Schwule sind eindeutig unpolitischer geworden

Oktober 28, 2009

In einem gepodcasteten 10-minütigem Interview mit der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ hält Erwin In het Panhuis, Vorstand des Vereins Centrum Schwule Geschichte / Köln einen politischen Rückblick auf die Entwicklung der Emanzipation und Akzeptanz von Homosexualität in der deutschen Gesellschaft.

Centrum Schwule Geschichte, Köln

Darüber hinaus bewertet er kritisch und pointiert die aktuelle Entwicklung: „Die Schwulen sind eindeutig unpolitischer geworden.“ Dabei gäbe es noch genug Anlass, sich gegen nach wie vor bestehende Diskriminierungen und Benachteilgungen zu wehren: „Ich glaube, dass die gesellschaftliche positive Einstellung auf einem sehr sehr wackeligen Fundament steht.“

Klischees übereinander gäbe es sowohl bei Heteros wie bei Schwulen. Erwin In het Panhuis bemerkt in letzter Zeit eine  höhere Offenheit von Heteros gegenüber Schwulen und Lesben. Schwule und Lesben dagegen würden oft lieber in ihren Subkulturen leben und ein Scheuklappendenken pflegen, weil sie sich in ihrer Parallelgesellschaft eingerichtet haben. Dagegen werden Heteros zunehmend im positiven Sinne entspannter, neugierig und fragen auch nach.

Im Dialog und Kontakt könnten Klischees dann schnell durchbrochen werden.

In der Ausgabe 11/2009 von Bild der Wissenschaft befindet sich ein Schwerpunktteil zu Homosexualität:

Schwule geben den Forschern nach wie vor Rätsel auf. Merkt man Kindern schon früh an, wenn sie „anders gepolt“ sind? Warum lehnen viele Menschen Schwule ab? Und wieso ist gleichgeschlechtlicher Sex im Tierreich so weitverbreitet?

Da scheint sich ein Weg zum Zeitschriftenstand am Kiosk zu lohnen!

Aber warum wird, wie oben in der zitierten Vorankündigung der Onlineredaktion von BdW, einmal wieder Homosexualität nur mit schwulen Männern angesprochen und lesbische Frauen bleiben als Gruppe nicht genannt?

Das gepodcastete Interview jedenfalls ist aufschlussreich, frisch und  politisch. Anhören lohnt!


Die Verzauberten sieht mann in München

Oktober 23, 2009

Sehr beachtenswert ist die Ausstellung „Die Verzauberten“, die noch bis zum 30. Oktober 09 in München im Sozialreferat am Ostbahnhof zu sehen ist. Sie beinhaltet „Gesichter und Geschichten alter schwuler Männer“, die zwischen 1916 und 1946 geboren sind.

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Die vollständige Ausstellung mit allen Fotos und Texten ist in einem schönen Katalog zur Ausstellung dokumentiert und bleibt als Datei hoffentlich noch einige Zeit auf der homepage der Stadt München eingestellt.

Für die Stadt München spricht Hep Monatzeder als Bürgermeister in seinem Grußwort eine deutliche Sprache:

„… Die Ausstellung zeigt die Gesichter von zehn schwulen Männern, die in diesen Jahrzehnten aufgewachsen sind und gelebt haben. Sie erzählt ganz eigene und doch ähnliche Lebensgeschichten. So individuell die Biografie jedes Einzelnen ist, so kollektiv ist die Erfahrung an Ausgrenzung und Benachteiligung, manchmal sogar Gewalt. Es ist sicher nicht falsch, von einer verwundeten Generation zu sprechen.

Für mich ist es eine Ehre, als Bürgermeister der Landeshauptstadt München die Schirmherrschaft für diese Ausstellung zu übernehmen. Ich möchte dies auch als Ausdruck dafür verstanden wissen, dass die Landeshauptstadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, jenes Unrecht, dass viele schwule Männer erfahren mussten, wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen. …“

Wiedersehen mit Peter Schauwecker

Die Ausstellung hatte ich zusammen mit einem Freund besucht. Fotos und die sie begleitenden Kurzbiografien gaben uns eine Fülle von Impulsen, uns an eigene Erlebnisse zu erinnern und ins Gespräch über unsere eigenen Biografien zu kommen. Obwohl wir wesentlich jünger sind, ist auch unser Aufwachsen in heteronormierten Familien und gesellschaftlichem Umfeld geprägt von Widerständen, die es zu überwinden galt, was uns auf ganz unterschiedliche Weise mal besser, mal schlechter gelang.

Ausstellungsraum 1. Stock Sozialreferat

Die Fotos sind hier in einer Galerie bei Queer.de zu sehen.

Mich freut, eine städtisch-öffentliche Ausstellung  zu sehen, in der ältere Schwule sichtbar werden. In den Kurzbiografien vermitteln sich die Lebenswege als gelungene Lebensentwürfe in einem widrigen Lebensumfeld. Die portaitierten Männer wirken glaubwürdig.

