Neuer Optimismus im Leben mit HIV: „Ich werde HIV überleben!“

Die Veröffentlichung der EKAF über die unterdrückte Infektiosität bei wirksamer ART erlebe ich als Zeitenwende in meiner Biografie mit noch nicht fassbarer Tragweite. Mich ergreift erstmals eine Lebensstimmung von: „Ich werde HIV überleben!“

Musste ich mich zuvor immer als denjenigen sehen, vom dem für andere beim Sex eine Gefahr ausgeht, löst sich dieses Gespenst, dieser Alptraum, nun mehr und mehr in Luft auf.

Auf mich treffen die Kriterien der EKAF insofern zu, als dass meine HIV-Therapie seit 5 Jahren optimal wirkt, meine Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt und bei mir keine STD vorliegt.

Zwar bin ich weder heterosexuell, noch lebe ich in einer festen Paarbeziehung, aber es gibt eben nur männliches Sperma – und kein speziell heterosexuelles oder homosexuelles Sperma. Ob die restlichen wenigen Viren, die noch unter der Nachweisgrenze vorhanden sind, im Analbereich doch noch eine Ansteckung herbeiführen können, wo es im Vaginalbereich offenbar zu über 99,9x % nicht passiert, das interessiert mich sehr.
Über die offenen Fragen bin ich mir sehr wohl bewusst. Auf Safer Sex bezogen auf HIV jetzt generell zu verzichten, dafür ist es definitiv noch zu früh. Wer dies aus dem EKAF-Statement ableitet, gibt seinen Tagträumen nach und hat nicht gründlich gelesen.

Im übrigen wird Analverkehr sowohl von Schwulen wie von Heteros praktiziert.

Trotzdem verändert sich etwas in meinem Bewußstein und das packt sich in den Satz: „Ich bin nicht mehr infektiös!“ Ich spüre wie Michéle Meyer, Präsidentin von LHIVE, der Organisation von Menschen mit HIV und AIDS in der Schweiz, einfach nur eine große Freude und ein tiefes Aufatmen mit Erleichterung. Erstmals in den 18 Jahren, seit ich von meiner HIV-Infektion weiss, entsteht ein gefühltes Bewusstsein von: „Ich habe HIV überlebt!“ – oder, wenn ich der Vorsicht in mir zuhöre, entsteht die Zuversicht: „Ich werde HIV überleben!“.

Auch wenn HIV noch nicht heilbar ist, zumindest kann die Infektiösität jetzt medikamentengestützt gebannt werden. Und gerade was den Sex angeht, war und ist die Infektiösität ja die eigentliche Krankheit, die Angst verursacht und einen in den psychischen Wahnsinn zu treiben droht, die Grundlage für Diskriminierung und Selbstdiskriminierung bildet und das Leben massiv beschränkt.

Jetzt stellt sich die Welt auf den Kopf: Ich kann sagen: Ich bin HIV-positiv, gut behandelt und meine Viruslast ist dauerhaft unter der Nachweisgrenze. Und Du? Weißt Du bei Dir Bescheid? Ich bin gegen Hepatitis A und B geimpft, eine Hep C hab ich nicht und will ich nicht. Und Du?, weißt Du bei Dir über HIV und Hep Bescheid?

Ich weiss bei mir Bescheid, weiss um meine medikamentengestützte Nicht-Infektiösität. Und natürlich werde ich alles dafür tun, dass dies auch so bleibt. Mit der Therapietreue, also der regelmäßigen Tabletteneinnahme hatte ich eh nie Probleme. Etwa 1 Mal in zwei Monaten kommt es vor, dass ich eine Dosis vergesse, weil ich an diesem Tag von anderen Dingen zu abgelenkt war und meine Routine unterbrochen war. Das macht mir keinen Stress und die Laborwerte stimmen.

In der Vergangenheit haben unterschwellig doch viele Ungetestete und HIV-Negative erwartet, dass diejenigen, die mit HIV leben, die größere Verantwortung hätten, HIV nicht weiterzugeben. Das war schon immer unfair und da haben wir stets gegenhalten müssen.

Wie Prof. Martin Dannecker schon auf dem Positiventreffen im November 2007 richtig anmerkte, kehrt sich diese Dynamik nun um: Als gut behandelter Mann mit HIV kann ich sogar als Sexpartner im Vergleich zu anderen MEHR SICHERHEIT vermitteln, als diejenigen, die von ihrem Serostatus nichts wissen, womöglich gerade die Phase der primären HIV-Infektion mit gesteigertem Ansteckungspotenzial durchleben und so HIV mit kondomfreiem Sex verbreiten.

