Zum eigenen Wesen finden

Letztes Jahr rauschte ein Orkan über Deutschland hinweg und richtete Schäden in den Wäldern an. Für einige Bäume entstanden neuartige Lebensmöglichkeiten. Wir können hier miterleben, was geschieht, wenn das wegfällt, was uns in der Enfaltung unseres Wesens einengt, – z.B. auch als Folge der Mitteilung einer HIV-Infektion. Zunächst haben wir eine wesensfremde Gestalt, die ungeschickt und etwas lächerlich wirken mag. Aber im freien Raum (durch Therapierbarkeit und Beseitigung der Infektiosität) beginnen wir uns wieder zu entfalten, werden zu dem, der wir eigentlich sind.

Lärchen

Lärchen

Eine Lärche keimte an einem Berghang und sie trieb ihre Wurzeln in die Erde, mitten in einer Fichtenschonung. Fichten wachsen schnell und hoch und da die Lärche leben wollte, strebte sie in Konkurrenz mit den Fichten zum Licht. Sie machte aus den Umständen das Beste. Und dicht umgeben von den Fichten blieb sie unbeachtet. Als ein Orkan über den Wald fegte, knickte er viele Fichten um und die Waldarbeiter besorgten den Rest. Die Lärche liessen sie aber stehen.

Und so steht sie nun da: Im Erscheinungsbild eher wie eine Fichte als wie eine Lärche. Die Anpassung an ihre Umwelt hatte sie in der Entfaltung ihrer Eigenart behindert. Lang und aufgeschossen und mit schwacher Krone steht sie da, weit entfernt von der Wuchsform, an der man Lärchen erkennt: ein dicker Stamm, von unten her weit ausladend, verzweigt, kompakt und allen Witterungen fähig zu widerstehen.

In der Zwischenzeit hat sie wahrgenommen, dass sich die Welt um sie herum verändert hat. Sie treibt vielfach am Stamm aus, bekommt Zweige. Sie greift überall in den freien Raum hinein.

Jetzt, wo Luft und Raum um sie ist, holt sie das nach, was ihr bisher verwehrt war: Sie fängt an, den ihrem inneren Wesen vorgegebenen Wuchs zu bilden. In einigen Jahren und Jahrzehnten kann sie so werden, wie wir Lärchen kennen: Stattlich, kraftvoll und knorrig.

Lärchen

Lärchen

Die Lärche lernt aus Erfahrung. Menschen unterdrücken oft das Lernen aus Erfahrung. Wir unterbrechen uns selber, erkennen den freien Raum nicht, der entsteht und in dem wir unsere Wuchsform vollenden können. Wir ver-halten uns wie gewohnt, halten uns selber fest. Aber dann leben wir fremdbestimmt und das fühlt sich nicht gut an. Diejenigen, die oft genug gekränkt und verletzt wurden in ihrem Ausdruck, haben gelernt, alles „drin“ zu halten. All dieses „Halten“ ist sehr tief verinnerlicht und kann durch minimale Reize wieder reaktiviert werden, dann läuft der „alte Film“ wieder ab.

Aber so können wir nie zu dem werden, was wir von unserem Wesen her eigentlich sind.

Im Über-Leben mit HIV haben wir uns oft nach der Luft zum Überleben strecken müssen. Den „Kopf über Wasser“ zu halten, nicht irre zu werden durch die erlebte Angst vor Krankheit und Tod und nicht verrückt zu werden aus Angst vor diskriminierenden Erfahrungen in der Gesellschaft, das war und ist oft für HIV-Positive ein Leben in „dünner Luft“. Auch körperlich haben uns Krankheiten und Medikamente gefordert und auf unseren persönlichen Wuchs mit unsichtbaren und erkennbaren Spuren eingewirkt.

Der Lebenshorizont für Menschen mit HIV ist durch wirksame Medikamente wieder weiter geworden. Wir müssen heute nicht mehr die Luft anhalten, wir können entspannen und uns loslassen – und können HEUTE wieder mehr von dem potenziellen Wesen verwirklichen, das wir eigentlich sind. Jungen Menschen mit HIV gelingt das möglicherweise leichter, weil sie mit dem Wissen um vorhandene HIV-Therapien groß geworden sind. Ältere Langzeitpositive brauchen wohl eher ein sanftes Aufwecken, dass heute eine andere Zeit angebrochen ist. „Sanft“ deshalb, weil man zum Wachstum nur ermuntern und anregen kann.