Aidskrise in den 1980er Jahren

Nachdenklich macht mich, dass Einsamkeit und nicht herbeigewünschtes alleine-leben als ebenfalls existierende Realität älterer schwuler Männer innerhalb dieser Ausstellung nicht vorkommt. Mit den Schattenseiten einer durchaus auch gelungenen Lebensgestaltung ist es ja auch persönlich konflikthafter,  öffentlich zu werden.

Zufälligerweise suchte mich diese Woche ein 82-jähriger schwuler Mann in der Beratungsstelle auf, der 1957 unter dem § 175 verhaftet, verurteilt und inhaftiert worden war. Spürbar ein Mann mit  viel Geschichte und vielen zu erzählenden Geschichten. Um mit ihm weiter in Kontakt zu bleiben, bin ich auf den Briefverkehr angewiesen. Ein Telefon hat er abgeschafft: Es ruft ja eh keiner an und es gibt keinen, den er selber anrufen könnte.

Unserem weiteren Kontakt sehe ich mit lebendigem Interesse entgegen.


Ist der Lack erst ab – Schwulsein jenseits des Jugendwahns

Juli 18, 2009

Älter werden als schwuler Mann, dieser Lebenssituation widmete der Deutschlandfunk am 17.07.09 eine 90-minütige Radiosendung, die als podcast gehört werden kann und auch zum download bereit steht.

Unter anderem ging darum: Wie kann ein gutes Leben als Schwuler im „herangerückten Alter“ aussehen? Wie kann Lebensqualität und erfülltes Leben gelingen? Wer kann als Vorbild dienen und was kann Orientierung geben?

Ein zugeschalteter Hörer meinte: „Ältere Schwule befinden sich alle noch in einem sozialen Experimentierfeld. Und zwar deswegen: Es gibt keine Altersbilder für uns und die müssen erst noch entstehen.“

„So wie wir uns die Emanzipation erarbeitet haben, als selbstbewußte Schwule und Lesben, so müssen wir anfangen, uns dieses Vorbild zu erarbeiten.“

Bernd Volger, Studiogast, dazu: „Ich frage mich gerade, ob ich ein Vorbild brauche. Ich glaube, ich brauche es nicht. Ich habe überhaupt keine Angst vor dem älter-werden. Ich weiß nicht, wie es ist, wie ich später lebe. Ich weiß nur, daß ich ein soziales Netz habe, und daß ich überhaupt keine Befürchtungen habe, egal in welche Situation ich komme, daß Menschen für mich da sind, wenn ich sie benötige. Und deshalb kann ich jetzt zu meinem Alter so stehen, wie es ist.“ – „Es ist wichtig, daß ich mit mir selbst im Klaren bin, daß ich nicht unter Druck stehe.“

Ich selber gab auf dem Kölner CSD Statements ab, die als O-Töne in die Sendung Eingang fanden:

„Ich möchte einfach mein alt-sein und älter-werden als schwuler Mann selbst definieren. Ich möchte den Jugendlichen ihre Jugendlichkeit auch nicht neiden, aber ich glaube, es braucht Ideen, da auch ein eigenes Selbstbewußtsein als älterer schwuler Mann zu entwickeln. Wie das aussehen kann, weiß ich selber nicht. Ich glaube, wir sind eine Generation, die das einfach erfinden muss.“

„Es ist einfach die Situation, dass so wenig Strukturen da sind für schwule Männer, wenn sie denn jenseits der 50 sind:  Also wenn man nicht so in der kommerziellen Szene ausgehen will, wenn man nicht so viel abends unternehmen will sondern mehr Lust hat, tagsüber was zu unternehmen weil es einfach mehr dem eigenen Lebensgefühl entspricht. Da gibt’s recht wenig. Und da, glaub ich, fehlt es schon auch an Einrichtungen oder irgendwelchen Gruppierungen, oder irgendwelchen Ideen, was da an neuen Strukturen sich einfach bilden muß. Das ist einfach jetzt noch nicht da, aber ich hab für mich selber das Bedürfnis, da muss… da muss irgendwas Neues entstehen.“

In der Sendung wurde dargestellt: die schwulen Seniorengruppen sind etwas anderes als das traditionelle Bild von Hetero-Senioren-Kraffeekränzchen.

Ich merke, dass ich genau vor so etwas Horror habe, diese Kaffekränzchen-Athmosphäre auch in schwulen Gay&Gray-Gruppen anzutreffen. Für viele mögen sie wichtig sein und haben ihren Sinn, um Gemeinschaft zu finden und Selbstbewußtsein zu stärken. Meine Bedürfnisse gehen darüber hinaus: Ich bin ein Mann der Stonewall-Generation, habe seit meinem Coming Out immer offen schwul gelebt, bin an Gesellschaft und der schwulen Szene interessiert und habe sie mitgestaltet. Ich habe immer ein kreatives schwules Leben gelebt, habe andere inspiriert und bin von anderen inspiriert worden. Genau das ist für mich Lebensqualität.

Sport, Wandern, Gay&Gray oder Golden Gays reichen mir persönlich nicht. Meine Vision vom Leben als schwuler Senior mit 70 ist, dass ich dieses kreative und inspirierende Leben, und damit meine ich gerade auch die politische Debatte miteinander hautnah am persönlich-biografischen Puls, zusammen mit anderen schwulen Männern mein Leben lang weiter erleben will.

