AIDS – Wege aus der Angst

Im Vorfeld der erwarteten Veröffentlichung des Konsensuspapier der deutschen AIDS-Fachwelt und Selbsthilfe, wie die Stellungnahme der Schweizer AIDS-Kommission über die nicht mehr vorhandene Infektiosität erfolgreich behandelter Menschen mit HIV für die Prävention und Beratungsarbeit zu bewerten ist, lohnt ein Blick in das Vorwort des Buches von Rita Süssmuth, das sie 1987 als Bundesgesundheitsministerin geschrieben hat. Sie hatte dem Buch den wegweisenden und auch heute noch aktuellen Titel gegeben: Wege aus der Angst

„Tatsache ist, dass die Politik bzw. die politisch Verantwortlichen verpflichtet sind, ihre Strategien und Maßnahmen zu verdeutlichen. Bürger und Bürgerinnen haben einen Anspruch darauf, zu erfahren, welche Vorgaben und Ziele dem politischen Handeln zugrunde liegen. Erwartet werden Begründungen für getroffene oder zu treffende politische Entscheidungen. Die Politik muß verständlich und nachvollziehbar sein. Anderenfalls fehlen die Voraussetzungen für Akzeptanz und/oder begründete Kritik.
Ich weiß, wie viel Unsicherheit bei den Menschen in der Bundesrepublik aufgrund widersprüchlicher Informationen entstanden sind. Dieses Buch soll dazu beitragen, Unsicherheiten und Ängste abzubauen, indem wir das heute verfügbare Wissen der Experten weitergeben. Der Öffentlichkeit sollten unterschiedliche Standpunkte nicht verborgen bleiben. Sie sollte in die Lage versetzt werden, diese unterschiedlichen Auffassungen nachvollziehen und sich selbst ein Urteil bilden zu können. Angst lässt sich nur schwerlich abbauen, wenn der einzelne befürchten muß, dass ihm wichtige Informationen vorenthalten werden bzw. Wissen nur gefiltert weitergegeben wird.
Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen dazulegen, wie ich die Problematik sehe, welche Prioritäten die AIDS-Politik leiten und mit welchen Maßnahmen wir von AIDS Betroffenen zu helfen beabsichtigen. Ich habe mich bemüht, die komplizierten Zusammenhänge so einfach wie möglich dazustellen.

Was gegenwärtig geschieht, ist nicht einseitig geprägt von Hysterie und Panikmache oder von kommerziellen Interessen. Ich sehe vielmehr jene, die sich der gemeinsamen Herausforderung stellen, sich dafür persönlich und finanziell einsetzen. Wir haben Grund zur Hoffnung und zu mehr Vertrauen in den einzelnen Menschen, nicht nur im Kampf gegen AIDS.“

Nach der Veröffentlichung der Stellungnahme der Eidgenössischen Kommission für AIDS-Fragen (EKAF) Ende Januar 2008, die besagt, dass (heterosexuelle) HIV-Positive, die dauerhaft erfolgreich behandelt werden, das HI-Virus sexuell nicht mehr weitergeben können, also dass deren Infektiosität gebannt ist, findet derzeit eine lebhafte, kontroverse und auch emotionale Diskussion unter HIV-Positiven, HIV-Präventionisten, Mitarbeitern der AIDS-Hilfen, unter den ärztlichen HIV-Spezialisten, in Internet-Blogs und Foren und auch in der Bundesgesundheitspolitik statt.

Die meisten der ersten Reaktionen lauteten „Das darf man doch nicht laut sagen…“ In der ersten gemeinsamen Stellungnahme der BZgA, des rki und der DAH vom 26.2.2008 zur EKAF drohte in meiner Wahrnehmung das zentrale Anliegen der EKAF, nämlich „Menschen mit und ohne HIV-Infektion Ängste [zu] nehmen und einem Teil der … lebenden HIV-infizierten Menschen ein weitgehend „normales „ Sexualleben zu ermöglichen“ völlig vernachlässigt und durch Nicht-Beachtung unterdrückt zu werden.

Ich persönlich sah deshalb zu diesem zurückliegenden Zeitpunkt den Süssmuth’schen Geist der erfolgreichen AIDS-Politik in Deutschland bedroht. Wie Rita Süssmuth formulierte: Es ist wichtig, dass Wissen zur Verfügung gestellt wird, bestehende unterschiedliche Standpunkte nebeneinander gezeigt werden müssen, Wissen nicht gefiltert weitergegeben wird und den Menschen zugetraut wird (unterstützt durch die Beratungsstellen) sich selbst ein Urteil zu bilden. Ich hoffe, dass auch das aktuell in Arbeit befindliche deutsche Konsensuspapier diesen Geist und das Menschenbild von Rita Süssmuth wiedererkennen lässt.

Denn auch die EKAF will mit ihrer aktuellen Stellungnahme vom 30.1.2008, so wie Rita Süssmuth 1987, „Wege aus der Angst“ weisen.

Rita Süssmuth wurde im Jahr 2004 für Ihre Verdienste im Kampf gegen AIDS und für Ihren Beitrag zum Erhalt der Bürgerrechte mit der „Kompassnadel“ des Schwulen Netzwerk NRW ausgezeichnet. Der link zur Laudatio anlässlich der Preisverleihung findet sich in meinem Blog: AIDS: Wort des Jahres 1987.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 04.06.2008 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

2 Antworten zu AIDS – Wege aus der Angst

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