Grußworte von Merkel, Schmidt und BZgA ohne Sekundärprävention

Im Jahresbericht 2007 der Deutschen AIDS-Hilfe, herausgegeben zu ihrem 25-jährigen Bestehen, finden sich u.a. Grußworte von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und der Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Prof. Dr. Elisabeth Pott. Was bei genauem Lesen auffällt ist, dass alle drei stark das Engagement der DAH in der Primärprävention hervorheben. Die Arbeit der DAH in der Sekundärprävention –  z.B. als Ort der Positivenselbsthilfe und Ort der Vernetzung und Beratung von und mit Menschen mit HIV und AIDS – wird dagegen in Worten zum 25-jährigen Bestehen nicht ausgedrückt. Der DAH wird eine der Primärprävention gleichwertige Wertschätzung für diesen Teil ihrer von und für Menschen mit HIV und AIDS geleisteten Arbeit versagt.

Mir fällt dies auf, ich bin erstaunt und ich finde diese einseitige Gewichtung bedenklich. Als Online-Berater bin ich ja nun auch geübt darin, zwischen den Zeilen zu lesen – aber: Ich finde da nichts! Und ich lese genau:

Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt z.B. auf Seite 4: „Die Deutsche AIDS-Hilfe hat von Anfang an Verantwortung im Bereich der Primärprävention übernommen und ihr Engagement seitdem ständig ausgebaut.“ Bei dem dann folgenden Satz kann man sich auch als Aktivist der Positivenselbsthilfe wiederfinden, wenn man es denn so lesen will: „Heute ist sie mit ihren rund 120 Mitgliedsorganisationen ein starker und kompetenter Selbsthilfe- und Interessenverband.“

Primärprävention wird ausdrücklich hervorgehoben, Sekundärprävention und Förderung der Positivenselbsthilfe dagegen wird nicht explizit benannt.

Von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt ist auf Seite 8 zu lesen: „Vor 25 Jahren wurde die Deutsche AIDS-Hilfe gegründet. Damit entstand eine Selbsthilfestruktur, die heute aus dem öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken ist. Ihre erfolgreiche Arbeit erfährt sowohl national wie international große Anerkennung. … Angesichts der steigenden Neuinfektionen ist der unverminderte Einsatz der Deutschen AIDS-Hilfe notwendiger denn je. Die Präventionsarbeit muss sich heute neuen Herausforderungen stellen. Für viele, gerade jüngere Menschen hat die Krankheit aufgrund der heutigen therapeutischen Möglichkeiten ihren Schrecken verloren. Wir beobachten zudem ein nachlassendes Schutzverhalten bei Männern, die Sex mit Männern haben. Hier gilt es, neue Ansprachekonzepte zu entwickeln und Überzeugungsarbeit zu leisten: Aids ist nicht heilbar, und Kondome sind der einzig wirkungsvolle Schutz gegen die Krankheit.“

Wieder liegt der Tenor auf der Primärprävention, die von und für Menschen mit HIV und AIDS geleistete und mit immer wieder neuen Herausforderungen zu leistende Arbeit steht im Schatten der Primärprävention. „Selbsthilfestruktur“ könnte dies mit meinen, aber da muss man wieder selber interpretieren.

Bei der Direktorin der BZgA, Prof. Dr. Elisabeth Pott, Seite 10, lese ich: „…d.h. auch ein Vierteljahrhundert gemeinsames Ringen um Inhalte, Konzepte und bestmögliche Bewältigung der jeweils aktuellen Herausforderungen. …Das deutsche Erfolgsmodell der engen Zusammenarbeit und Arbeitsteilung zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren auf der nationalen, regionalen und lokalen Ebene ist auch international beispielhaft. Ich bin überzeugt, dass trotz eines auch in Deutschland zu beobachtenden Anstiegs der Neudiagnosen die immer noch relativ günstige epidemiologische Lage wesentlich durch diese Kooperationsstruktur begründet ist. … Das gemeinsame Ringen um die richtigen Antworten war nicht immer einfach, aber im Ergebnis wurde immer eine konstruktive und tragfähige Lösung gefunden. … Es gibt aber auch ungelöste Herausforderungen: Die Zahl der Neudiagnosen in der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben, ist in den letzten Jahren überproportional gestiegen. … Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt deshalb die neue Kampagne „Ich weiß was ich tu“ der DAH…“

