Mach deinen Bart wieder ab, der macht dich so alt

Ich bin ja kein Orakel, aber der Kommentar von Ondamaris „… wie müssen sich generell Strukturen in unseren Szenen verändern, um diesen demographischen Veränderungen gerecht zu werden …“ zu meinem Blog: Deutsche AIDS Stiftung will verstärkt Projekte zum Älter werden mit HIV / AIDS unterstützen greife ich gerne auf:

Ondamaris, eine berechtigte Frage, die Du da stellst. Ich möchte sie sogar erweitern um den Faktor „unsere Gesellschaft“. Denn eines hängt doch untrennbar mit dem anderen zusammen. Gesellschaft –  ob allgemein oder schwul – ist jeder von uns. Mitgestalten kann ich nur dort, wo ich lebe.

Würden andere Deine Frage aufgreifen, so wie ich es hier tue, führt sie immer zuerst zur eigenen Nase: Wie muss ICH mich anders verhalten, um diesen demografischen Veränderungen gerecht zu werden.

Meine spontane Antwort darauf ist erst mal ein eigensinniges:

Der Bart bleibt dran!🙂

Sieht doch gut aus!

Sieht doch gut aus!

Denn viele Kommentare, die ich in den letzen Monaten zu hören bekam, gingen in die Richtung: Mach deinen Bart wieder ab, der macht dich so alt! „Alt-sein“scheint sich besonders auch durch einen längeren Vollbart auszudrücken.

Was in solchen Bemerkungen an unterschwelliger Botschaft transportiert wird, ist subtil und vielschichtig. Und ich glaube, das hat sogar sehr oft – ohne dass es den Leuten bewusst ist – mit Altersdiskriminierung zu tun.

Um dem selber besser auf die Schliche zu kommen, stelle ich hier mal einige Interpretationen vor, was gemeint sein könnte, wenn jemand sagt oder auch nur denkt „… der Bart macht dich so alt“:

Ich will nicht alt sein. Es ist besser, das Lebensalter optisch zu überspielen. „Du musst doch nicht älter aussehen, als du bist.“ Nur wenn ich mich jung gebe, komme ich an und willst Du das nicht auch? Ich hab lieber Freunde und Menschen um mich, die jung sind. Mach deinen Bart weg, denn Du erinnerst mich an mein eigenes Älter werden. Verändere dich nicht, seh nicht anders aus, als ich dich kenne. Mit Bart wirkst Du auf mich erst mal fremd und das irritiert – also bleib so wie du warst und werd nicht alt.

Sorry, aber das geht nicht mit mir! Erstaunlicherweise finde ich sogar in meiner schwulen Lebenswelt mehr ausdrückliche Begeisterung und Zustimmung zu meinem Bart- und damit meinem Alter – als von anderen.

Zurück zur Frage von Ondamaris: Zuerst muss in jedem die Bereitschaft entstehen, Veränderungen zu begrüßen und selber das älter werden auch als Gewinn sehen zu können. Meine Erfahrung ist: der Tausch „Lebenszeit gegen Erfahrung“ ist fair und lohnt sich. Wer etwas aus seinem Leben macht, braucht das älter werden nicht zu fürchten. Ich halte es mit Andreas Giger, der da sagt: „Reif wird sexy!“

Der Bart bleibt dran!

Der Bart bleibt dran!

13 Antworten zu Mach deinen Bart wieder ab, der macht dich so alt

  1. alivenkickn sagt:

    moin termabox

    das alter an haaren festmachen- und n bart besteht ja nu mal aus haaren – is n bischchen weit hergeholt wie ich finde. ich könnt dir für „bart und alter“ ne menge klischees entgegenhalten wie z.b. der bart symbolisert weisheit, güte, reife. nicht umsonst wird ja gott oft bildlich als weissbärtiger gütig dreinblickender alter mann dargestellt. diese kombination sagt nichts über alter aus – auch haarlose alte und dunkelhaarige junge können all das verkörpern. bis auf die reife. die braucht idr zeit . . .

    die farbe weiss als zeichen für alter schon eher. aber auch hier. haste keine haare – keinen bart – haste pech gehabt. und alt wirste – biste trotzdem.🙂

    was die veränderung unter dem aspekt „haare und veränderung“ betrifft, nun auch da siehts anders aus. veränderung heißt auch – so verstehe ich es – das man alte verhaltensmuster – altes bisheriges verhalten beendet und sich auf neue verhaltensmuster einläßt – sich für ein anderes, neues verhalten entschieden hat. die deutsche sprache bringt es mit dem spruch „alte zöpfe abschneiden“ sehr gut auf den punkt. veraltetes aufgeben.

    wenn man in seinem leben eine neue richtung einschlägt – sich für eine neue richtung entschieden hat, ein entscheidung die erst mal innerlich getroffen wurde, so will man dies auch nach außen zeigen. und wie könnte man dies besser als über eine veränderung der frisur jedermann kund und zu wissen tun.😉

    wenn „der bart ab ist“ dann beginnt man etwas neues, etwas das man bis zu diesem zeitpunkt eben noch nicht praktiziert hat. und neues, unbekanntes ist fremd – so wie das „alter“ auch ein neuer abschnitt im leben ist. das neue ist immer auch das fremde und fremd würdest du mir und höchstwahrscheinlich du dir auch selbst vorkommen – erscheinen wenn du in den spiegel schaust😉 und dich das erste mal ohne bart sehen würdest. es wäre ungewohnt. „he, wer s n das, ich dacht ich wohn alleine hier“🙂

    ein anderer aspekt ist das mit dem abschneiden von haaren die angst vor dem verlust der potenz – der kraft in verbindung gebracht wird. haare symbolisieren gesundheit, vitalität und kraft. auch das passiert zwangsläufig wenn man älter wird – bedingt alt werden nun mal. und sich freiwillig von haaren zu trennen ist schon deshalb nicht so einfach. wo wir bei dem psychologischen aspekt gelandet sind. hinter einem bart kann man sich (teile des gesichts) verstecken. ohne bart muß man „gesicht“ zeigen . . . . da kann man nichts verbergen . . . .

    das hab ich jetzt einfach mal so aus der lamäng zu papier gebracht, mit einem schmunzeln sozusagen . . . .😉

    LG Dennis

  2. ondamaris sagt:

    mensch, welche wirkung doch solch ein einziger winzig kleiner kommentar haben kann😉

    spaß beiseite, ja auch die gesellschaft muss sich verändern – aber ich fang lieber im kleinen bei dem an, das mir näher ist, unseren communities – und das ist schon eine aufgabe die mehr als groß genug ist

    das mit der erfahrung ist ein schönes resume .-)

  3. termabox sagt:

    @ Dennis:

    aus der „lamäng“ gesprochen ist man oft am ehrlichsten. danke!

    Ich greif das mal auf, was du schreibst: „z.b. der bart symbolisert weisheit, güte, reife.“

    Wenn das so ist, warum tragen Männer heute dann viel seltener einen Vollbart als noch vor 100 Jahren?

    (Und – nebenbei angemerkt: Wurde Frauen „Weisheit Güte und Reife“ abgesprochen, weil sie keinen Bartwuchs haben? Welche Symbolik zu diesen Werten hat die andere Hälfte der Welt?)😉

    Wie ist es um die Wertschätzung von Weisheit, Güte, Reife heute bestellt?

    Weisheit, Güte und Reife können sich nur entwicklen mit ausreichend Ruhe, „in-sich-gehen“ und Zeit. Wie passt das zum heutigen manisch-extrovertieten Lebensstil, wo alles sofort per „Klick“ da sein muss?

    Kaum blüht der Apfelbaum, muss schon der fertige Apfel dranhängen.

