesichts der existentiellen Entmachtung war, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten tun konnte. Den Krebs hätte ich ihm gerne weggezaubert, aber als Mensch kann man das eben nicht. Na und ich sagte ihm dann meist – wohl auch um meiner Verlegenheit über seine Dankbarkeit zu entkommen: „Ach weisst du, ich wünsche mir ja auch, dass bei mir einmal Menschen da sein werden, wenn ich es alleine nicht mehr schaffe und andere brauche, die sich um mich kümmern.“ Aber verstanden haben wir beide schon zwischen den Zeilen.

Letzten Donnerstag wartete er schon auf mich im Raucherpavillon des Krankenhauses. Und sein größter Wunsch war, dass seine Frau und seine kleine Tochter sein letztes  Weihnachtsfest mit ihm im Krankenhaus verbringen können und sie ein eigenes Zimmer dafür bekommen. Weihnachten alleine zu verbringen, das hätte ihm das Herz gebrochen. Jetzt hoffte er, wenigstens noch bis Januar durchzuhalten, um dann nach Hause nach Polen zu fahren. Ich meinte vorsichtig, aber auch deutlich zu ihm, ob das alles so klappen würde, sei ungewiss. Ums Sterben machten wir beide kein Tabu.

Ich trennte mich dann von ihm, um ein offenes Gespräch mit dem Chefarzt und Leiter der HIV-Ambulanz zu führen. Dort wurde mir großes Entgegenkommen signalisiert.

Mit dieser Auskunft ging ich zurück zu Slavomir, jetzt auf seinem Zimmer. Dort saß ich lange mit ihm am Bett, wegen der beiden anderen Patienten unterhielten wir uns gedämpft. Ein Strafmandat wegen zu schnellem Fahren auf der Autobahn nach Polen im August übergab er mir mit der Bitte, über Ratenzahlungen  zu verhandeln. Das und auch andere Papiere nahm ich einfach an und behielt meine Gedanken für mich. Dann sprachen wir über seine Eltern. Ich regte an, ihnen doch jetzt am Telefon klaren Wein einzuschenken, wie es um ihn stehe. Von HIV wussten sie nichts, vom Krebs ja, aber nicht von der Dramatik, die inzwischen entstanden war. Nein, das müsse er persönlich vor Ort tun, sie dann persönlich vorbereiten. Am Telefon, das wolle er nicht. Die Mutter hätte schon drei Schlaganfälle gehabt, um sie machte er sich Sorgen.

Wie es denn für ihn wäre, wenn er als Vater später erführe, sein eigenes Kind wäre schwer krank und hätte es ihm nicht mitgeteilt und es alleine ausgehalten, fragte ich ihn. Aber er blieb unbeeindruckt und ich respektierte ihn so. Er kennt seine Familie am besten.

Im gemeinsamen Gespräch über all diese persönlichen Sachen wurde sein Gesicht immer leichter, gelöster und – ja er strahlte mich dann geradezu an mit einer Freude darüber, dass ich da war, einfach bei ihm war.  Worte können dies kaum beschreiben: Traurigkeit und doch Freude … ich nenne es so: da fand eine „Verbrüderung der Sterblichen“ statt. Denn ich sagte auch zu ihm: Wenn ich dann mal später auch in den Himmel komme, wünsche ich mir, dass Du mich dort schon erwartest. Zum Abschied war es ihm wichtig, aufzustehen: „Komm lass Dich umarmen!“ lud er mich herzlich ein – ungewöhnlich für ihn und dies steht dann auch für sich…

Gestern kam ich im Krankenhaus an, wenige Minuten, nachdem er gestorben war. Seine Frau mit Tochter und sein Bruder mit einigen Angehörigen waren da. Seine Frau hatte Angst, das Sterben bei ihm mitzuerleben, das wusste ich. Ich glaube, ich kam zum richtigen Zeitpunkt und konnte seiner Frau Rückhalt und Sicherheit geben, in diesen intensiven Momente ohne Angst zu sein. Ich glaube, Slawomir hätte sich dies von mir gewünscht.

Jetzt hat sich seine Seele in die große Freiheit aufgeschwungen…

9 Antworten zu Verbrüderung der Sterblichen

  1. […] “Verbrüderung der Sterblichen” auf Termabox. […]

  2. ondamaris sagt:

    mein lieber, fühl dich inniglich umarmt …

  3. termabox sagt:

    @ TGD + ondamaris:

    Danke für eure Aufmerksamkeit im Lesen.

    Natürlich beschäftigt mich noch viel mehr zu dem Erlebten, als was ich geschrieben habe. Aber das gehört nicht in die Öffentlichkeit.

  4. alivenkickn sagt:

    dein text hat mich sehr berührt und mich an einen freund erinnert der vor nunmehr 9 jahren gestorben ist. wenn ich ihn im krankenhaus besuchte fragte er mich oft „wie s mir den so geht“. er – der wußte das er sterben würde hat mir während seiner letzten tage mehr wie einmal – wie ich es damals empfand „getröstet“ mit rat zur seite gestanden. die letzten besuche bei ihm vor seinem tod waren sehr entspannt. durch ihn habe ich viel von meiner angst und unsicherheit die ich bzgl „sterben und tod “ hatte verloren.

  5. termabox sagt:

    @ alivenkickn:

    ich glaube dir, dass mein Text sehr persönliche Erlebnisse wachruft, die einfach für sich stehen und über die man nur mit engsten Freunden reden mag, eben denen, die einen kennen und verstehen und die sich auf diese Emotionalität auch einlassen können.

    im Alltag müssen wir diese Seiten, die ja auch zu uns gehören, verstecken und wegpacken, weil sie die Schnelligkeit des Lebens stören und andere uns mit Verständnislosigkeit und vielleicht auch Abwertung (zuviel Gefühl) begegnen.

    Im Mainstream kommt Sterben und Tod nicht vor – in meinem Leben aber schon.

  6. alivenkickn sagt:

    @termabox

    ich bin da mittlerweile anderer ansicht. mein freund ist immer noch sehr präsent. er wechselt sich mit einem bild von ilona ab. wenn ich mir sein bild – foto mit dieser berühmtem apparatur die die morphiumabgabe reguliert – anschau dann muß ich immer grinsen alldieweil er wie ghandi aussieht. nicht nur wegen seiner nicht vorhandenen haare – seines aussehens, sondern des bettuchs wegen das er wie ein indischen gewandt lässig übergeworfen hat.

    natürlich gibt es erlebnisse mit denen man sich mit denjenigen unterhält die verstehen. andererseits stelle ich bei mir fest das viele mauern die mich hinderten von bestimmten gerade pers. erfahrungen – erlebnissen zu erzählen teilweise nicht mehr vorhanden sind, immer mehr in sich zusammenfallen. möglicherweise ist dies das ergebnis meiner haltung aus den 68ger jahren – das es mir egal ist wer was über mich von mir denkt/hält.

    was ich wahrnehme ist das es im grunde genommen mehr menschen gibt – möglcherweise mehr menschen als ich meinte – die wenn man authentisch – emotional von sich und seinen erfahrungen spricht berührt werden. so ist uns ja das sich verstecken oder das nicht reden – schweigen über sogeannte „tabus“ nicht unbekannt. wenn dann da einer ist der sich über solche grenzen hinwegsetzt – dann staunt man nicht schlecht über die resonanz – über die zustimmung.

    generell ist es bei mir so das es bei mir situations abhängig ist. ich rede – schreibe wenn mir danach ist, es mir ein bedürfnis ist oder ich laß es.😉

  7. DerMuenchnerBart sagt:

    Viele gute Gedanken aus München.

  8. Ulysse sagt:

    Peter Handke hat einmal geschrieben:
    ‚Die Angst für alle Zeit von jemandem wegstreicheln.“
    Und die Sorge, und das Traurigsein auch …..

  9. termabox sagt:

    @ DerMuenchnerBart:
    Danke Dir, mein Lieber!

    @ Ulysse:
    Und wenn allein die aufmerksam zugewandte Gegenwart dieses „wegstreicheln“ hervorzurufen vermag, dann wird deutlich, wie wirkungsvoll und die Seele berührend Begegnungen zwischen Menschen sein können.

    Für Slavomir war ich rückblickend zu einem unverzichtbaren und verlässlichen Bodyguard geworden, der ihm alle Bedrängung der Welt vom Leib halten konnte und ihm den Weg voran frei gehalten hat. Auch für mich eine nicht alltägliche Erfahrung. Sein Vertauen ehrte mich und dass ich diesem Vertrauen gerecht werden konnte, freut mich.

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