***

Lesenswert zum Thema auch ein Vortrag von Johannes Wahala von 2005: „Homosexualität und Alter„, sowie weitere Literaturtips und Berichte zum Thema zu finden auf der oben angegebenen Seite des DLF.

Und noch ein Veranstaltungstip für die Kölner: „Gold + Eden„, eine generationenübergreifende Theater-Collage über lesbische und schwule Lebenswelten. Fr, 9.10.; Sa, 10.10., jeweils 20.00 Uhr und So, 11.10. um 18 Uhr:

Das Paradies auf Erden für Eva & Eva, Adam & Adam? Wo sind die goldenen Zeiten im Leben älterer Schwuler und Lesben? Wartet hinter oder vor dem Busch das Glück? Wer reitet auf dem Regenbogen? Und was sagt die Schlange dazu?
Mit Witz und Ernst richten 13 Kölner Lesben und Schwule zwischen 38 und 79 Jahren Blicke auf den Garten Eden und verführen das Publikum in die Lebenswelten und Sichtweisen älterer Lesben und Schwuler – in deren Jugend männliche Homosexualität noch ein Straftatbestand nach § 175 StGB war und Lesbisch-sein als absoluten Tabu in der Gesellschaft galt.


Safer Sex: Nach Absprache

Juni 6, 2009

Kürzlich wurde ich auf meinem schwulen Internetprofil von einem User angeflirtet, der ebenso wie ich in seinem Profil unter Safer Sex: „nach Absprache“ vermerkt hatte. Ich gebe hier unkommentiert den anonymisierten Chatverlauf wieder:

A. piggy kerl

B: lach, selber ja auch!

A: grinz, freu

B: was treibt dich dazu, mich frischen fünfziger anzuchatten mit 31 ? bin neugierig und frag halt direkt!

A: mag erfahrene barebacker

B: und bist du selber auch HIV+ ??

A: bin ungetestet

B: naja, klar, so kann mans auch halten. ich weiss von meinem hiv seit 19 jahren. wie gehste denn damit um, wenn du bare ficken willst und da sagt dir dann jemand: ich bin positiv?

A: is mir dann egal

B: fällt mir schwer zu verstehen. du bist der erste, der mir das so frank und frei sagt.

A: bin auch nich stolz drauf

B: mir fällt es schwer zu verstehen, dass es jemandem egal ist, ob er hiv hat oder nicht. klar ist sex ohne gummi geiler, aber is es dir diesen scheiss hiv wert?

A: egal, is vieelleicht der falsche ausdruck,aber ich verdränge es irgend wie

B: da machst du es dir leichter als ich. ich mag die vorstellung nicht, beim sex jemanden anzustecken. DANN bin ich nicht frei im kopp und hab keinen spass dabei, egal wie scharf der andere ist…

A: versteh ich gut

B: ja und wat machst DU dann?

A: dann mit gummi

B: mann bist du ein harter brocken! – ich aber auch *grins*

A: denkst jetzt bestimmt, ich bin ein egoistisches arschloch

B: nee, ich kenn dich nicht und be- oder verurteile dich nicht. weiss nicht… denke: ist der dumm, sich so zu verhalten… und auch: Neid, dass du die lust nicht einschränken lassen willst… – irgendwie beides

A: es is eher dumm, ich gebs zu

B: ja und wat nu mit der erkenntnis?? da haste den salat, wolltest ja mit nem erfahrenen barebacker ins geschäft kommen *lach*

A: schäm mich jetzt

B: warum?

A: weil ich son arsch bin

B: versteh ich nich

B: hab ich dir jetzt die nacht versaut?

A: nee, nee

B: hey, ich hau mich jetzt in die falle. bin gespannt, ob ich noch was von dir hören werde – bye n8

A: schlaf gut – bis denne


Auch schwule Mönche mögens stilvoll

April 30, 2009

Da staunt die werte Leserschaft: Die Berliner Morgenspost vermeldet am 29.4.09:

Regeln für homosexuelle Mönche

Thailands Mönche bekommen Nachhilfe im Benehmen: Ein entsprechendes Handbuch für „Gute Manieren“, das demnächst veröffentlicht wird, beinhaltet Richtlinien über den Umgang mit Alkohol, Rauchen und Hygiene. Das Einmaleins des guten Tons im Kloster richtet sich vor allem an homosexuelle und transsexuelle Mönche, deren Auftreten in der Vergangenheit immer wieder für Unmut bei konservativen Buddhisten gesorgt hat. Sie dürfen im Kloster künftig nicht mehr rosa Taschen tragen und sich auch nicht mehr die Augenbrauen nachziehen. Zudem gelten eng anliegende Kleider als unpassend.

Suizid und HIV

Oktober 6, 2008

Eine HIV-Diagnose kann auch heute noch bei HIV-Positiven existentielle Erschütterungen auslösen und bis zum Suizid führen. Ein in 2003 mit HIV-diagnostizierter Mann erzählte mir in der entspannten Atmosphäre eines Kölner Szenelokals bei einigen Glas Kölsch seine Geschichte. Mich macht betroffen und traurig, dass auch heute noch, in den Zeiten der hoffnungsvollen Therapierbarkeit, durch eine HIV-Diagnose das eigene Leben so sehr als nicht mehr lebenswert erfahren wird.

