Schwule sind eindeutig unpolitischer geworden

Oktober 28, 2009

In einem gepodcasteten 10-minütigem Interview mit der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“ hält Erwin In het Panhuis, Vorstand des Vereins Centrum Schwule Geschichte / Köln einen politischen Rückblick auf die Entwicklung der Emanzipation und Akzeptanz von Homosexualität in der deutschen Gesellschaft.

Centrum Schwule Geschichte, Köln

Darüber hinaus bewertet er kritisch und pointiert die aktuelle Entwicklung: „Die Schwulen sind eindeutig unpolitischer geworden.“ Dabei gäbe es noch genug Anlass, sich gegen nach wie vor bestehende Diskriminierungen und Benachteilgungen zu wehren: „Ich glaube, dass die gesellschaftliche positive Einstellung auf einem sehr sehr wackeligen Fundament steht.“

Klischees übereinander gäbe es sowohl bei Heteros wie bei Schwulen. Erwin In het Panhuis bemerkt in letzter Zeit eine  höhere Offenheit von Heteros gegenüber Schwulen und Lesben. Schwule und Lesben dagegen würden oft lieber in ihren Subkulturen leben und ein Scheuklappendenken pflegen, weil sie sich in ihrer Parallelgesellschaft eingerichtet haben. Dagegen werden Heteros zunehmend im positiven Sinne entspannter, neugierig und fragen auch nach.

Im Dialog und Kontakt könnten Klischees dann schnell durchbrochen werden.

In der Ausgabe 11/2009 von Bild der Wissenschaft befindet sich ein Schwerpunktteil zu Homosexualität:

Schwule geben den Forschern nach wie vor Rätsel auf. Merkt man Kindern schon früh an, wenn sie „anders gepolt“ sind? Warum lehnen viele Menschen Schwule ab? Und wieso ist gleichgeschlechtlicher Sex im Tierreich so weitverbreitet?

Da scheint sich ein Weg zum Zeitschriftenstand am Kiosk zu lohnen!

Aber warum wird, wie oben in der zitierten Vorankündigung der Onlineredaktion von BdW, einmal wieder Homosexualität nur mit schwulen Männern angesprochen und lesbische Frauen bleiben als Gruppe nicht genannt?

Das gepodcastete Interview jedenfalls ist aufschlussreich, frisch und  politisch. Anhören lohnt!


Die Verzauberten sieht mann in München

Oktober 23, 2009

Sehr beachtenswert ist die Ausstellung „Die Verzauberten“, die noch bis zum 30. Oktober 09 in München im Sozialreferat am Ostbahnhof zu sehen ist. Sie beinhaltet „Gesichter und Geschichten alter schwuler Männer“, die zwischen 1916 und 1946 geboren sind.

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Die vollständige Ausstellung mit allen Fotos und Texten ist in einem schönen Katalog zur Ausstellung dokumentiert und bleibt als Datei hoffentlich noch einige Zeit auf der homepage der Stadt München eingestellt.

Für die Stadt München spricht Hep Monatzeder als Bürgermeister in seinem Grußwort eine deutliche Sprache:

„… Die Ausstellung zeigt die Gesichter von zehn schwulen Männern, die in diesen Jahrzehnten aufgewachsen sind und gelebt haben. Sie erzählt ganz eigene und doch ähnliche Lebensgeschichten. So individuell die Biografie jedes Einzelnen ist, so kollektiv ist die Erfahrung an Ausgrenzung und Benachteiligung, manchmal sogar Gewalt. Es ist sicher nicht falsch, von einer verwundeten Generation zu sprechen.

Für mich ist es eine Ehre, als Bürgermeister der Landeshauptstadt München die Schirmherrschaft für diese Ausstellung zu übernehmen. Ich möchte dies auch als Ausdruck dafür verstanden wissen, dass die Landeshauptstadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, jenes Unrecht, dass viele schwule Männer erfahren mussten, wenigstens ein bisschen wieder gut zu machen. …“

Wiedersehen mit Peter Schauwecker

Die Ausstellung hatte ich zusammen mit einem Freund besucht. Fotos und die sie begleitenden Kurzbiografien gaben uns eine Fülle von Impulsen, uns an eigene Erlebnisse zu erinnern und ins Gespräch über unsere eigenen Biografien zu kommen. Obwohl wir wesentlich jünger sind, ist auch unser Aufwachsen in heteronormierten Familien und gesellschaftlichem Umfeld geprägt von Widerständen, die es zu überwinden galt, was uns auf ganz unterschiedliche Weise mal besser, mal schlechter gelang.

