Wer sich das Denken abnehmen lässt, mit dem ist es aus

 Eigentlich bin ich im Urlaub. Und ich genieße es, dass die Viruslast auch endlich mal wieder in meinem Leben unter die Nachweisgrenze sinkt. Doch heute gab es wieder einen „Blip“, ein aufflackern: Im Buch „Reife LebensQualität“ des schweizer Zukunfts-Philosophen Andreas Giger lese ich eine Passage im Kapitel über „Souveränität“, die mich an die „Mutlose Aids-Information“ denken lässt, die Blogger Ondamaris beschreibt. Denn auch bald 6 Monate nach der Stellungnahme der „eidgenössischen Kommission für Aidsfragen“ (EKAF) zur durch Therapie unter Kontrolle gebrachten Infektiosität findet in Deutschland keine freie öffentliche Diskussion über die medizinischen und sozialen Auswirkungen statt.

Auffallend ist, dass sich auch die vielen Fachkräfte in den Aidshilfen mit Äusserungen zurückhalten. Was ist das für eine Champignon-Mentalität die man sonst nur aus der Verwaltungsbürokratie kennt: Wer als erster den Kopf rausstreckt, wird geköpft! Alle denken und diskutieren, aber verlautbart wird nichts. Wer ist der Souverän zum Thema? Das BMG? Die BZgA? Die DAH? Die Totgeburt von Expertenrunde, die als lahmer Brüter seit Februar versucht, ein deutsches Konsenspapier aufzustellen? Denken und reden darf man erst, wenn alle gleichgeschaltet sind? Deutschland wollte einmal „mehr Demokratie wagen“. (Man beachte besonders die Seite 3 der Rede von Willy Brandt: http://www.fes-online-akademie.de/download.php?d=mehr_demokratie_wagen.pdf.) Dem Volk als „Souverän“ traut man heute wohl nicht mehr viel zu.

Trotz des verbandlichen Konsensuspapieres der DAH: Souverän agiert auch die Deutsche AIDS-Hilfe nicht, die Kritik in ihre Richtung wächst. Aber wer von den Kritikern belebt denn die Diskussion? Wenn schon die DAH nicht als souverän und „geistig unabhängig“ agierend erlebt wird, warum tun es die örtlichen Aidshilfen dann nicht? Wartet man lieber auf den Segen von oben, um dann nichts falsch gemacht zu haben? Falsch ist es aus meiner Sicht, in Schweigen zu verfallen. Fragen müssen aufgegriffen, offensiv und kontrovers diskutiert und zu Antworten gestaltet werden.

Andreas Giger schreibt zu dem Aspekt der „geistigen Unabhängigkeit“ im Kontext Souveränität:

„Können Opportunisten souverän sein? Natürlich nicht, denn wer sein Meinungs-Fähnlein nach dem Winde hängt, ist nicht selbstbestimmt. Gerade im Inneren unseres Geistes, wo die Freiheit schon immer am zugänglichsten war, pochen souveräne Menschen darauf, sich von niemandem dreinreden zu lassen. … Wer sich das Denken abnehmen lässt, dieses einzig absolut Eigene, was der Mensch besitzt, mit dem ist es aus. …“

Im Inneren meines Geistes nehme ich seit längerem wahr, dass HIV/AIDS seinen Schrecken verloren hat. Die Behandelbarkeit der HIV-Infektion verbessert sich stetig, die Sterblichkeit sinkt und jetzt taugt auch die Infektiosität als generalisiertes Schreckensszenario nicht mehr. Das Jammern und Zetern darüber, dass HIV seinen Schrecken verliert, begann schon nach Einführung der HAART 1995/96. Seit über 10 Jahren ergehen sich nun namhafte Aufklärungsstellen immer wieder in der monotonen Wiederholung dessen, wie schlimm es sei, dass HIV in der Wahrnehmung weiter Teile der Bevölkerung seinen Schrecken verloren habe.

Googelt man mit diesen Suchbegriffen: – HIV AIDS Schrecken verloren -, erscheinen 69.800 Einträge. An dem Wandel und der Veränderung muss also wohl etwas dran sein, wenn sich so viele dazu äussern. Nur: Welche Bedeutung gibt man dem Ganzen?