Matthias – so nenne ich ihn hier – war 38 Jahre alt, als er im Jahr 2003 HIV-positiv getestet wurde. Wo er sich angesteckt haben könnte, ist ihm ein Rätsel. Safer Sex war sein Standard. Er kannte Freunde, die an AIDS erkankten und die er in ihrem langen Leiden und Sterben miterlebte.  Matthias hat viel erlebt. Als er nun selber seine HIV-Diagnose bekam, waren Matthias sofort diese alten Erlebnisse bildhaft vor Augen. Er sah auf sich den gleichen Leidens- und Krankheitsverlauf zukommen. Dies machte ihm Angst und diese Angst trieb ihn um. Als Ausweg sah er nur den Suizid.

Vier Wochen nach seiner HIV-Diagnose bereitete er seinen ersten Suizidversuch mit Tabletten vor. Alles war da, er trank sich einen guten Wein, und wollte dann die Tabletten einnehmen, als das Telefon klingelte und  ein guter Freund anrief. Dieser war aufmerksam und erkannte die Stimmungsveränderung an Matthias. Bei dem Freund gingen die Alarmglocken an und er spürte Matthias Suizidbereitschaft. Er sagte: „Ob es dir passt oder nicht: Ich ruf dich jetzt alle 15 Minuten an! Und wenn du nicht drangehst, rufe ich die Polizei! Du bringst dich NICHT um!“ Der Freund hat nicht locker gelassen und so hat Matthias diesen Tag überlebt.

Matthias stellte fest: so kriegt er das mit dem Suizid offenbar nicht hin. Der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen, blieb weiter lebendig. Er überlegte sich einen andere Strategie: Auf seiner Arbeit machte er bewußt Überstunden, um sich danach 2 Tage frei zu nehmen, 2 Tage, an denen ihn keiner vermissen würde – und an denen er den Suizid ungestört schaffen könnte. Um sein Überstundenkonto schneller aufzufüllen, fakte er die Eintragung seiner Arbeitszeiten.

Diesmal war es eine vorgesetzte Kollegin, der diese Ungewöhnlichkeiten und Ungenauigkeiten auffiel: Sie  sprach Matthias direkt an und fragte, was denn eigentlich los sei. Matthias fasste Vertrauen, packte aus und erzählte ihr von HIV und von dem, was ihn so belastet. Die Vorgesetzte zeigte Verständnis, war bereit, über das Fehlverhalten hinwegzusehen und Matthias in seiner Lebenskrise ihm Rahmen ihrer Möglichkeiten zu entlasten und zu unterstützen. Beide wurden sich einig, wie Matthias den Schaden für die Firma wiedergutmachen konnte. Und Matthias sollte sich psychotherapeutische Hilfe holen.

Der Suizidgedanke lies ihn aber nicht los. Selber wollte er nicht so eine Leidenszeit erleben und aus eigener Erfahrung kannte Matthias ja auch die Belastung, die das sich Kümmern um kranke und sterbende Freunde für andere bedeutet. Dass ANDERE sich nun einmal ähnlich würden um IHN kümmern müssen, diese Belastung wollte er anderen Menschen nicht zumuten.

Matthias beschloss, einen Motorradführerschein zu machen. „Eigentlich, um mich dann mit 180 Sachen vor die Wand zu fahren,“ wie er sagt. Er meldete sich bei einer Fahrschule an und nahm Fahrstunden. Mit der Zeit kehrte aber genau über das Erlebnis des Motorradfahrens seine Lebenslust zurück. Das Leben begann, auch wieder schön zu werden.

Matthias suchte sich einen Psychotherapeuten und hat heute wieder Boden unter den Füßen. Aber trotzdem: bis vor kurzem hat er sich sehr eingeigelt und lebte zurückgezogen. Wenn Matthias neue Männer kennenlernte, ging er offen mit seiner HIV-Infektion um. Schmerzhaft erinnert er sich an kränkende und diskriminierende Reaktionen von Männern, die er kennenlernte auf der Suche nach einer festen Partnerschaft. Auch wenn zunächst seine HIV-Infektion kein Problem zu sein schien, passierte dann doch nach Wochen der Bruch und die Trennung. Da bekam Matthias z.B. diesen Spruch zu hören: „Du stirbst ja doch bald – und ich suche was Längeres für mein Leben.“

Heute ist Matthias froh, dass er am Leben ist, ja er freut sich richtig darüber. Er ist dankbar, dass die Menschen um ihn herum so konsequent-aufmerksam waren, ihn in seiner Suizidgefährung zu erkennen und zu reagieren. HIV hat sein Leben sehr verändert. Die allgemeine Lebens-Verunsicherung ist ihm noch anzumerken. Aber das Leben mit HIV gelingt ihm offenbar immer besser.