Ausstellungsraum 1. Stock Sozialreferat

Die Fotos sind hier in einer Galerie bei Queer.de zu sehen.

Mich freut, eine städtisch-öffentliche Ausstellung  zu sehen, in der ältere Schwule sichtbar werden. In den Kurzbiografien vermitteln sich die Lebenswege als gelungene Lebensentwürfe in einem widrigen Lebensumfeld. Die portaitierten Männer wirken glaubwürdig.

Aidskrise in den 1980er Jahren

Nachdenklich macht mich, dass Einsamkeit und nicht herbeigewünschtes alleine-leben als ebenfalls existierende Realität älterer schwuler Männer innerhalb dieser Ausstellung nicht vorkommt. Mit den Schattenseiten einer durchaus auch gelungenen Lebensgestaltung ist es ja auch persönlich konflikthafter,  öffentlich zu werden.

Zufälligerweise suchte mich diese Woche ein 82-jähriger schwuler Mann in der Beratungsstelle auf, der 1957 unter dem § 175 verhaftet, verurteilt und inhaftiert worden war. Spürbar ein Mann mit  viel Geschichte und vielen zu erzählenden Geschichten. Um mit ihm weiter in Kontakt zu bleiben, bin ich auf den Briefverkehr angewiesen. Ein Telefon hat er abgeschafft: Es ruft ja eh keiner an und es gibt keinen, den er selber anrufen könnte.

Unserem weiteren Kontakt sehe ich mit lebendigem Interesse entgegen.


Ist der Lack erst ab – Schwulsein jenseits des Jugendwahns

Juli 18, 2009

Älter werden als schwuler Mann, dieser Lebenssituation widmete der Deutschlandfunk am 17.07.09 eine 90-minütige Radiosendung, die als podcast gehört werden kann und auch zum download bereit steht.

Unter anderem ging darum: Wie kann ein gutes Leben als Schwuler im „herangerückten Alter“ aussehen? Wie kann Lebensqualität und erfülltes Leben gelingen? Wer kann als Vorbild dienen und was kann Orientierung geben?

Ein zugeschalteter Hörer meinte: „Ältere Schwule befinden sich alle noch in einem sozialen Experimentierfeld. Und zwar deswegen: Es gibt keine Altersbilder für uns und die müssen erst noch entstehen.“

„So wie wir uns die Emanzipation erarbeitet haben, als selbstbewußte Schwule und Lesben, so müssen wir anfangen, uns dieses Vorbild zu erarbeiten.“

Bernd Volger, Studiogast, dazu: „Ich frage mich gerade, ob ich ein Vorbild brauche. Ich glaube, ich brauche es nicht. Ich habe überhaupt keine Angst vor dem älter-werden. Ich weiß nicht, wie es ist, wie ich später lebe. Ich weiß nur, daß ich ein soziales Netz habe, und daß ich überhaupt keine Befürchtungen habe, egal in welche Situation ich komme, daß Menschen für mich da sind, wenn ich sie benötige. Und deshalb kann ich jetzt zu meinem Alter so stehen, wie es ist.“ – „Es ist wichtig, daß ich mit mir selbst im Klaren bin, daß ich nicht unter Druck stehe.“

Ich selber gab auf dem Kölner CSD Statements ab, die als O-Töne in die Sendung Eingang fanden:

„Ich möchte einfach mein alt-sein und älter-werden als schwuler Mann selbst definieren. Ich möchte den Jugendlichen ihre Jugendlichkeit auch nicht neiden, aber ich glaube, es braucht Ideen, da auch ein eigenes Selbstbewußtsein als älterer schwuler Mann zu entwickeln. Wie das aussehen kann, weiß ich selber nicht. Ich glaube, wir sind eine Generation, die das einfach erfinden muss.“

„Es ist einfach die Situation, dass so wenig Strukturen da sind für schwule Männer, wenn sie denn jenseits der 50 sind:  Also wenn man nicht so in der kommerziellen Szene ausgehen will, wenn man nicht so viel abends unternehmen will sondern mehr Lust hat, tagsüber was zu unternehmen weil es einfach mehr dem eigenen Lebensgefühl entspricht. Da gibt’s recht wenig. Und da, glaub ich, fehlt es schon auch an Einrichtungen oder irgendwelchen Gruppierungen, oder irgendwelchen Ideen, was da an neuen Strukturen sich einfach bilden muß. Das ist einfach jetzt noch nicht da, aber ich hab für mich selber das Bedürfnis, da muss… da muss irgendwas Neues entstehen.“

In der Sendung wurde dargestellt: die schwulen Seniorengruppen sind etwas anderes als das traditionelle Bild von Hetero-Senioren-Kraffeekränzchen.

Ich merke, dass ich genau vor so etwas Horror habe, diese Kaffekränzchen-Athmosphäre auch in schwulen Gay&Gray-Gruppen anzutreffen. Für viele mögen sie wichtig sein und haben ihren Sinn, um Gemeinschaft zu finden und Selbstbewußtsein zu stärken. Meine Bedürfnisse gehen darüber hinaus: Ich bin ein Mann der Stonewall-Generation, habe seit meinem Coming Out immer offen schwul gelebt, bin an Gesellschaft und der schwulen Szene interessiert und habe sie mitgestaltet. Ich habe immer ein kreatives schwules Leben gelebt, habe andere inspiriert und bin von anderen inspiriert worden. Genau das ist für mich Lebensqualität.

Sport, Wandern, Gay&Gray oder Golden Gays reichen mir persönlich nicht. Meine Vision vom Leben als schwuler Senior mit 70 ist, dass ich dieses kreative und inspirierende Leben, und damit meine ich gerade auch die politische Debatte miteinander hautnah am persönlich-biografischen Puls, zusammen mit anderen schwulen Männern mein Leben lang weiter erleben will.

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Lesenswert zum Thema auch ein Vortrag von Johannes Wahala von 2005: „Homosexualität und Alter„, sowie weitere Literaturtips und Berichte zum Thema zu finden auf der oben angegebenen Seite des DLF.

Und noch ein Veranstaltungstip für die Kölner: „Gold + Eden„, eine generationenübergreifende Theater-Collage über lesbische und schwule Lebenswelten. Fr, 9.10.; Sa, 10.10., jeweils 20.00 Uhr und So, 11.10. um 18 Uhr:

Das Paradies auf Erden für Eva & Eva, Adam & Adam? Wo sind die goldenen Zeiten im Leben älterer Schwuler und Lesben? Wartet hinter oder vor dem Busch das Glück? Wer reitet auf dem Regenbogen? Und was sagt die Schlange dazu?
Mit Witz und Ernst richten 13 Kölner Lesben und Schwule zwischen 38 und 79 Jahren Blicke auf den Garten Eden und verführen das Publikum in die Lebenswelten und Sichtweisen älterer Lesben und Schwuler – in deren Jugend männliche Homosexualität noch ein Straftatbestand nach § 175 StGB war und Lesbisch-sein als absoluten Tabu in der Gesellschaft galt.


Das Trauma AIDS muss im Gespräch mit schwulen Senioren einen Platz haben

Juli 12, 2009

Auf dem Fachtag der AIDS-Hilfe Frankfurt „Leben im Alter – In Würde alt werden“ hielt ich am 11. Juli 2009 einen Vortrag zum Thema: „Noch ein paar schöne Jahre… – Perspektiven älterer schwuler Männer mit HIV“. Da ich in freier Rede gesprochen habe, skizziere ich im folgenden die wesentlichen Schwerpunkte meines Vortrages:

Wir werden immer älter. Und wir werden immer mehr! In der AIDS-Hilfe, wo ich arbeite, sind 25% der HIV-Positiven, deren Geburtsjahr bekannt ist,  50 Jahre und älter. Weitere 50% sind zwischen 40 – 50 Jahre alt.

Alt werden mit HIV, dies wurde bei bisherigen Fachtagungen, die sich mit dem schwulen älter-werden befassten, immer nur am Rande behandelt. Nun ist das älter-werden mit HIV seit 2008 auf medizinischen Kongressen ein etabliertes Themenfeld. Eigene Fachtagungen zu den diversen biografischen, psychologischen und sozialen Aspekten des älter-werden mit HIV stehen noch aus.

Durch das Erscheinen der Krankheit HIV/AIDS wurde eine ganze Generation schwuler Männer traumatisiert. Die Tragweite und Tiefe dieser Traumatisierung wird sich in Zukunft mit dem Älter-werden dieser schwulen Generation und dem Älter-werden HIV-positiver Menschen wahrscheinlich erst noch zeigen. Es gilt, sich darauf vorzubereiten.

Im historischen Rückblick ist schwulen Männern die Traumatisierung der Adenauer-Ära als Zeit der Kriminalisierung von Homoexualität ein fester Begriff.

Die durch AIDS seit Beginn der 80er Jahre einsetzende Phase erneuter, andersartiger aber nicht minder schwerer Traumatisierung, erscheint erst heute, wo zuverlässige medizinische Erfolge der Behandlung der HIV-Infektion sich eingestellt haben, als „Ära“ ein- und abgrenzbar.

Dass selbst das RKI im Mai 2009 davon spricht, dass „AIDS eine weitgehend vermeidbare Komplikation einer HIV-Infektion“ geworden ist,  bestärkt meinen Eindruck, dass wir eine schwere Zeit hinter uns gelassen haben und eine wieder leichtere Zeit begonnen hat.

Im Älter-werden und im Lebensrückblick schwuler Senioren erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass sowohl von schwulen HIV-Positiven, welche ihre frühe Diagnose bis heute überlebt haben, als auch von schwulen Senioren, die bis heute HIV-negativ geblieben sind, in den Biografien HIV-spezifische Erfahrungen lebensprägend waren und sind.

Dies sind nicht nur Verluste von Lebenspartnern und Freunden durch einen AIDS geschuldeten Tod, sondern auch Trauer über ein „aus Angst vor Ansteckung mit HIV, oder Übertragung von HIV nicht-gelebtes Leben“. Jetzt, wo HIV seinen Schrecken verliert und das Leben wieder leichter wird, sind wir aber alt geworden und ein Nachholen des bisher nicht-gelebten ist i.d.R. nicht mehr möglich.

Auch diejenigen, denen im Leben mit HIV eine positive Lebensbewältigung gelungen ist, brauchen die aufrichtige und interessierte Einladung, (einander) mitteilen zu können, wie es ihnen ergangen ist und was sie in der AIDS-Krise erlebt haben.

Zum „In Würde alt werden“ braucht es Selbstakzeptanz und Bejahen auch des nicht-gelebten Lebens. Es muss möglich sein, sich selber und anderen gegenüber klar sagen zu können: „Ja, so war es!“ Und es muss möglich sein, darin verstanden zu werden.

Diese 25 Jahre HIV und AIDS durchlebt und erlebt zu haben, mit der aufbrandenen Homophobie der Gesellschaft als Gegenwind, mit der tödlichen Bedrohung durch HIV im Nacken und als HIV-Positiver oft auch mit dem Heimatverlust durch Ausgrenzung in der eigenen Community, dies ist eine Lebensleistung, die zu würdigen ist, die in vielen Leben mit HIV einer Wertschätzung und Anerkennung würdig ist.

Schwulen Männern ist es individuell und als Kollektiv gelungen, diese doppelte Bedrohungen auszuhalten und abzuwehren. Wir haben kreative Lösungen gesucht mit Safer-Sex-Workshops und mit der Gründung von AIDS-Hilfen, mit Kampagnen, Präventionsprojekten, Spezialpflegediensten etc. Wir haben leistungsstarke Strukturen und Organisationen aufgebaut, die unserer schwulen Community und auch der Gesellschaft von Nutzen sind.

Wer aus dieser schwulen Generation, die besonders den Beginn der AIDS-Krise Anfang der 80er Jahre miterlebt hat, heute noch lebt, legt Zeugnis davon ab, vor der Bedrohung nicht kapituliert zu haben, sondern sie zumindest äusserlich bewältigt, weil überlebt zu haben.

Wie viele Suizide dagegen HIV geschuldet sein mögen, wird immer ungewiss bleiben. Aber es werden nicht wenige sein.

Die innerpersönliche Bewältigung kann mehr, oder auch weniger vollzogen sein. Vielleicht ist sie auch nie abschliessbar. Ich vermute: Oft wird die erlebte Traumatisierung noch gar nicht gespürt und erkannt. Für viele ist der Schmerz noch zu groß und zu tief in der Seele „verbuddelt“ und wirkt von dort depressiv-verstimmend in den Lebensalltag hinein.

Durch die heute zur Verfügung stehenden wirksamen Therapien könnte  AIDS nicht länger traumatisierend sein:

1. Ist eine HIV-Infektion erkannt, ist das Fortschreiten ins Krankheitsstadium AIDS weitgehend vermeidbar und eine weitgehend normale Lebenserwartung möglich.

2. Wird die HIV-Infektion medikamentös behandelt, ist die Infektiosität i.d.R. wirksam unterdrückt und ein angstfreies Leben von Sexualität wird wieder leichter möglich.

Beides stellt eine Zäsur für die emotionale Bewertung und den Umgang mit HIV dar. Das Leben normalisiert sich wieder.

Und dadurch wird ein Prozess ermöglicht und einsetzen, nach und nach Rückschau zu halten auf das, was wir schwulen Männer und heutigen schwulen Senioren in der AIDS-Krise erlebt und durchlebt haben.

Auf diese Rückschau wird sich jeder sehr unterschiedlich einlassen, eben weil die Erinnerung an den Schmerz über verstorbene Freunde oder ungelebtes Leben noch so emotional aufgeladen sein kann, dass  eine Abwehr und ein Aufrechterhalten der Vermeidung des Spürens der emotionalen Tribute dieser Lebenszeit beherrschend sind und ein Zulassen verhindern.

Trauer ist die Emotion der Wandlung. Wer Trauer nicht zulässt, verhärtet. Spüren wir Trauer, fliessen oft auch Tränen, das Verhärtete kommt in Fluss und kann sich wandeln. Es wird sichtbar, dass wir des Trostes und des Gehalten-werdens bedürfen.

Wenn wir zulassen, was war, können wir auch zulassen, was jetzt ist und warum und wie wir geworden sind, die wir sind. Dann können wir Gemeinschaft erfahren.

Die Rückschau wird in jedem Schwulen ganz persönliche Erinnerungen und Erfahrungen wachrufen. Es bedarf behutsamer Geduld und Gesprächsräume, alles Wesentliche der eigenen Biografie zur Sprache zu bringen und sichtbar werden zu lassen. Hier sehe ich neben Freundeskreisen auch die Beratungsstellen und AIDS-Hilfen gefordert, mit der nötigen Sensibilität, aber auch Ermutigung, zur Begegnung mit diesem Teil der eigenen Lebensgeschichte einzuladen.

Einschränkungen durch HIV, unterschiedlichster Art, prägen in unterschiedlichen Maß eine ganze Generation schwuler Männer. In der Begegnung mit schwulen Senioren, wo auch immer, sollte bewusst sein, dass es lohnen kann, hierfür aufmerksam zu sein.

Vor Altersnostalgie dagegen sind wir gefeit. Früher war eben NICHT alles besser. Besser ist es HEUTE. Schwul zu leben ist heute wesentlich leichter geworden. Und nie war die Therapierbarkeit der HIV-Infektion so gut wie heute.

Die Forschung muss aber weitergehen, bis eine Heilung von HIV und eine Impfung vor HIV gefunden ist.

In Würde alt zu werden, dafür erscheint es mir angemessen, uns untereinander Anerkennung für die Lebensleistung auszusprechen, sich gegen die Heteronormatitivät behauptet zu haben.

Aber ich erwarte auch, dass die Gesellschaft ihre aufrichtige Wertschätzung für die ausserordentliche Lebensleistung meiner Generation schwuler Männer in der AIDS-Krise würdigt.

Die volle Rehabilitierung und das Ende der Stigmatisierung von HIV-Positiven, sowie die volle Anerkennung von homosexuellen Lebensweisen seiten der Gesellschaft steht noch aus.

In Würde alt werden und als schwuler Senior – gerade auch mit HIV – sichtbar zu sein, daran wird sich unsere Gesellschaft gewöhnen müssen. Dafür brauchen wir starke schwule Senioren-Netzwerke.

Wir sind die Stonewall-Generation! Uns kriegt keiner mehr zurück in den Schrank! Im Alter erst recht nicht!


Safer Sex: Nach Absprache

Juni 6, 2009

Kürzlich wurde ich auf meinem schwulen Internetprofil von einem User angeflirtet, der ebenso wie ich in seinem Profil unter Safer Sex: „nach Absprache“ vermerkt hatte. Ich gebe hier unkommentiert den anonymisierten Chatverlauf wieder:

A. piggy kerl

B: lach, selber ja auch!

A: grinz, freu

B: was treibt dich dazu, mich frischen fünfziger anzuchatten mit 31 ? bin neugierig und frag halt direkt!

A: mag erfahrene barebacker

B: und bist du selber auch HIV+ ??

A: bin ungetestet

B: naja, klar, so kann mans auch halten. ich weiss von meinem hiv seit 19 jahren. wie gehste denn damit um, wenn du bare ficken willst und da sagt dir dann jemand: ich bin positiv?

A: is mir dann egal

B: fällt mir schwer zu verstehen. du bist der erste, der mir das so frank und frei sagt.

A: bin auch nich stolz drauf

B: mir fällt es schwer zu verstehen, dass es jemandem egal ist, ob er hiv hat oder nicht. klar ist sex ohne gummi geiler, aber is es dir diesen scheiss hiv wert?

A: egal, is vieelleicht der falsche ausdruck,aber ich verdränge es irgend wie

B: da machst du es dir leichter als ich. ich mag die vorstellung nicht, beim sex jemanden anzustecken. DANN bin ich nicht frei im kopp und hab keinen spass dabei, egal wie scharf der andere ist…

A: versteh ich gut

B: ja und wat machst DU dann?

A: dann mit gummi

B: mann bist du ein harter brocken! – ich aber auch *grins*

A: denkst jetzt bestimmt, ich bin ein egoistisches arschloch

B: nee, ich kenn dich nicht und be- oder verurteile dich nicht. weiss nicht… denke: ist der dumm, sich so zu verhalten… und auch: Neid, dass du die lust nicht einschränken lassen willst… – irgendwie beides

A: es is eher dumm, ich gebs zu

B: ja und wat nu mit der erkenntnis?? da haste den salat, wolltest ja mit nem erfahrenen barebacker ins geschäft kommen *lach*

A: schäm mich jetzt

B: warum?

A: weil ich son arsch bin

B: versteh ich nich

B: hab ich dir jetzt die nacht versaut?

A: nee, nee

B: hey, ich hau mich jetzt in die falle. bin gespannt, ob ich noch was von dir hören werde – bye n8

A: schlaf gut – bis denne


HIV-Prävention in der Schwulensauna

September 21, 2008

„Therapie statt Safer-Sex – Wie verändert der medizinische Fortschritt die HIV-Prävention und das Safer-Sex-Verhalten?“, darum ging es beim Talk zum Welt-AIDS-Tag in Wuppertals Männersauna Theo’s Sauna Club am 1. Dezember 2007.

Seit vielen Jahren zählt der Talk in Theo’s Sauna zu den traditionellen Veranstaltungen am Welt-AIDS-Tag in Wuppertal. Meist sehr lebhaft diskutiere ich mit den Saunagästen zwischen Tresen und Kaminfeuer über aktuelle Themen rund um HIV und schwule Gesundheit und informiere über den aktuellen Wissensstand. Danke an Saunabetreiber Theo und Klaus für ihren Beitrag, mit unserem alljährlichen Sauna-Talk das Thema HIV im Bewußtsein aller wach zu halten!

Dieses Jahr stelle ich in meinem kleinen Einführungsvortrag die Einflüsse der medizinischen Entwicklung auf das Safer-Sex-Denken in den Vordergrund:

Durch die immer weiter sich verbessernde Behandelbarkeit wird HIV und AIDS von vielen nicht mehr als so bedrohlich erlebt. Die Erfahrungen des zahlreichen Sterbens vieler Freunde an AIDS in den 80er und 90er Jahren ist in den Lebensgeschichten vieler älterer schwuler Männer tief eingebrannt. Safer Sex, also sich zu schützen und Kondome zu benutzen, ist für diese Generation eine Selbstverständlichkeit. Dass AIDS heute von der jüngeren Generation, in der Zeit der dauerhaft wirkenden HIV-Medikamente, als weniger bedrohlich erlebt wird, löst oft Unverständnis und Kopfschütteln aus, dass die alte Selbstverständlichkeit heute nicht mehr zu gelten scheint, auch Zorn.

Tatsache ist, dass viele junge, aber durchaus auch ältere Schwule sehr spitzfindig darin sind, Wege zu überlegen, sich vor HIV schützen aber doch auf das ungeliebte Kondom verzichten zu wollen. Die neuen Behandlungsmöglichkeiten werde da natürlich mit in die Strategien eingebaut.

Da wird nun also spekuliert, dass ein Positiver nicht mehr HIV übertragen könne, wenn er die Medikamente einnimmt und dadurch weniger HIV (nicht-nachweisbare Viruslast) in Blut und Sperma hat. Oder dass die Post-Exposition-Prophylaxe (PEP), die Einnahme der HIV-Medikamente für 1 Monat nach einem ungeschützten Sex doch eine HIV-Ansteckung noch verhindern könne. Oder dass die gezielte Einnahme der HIV-Medikamente VOR einem bewußt gewollten Sex ohne Kondom ein Schutz vor HIV sein könne.

Was ist da dran? Stimmt das alles und welche Risiken bleiben, HIV zu bekommen? Stoff genug für einen heissen Diskussionsabend.

Unterm Strich, so meine Bewertung, sind diese Überlegungen nicht geeignet, auf ein Kondom zu verzichten um wirkungsvoll und sicher eine HIV-Infektion zu vermeiden. Als HIV-Negativer Medikamente statt eines Kondoms zu nehmen, ist arg gewagt, teuer und sollte nicht die „erste Wahl“ für den eigenen Schutz sein.

Spannend bleibt aber die große Frage, wie infektiös ein HIV-Positiver, dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, tatsächlich ist. Dieses Thema wird garantiert in den nächsten Monaten und Jahren heiss diskutiert und weiter erforscht werden. Denn Fakt ist schon heute, dass eine niedrige oder nicht mehr nachweisbare Viruslast die Infektiosität des HIV-Positiven sehr stark senkt. Das ist eine sehr gute Nachricht gerade für Partnerschaften, in denen ein Partner HIV-negativ, der andere HIV-positiv ist. Denn gerade hier ist Sexualität meistens sehr belastet durch die Angst und Sorge vor einer Übertragung von HIV.

Mir ist es wichtig, dass diese offene Frage: Wie groß ist die Übertragbarkeit / das Ansteckungsrisiko bei einem mit HIV-Medikamenten behandelten Menschen? offensiv diskutiert wird. Nur so kann ich als Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Fehlinterpretationen vorbeugen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 3.12.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.


„Ich bin meine eigene Kampagne!“

September 21, 2008

Haben die öffentlichen AIDS-Kampagnen überhaupt noch eine Wirkung? Welches Bild von AIDS gibt es heute in der Gesellschaft? „Ich hätte gerne ein klares Bild von AIDS in der Gesellschaft, das ALLE Facetten des Lebens mit HIV zeigt“, sagte ein Teilnehmer des 123. Bundesweiten Positiventreffens, das gerade vom 14.-18. November in der Akademie Waldschlösschen stattfindet.

 

Dort bin ich gerade. 1991 hatte ich an meinem ersten Positiventreffen teilgenommen, Seitdem war ich oft hier. Zu den bundesweiten Positiventreffen kommen 6 Mal im Jahr jeweils etwa 60 Menschen mit HIV aus ganz Deutschland zusammen. Viele sind wie ich schon oft hier gewesen, dieses Mal sind 12 von ihnen zum ersten Mal dabei. Auf den Treffen werden soziale, politische und medizinische Fragen und Themen diskutiert, die im Leben mit HIV eine Rolle spielen. Freundschaften entstehen hier, Vernetzung und Erfahrungsaustausch findet statt und viele, die an ihrem Wohnort mit HIV alleine sind, erfahren hier eine unterstützende Gemeinschaft.

 

Ein Workshop heute morgen beschäftigte sich mit dem Thema:

- Welche Gesichter hat AIDS 2007?

- Müssen HIV-Positive wieder stärker sichtbar werden, damit AIDS wieder mehr öffentliches Thema wird?

 

Die Plakatkampagnen und Anzeigen der AIDS-Hilfen und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) finden wir HIV-Positiven zu schwach und wenig eindeutig.

 

Mit unserem eigenen offenen Auftreten mit HIV erreicht wir viel mehr. „In meiner Familie bin ICH die Kampagne“, so drückt es Udo aus. Eltern, Geschwister und deren Kinder wissen seit vielen Jahren von seiner HIV-Infektion. Da gibt es von beiden Seiten keine Befangenheiten.

„Am Anfang dachten alle: Naja, der macht es nicht mehr lang.“ Das ist jetzt viele Jahre her. Auch sein Freundeskreis weiß um seine HIV-Infektion und hat ihn in Höhen und Tiefen begleitet. Nur am Arbeitsplatz ist Udo nicht mit HIV geoutet. Da befürchtet er Nachteile und Probleme. Sieht er bei schwulen Freunden häufige Partnerwechsel und intensives Sexleben, haut er sie auf Safer Sex und HIV an. Mit seinem offenen Auftreten hat er schon viele zum Nachdenken gebracht, die HIV gerne verdrängen würden. Manchmal rät er auch offensiv zu einem HIV-Test. Und wenn es nötig ist, begleitet er Freunde auch zum Test.

