Gut leben mit HIV – Pillen alleine reichen nicht

Nichts ist schlimmer als einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Mit einer HIV-Diagnose stellt sich schnell diese Hilflosigkeit ein: Man mag das Viech nicht, das sich da in den Körper eingeschlichen hat und man will es wieder los sein. Doch dieses HIV, das als Feind erlebt wird, weil es das eigene Leben und Glück bedroht, erscheint unerreichbar. Man möchte etwas tun, aber was?

Viele fragen heute nach ihrer HIV-Diagnose gleich nach den Medikamenten. Denn es hat sich herumgesprochen: Da gibt es was, das hilft! Medikamente zu nehmen ist eine aktive Handlung. Die Seele hat bei den allermeisten Menschen ein starkes Bedürfnis, nach der Diagnose-Mitteilung etwas zu TUN. Die HIV-Diagnose ist ein Ereignis, das Aktion herausfordert. Medikamente sind eine Möglichkeit, aber nicht die einzige.

Vorab sei gleich gesagt: es gibt kein Patentrezept für ein gutes Leben mit HIV. Es gibt immer nur den ganz persönlichen Weg. Ein „gutes Leben mit HIV“ ist möglich. Aber: Pillen einzunehmen alleine reicht nicht.

HIV kann befreien, indem mir die Kostbarkeit und der Wert meines eigenen Leben deutlicher als je zuvor bewusst wird. HIV kann helfen, Fremdbestimmungen zurückzuweisen und entschiedener DAS zu tun, was MIR gut tut. „Gut leben mit HIV“ meint dann: So zu leben, wie es mit WIRKLICH gut tut, und soviel wie möglich davon versuchen zu verwirklichen. Es ist meistens mehr möglich als das, was man gerade schon dafür tut.

Was ist wirklich „wesentlich“ in meinem Leben? Womit drücke ich mein ureigenes „WESEN“, mein DA-SEIN am lebendigsten aus? Meine Erfahrung ist, dass ich nur meinem WESEN gemäß leben kann, wenn ich mich unabhängig mache von Moden und Trends, mir mein eigenes Denken und meine Autonomie bewahre, mich in mir selber wohl und zuhause fühle und mir vertraue.

In großen Teilen der schwulen Welt sind schnell wechselnde Trends und Moden angesagt, um „dabei zu sein“. Macht man mit, gehört man dazu. Das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist besonders bei schwulen Männern groß, die sich tagtäglich von der heteronormierten Welt in ihrer Identität missachtet fühlen. Macht man in der schwulen Welt nicht mit, steht man auch dort alleine aussen vor. So einfach ist das. Und wer ist schon gerne alleine? Das befreiende Coming-out geschafft und in der nächsten Falle schon wieder gefangen… Shit!

Viele leiden und sind unglücklich, wenn sie mehr oder weniger deutlich spüren, dass sie nur so lange zu dieser Gemeinschaft zählen, wie sie mithalten in diesem lebenslangen Marathonrennen um Ansehen und Anerkennung in den Augen der anderen: mit schicken Klamotten, Drogen, Partynächten und Designerbrillen… Ein Lebensstil, der Geld kostet und körperlich anstrengend ist. Geht gut, solange man gesund und fit ist und genug Geld verdient. Kann auch Spaß machen. Aber kann das alles sein? Bleibt da nicht wesentliches auf der Strecke? Und schreibt das Bankkonto schwarz oder rot??

Spätestens mit dem Älter werden – und das kann je nach persönlichem Empfinden schon mit 25, 30, oder auch erst mit 40, 50 Jahren beginnen – taucht immer stärker die Ahnung auf, dass noch anderes zählen muss im Leben. Diesem Ahnen nachzugehen, macht Sinn. Eigensinn zu entwickeln, ist ein Weg zur Zufriedenheit. Neben dem, was im Freundeskreis oder der Gesellschaft angesagt ist, gibt es auch noch Werte, die nur für das eigene Wesen zählen.

In lockerer Folge werde ich in dieser Rubrik dem „lebenswerten“ und den „Lebens-Werten“ nachspüren und möchte meine Leser einladen, ihre Gedanken und Erfahrungen in Kommentaren beizusteuern. Ich lasse mich auch gerne zu Themen inspirieren.

Gefragt ist, was wirklich zählt im Leben.

Eine Antwort zu Gut leben mit HIV – Pillen alleine reichen nicht

  1. ondamaris sagt:

    „Gut leben mit HIV” meint dann: So zu leben, wie es mit WIRKLICH gut tut“

    JA, genau – auch wenn ich immer wieder denke, dies sollte doch ziel jedes menschen sein, ob mit oder ohne hiv.

    viel scheitert meiner erfahrung nach daran, dass es nicht leicht ist zu erkennen (und sich selbst einzugestehen), was einem wirklich gut tut – und das dann im eigenen leben auch umzusetzen.

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