Eigentlich kennen wir uns noch gar nicht lange: Ein paar Male gechattet, gelegentlich in den Kneipen gesehen und auch schon mal ein Kölsch zusammen getrunken. Irgendwann kam dann auch HIV zur Sprache. Ich gehe ja auch selber offen mit meiner HIV-Infektion um und habe keine Scheu, direkt zu sein. Mein Outing macht es dann anderen auch leichter.

Wenn sich spontan solche Gespräche ergeben, wie an diesem Abend zwischen mir und Matthias in der Kneipe, dann erlebe ich die schwule Szene, die von manchen als oberflächlich und verletztend beschrieben wird, als Heimat und nicht als Horror. Auf schwule Kneipen als soziale Orte für Gemeinschaft und Freundschaft mag ich nicht verzichten. Ich lebe nach dem Motto: „Die Szene bist DU!“  Das wirkliche Leben spielt sich eben nur in der realen Welt ab. Und die will ich mitgestalten.

Vielleicht habe ich nicht alles ganz wirklichkeitsgetreu behalten, was Matthias mir erzählte. Ich mochte ihn auch nicht zu oft unterbrechen. Es gibt ja auch noch weitere Abende, und Kölsch wird täglich frisch gebraut. :-)

An der Geschichte von Matthias wird mir bewußt, wie stark die Erinnerungen und die Bilder von unseren an AIDS gestorbenen Freunden in unserem persönlichen und kollektiven Gedächtnis eingegraben sind. Mir wird bewußt, wie spontan diese Bilder wieder lebendig werden, wenn Menschen plötzlich selber mit einer HIV-Diagnose konfrontiert sind. Und wie machtvoll diese inneren Bilder wirken. Und wie das Ermutigende und Hoffnungsvolle der heutigen Therapierbarkeit über den umfassenden seelischen Schmerz der HIV-Diagnose bei manchen nicht ausreichend hinweghelfen kann.

Wieviel versuchte Suizide und wieviel durchgeführte Suizide auf Grund von HIV mag es geben?


HIV-Prävention in der Schwulensauna

September 21, 2008

„Therapie statt Safer-Sex – Wie verändert der medizinische Fortschritt die HIV-Prävention und das Safer-Sex-Verhalten?“, darum ging es beim Talk zum Welt-AIDS-Tag in Wuppertals Männersauna Theo’s Sauna Club am 1. Dezember 2007.

Seit vielen Jahren zählt der Talk in Theo’s Sauna zu den traditionellen Veranstaltungen am Welt-AIDS-Tag in Wuppertal. Meist sehr lebhaft diskutiere ich mit den Saunagästen zwischen Tresen und Kaminfeuer über aktuelle Themen rund um HIV und schwule Gesundheit und informiere über den aktuellen Wissensstand. Danke an Saunabetreiber Theo und Klaus für ihren Beitrag, mit unserem alljährlichen Sauna-Talk das Thema HIV im Bewußtsein aller wach zu halten!

Dieses Jahr stelle ich in meinem kleinen Einführungsvortrag die Einflüsse der medizinischen Entwicklung auf das Safer-Sex-Denken in den Vordergrund:

Durch die immer weiter sich verbessernde Behandelbarkeit wird HIV und AIDS von vielen nicht mehr als so bedrohlich erlebt. Die Erfahrungen des zahlreichen Sterbens vieler Freunde an AIDS in den 80er und 90er Jahren ist in den Lebensgeschichten vieler älterer schwuler Männer tief eingebrannt. Safer Sex, also sich zu schützen und Kondome zu benutzen, ist für diese Generation eine Selbstverständlichkeit. Dass AIDS heute von der jüngeren Generation, in der Zeit der dauerhaft wirkenden HIV-Medikamente, als weniger bedrohlich erlebt wird, löst oft Unverständnis und Kopfschütteln aus, dass die alte Selbstverständlichkeit heute nicht mehr zu gelten scheint, auch Zorn.

Tatsache ist, dass viele junge, aber durchaus auch ältere Schwule sehr spitzfindig darin sind, Wege zu überlegen, sich vor HIV schützen aber doch auf das ungeliebte Kondom verzichten zu wollen. Die neuen Behandlungsmöglichkeiten werde da natürlich mit in die Strategien eingebaut.

Da wird nun also spekuliert, dass ein Positiver nicht mehr HIV übertragen könne, wenn er die Medikamente einnimmt und dadurch weniger HIV (nicht-nachweisbare Viruslast) in Blut und Sperma hat. Oder dass die Post-Exposition-Prophylaxe (PEP), die Einnahme der HIV-Medikamente für 1 Monat nach einem ungeschützten Sex doch eine HIV-Ansteckung noch verhindern könne. Oder dass die gezielte Einnahme der HIV-Medikamente VOR einem bewußt gewollten Sex ohne Kondom ein Schutz vor HIV sein könne.

Was ist da dran? Stimmt das alles und welche Risiken bleiben, HIV zu bekommen? Stoff genug für einen heissen Diskussionsabend.

Unterm Strich, so meine Bewertung, sind diese Überlegungen nicht geeignet, auf ein Kondom zu verzichten um wirkungsvoll und sicher eine HIV-Infektion zu vermeiden. Als HIV-Negativer Medikamente statt eines Kondoms zu nehmen, ist arg gewagt, teuer und sollte nicht die „erste Wahl“ für den eigenen Schutz sein.

Spannend bleibt aber die große Frage, wie infektiös ein HIV-Positiver, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, tatsächlich ist. Dieses Thema wird garantiert in den nächsten Monaten und Jahren heiss diskutiert und weiter erforscht werden. Denn Fakt ist schon heute, dass eine niedrige oder nicht mehr nachweisbare Viruslast die Infektiosität des HIV-Positiven sehr stark senkt. Das ist eine sehr gute Nachricht gerade für Partnerschaften, in denen ein Partner HIV-negativ, der andere HIV-positiv ist. Denn gerade hier ist Sexualität meistens sehr belastet durch die Angst und Sorge vor einer Übertragung von HIV.

Mir ist es wichtig, dass diese offene Frage: Wie groß ist die Übertragbarkeit / das Ansteckungsrisiko bei einem mit HIV-Medikamenten behandelten Menschen? offensiv diskutiert wird. Nur so kann ich als Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Fehlinterpretationen vorbeugen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 3.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


„Ich bin meine eigene Kampagne!“

September 21, 2008

Haben die öffentlichen AIDS-Kampagnen überhaupt noch eine Wirkung? Welches Bild von AIDS gibt es heute in der Gesellschaft? „Ich hätte gerne ein klares Bild von AIDS in der Gesellschaft, das ALLE Facetten des Lebens mit HIV zeigt“, sagte ein Teilnehmer des 123. Bundesweiten Positiventreffens, das gerade vom 14.-18. November in der Akademie Waldschlösschen stattfindet.

 

Dort bin ich gerade. 1991 hatte ich an meinem ersten Positiventreffen teilgenommen, Seitdem war ich oft hier. Zu den bundesweiten Positiventreffen kommen 6 Mal im Jahr jeweils etwa 60 Menschen mit HIV aus ganz Deutschland zusammen. Viele sind wie ich schon oft hier gewesen, dieses Mal sind 12 von ihnen zum ersten Mal dabei. Auf den Treffen werden soziale, politische und medizinische Fragen und Themen diskutiert, die im Leben mit HIV eine Rolle spielen. Freundschaften entstehen hier, Vernetzung und Erfahrungsaustausch findet statt und viele, die an ihrem Wohnort mit HIV alleine sind, erfahren hier eine unterstützende Gemeinschaft.

 

Ein Workshop heute morgen beschäftigte sich mit dem Thema:

- Welche Gesichter hat AIDS 2007?

- Müssen HIV-Positive wieder stärker sichtbar werden, damit AIDS wieder mehr öffentliches Thema wird?

 

Die Plakatkampagnen und Anzeigen der AIDS-Hilfen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finden wir HIV-Positiven zu schwach und wenig eindeutig.

 

Mit unserem eigenen offenen Auftreten mit HIV erreicht wir viel mehr. „In meiner Familie bin ICH die Kampagne“, so drückt es Udo aus. Eltern, Geschwister und deren Kinder wissen seit vielen Jahren von seiner HIV-Infektion. Da gibt es von beiden Seiten keine Befangenheiten.

„Am Anfang dachten alle: Naja, der macht es nicht mehr lang.“ Das ist jetzt viele Jahre her. Auch sein Freundeskreis weiß um seine HIV-Infektion und hat ihn in Höhen und Tiefen begleitet. Nur am Arbeitsplatz ist Udo nicht mit HIV geoutet. Da befürchtet er Nachteile und Probleme. Sieht er bei schwulen Freunden häufige Partnerwechsel und intensives Sexleben, haut er sie auf Safer Sex und HIV an. Mit seinem offenen Auftreten hat er schon viele zum Nachdenken gebracht, die HIV gerne verdrängen würden. Manchmal rät er auch offensiv zu einem HIV-Test. Und wenn es nötig ist, begleitet er Freunde auch zum Test.

„Jetzt wieder ne Perspektive zu haben und auch doch wieder keine zu haben, – das macht mir tierisch zu schaffen. Denn morgen kanns ja doch schon vorbei sein“, so erlebt er HIV im Jahr 2007.

 

Ganz anders ist es bei Klaus: „Mich in der Familie und bei Freunden und Freundinnen als schwul zu outen, das war gar keine Frage. Aber bei HIV jetzt habe ich Probleme damit, da geht das irgendwie nicht. Da will ich den Kreis so klein wie möglich halten. Da kriege ich das Outing nicht hin.“ Was da in seiner Seele eigentlich abgeht, versteht er selber nicht. „Ich sehe mich nach wie vor als Marsmenschen.“ Zum Ende unserer Diskussion sagt er: “Ich bin bereit, gefragt zu werden, aber ich würde mit HIV nicht aktiv nach außen gehen.“

 

René lebt mit Anfang 40 als Rentner in einem Dorf in der Provinz. Viele Jahre hatte er engagiert in einer Großstadt die landesweite Selbsthilfe von Menschen mit HIV koordiniert, stand in der Öffentlichkeit und war sehr aktiv. Heute gehört er zum Organisationsteam der bundesweiten Positiventreffen hier im Waldschlösschen.

