„Ich bin meine eigene Kampagne!“

Haben die öffentlichen AIDS-Kampagnen überhaupt noch eine Wirkung? Welches Bild von AIDS gibt es heute in der Gesellschaft? „Ich hätte gerne ein klares Bild von AIDS in der Gesellschaft, das ALLE Facetten des Lebens mit HIV zeigt“, sagte ein Teilnehmer des 123. Bundesweiten Positiventreffens, das gerade vom 14.-18. November in der Akademie Waldschlösschen stattfindet.

Dort bin ich gerade. 1991 hatte ich an meinem ersten Positiventreffen teilgenommen, Seitdem war ich oft hier. Zu den bundesweiten Positiventreffen kommen 6 Mal im Jahr jeweils etwa 60 Menschen mit HIV aus ganz Deutschland zusammen. Viele sind wie ich schon oft hier gewesen, dieses Mal sind 12 von ihnen zum ersten Mal dabei. Auf den Treffen werden soziale, politische und medizinische Fragen und Themen diskutiert, die im Leben mit HIV eine Rolle spielen. Freundschaften entstehen hier, Vernetzung und Erfahrungsaustausch findet statt und viele, die an ihrem Wohnort mit HIV alleine sind, erfahren hier eine unterstützende Gemeinschaft.

Ein Workshop heute morgen beschäftigte sich mit dem Thema:

  • Welche Gesichter hat AIDS 2007?
  • Müssen HIV-Positive wieder stärker sichtbar werden, damit AIDS wieder mehr öffentliches Thema wird?

Die Plakatkampagnen und Anzeigen der AIDS-Hilfen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finden wir HIV-Positiven zu schwach und wenig eindeutig.

Mit unserem eigenen offenen Auftreten mit HIV erreicht wir viel mehr. „In meiner Familie bin ICH die Kampagne“, so drückt es Udo aus. Eltern, Geschwister und deren Kinder wissen seit vielen Jahren von seiner HIV-Infektion. Da gibt es von beiden Seiten keine Befangenheiten.

„Am Anfang dachten alle: Naja, der macht es nicht mehr lang.“ Das ist jetzt viele Jahre her. Auch sein Freundeskreis weiß um seine HIV-Infektion und hat ihn in Höhen und Tiefen begleitet. Nur am Arbeitsplatz ist Udo nicht mit HIV geoutet. Da befürchtet er Nachteile und Probleme. Sieht er bei schwulen Freunden häufige Partnerwechsel und intensives Sexleben, haut er sie auf Safer Sex und HIV an. Mit seinem offenen Auftreten hat er schon viele zum Nachdenken gebracht, die HIV gerne verdrängen würden. Manchmal rät er auch offensiv zu einem HIV-Test. Und wenn es nötig ist, begleitet er Freunde auch zum Test.

„Jetzt wieder ne Perspektive zu haben und auch doch wieder keine zu haben, – das macht mir tierisch zu schaffen. Denn morgen kanns ja doch schon vorbei sein“, so erlebt er HIV im Jahr 2007.

Ganz anders ist es bei Klaus: „Mich in der Familie und bei Freunden und Freundinnen als schwul zu outen, das war gar keine Frage. Aber bei HIV jetzt habe ich Probleme damit, da geht das irgendwie nicht. Da will ich den Kreis so klein wie möglich halten. Da kriege ich das Outing nicht hin.“ Was da in seiner Seele eigentlich abgeht, versteht er selber nicht. „Ich sehe mich nach wie vor als Marsmenschen.“ Zum Ende unserer Diskussion sagt er: “Ich bin bereit, gefragt zu werden, aber ich würde mit HIV nicht aktiv nach außen gehen.“

René lebt mit Anfang 40 als Rentner in einem Dorf in der Provinz. Viele Jahre hatte er engagiert in einer Großstadt die landesweite Selbsthilfe von Menschen mit HIV koordiniert, stand in der Öffentlichkeit und war sehr aktiv. Heute gehört er zum Organisationsteam der bundesweiten Positiventreffen hier im Waldschlösschen.

In seinem Dorf hatte er einmal seine Nachbarschaft zusammen mit seinem Freundeskreis zu einem großen Fest eingeladen. Da wurde auch HIV und Pillen nehmen nicht versteckt. „Alle wissen, dass ich HIV-positiv bin, aber wenn die im Dorf Fragen zu HIV haben, holen sie sich die Infos woanders her. Das finde ich auch gut so. Ich will nicht der große sexuelle Aufklärer für Übertragungswege sein, aber zum Leben mit HIV kann man mich ansprechen. Ich glaube schon, dass ich für die Leute im Dorf prägend für ihr Bild von AIDS bin.“

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 15.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

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