Ist es eine zeitgemäße HIV-Prävention, den Schrecken reanimieren zu wollen? Meine Antwort dazu ist klipp und klar: NEIN. Aber offenbar will man immer noch erschrecken, weil einem nichts besseres einfällt. Die Botschaft lautet also: Erschrecken schützt! Nun, ich wage es zu bezweifeln: an den „Schreckreiz“ haben wir uns schon alle längst gewöhnt, der zieht nicht mehr, die präventive Wirkung der Schreckenserinnerung verpufft, weil HIV heute ein anderes Gesicht hat.

Dabei sabbotiert die „Schreckens-Propaganda“ auch eine aktive Entstigmatisierung und fördert stattdessen die Ausgrenzung von HIV-Positiven. Als Mensch mit HIV habe ich diese Strategie wohl sogar lange Zeit solidarisch mitgetragen und damit möglicherweise eine Selbststigmatisierung betrieben, um Neuinfektionszahlen niedrig zu halten.

Spätestens nach der Veröffentlichung der Stellungnahme der EKAF ist es aus meiner Sicht nun an der Zeit, dass wir Menschen mit HIV dieses alte Bündnis aufkündigen und verstärkt Kampagnen zur Entängstigung für ein gutes Leben als HIV-Positiver in der Gesellschaft einfordern. Dafür muss Prävention aber auf eine andere Basis als die des „Schreckens vor HIV“ gestellt werden, die ja auch unterschwellig immer ein „Erschrecken vor HIV-Positiven“ als Reaktion auslöst.

Der Deutschen AIDS-Hilfe werden immer wieder von den öffentlichen Geldgebern Steine in den Weg gelegt, ihre zeitgemäße Präventionskampagne für schwule Männer „Ich weiss, was ich tu“ (IWWIT) zu starten. Im März 2008 sollte es schon losgehen. IWWIT will Dinge beim Namen nennen, die sexuell aktive schwule Männer beschäftigt. Zielgruppengemäße Präventionsaussagen sollen aber offenbar verschämt nichtöffentlich „unterm Ladentisch“ gehandelt werden wie sich vor Jahrzehnten „Mann“ die Kondome beim Friseur des Vertrauens holte.

Der Widerstand der selbsternannten HIV-Gesundheitselite, die Inhalte des EKAF-Statements anzuerkennen, nimmt sich aus wie ein letztes Aufbäumen, wenn subtil das Bild des verantwortungslosen HIV-Positiven bemüht wird, der um seiner Lust willen andere Menschen mit einer HIV-Übertragung riskiert.

HIV-Prävention wirkt, wenn sie souverän die Fakten beim Namen nennt, z.B.:

  • Ja, es ist gut, sich zu informieren und bewusst Eigenverantwortung auszuüben.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist und bleibt eine schwere Gesundheitsgefährdung.
  • Ja, eine HIV-Infektion ist heute, wenn früh genug erkannt, gut behandelbar.
  • Ja, eine wirksame HIV-Therapie senkt die Infektiosität auf ein Minimum oder gar Null.
  • Nein, Kondome bieten keinen 100%igen Schutz.
  • Ja, man kann das Risiko einer HIV-Ansteckung sehr weitgehend minimieren.
  • Ja, kondomfreier Sex kann auch unter gewissen Bedingungen Safer Sex sein.
  • Nein, absolute Sicherheit gibt es nicht.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 13.07.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort wenige Tage später Mitte Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

4 Antworten zu Wer sich das Denken abnehmen lässt, mit dem ist es aus

  1. […] Wer sich das Denken abnehmen läßt . . . […]

  2. […] mit ihrer Auswirkung auf Lebensqualität von HIV+ und die HIV-Prävention und dass  “eigenes Denken” begrüßt und unterstützt wird. eine offensivere und freiere […]

  3. […] In einem anderen Zusammenhang hatte ich ja auch schon mal getitelt: „Wer sich das eigene denken abnehmen lässt, mit dem ist es aus.” […]

  4. […] Wann wird es in Deutschland eine offensive Information zur heutigen Behandlungssituation geben? Damals wie heute ist sehr entscheidend, gut und umfassend zu HIV informiert zu sein. Die Aussagen beschönigen nichts und machen keine falschen Versprechungen. Im Gegenteil, sie machen (HIV-Positiven wie HIV-Negative) neugierig und laden ein: Es hat sich etwas getan! Informier Dich! Lass nicht denken und Denke selber! […]

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