In seinem Dorf hatte er einmal seine Nachbarschaft zusammen mit seinem Freundeskreis zu einem großen Fest eingeladen. Da wurde auch HIV und Pillen nehmen nicht versteckt. „Alle wissen, dass ich HIV-positiv bin, aber wenn die im Dorf Fragen zu HIV haben, holen sie sich die Infos woanders her. Das finde ich auch gut so. Ich will nicht der große sexuelle Aufklärer für Übertragungswege sein, aber zum Leben mit HIV kann man mich ansprechen. Ich glaube schon, dass ich für die Leute im Dorf prägend für ihr Bild von AIDS bin.“

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 15.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

 


„Als der Arzt sagte: „… positiv!“ – da hörte bei mir das Denken auf…“

September 21, 2008

Zu mir in die Beratung kommen zwei junge Männer, einer 19 Jahre alt, wie ich später erfahre, den anderen schätze ich 7-10 Jahre älter. Sie sind ein Paar und das wird auch deutlich: sie setzen sich nebeneinander, aber da ist auch genug Luft und gegenseitige Achtung der Autonomie zwischen beiden. Sie sind Max und Lars. Über das „Du“ brauchen wir uns nicht zu verständigen, das liegt schon in der Luft.

Ich frage sie, was ich für sie tun kann. Max antwortet sofort. Vor wenigen Tagen hat er sein HIV-positives Testergebnis bekommen. Und da gibt’s jetzt viele Fragen, trotz surfen und sich fit machen im Internet. Es sei Zeit gewesen, sich jetzt Beratung in einer AIDS-Hilfe zu holen. Mir ist als Berater sofort klar: da brauchen wir etwas länger Zeit zum reden. Für die beiden hole ich erst Kaffee und für mich eine Tasse Tee. So sind wir gut versorgt und können loslegen.

Ich lade ein, doch noch einmal ganz von vorne zu erzählen, lasse mir vieles berichten, höre viel zu und frage auch nach. Die Mitteilung einer HIV-Diagnose ist immer eine Zäsur im Leben. Es gibt dann ein „davor“ und ein „danach“. Ob man gleich von Anfang an auf unterstützende Menschen, oder ob man auf abweisende Menschen trifft, hat in meinen Augen einen hohen Stellenwert dafür, wie es gelingt, mit HIV leben zu lernen.

Und dies ist jetzt die Geschichte von Max und Lars:

Bei einem eher normalen Besuch bei seinem Hausarzt, wo ein Blutbild gemacht werden soll, ergreift Max gegenüber dem Arzt die Initiative: „Und einen HIV-Test machen wir dann auch gleich mal…“ Befürchtungen, HIV-positiv zu sein, hat er eigentlich nicht. Den Test macht er „einfach so… Man hört ja so viel und da wollte ich auch Bescheid wissen.“ Es ist sein erster HIV-Test.

Einfach immer Kondome benutzen, damit war HIV/AIDS in beider Vergangenheit abgehakt und kein weiteres Thema. Vor ihrer Beziehung haben beide immer Safer Sex beachtet. Lars und Max sind jetzt seit über einem Jahr ein Paar. Als sie zusammenkamen, haben sie zuerst Sex mit Kondom immer selbstverständlich. Dann haben sie sich darüber unterhalten, ob es denn wirklich nötig sei, beim gemeinsamen Sex Kondome zu benutzen. Als sie sich gegenseitig berichteten, dass Safer Sex für sie beide immer der Standard war und sie sich an konkrete Situationen mit Ansteckungspotenzial nicht erinnern könnten, war das Thema durch und die Kondome blieben in der Schublade. „Sex ohne Gummi ist einfach schöner.“

Als Max wieder zum Arzt in die Sprechstunde kommt, gehen beide ins Behandlungszimmer. Max sieht den farbigen Vermerk „HIV-positiv“ in seiner Patientenakte noch bevor der Arzt etwas sagen konnte. Die spontane Reaktion von Max: „…Na toll !…“ Seinen Arzt erlebt er als zugewand und freundlich. Es stellt sich heraus, dass Max nicht der erste HIV-Patient, sondern schon der Dritte in dieser Arztpraxis ist, dem ein positiver Test positiv mitgeteilt wird.

Aber eigentlich kann sich Max nicht wirklich an vieles erinnern, was der Arzt dann zu ihm sagte. Nach dem „…positiv…“ setzte sein Denken und seine Wahrnehmung aus. Max ist wie betäubt. Was der Arzt sagte, „das ging bei mir zu einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.“ Sein erster klarer Gedanke ist sofort: „Und was ist jetzt mit Lars?“

Er verläßt die Arztpraxis mit einem neuen Termin. Die folgende Stunde ist Max fix und fertig, da ist nur Krise. Dann fängt er sich wieder. „Kopf in den Sand stecken is nich… irgendwie muss es ja weitergehen.“ Er ruft seinen Freund an, der kann sich eine Pause auf der Arbeit nehmen und die beiden treffen sich und reden miteinander. Bei Max fliessen jetzt Tränen. Dass Lars da ist, tut ihm gut. Lars ist auch überrascht von der neuen Situation. Er rechnet fest damit, jetzt auch HIV-positiv zu sein.