Sollten jetzt allerdings die HIV-Negativen auf die Idee kommen, von allen HIV-Positiven zu erwarten, sie mögen doch bitte schön alle ganz schnell mit der antiretroviralen Therapie beginnen, damit sie sich doch wieder (im Selbstbetrug) sicher fühlen könnten, dann gehe ich auf die Barrikaden. Das kündige ich hier schon mal deutlich an.

  • Zu welchem Zeitpunkt jemand mit der HIV-Therapie beginnt, das liegt alleine in der Entscheidungshoheit des HIV-Positiven.
  • Genauso, wie die EKAF in ihrem Papier sagt, dass die Entscheidung, ob beim Hetero-Sex mit einem wirksam therapierten HIV-Positiven auf das Kondom verzichten werden soll, immer dem HIV-negativen Menschen obliegt, „…weil dieser letztendlich die Konsequenzen einer HIV-Infektion tragen müsste, falls es wider Erwarten doch zu einer HIV-Übertragung käme.“

Aus Gesprächen mit sehr vielen HIV-Positiven weiss ich, wie sehr verantwortungsvoll Menschen sich stets sorgen, ihre Partner und Partnerinnen nicht mit HIV anzustecken. Diejenigen, die jetzt als Bedenkenträger sagen, die EKAF-Stellungnahme würde zum Leichtsinn verführen, unterstellen unausgesprochen, dass von uns HIV-Positiven jetzt durch voreiliges Handeln fahrlässig neue HIV-Übertragungen herbeigeführt werden. Diese unausgesprochenen Anschuldigungen empören mich zutiefst. Sie diskriminieren und dagegen verwehre ich mich entschieden!!

Ich habe ein Recht darauf, zu wissen, was Stand des Wissens ist. Wenn meine HIV-Infektiösität fast 100% gebannt ist, ist es mein Recht, dies zu erfahren. Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass Wissen und Erkenntnisse offen kommuniziert, diskutiert und bewertet werden muss. An diesem Punkt sind wir jetzt und die Zeit war mehr als reif!

In der Vergangenheit haben wir Menschen mit HIV ganz entscheidend durch unser mutiges Auftreten in der größeren oder kleineren / privaten Öffentlichkeit zum Abbau von Vorurteilen und Berührungsängsten mit uns beigetragen und unseren Teil an Verantwortung wahrgenommen.
Über die Begegnungen mit uns haben viele Menschen überhaupt erst begonnen, wach zu werden und HIV als Thema, das sie betrifft, zu begreifen.

Und wir werden auch jetzt, in dieser Zeitenwende, aus unserer Perspektive und Situation als Alltags-Experten im Leben mit HIV, daran mitwirken, dass die Erklärung der EKAF richtig verstanden und richtig vermittelt wird.

Abschließend will ich noch einmal die Einleitung der Stellungnahme der EKAF zitieren:

„Zu den Aufgaben der EKAF gehört es, neue Erkenntnisse betreffend die Infektiösität von HIV-Infizierten Menschen unter einer optimal wirksamen Therapie bekanntzumachen. Die EKAF will Menschen mit und ohne HIV-Infektion Ängste nehmen und dadurch einem Teil der etwa 17.000 in der Schweiz lebenden HIV-infizierten Menschen ein weitgehend „normales“ Sexualleben ermöglichen.“

********************************************************

Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 17.02.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

 

5 Antworten zu Neuer Optimismus im Leben mit HIV: „Ich werde HIV überleben!“

  1. […] eröffnet neue Horizonte, wie ich in meinem Blog “Neuer Optimismus im Leben mit HIV: Ich werde HIV überleben!” bereits am 17.2.2008 geschrieben […]

  2. […] angesprochen als Interviewpartner für eine langes Überleben mit HIV, für Lebensfreude und einen optimistischen Blick in die Zukunft, aber auch für erlebte Trauer und […]

  3. […] Neuer Optimismus im Leben mit HIV: Ich werde HIV überleben […]

  4. […] nur ein (noch) längeres Leben. Faktisch auch die Infektiosität beseitigt. Daher ist eine ähnlich neue Situation gegeben, die eine neue Informationskampagne erforderlich macht. Die Struktur kann im wesentlichen […]

  5. […] einem beeindruckenden Artikel “Ich werde HIV überleben!“ bringt Termabox das zum Ausdruck was ihn und viele Andere […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: