Altes AIDS – Neues AIDS

Mit einer HIV-Diagnose war die Ausgangslage 1990, als ich von meiner Infektion erfuhr, eine völlig andere als heute, im Jahr 2007: Es gab nur 1 Medikament, das gegen HIV eine gewisse Zeit wirksam war. Für die opportunistischen Erkrankungen, die bei AIDS auftreten, gab es erste Prophylaxe- und Behandlungsmaßnahmen. Die Ärzte und wir waren aber weitgehend machtlos. Wer 5 Jahre mit der HIV-Diagnose lebte, galt als „Langzeit-Überlebender“ und wurde bestaunt.

Nichts ist schlimmer, als einer drohenden Gefahr machtlos und hilflos gegenüber zu stehen. Dementsprechend haben wir HIV-Positiven damals viel experimentiert. Die ganze der Welt der Naturheilkunde und Komplementärmedizin wurde ausprobiert und über viele Methoden psychischer Entlastung das Immunsystem gestärkt. Einiges davon habe ich auch selber gemacht. Es hat mir gut getan. Wie gesagt: Nichts macht mehr depressiv, als gar nichts zu tun.

Das Sterben war darüber aber nicht aufzuhalten. Menschen, die starke Persönlichkeiten waren, eine gute Einstellung zu HIV gefunden hatten und gesund lebten und trotzdem viel Spaß hatten, starben. Sie wurden überlebt von vielen anderen, die absolut stressvoll und aus gesundheitlicher Sicht ruinös lebten.

Der Rettungsweg, den wir ja eigentlich suchten, lag da offenbar nicht.

Der Wendepunkt kam 1996, als in der Schulmedizin mit den Proteaseinhibitoren eine neue Medikamentengruppe in der HIV-Therapie zur breiten Anwendung kam. Deutlich ist die Zahl der Todesfälle seitdem gesunken. Ich habe bis dahin an sehr vielen Beerdigungen teilgenommen, wichtige Weggefährten, Freunde und Mitkämpfer verloren. Jetzt treffe ich Freunde wieder häufiger bei Geburtstagsfeiern als auf dem Friedhof. Und das ist auch gut so und soll auch so bleiben.

Ich freue mich, dass HIV seinen Schrecken verloren hat, auch wenn sehr viele Unsicherheiten im Leben mit HIV bleiben. Ich freue mich, dass die HIV-Therapie bei mir gut wirkt und die Forschung weitergeht. Ich blicke optimistisch in meine Zukunft.

Diese Freude lasse ich mir auch nicht von den HIV-Präventionisten nehmen, die natürlich besonders zum Welt-AIDS-Tag ihre berechtigte Sorge äußern, dass zu viele Menschen die Auswirkungen dessen, was es bedeutet, mit HIV leben zu müssen, nicht sehen wollen.

HIV-positiv zu sein ist in doppeltem Sinne wie ein schwerer „Verkehrsunfall“: zu überleben ist schön, aber, um im Bild zu bleiben, z.B. irreparabel Bein-amputiert zu sein, am Körper und in der Seele bleibende Narben und Schmerzen zurückzubehalten und nicht mehr so belastbar und beweglich zu sein wie zuvor, ist eine Auswirkung, die wirklich nicht erstrebenswert ist.

Das sollte keiner vergessen, der HIV-Positiven begegnet und nur wahrnimmt, dass viele „gut drauf“ sind. Klar versuchen wir, das Beste aus der Misere zu machen und Spass am Leben zu haben. Vielen von uns gelingt das auch gut. Und diese innere Balance wiederzufinden ist ja auch Sinn und Ziel meiner beruflichen Arbeit mit HIV-Positiven in der AIDS-Hilfe.

Aber lieber heute als morgen würden wir doch dem HIV den endgültigen KO-Schlag verpassen und wieder frei sein.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 30.09.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

Eine Antwort zu Altes AIDS – Neues AIDS

  1. […] habe ich die Zeit des Neuen AIDS erreicht, in der wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, um die HIV-Infektion im Körper […]

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