Way of no return – Die Feststellung der Nicht-Infektiosität ist eine Revolution in der AIDS-Historie

 

Ich stelle immer wieder fest, wie bedeutsam es ist, dass ich – und wir – als HIV-Positive selber bei den anderen ein Bewusstsein dafür wecken müssen, was es eigentlich bedeutet, sich nicht mehr als infektiös zu begreifen. HIV hat mit der Diagnose sozusagen meinen Körper verseucht und meine Seele vergiftet, mir mehr oder weniger einen Sack von Depression auf mein Leben gekippt. Jetzt hat der Spuk ein Ende, die Last fällt von mir ab. Ich spüre erst in diesem Moment, was ich all die Jahre an Bedrücktheit mit mir herumgeschleppt habe. Die Nicht-Infektiosität ist für mich ein Grund zur Freude.

 

Wer nicht selber mit HIV lebt, versteht nicht wirklich, was die Stellungnahme der EKAF über die sexuelle Nicht-Infektiosität von HIV-Positiven, bei denen die Viruslast unter wirksamer Therapie unter der Nachweisgrenze liegt, für uns Menschen mit HIV bedeutet. Selbst bei Kollegen in den AIDS-Hilfen und anderen Fachleuten im HIV-Betrieb stelle ich dies seit Ende Januar 2008 immer wieder fest. Statt spontaner Freude und Erleichterung herrscht bei ihnen als erster Gedanke vor: „Und was wird jetzt aus der Prävention?“ und ganz schnell kommt die Einschränkung: „Ja aber, was die Schweizer Ärzte sagen, das gilt doch nur für eine ganz kleine Gruppe.“

Ich stelle immer wieder fest, wie bedeutsam es ist, dass ich – und wir – als HIV-Positive selber bei den anderen ein Bewusstsein dafür erst wecken müssen, was es eigentlich bedeutet, mich nicht mehr infektiös zu begreifen. Seit der Diagnosestellung ist doch HIV als Dämon der Gefährlichkeit in meinem Kopf herumgespukt. HIV hat sozusagen meinen Körper verseucht und meine Seele vergiftet und mehr oder weniger einen Sack von Depression auf mein Leben gekippt. Jetzt gilt dies bei mir nicht mehr, der Spuk hat ein Ende, die Last fällt von mir ab. Ich spüre erst in diesem Moment, was ich all die Jahre an Bedrücktheit mit mir herumgeschleppt habe, trotz allem offensiv-kämpferisch leben und Mut zur Zukunft.

Da wird mir geraten, abzuwarten, alles mit Vorsicht zu geniessen, sich lieber erst mal gar nicht… als zu früh zu freuen und ja bloß die Einschränkungen zu beachten…
Mir kommt das so vor, als wollten mich die Bedenkenträger quasi hypnotisierend wieder in den Zustand der alten Depression zurückbeamen. NO! Nicht mit mir. Dies ist ein „way of no return!“ Abgewartet haben ich und andere lange genug. Die Zeit war jetzt reif!

Als ob die Erkenntnis, dass eine nicht nachweisbare Viruslast die Übertragbarkeit von HIV beim Sex unwahrscheinlich macht, so neu ist. Das ist sie nämlich nicht! Und dazu gibt es auch Fakten:

Aus dem Präventions-ABC, (in diesem link ganz nach unten scrollen, dort ist das Dokument als pdf hinterlegt) herausgegeben von der BZgA (Dr. Wolfgang Müller) und dem rki ( Dr. Uli Markus), veröffentlicht in Köln/Berlin Dezember 2006 zur 16. Internationalen AIDS-Konferenz in Toronto:

„…T Therapie: Die Senkung der Infektiosität gut behandelter HIV-Patienten ist als wichtiger Beitrag zur Senkung der HIV-Inzidenz auch im Bevölkerungsmaßstab unbestritten. Auch die Mutter-Kind Übertragung lässt sich nicht zuletzt dadurch auf weniger als 2% senken.

Da die Verträglichkeit der eingesetzten Medikamente in den letzten Jahren besser und die Therapie durch Kombinationspräparate einfacher geworden ist, wird inzwischen wieder diskutiert, ob ein früherer Therapiebeginn nicht doch Vorteile bietet. Einer der Vorteile wäre, dass bei einem größeren Teil der Patienten eine Senkung der Infektiosität erreicht werden könnte. …“

Offenbar scheinen die Nicht-Infizierten sich immer noch viel stärker von HIV bedroht zu fühlen als ich und viele andere HIV-Positive uns selbst erleben. Die monströse Angst, mit der HIV sich seit den 80er Jahren als zunächst tödliche Krankheit wie eine depressive Nebeldecke über unser Sexleben gelegt hat, soll offenbar aufrechterhalten werden. So wirken die bisherigen Veröffentlichungen der BZgA im des Rki auf mich. Die Deutsche AIDS-Hilfe greift die Stellungnahme der EKAF viel offener und begrüßender auf

Warum diese Befangenheit? Warum ist die Nachricht darüber, dass ich als erfolgreich behandelter HIV-Positiver Sex ohne Gummi machen kann und damit andere eben nicht mehr gefährde, so verstörend und irritierend? Positive – und kein Kondom?? Das passt offenbar nicht zusammen, die Welt steht Kopf.

HIV und das Kondom wurden bei der Prävention immer in einem Atemzug und untrennbar gedacht. Das war einfach zu vermitteln und schnell zu verstehen. Jetzt gilt diese HIV-Präventionslinie nicht mehr in jedem Fall. Nämlich nicht mehr bei den HIV-Positiven, die dauerhaft erfolgreich behandelt sind – und keine aktuelle STD haben. Nicht mehr für mich. Die neue Freiheit werde ich leben und geniessen. Aber es wird auch eine Zeit brauchen, sie wirklich zu verstehen. Wer lange im Knast saß, muss sich auch erst langsam wieder an die sonnige Freiheit gewöhnen. Auch für mich ist die neue Situation ungewohnt und etwas irritierend.

Aber warum freuen sich andere nicht einfach mit mir? Warum holen sie nicht auch mit mir tief Luft, sprengen die Last ab und atmen die Anspannung und den Druck der letzten 25 Jahre einfach aus? Warum halten sie stattdessen die Luft an, schnüren sich masochistisch in das alte überlebte Korsett ein und/oder reagieren mit subtil verpackter Abwehr auf diejenigen, die die Zeitenwende jetzt laut verkünden und begrüßen?

Diese Reaktion der Bedenkenträger ist mir ein eindeutiges Zeichen dafür, dass genau das geschehen ist, was diese Gruppe bestreiten will: Dass mit der Stellungnahme der EKAF sich nämlich tatsächlich eine Revolution in der AIDS-Historie vollzogen hat.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 04.05.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

3 Antworten zu Way of no return – Die Feststellung der Nicht-Infektiosität ist eine Revolution in der AIDS-Historie

  1. […] auf mich selber und auf das Leben mit HIV insgesamt bezogen habe. Erst die EKAF-Stellungnahme habe mir die Augen geöffnet, wofür ich der EKAF noch einmal meinen Dank aussprach. Als mögliche Erklärung, warum das […]

  2. […] smart about HIV” meint in etwa: Sei schlau und intelligent im Umgang mit Deiner HIV-Infektion. Sorge gut für Dich. Nutze die heutigen […]

  3. […] redeten laut und streitbar über die EKAF-Stellungnahme. Am 4.Mai 2008 schrieb ich im Blog: „Way of no return – Die Feststellung der Nicht-Infektiosität ist eine Revolution in der AIDS-Histo… Damit sollte ich Recht behalten: Die EKAF-Stellungnahme IST eine Zäsur in der Historie von HIV wie […]

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