Ganz schnell bekommt Lars einen Termin bei dem gleichen Arzt und macht auch einen HIV-Test. Einen Tag später ist das Ergebnis schon da: „HIV-negativ“. Lars ist ganz verwundert, denkt: Das kann doch gar nicht sein. Aber es stimmt.

Die nächsten Tage verbringen sie damit, sich Infos ranzuholen, surfen im Internet, lesen viel, aber da bleiben auch Fragen offen. Die Frage von „Schuld“ stellt sich für beide nicht, fremd gegangen war keiner. Die größte Sorge von Lars ist: „Was kommt jetzt auf uns zu, wenn Max die HIV-Medikamente nehmen muss?“ Die oft auftretenden Nebenwirkungen machen Angst. Sie beschliessen, zur AIDS-Hilfe Wuppertal zu gehen.

Und da sind sie nun, vor mir. Viele Infos und Erläuterungen, die ich geben kann, erleben sie als hilfreich: Wie verläuft die HIV-Infektion, welche Stadien gibt es, wie funktioniert die HIV-Therapie. Crash-Kurs in Sachen AIDS. Ich erkläre, dass bei Max jetzt erst Blutuntersuchungen laufen werden, um zu schauen, in welchem Zustand sein Immunsystem ist. Da er keine akuten Symptome hat, ist eher zu erwarten, dass er noch keine HIV-Medikamenten braucht. Das erleichtert beide sehr.

Meine Frage an Max, wo er denn meint, sich angesteckt zu haben, ist für ihn unbedeutend. „An der HIV-Diagnose ändert das ja eh nichts mehr.“ An Risikosituationen kann er sich konkret nicht erinnern. Es ist gut möglich, dass Max schon HIV-positiv war, bevor er Lars kennenlernte. Dann wäre die akute HIV-Infektion, also die Phase, in der die Virusvermehrung im Körper sehr aktiv ist und damit auch das Übertragungsrisiko auf andere extrem hoch ist, schon vorbei gewesen. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum Lars HIV-negativ geblieben ist.

Mir ist es wichtig, den beiden Wege und Orte aufzuzeigen, wo sie Hilfe und Unterstützung finden können. Zum Beispiel auf den bundesweiten Positiventreffen, die von www.positiv-ev.de veranstaltet werden. Landesweite Positiventreffen in NRW gibt es auch. Infos dazu gibt’s bei www.posithivhandeln.de , der landesweiten Kampagne zur Unterstützung der Positiven-Selbsthilfe der AIDS-Hilfe NRW. (www.nrw.aidshilfe.de)

Auch für Lars als Partner gibt es Unterstützung im Netzwerk der Angehörigen von Menschen mit HIV und AIDS www.angehoerige.aidshilfe.de. Im Tagungshaus Waldschlösschen bei Göttingen (www.waldschloesschen.org) werden in Kooperation mit der Deutschen AIDS-Hilfe auch Treffen für Paare veranstaltet, wo ein Partner HIV-positiv und der andere HIV-negativ ist. Da könnten sie beide zusammen teilnehmen. Im medizinischen Fachjargon nennt sich ihre Situation „diskordantes Paar“. Die Amerikaner haben dafür einen für mich viel sympathischeren Ausdruck: Sie sprechen von einem „magnetic couple“, einem „magnetischen Paar“. Ein Magnet hat ja zwei Pole, einen Plus-Pol und einen Minus-Pol. Und zwei Pole gehören einfach zusammen. So begegnen mir auch Max und Lars: Sie halten zusammen wie ein Magnet, HIV wird ihre Beziehung nicht sprengen und ihr Liebe füreinander ist stark.

Ich lade Max und Lars ein, mit mir in Kontakt zu bleiben. Mich interessiert, wie es bei ihnen weitergeht. Gerne lassen sie mir ihre Anschrift und Emailadresse da, um den monatlichen Rundbrief für Menschen mit HIV, den wir von der AIDS-Hilfe mit Berichten, Veranstaltungshinweisen und sozialrechtlichen Informationen an HIV-Positive verschicken, zu bekommen.

Die beiden sind wieder weg. Ich nehme mir eine ganze Stunde Zeit, über unsere Begegnung noch einmal in Ruhe nachzudenken und unser Gespräch nachwirken zu lassen. Die beiden sind mir sympathisch und ich habe viel Zutrauen, dass sie es schaffen, mit dem HIV bei Max klarzukommen. Aber trotz aller guten positiven Einstellung wird es da wohl auch bei Max stimmungsmäßig rauf und runter gehen, denke ich mir. Und bei Lars wohl auch. So einfach steckt man eine HIV-Diagnose nicht weg, das braucht einfach mehr Zeit, auch wenn das Leben erst mal weitergehen muss.

Übrigens habe ich beide gefragt, ob ich diese story hier im Blog veröffentlichen darf und sie haben zugestimmt.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 02.10.2007  im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.