Auch hier bei Frau Dr. Pott kein Wort über Notwendigkeit und Effektivität der über die DAH ganz wesentlich unterstützten Vernetzung von Menschen mit HIV und AIDS. Kein Wort darüber, dass wir heute von geschätzt 95% der Bevölkerung immer noch als die „Todgeweihten“ angesehen werden, die wir aber nach 25 Jahre dank der Therapieerfolge nicht mehr sind. Alles konzentriert sich erneut auf die Primärprävention. Dabei hat Frau Dr. Pott doch beim Start der DAH-Präventionskampagne IWWIT überzeugend dargelegt: „Es geht um das Leben. Zwar das Leben mit einer Krankheit, aber eben nicht um das Sterben” – also es geht sehr viel um Sekundärprävention.

Meine Lesart: Die besondere Bedeutung der DAH auch als Betroffenenorganisation wird nicht angesprochen.

Ich mag gerne voraussetzen, dass sowohl Bundeskanzlerin Merkel, Bundesgesundheitsministerin Schmidt als auch besonders Prof. Dr. Pott die Leistungen und den Wert der DAH im Bereich der Förderung der Lebensqualität von Menschen mit HIV und AIDS anerkennen. Alle drei sind intelligente scharfsinnige Frauen und bodenständige Realpolitikerinnen. In großen Teilen schätze ich ihre Arbeit und ihr persönliches Engagement. Dafür respektiere ich sie.

Aber kontrovers zu Ihnen bleibe ich in der Sache, wenn Menschen mit HIV und AIDS in allen drei Grußworten sowohl als Mitarbeiter in der DAH, als auch als Gruppe, die in ihrer schwierigen gesellschaftlichen Lebenssituation weiterhin besondere Beachtung benötigt, nicht benannt und damit ausgeblendet werden, alle Aufmerksamkeit einseitig auf die Primärprävention gelenkt wird.

Dieses Phänomen ist mir nicht neu. Schon in meiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der AIDS-Hilfe NRW (1998-2004) fiel mir immer wieder auf, dass sich in der öffentlichen Wahrnehmung alle – und besonders auch in der politischen Debatte – schnell und gerne auf die Primärprävention stürzen, aber ein gleiches Engagement für die Belange von Menschen mit HIV und AIDS ausbleibt. In meiner Funktion als Vorstand habe ich die Positivenselbsthilfe sowohl als Person repräsentiert, wie auch stets die Aufmerksameit auf die belastende gesellschaftliche Situation von Menschen mit HIV und AIDS zu lenken gesucht.

Wenn die DAH von der deutschen Regierung und Gesundheitspolitik so deutlich auf ihr Engagement in der Primärprävention reduziert wird, sollte es zu denken geben. Die DAH braucht ein schärferes Profil als Interessenvertretung von Menschen mit HIV und AIDS. Schliesslich ist genau dies ein Alleinstellungsmerkmal: HIV-Prävention machen viele. Vernetzung von Menschen mit HIV und AIDS, Empowerment im Leben mit HIV, leisten neben der DAH nur wenige andere. Wer mit HIV lebt, weiß, wie im wahrsten Sinne lebensnotwendig diese Unterstützung ist, welche die DAH (als Dachverband regionaler Mitgliedsorganisationen) für uns Menschen mit HIV und AIDS unterstützt und ermöglicht. Und die wir Menschen mit HIV und AIDS uns innerhalb der Strukturen der DAH auch selber organisieren.

Dr. Peter Piot, Executive Director von UNAIDS hat dies erkannt und benennt in seinem Grußwort auf Seite 30 diesen Aspekt sogar als erstes: „… ist die Deutsche AIDS-Hilfe e.V. über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt geworden als Erfolgsmodell einer Selbsthilfeorganisation von Menschen, die in besonderer Weise von HIV und Aids betroffen sind. Als Interessensverband von Menschen mit HIV und Aids ist es ihr in einzigartiger Weise gelungen, Menschen mit HIV und Aids zum Zentrum aller Bemühungen zu machen und Tabus und Stigmatisierung zu brechen. …“

Auch der ehemalige Bundesgeschäftsführer der DAH, Luis Carlos Escobar Pinzon, geht in seinem Bergrüßungsteil im Jahresbericht auf Seiten 11/12 – nach einem langen der Primärprävention gewidmeten Teil, zumindest exemplarisch, dargestellt an der Integration HIV-Positiver ins Erwerbsleben und Verbesserung der medizinischen Versorgung von HIV positiven Migrantinnen und Migranten – auf die Schwierigkeiten und Herausforderungen ein, die nach wie vor das Leben mit HIV und Aids prägen. Und er schreibt zum Schluss: „Die Aidshilfe in Deutschland muss eine gesundheitsbezogene und unabhängige Selbsthilfe bleiben. Deutschland braucht eine Aidshilfe, die sich wandelt und die Zukunft mitgestaltet. Eine Aidshilfe, die sich an  der Lebenswirklichkeit der Menschen orientiert.“

All dies zeigt auch, wie wichtig es ist, dass sich Menschen mit HIV und AIDS direkt einbringen und mit Person und Gesicht präsent sind. Menschen mit HIV und AIDS brauchen eine starke Stimme, sonst werden sie schnell zur Seite gedrängt. Hier liegt für mich eine Herausforderung an die Positivenselbsthilfe im Kontext der DAH, diese Stimme hervorzubringen.

Vielleicht wird ja doch jemand durch meine kleinen Anmerkungen und den Hinweis auf die deutlich unterschiedliche Akzentuierung bei Dr. Peter Piot von UNAIDS nachdenklich in den Ministerien und Schreibstuben. Denn dort wird die Zuarbeit für Kanzlerin Angela Merkel geleistet, wenn sie als Gast auf dem Welt-AIDS-Tags Empfang der DAH am 13. November in Berlin spricht. Man darf auf ihre Worte gespannt sein.

Ich werde genau hinhören, ob und wie Menschen mit HIV und AIDS von unserer First Lady angesprochen werden. Und bestimmt tun dies andere auch.

14 Antworten zu Grußworte von Merkel, Schmidt und BZgA ohne Sekundärprävention

  1. alivenkickn sagt:

    hallo termabox

    erklär doch bitte einem fast haarlosen kahlköpfigen wie mir was „primärprävention“ und „sekundärprävention“ bedeutet bzw. den unterschied. mir fehlt auf grund einer nicht vorhandenen ausbildung im sozialen bereich doch einiges an fachlichem grundwissen – terminologie.

    lg dennis aka . . .

  2. Antiteilchen sagt:

    Primär bietet eben mehr Lorbeeren als sekundär!

  3. termabox sagt:

    @ Dennis:

    Aber gerne doch! Sehr schön sind die Begriffe auf der homepage der AH NRW erklärt:

    „…Auf der Ebene der Primärprävention geht es um Konzepte und Ideen, Menschen in ihrer Lebenswelt dazu zu befähigen, ihr Risiko einzuschätzen und selbstbewusst ihr Handeln zu bestimmen.
    Bei der Sekundärprävention stehen Maßnahmen im Vordergrund, die der Gesundheitsförderung HIV-positiver Menschen dient.
    Die Tertiärprävention zielt darauf ab, die Lebensqualität von an AIDS erkrankten Menschen zu verbessern.“

    Damit wirds doch gleich verständlicher🙂

  4. Dennis sagt:

    @Termabox
    Kurz, knapp und klar verständlich. Danke.🙂

  5. ondamaris sagt:

    sollte es so sein?: bei primär geht’s um heinz und erika mustermann (vulgo: allgemeinbevölkerung). bei sekundär und tertiär gehts nur um schmuddelkinder, schwule, drogis und so …

  6. termabox sagt:

    @ Antiteilchen:

    Interessanter Gedanke: Aber welche Lorbeeren werden da verteilt und wer ist es, der sie verteilt?