Die Zweige austreiben muss jeder selber. Vielleicht ist doch noch mehr möglich im eigenen Leben.

3 Antworten zu Zum eigenen Wesen finden

  1. alivenkickn sagt:

    Sie gefällt mir sehr gut – diese Fabel – dieser bildhafte Vergleich vom Menschen und der Lärche. Auch deshalb weil ich mich sehr gern der bildhaften Sprache bediene um Inhalte zu verdeutlichen und zu transportieren.
    Das junge Menschen heute schneller entspannen – von Ängsten loslassen können auf Grund des Erfahrungsschatzes – Angebots von vielen Langzeitüberlebenden sehe ich ähnlich. Dieser Tage habe ich mal alle Texte die ich im Lhiving com Forum geschrieben habe auf meiner Festplatte gespeichert. Ich stellte fest das viele Mitglieder heute nicht mehr präsent sind und schreiben. Mir wurde klar das nicht wenige ihre anfänglichen Ängste nach einer Zeit loslassen konnten und wieder in der Lage waren „alleine“ weiter durchs Leben zu gehen, wieder den Mut gefunden haben ihr Leben zu bewältigen. Es ist ihnen gelungen den Virus in ihr Leben zu integrieren – zu akzeptieren. Natürlich gilt dies nicht für alle – doch wie ich denke für sehr viele.

    Das Ältere Menschen ein „sanftes“ Aufwachen oder länger zu kämpfen haben, diesen Eindruck hatte ich mitunter auf der Veranstaltung HIV im DIalog. Ehrlich gesagt hat mich das schon erstaunt und erschreckt.

    In „Langzeittherapie und ihre Folgen“ schreibst du das „die Psyche vieler HIV-Positiver Unterstützung braucht, . . . um dem Leben ein möglichst großes Maß an Normalität zurückzugeben.“ (hab s leicht modifiziert) Hier ist in der Tat Handlungsbedarf angesagt. Es gibt einfach zu wenig fachlich geschultes Personal bzw Therapeuten um den vorhandene Anforderungen gerecht zu werden, ist HIV doch eine einschneidende Zäsur im Leben eines jeden Menschen den es trifft- trotz der vorhandenen möglichen Therapierbarkeit.

  2. termabox sagt:

    @ alivenkickn:

    Ich kann Dir zustimmen, dass Menschen mit HIV und AIDS ein offenes Ohr für Ihre persönlichen Themen fehlt. Selbst gute Freunden lassen sich sehr sehr selten so vorbehaltlos auf meine Gedankenwelt ein – und mit vielem, was mich umtreibt, bleib ich alleine.

    Ich erlebe, wie selbst mir fachliche Beratung/therapeutische Unterstützung gut tut und wie ich erst in diesem Rahmen immer besser verstehe, wie tiefgreifend HIV und Schwul-Sein in meiner Biografie Spuren hinterlassen hat.

    Eigentlich tut es jedem Menschen gut – völlig losgelöst von Krankheit oder Stressituationen – im eigenen Wesen wahrgenommen zu werden, um sich mit dem Besten in uns zu entfalten.

    In dem Interview, dass ich an arte-TV gegeben habe für eine Reportage, die am 1.12.08 gesendet wird, habe ich kürzlich gesagt: „Meiner Arbeit und meinem Engagement in der Selbsthilfe liegt der Wunsch zu grunde, Menschen einzuladen, lebendig zu sein – und lebendig sein geht nur, wenn ich alle Gefühle in mir annehme, nicht nur die Lebensfreude, sondern eben auch Trauer und Schmerz. Lebendig sein ist immer beides.“

    Und dann ergänzte ich spontan: „Und auch ICH möchte von anderen eingeladen werden zum lebendig-sein.“

  3. […] Zum eigenen Wesen finden […]

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