    Kaum ist irgendwo ein Sack umgefallen, muss irgendein Politiker oder sogenannter Experte gleich eine erklärende Weisheit dazu abgeben können. Kaum einer traut sich zu sagen: Ich weiss es (noch) nicht und muss mir erst Gedanken machen.

    Und meistens gibt es immer mehrere Wahrheiten. Die Welt besteht eben nicht aus „entweder – oder“. In Wahrheit ist sie ein „sowohl als auch“.

    Heureka!, beim Barte des Propheten: Das trifft auch auf die Symbolik des Bartes zu,😉

  4. termabox sagt:

    @ ondamaris

    Zustimmung: Wenn alle in ihrem Lebensumfeld anfangen würden, und nicht nur sich über andere aufzuregen und auf andere zu schimpfen, sähe die Welt anders aus. Wenn man über andere meckert, macht man die Veränderung der Welt vom Verhalten der anderen abhängig.

    Man vergisst dann schnell die Autorität, über die man selber verfügt.

    de kölsche mensch säät dafür:
    „ARSCH HU, ZÄNG USSENANDER!“

  5. alivenkickn sagt:

    warum tragen Männer heute dann viel seltener einen Vollbart als noch vor 100 Jahren?

    kommt drauf an wo du lebst : iranirakafghanisten . . .

    für den westen . . . . . das mußte die von midlifecrisis geschüttelten jüngere frauen jagenden viagraabsatz in die höhe treibenden alten knacker mal fragen . . . .

    klischeeende🙂

  6. termabox sagt:

    @ Dennis:

    ach lass, den Kommentar „…Taliban“ hab ich zu meinem Bart auch schon gehört.

    Jeder Bart ein Terrorist, auch wenn er gar ein Deutscher ist ???

    War mir nicht bewusst, dass ich mit meinem Barte sogar Rassismus entgegenwirke und gegen Fremdenfeindlichkeit Zeichen setze.

    Beim Barte des Proheten, man lernt nie aus😉

  7. alivenkickn sagt:

    mh . . .der taliban als solcher kam mir ehrlich gesagt gar nicht in den sinn. ich dachte dabei mehr an den islam – den moslem. das tragen eines (voll)bartes gehört zu ihrem äußeren erscheinungsbild (glauben?) ähnlich wie bei den christlich orthodoxen würdenträgern.

  8. alivenkickn sagt:

    Ich nehme jetzt mal diesen Faden – diese Antwort von zum dem Kommentar von Ondamaris zu dem Thema

    „Deutsche AIDS Stiftung will verstärkt Projekte zum Älter werden mit HIV / AIDS unterstützen
    Oktober 25, 2008

    danke für den Gedankenanstoss zu “..wie müssen sich generell strukturen in unseren szenen verändern, um diesen demographischen veränderungen gerecht zu werden …”

    auf.

    „Wie muss ICH mich anders verhalten, um diesen demografischen Veränderungen gerecht zu werden.“

    Wenn mit dem Tragen eines Bartes das wie ich finde nichts oder nur wenig mit Verhalten zu tun hat sondern nur einer Haltung Ausdruck verleiht, die Frage nach einer Struktur Veränderung in der Scene ihre Antwort findet um dem demografische Veänderungen gerecht zu werden, dann läuft imo was gewaltig schief.

    In diesem Fall würde ich mir Zöpfe auf die Kopfhaut nähen lassen, wenn damit gewährleistet wäre das sich die Scene oder im konkreten Fall die Aidshilfen sich des Themas „Alt werden“ animmt bzw ihm gerecht werden würde. Doch auch hier – es rührt sich schon was in einigen Aidshilfen . . . das sehe ich wohl. Was mir in Gesprächen begegnet ist das „Alter bzw alt werden“ gerade oder auch in der Scene oft vedrängt wird. Solange noch keine Notwendigkeit vorhanden ist, ist auch kein Handlungsbedarf notwendig. In meinen Augen ein möglicherweise fataler Trugschluß. Wenn eine Situation derart ist das „Handlungsbedaf“ angesagt ist – dann muß man sofort handeln. Ich würde es mir wünschen wenn es nicht immer erst zur Veränderung über den Weg „der Erfahrung des Schmerzes“ kommen würde.

    Natürlich bin ich mir bewußt das wir – ich schließe mich da mal mit ein – erst jetzt auf der pers Ebene erkennen und vor allem am eigenen Leib auch erfahren: Ah . . . wir werden – wir können also doch alt werden. Und wir wissen auch wie langwierig es ist damit bürokratische Prozesse die nun mal auch notwendig sind in Gang gesetzt werden. Ein klein wenig mehr Druck darf da schon sein wie ich finde.

  9. termabox sagt:

    @ Dennis:

    Also in diese Beitrag hier geht es um „Bart und Älter werden“. Dem Thema „älter werden“ kann man sich ja bekanntlich auf vielen Wegen annähern. Das musste nicht alles in einen Topf werfen und dir jetzt Zöpfe an die Kopfhaut nähen.. tssstsss.

    Habe Deinen Kommentar mal kopiert und im DAS-Projekte-Blog gepostet, um diese Diskussion mit Fokus Aidshilfen und HIV dort zu belassen. Tut nicht gut, das zu vermengen, dann bezieht sich jeder auf was anderes und hinterher versteht keiner keinen mehr.

    Also, noch mal klare Ansage an alle:

    Hier geht um „Bart und Älter werden“ an sich, nicht primär um HIV und Aids.

    DORT gehts darum: Welche Veränderungen sollten Selbsthilfe und Aidshilfe vornehmen, um gut auf das Älter werden von Menschen mit HIV und Aids zu reagieren.

  10. TheGayDissenter sagt:

    Der Bart MUSS dranbleiben, sonst kündige mein Abo!🙄

  11. termabox sagt:

    @ TheGayDissenter:
    Nun das wäre in der Tat ein zu hoher Preis!😉 Danke für die Komplimente!

    Die Vielfalt der Reaktionen auf meinen Bart wächst jeden Tag: Gestern begrüßte mich ein Freund freundlich mit „hallo Methusalem!“ Ich war zuerst entrüstet und empfand: Na, sooo alt bin ich ja nun doch noch nicht. – Danach ergab sich ein kleiner Gedankenaustausch übers älter werden. „Methusalem“ verbindet er mit etwas sehr positivem: Altersweiheit.
    Ob Methusalem aber einen Bart getragen hat, das bleibt wohl der Spekulation überlassen. Mein Sprachempfinden hat mich aber nicht betrogen, denn bei Wikipedia ist zu lesen: „Noch heute verwendet man für eine sehr alte, hochbetagte Person, einen Greis, die Bezeichnung „Methusalem“.
    Na, das dauert bei mir noch eine Weile. Gefühlt intuitiv peile ich erst mal an, mit HIV 70 Jahre alt zu werden. – Und dann sehen wir weiter und ich lass euch das nächste Ziel wissen😉

  12. termabox sagt:

    Susan Sontag über Altern:
    “Die Angst vor dem Altwerden gründet auf der Erkenntnis, dass man das Leben, das man sich wünscht, nicht jetzt lebt. Das ist fast, als würde man die Gegenwart missbrauchen.”

  13. termabox sagt:

    @ (special for) alivenkickn:

    Schau mal an, selbst hier im tagesschau-blog löst ein bart viele assoziationen aus🙂 :

    „Ein bisschen sieht er aus, wie eine Mischung aus Ernest Hemingway und Santa Claus – schon wegen des weißen Bartes. Den hat sich Winfried Nachtwei von den Grünen auch deshalb wachsen lassen, weil er bei Gesprächen in Afghanistan dann respektvoller behandelt werde – schließlich umgebe so ein Bart seinen Träger mit einer weisen Aura, witzelt Nachtwei gerne. Kollegen hätten ihn gar schon als “Mullah Winnie” angesprochen.“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: