„AIDS“: Wort des Jahres 1987

Fast hätten wir dieses Jubiläum unbemerkt verstreichen lassen: Vor 20 Jahren, 1987, wurde „AIDS“ und „Kondom“ von der Gesellschaft für Deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gewählt und gewann damit gegen Perestroika, Glasnost, Waterkantgate, Ozonloch, Molkepulver, Handlungsbedarf, Kremlflieger und Dienstleistungsabend.

Hier einige Ergebnisse einer Recherche im Internet zu AIDS im Jahr 1987:

Deutschland und AIDS im Jahr 1987:

In der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zum Umgang mit AIDS in Deutschland setzte sich die damalige Gesundheitsministerin Rita Süßmuth mit der Linie der liberalen, nicht repressiven Aids-Politik durch. Als Verfechter der herkömmlichen Gesundheitspolitik forderte der CSU-Politiker Peter Gauweiler Zwangsmaßnahmen: Die Instrumente der alten „Seuchenpolitik“ sollten eingesetzt werden. Er orientierte sich an „Moral“ und „Schuld“. Gauweiler wollte Infizierte melden und isolieren, notfalls einsperren lassen.
Für ihre Verdienste und aus Dank für ihr mutiges Auftreten wurde Rita Süßmuth im Jahr 2004 vom Schwulen Netzwerk NRW geehrt.
Rita Süßmuth hat etwas Neues in der Gesundheitspolitik geschaffen. Rolf Rosenbrock, damals Mitglied der AIDS-Enquêtekommission des Deutschen Bundestages und im Nationalen AIDS-Beirat, erinnert sich.

1987: Das „Sofortprogramm der Bundesregierung zur Bekämpfung von Aids“ und die Kampagne „Gib Aids keine Chance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) starten.
Die Aids-Telefonberatung der BZgA beginnt ihre Arbeit.
Die Deutsche AIDS-Stiftung „Positiv leben“, die Nationale Aids Stiftung und der Nationale Aids-Beirat der Bundesregierung werden ins Leben gerufen.

Ende April 1987 erhalten alle Schulen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung je 2 kostenlose Lehrerhandbücher „Unterrichtsmaterial zum Thema AIDS für die 9. und 10. Klasse“.

1987 produziert die BZgA ihren ersten AIDS-Spot
Ein Video mit einer Zusammenstellung der meisten der seit 1987 von der BZgA produzierten ca. 70 AIDS-Spots, die überwiegend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und in Kinos zu sehen waren, ist auch heute noch bei der BZgA zu bekommen. Hier als Beispiel: Ohne Dings kein Bums

AIDS-Aufklärung in den Schulen
Am 10. März 1987 wendet sich der Kultusminister von Schleswig-Holstein mit einem Runderlass an die Lehrer: „Auf der Grundlage der vorstehenden Hinweise bitte ich alle Schulleiter darauf hinzuwirken, daß im Rahmen der unterrichtlichen Möglichkeiten unverzüglich mit der AIDS-Aufklärung begonnen werden kann.“

1987 erscheint ein für die AIDS-Arbeit sehr bedeutsames Fachbuch der Autoren Erwin Haeberle und Axel Bedürftig: „Aids – Beratung, Betreuung, Vorbeugung – Anleitungen für die Praxis“
Schwerpunkthaft geht es um die Ursachen der verbreiteten Ängste vor Aids und die Möglichkeiten ihrer Verminderung bzw. Beseitigung. Dabei ist die sachgemäße Information über Ansteckungsrisiken und Krankheitsverlauf besonders wichtig: „Die beste Methode, um übertriebenen Sorgen vor einer möglichen Ansteckung durch das HIV-Virus entgegenzuwirken, ist die Information über die möglichen Übertragungswege und den Verlauf der Krankheit Aids.
Die verbreitete Aids-Angst hat dabei im wesentlichen drei Ursachen: Furcht vor dem Unbekannten, Einstellungen zu Homosexualität, Drogenkonsum und dem häufigen Wechsel von Sexualpartnern und schließlich enttäuschte oder auch bestätigte Erwartungen über die Leistungsfähigkeit der modernen Medizin.“

Meine „Heimat“- AIDS-Hilfe Wuppertal wird am 24. März 1987 gegründet.

Internationales zu AIDS 1987

Als erstes HIV-Medikament erhält „Retrovir“ (AZT) am 29. April 1987 in den USA seine Zulassung zur Behandlung der HIV-Infektion. Noch heute ist AZT ein wichtiger Bestandteil in der Aids-Therapie.

Der britische Staatssekretär für im Gesundheitsministerium, Norman Fowler, besuchte San Francisco, und schüttelte einem AIDS-Patienten demonstrativ die Hand. Diese Geste fand große Beachtung. Wenig später tat es ihm Prinzessin Diana gleich bei einem Besuch im Middlesex Hospital, London.

Etwa zeitgleich gründete sich ACT UP (the AIDS Coalition to Unleash Power). ACT UP war eine Bewegung zivilen Ungehorsams. In den USA gegründet, protestierte ACT UP mit spektakulären öffentlichen Aktionen gegen die Verelendung und Diskriminierung von AIDS-Patienten. Da es in den USA kein Sozialversicherungssystem gab, mußten die Kranken die extrem teuren Medikamente selbst bezahlen. Am 24. März 1987 fand die erste große Massendemonstration statt. Larry Cramer erinnert an die Gründung vor 2o Jahren. In seiner auf Video (in englischer Sprache) aufgezeichneten Rede zum 20. Jahrestag wird viel von der Emotionalität im Kampf gegen AIDS spürbar.

In den USA wurde im Bundesstaat Utah mit Gesetz vom 17.4.1987 die Eheschließung mit AIDS-Infizierten untersagt, und gleichzeitig die Nichtigkeitserklärung bereits geschlossener Ehen ermöglicht. 1987 verfügten neun US-Staaten über ein Aids-Register mit namentlicher Nennung von HIV-Positiven. In zwei von ihnen, Colorado und Idaho, werden die Namen benutzt, um über die Rekonstruktion von Sexualkontakten Infektionswege aufzuspüren.

Im Oktober 1987 wurde mit AIDS erstmalig über eine Krankheit in der Generalversammlung der Vereinten Nationen debattiert. Die UN-Generalversammlung forderte alle Bereiche und Abteilungen der UN auf, sich unter der Leitung der Weltgesundheitsorganisatin (WHO) sich im Kampf gegen AIDS zu engagieren.

Mein persönliches Fazit:

  • In der Medizin und der Behandelbarkeit der HIV-Infektion sind wir heute Riesenschritte weiter. Für diejenigen, die mit den HIV-Medikamenten versorgt werden können – und weltweit gesehen ist dies nur eine Minderheit! – ist HIV eine chronische Erkrankung geworden.
  • Wer Zugang zu den HIV-Medikamenten bekommt, hat Grund, die Depression abwerfen und wieder der Lebensfreude Raum zu geben.
  • Gesellschaftlich ist auch in Deutschland der Umgang mit HIV-Positiven immer noch sehr von Angst geprägt und moralische Schuldzuweisungen müssen von uns HIV-Positiven und den AIDS-Hilfen immer noch vehement zurückgewiesen werden.
  • Die liberale Süßmuth-Linie des Umgangs mit AIDS muss jeden Tag neu verteidigt und erstritten werden!

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 8.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

2 Antworten zu „AIDS“: Wort des Jahres 1987

  1. […] Rita Süssmuth wurde im Jahr 2004 für Ihre Verdienste im Kampf gegen AIDS und für Ihren Beitrag zum Erhalt der Bürgerrechte mit der “Kompassnadel” des Schwulen Netzwerk NRW ausgezeichnet.[…]

  2. […] HIV-Infektion und als Reaktion entsteht ein aggressives Klima gegenüber HIV-Positiven. Kurz zuvor, 1987, hatte die offensive Information und Aufklärung der bundesdeutschen Gesellschaft mit der Kampagne […]

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