„Jetzt wieder ne Perspektive zu haben und auch doch wieder keine zu haben, – das macht mir tierisch zu schaffen. Denn morgen kanns ja doch schon vorbei sein“, so erlebt er HIV im Jahr 2007.

 

Ganz anders ist es bei Klaus: „Mich in der Familie und bei Freunden und Freundinnen als schwul zu outen, das war gar keine Frage. Aber bei HIV jetzt habe ich Probleme damit, da geht das irgendwie nicht. Da will ich den Kreis so klein wie möglich halten. Da kriege ich das Outing nicht hin.“ Was da in seiner Seele eigentlich abgeht, versteht er selber nicht. „Ich sehe mich nach wie vor als Marsmenschen.“ Zum Ende unserer Diskussion sagt er: “Ich bin bereit, gefragt zu werden, aber ich würde mit HIV nicht aktiv nach außen gehen.“

 

René lebt mit Anfang 40 als Rentner in einem Dorf in der Provinz. Viele Jahre hatte er engagiert in einer Großstadt die landesweite Selbsthilfe von Menschen mit HIV koordiniert, stand in der Öffentlichkeit und war sehr aktiv. Heute gehört er zum Organisationsteam der bundesweiten Positiventreffen hier im Waldschlösschen.

In seinem Dorf hatte er einmal seine Nachbarschaft zusammen mit seinem Freundeskreis zu einem großen Fest eingeladen. Da wurde auch HIV und Pillen nehmen nicht versteckt. „Alle wissen, dass ich HIV-positiv bin, aber wenn die im Dorf Fragen zu HIV haben, holen sie sich die Infos woanders her. Das finde ich auch gut so. Ich will nicht der große sexuelle Aufklärer für Übertragungswege sein, aber zum Leben mit HIV kann man mich ansprechen. Ich glaube schon, dass ich für die Leute im Dorf prägend für ihr Bild von AIDS bin.“

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 15.11.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.

 


Männer, emanzipieren wir uns!

September 21, 2008

Männer, emanpizieren wir uns! Heute einmal von mir ein Aufruf an meine Geschlechtsgenossen. Wer hat uns nur den Wahn in den Kopf gepflanzt, immer perfekt und stark sein zu müssen, keine Schwächen zu zeigen, alles wissen zu müssen, immer sexuell „leistungs“-bereit zu sein, eben hart wie Krupp-Stahl, dafür eben aber empfindungs- und schmerzlos und HIV-empfänglich!

Emanzipieren wir uns von dieser Fremdbestimmung! Welchen Wahnsinn an Anspruch haben wir an uns selber! Kaum brauchen wir einmal Hilfe, haben wir Angst, fragen um Rat, kommen alleine nicht weiter, oder brauchen einfach mal ein offenes Ohr für das, was uns bedrückt, überfällt uns blanke Scham, was wir denn für ein Bild gegenüber unseren Geschlechtsgenossen abgeben. Ja haben wir denn noch alle intelligenten Tassen im Schrank???

Hat eine Männlichkeit der Menschlichkeit nicht einen viel überzeugenderen Charme und nicht sogar eine eigene Erotik? Wie anders soll Solidarität entstehen, die wir auch gerade bezogen auf HIV brauchen, wenn wir uns nicht als real-empfindende Männen zeigen?

Ist es denn ein tatsächliches No-Go beim Kennenlernen, auch mal souverän auf HIV/AIDS, unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit HIV zu sprechen zu kommen? OK, es muss ja nicht beim ersten Glas Kölsch sein! Aber wer zeigt, dass mann an einem lebendigen Gegenüber wirklich interessiert ist – und da darf doch Sex und HIV nicht tabuisiert sein – dem gebührt doch mehr Anerkennung als den Vogel-Strauss-Vertretern, die den Kopf in den Sand stecken und nichts sehen, hören, wissen wollen.

Wer HIV ignoriert, verliert. Nicht nur Kondome schützen, oft ist es auch schon sehr wirksam, das eigene Sprachvermögen einzusetzen.

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Dieser Beitrag wurde erstmals von mir gepostet am 23.10.2007 im damals bestehenden Blog der Kampagnenseite www.welt-aids-tag.de. Leider wurde der Blogbereich dort im Juli 2008 komplett abgeschaltet. Auf vielfachen Wunsch mache ich meine alten Beiträge hier wieder zugänglich.