    @ ondmaris:

    Ich überspitze Deinen Gedanken mal ein bischen im Stil des politischen Kabarett:

    .. und sich mit Schmuddelkindern soldarisch zu erklären, rückt einen dann in den Augen von xy gleich mit in die Schmuddelecke. Ja, genau! und DA fühlt man sich unbehaglich und…, genau!… DESHALB macht man das erst gar nicht, obwohl man es ja schon der eigenen Überzeugung nach gerne täte. Aaaahja. Ich beginne zu verstehen – – ABER: …. oh Schreck: Dann würden viele Herrschaften und Damen ja wie in einer Diktatur erpressbar von der öffentlichen Meinung leben. Und ich dachte, wir leben in einer Demokratie…

  7. koww sagt:

    Hat das nicht wieder was damit zu tun, wie man (Merkel, BZgA) bei „Mustermanns“ ankommen?
    (schlagworte: zielgruppen, schwule,drogengebraucher,sexarbeier/innen) die interessiert doch keinen, nur wenn „Mustermanns“ sie (natürlich versteck) brauchen. BZgA und BMG schützen doch „Mustermanns“ vor solchen „Subjekten“ und da soll man noch Geld für ausgeben. Da verpacken wir das doch alles lieber als „nur“ Primärpräventionsarbeit, das kommt an und ist ja auch für den größten Teil der Bevölkerung von Vorteil.

  8. termabox sagt:

    @koww:

    Also die Mustermanns sind es, die die Lorbeeren verteilen? Lobeeren in Form von Wählerstimmen etwa?

    Zu Deinen weiteren Gedanken muss ich BMG und BZgA aber in Schutz nehmen. Bleiben wir fair: Was da in den letzten 20 Jahren an offensivem Umgang mit HIV/AIDS und Schwulen in Gang gekommen ist, verdient schon Respekt und Anerkennung- auch wenn es uns alles nicht schnell genug geht.

    Beispiel: Anfang Oktober war ich im Kino und sah zum ersten Mal in einem AIDS-Präventions-Spot der BZgA ein schwules Paar dargestellt, -nach einem Heteropaar. Als adressierte Zuseher waren also gleichermaßen Heteros und Schwule gezielt angesprochen. Das gab es bisher noch nicht! Die Präventionsbotschaft war: „Sag es!“ (Wenn Du an den Schutz vor HIV denkst und ihn willst). Ich fand das gut.

    Nun, das „Sag es!“ hab ich dann so weitgehend beherzigt, dass ich auch hier in meinem Blog das sage, was ich an Wesentlichem wahrnehme und mitteilen will – und nicht nur beim Sex.😉

  9. termabox sagt:

    Passend zu meinem Statement hier hat Ondamaris gepostet: „Serophobie –
    Stigmatisierung von Positiven und ihre Folgen“
    :

    „Diskriminierung von HIV-Positiven ist das größte Hindernis im Kampf gegen Aids – weltweit, aber auch hierzulande. Ob Positiven Rechte vorenthalten werden, unterstützende Maßnahmen unterbleiben oder ‘einfach nur’ ihr soziales Leben beeinträchtigt wird – Stigmatisierung von HIV-Positiven hat viele Gesichter, und weit reichende Folgen. …)

  10. […] Zielrichtung, Aufklärung mit Entstigmatisierung zu verknüpfen, erfreut mich sehr und unterstützt meine Forderung an die deutschen Gesundheitsbehörden, beiden Bereichen auch in Deutschland gleiches Gewicht […]

  11. […] und Aufklärung der Gesellschaft, wird hervorgehoben, ein erfreulich anderer Akzent als er in den Grußworten deutscher Gesundheits-/Politiker zum 25-jährigen Bestehen der DAH gesetzt […]

  12. […] Textpassage erst heute aufgefallen. Der Fund begründet aber erneut meine geäusserte Kritik an der Charakterisierung der DAH in den Grußworten von Kanzlerin Merkel, Gesundheitsministerin Schmidt und… zum 25-jährigen Bestehen der […]

  13. Termabox sagt:

    […] Grußworte von Merkel, Schmidt und BZgA ohne Sekundärprävention […]

  14. […] stärker und besondes in der aktuellen Debatte um Infektiosität unter wirksamer Therapie, Entstigmatisierung, und  Erwerbstätigkeit in Erinnerung gerufen […]

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